{"id":1037,"date":"2015-03-15T10:48:03","date_gmt":"2015-03-15T09:48:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1037"},"modified":"2015-03-15T10:48:03","modified_gmt":"2015-03-15T09:48:03","slug":"fetischmaedchen-bericht-von-der-leipziger-buchmesse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1037","title":{"rendered":"Fetischm\u00e4dchen (Bericht von der Leipziger Buchmesse)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/DSC_0079.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1038\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/DSC_0079-281x500.jpg\" alt=\"DSC_0079\" width=\"281\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/DSC_0079-281x500.jpg 281w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/DSC_0079-576x1024.jpg 576w\" sizes=\"(max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Erk\u00e4ltet, zerknittert, sterbensm\u00fcde, so komme ich dieses Jahr von der Leipziger Buchmesse zur\u00fcck &#8211; und wie war es toll! Ich durfte so viele interessante Menschen kennenlernen, sogar den einen oder anderen Testleser hier vom Blog.\u00a0Nach \u00fcber zehn Jahren Schriftstellerei erschrecke ich mich immer noch, wenn leibhaftige Leute vor mir stehen, meine Innenwelten gedruckt\u00a0in der Hand, und sich als Bewohner derselben Tr\u00e4ume offenbaren. Ich werde mich wohl nie daran gew\u00f6hnen. Vielleicht ist das auch gut so.<\/p>\n<p>Die besonderen Momente der letzten Tage\u00a0sind kaum zu vermitteln.\u00a0Zum Beispiel, als mir die <a href=\"http:\/\/bookwives.de\/\">Bookwives<\/a>\u00a0nach einem gem\u00fctlichen Interview im schrankgro\u00dfen Hinterzimmer des dtv junior Standes die Beweglichkeit ihres mobilen Traummannes demonstrierten.\u00a0Oder als <a href=\"http:\/\/www.xn--mein-schlssel-zur-welt-0lc.de\/de\/96.php\">ehemalige Analphabeten<\/a>\u00a0bei einer gemeinsamen Lesung ihre Geschichte erz\u00e4hlten. Oder als nach einer Lesung auf der Fantasy-Leseinsel &#8220;Nacht ohne Namen&#8221; tats\u00e4chlich auf dem gesamten Messegel\u00e4nde ausverkauft war. Oder als ich mit dem\u00a0k\u00f6stlichsten Besser-als-Cupcakes-Cupcake meines Lebens bezahlt wurde, n\u00e4mlich vom <a href=\"http:\/\/blog.mintastique.de\/\">Caf\u00e9 Mintastique <\/a>f\u00fcr\u00a0meine letzte Lesung. Dort werde ich mich als Konditorin bewerben, wenn ich irgendwann nicht mehr vom Schreiben leben und nur noch kryptische Lyrik und S\u00fc\u00dfkram herstellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Insgesamt hatte ich kaum mehr als eine halbe Stunde Pause, um die Messe zu erkunden. Mir war gar nicht danach, B\u00fccher zu entdecken. Ich rieb mir die Nerven auf\u00a0an der Trennung\u00a0von\u00a0Unterhaltung und Literatur, sah nur noch Ruhmsucht und Geldgier an sich k\u00fcnstlich absto\u00dfenden Polen. Auf der\u00a0Br\u00fccke zwischen zwei Hallen\u00a0blieb ich stehen, um die Cosplay-Verkleideten\u00a0zu beobachten. Menschen, die ihre Traumwelten in die Realit\u00e4t zerrten. Waren sie mutig oder einfach blind f\u00fcr die Unm\u00f6glichkeiten? So oder so, ich war ihnen als Voyeurin dankbar, dass sie so bereitwillig Einblicke in ihre Sehns\u00fcchte gew\u00e4hrten.<\/p>\n<p>Ich entdeckte ein M\u00e4dchen, das mir besonders gefiel. Sie war ganz schwarz gekleidet, der dralle Leib in der Mitte auf eine aufreizend unbequeme Weise verschn\u00fcrt, die Nacktheit der Beine mit Str\u00fcmpfen betont, das Gesicht, blass und weich, von rauchigen, dunkelroten Haaren verschleiert. Sie ging langsam und alleine, scheu auf der Suche, eine wiegende Frage auf hohen Abs\u00e4tzen. Ein Mann, der sie schon l\u00e4nger verfolgte, sprach sie an. Ich h\u00f6rte ihr Gespr\u00e4ch nicht, ich stand ja oben auf der Br\u00fccke. Dennoch war klar, dass der Mann Fotograf war, er zeigte auf seine Kameratasche, fuchtelte nerv\u00f6s mit den H\u00e4nden, legte den Kopf schief wie ein zwitschernder Vogel, bot ihr eine Visitenkarte an. Das M\u00e4dchen stand mit gesenktem Blick da, l\u00e4chelte besch\u00e4mt \u00fcber den Regenguss seiner Komplimente. Schlie\u00dflich nahm sie die Visitenkarte, der Mann entschl\u00fcpfte buckelnd in die Menge. Das M\u00e4dchen ging ebenfalls weiter, eiliger jetzt, und in die andere Richtung. Ich glaubte genau zu wissen, was in ihr vorging. Sie hatte sich sorgf\u00e4ltig herausgeputzt, und daf\u00fcr hatte sie nun die Ehrerbietung bekommen. Das war doch ihre Absicht gewesen, oder? Vielleicht. Aber vielleicht fiel ihr erst jetzt auf, ihr K\u00f6rper war Tauschware geworden. Ihr Erscheinungsbild, Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr ihre Vorstellung von Sch\u00f6n, war beklebt von Briefmarken gro\u00dfen Fantasien Wildfremder. Sie war Inventar geworden f\u00fcr die Tr\u00e4ume anderer. Etwas an ihr selbst ging verloren in diesem Moment, das wusste ich. Daran erinnerte ich mich.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen verschwand unter der Br\u00fccke. Ich lief auf die andere Seite, doch sah sie nicht wieder auftauchen. Ich kehrte zur\u00fcck. Und entdeckte\u00a0sie: Sie\u00a0war nur im Kreis gestakst und stellte sich nun an einem Cr\u00eapes-Stand an. Ich schmunzelte. Ein Cr\u00eapes, um die Nerven zu beruhigen, das war niedlich und machte Sinn. Das Essen w\u00fcrde dem M\u00e4dchen wieder die Kontrolle \u00fcber ihren Leib versichern; er w\u00fcrde wieder ein geborgener Ort von Gaumenfreuden sein, ganz fetischfrei, ganz intim.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erk\u00e4ltet, zerknittert, sterbensm\u00fcde, so komme ich dieses Jahr von der Leipziger Buchmesse zur\u00fcck &#8211; und wie war es toll! 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