{"id":1698,"date":"2021-06-20T09:02:48","date_gmt":"2021-06-20T08:02:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1698"},"modified":"2021-06-20T09:02:48","modified_gmt":"2021-06-20T08:02:48","slug":"kalt-wie-schnee-hart-wie-eisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1698","title":{"rendered":"Kalt wie Schnee, hart wie Eisen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Prolog + Kapitel 1<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Guten Morgen, allerseits! In acht Wochen ist es endlich so weit &#8211; mein neuer Roman erscheint. Um euch und vor allem mir die Wartezeit zu verk\u00fcrzen, ver\u00f6ffentliche ich bis dahin jeden Sonntag ein St\u00fcckchen hier vorab. Ich w\u00fcrde mich riesig freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren oder per Mail eure Meinung sagt oder mir L\u00f6cher in den Bauch fragt; es ist f\u00fcr mich, wie ihr euch vielleicht vorstellen k\u00f6nnt, nicht unreizvoll, ALLES \u00fcber die Entstehung des Romans auszuplaudern. Ohne weitere Umschweife &#8211; hier kommt tintenfrisch der Anfang von &#8220;Kalt wie Schnee, hart wie Eisen&#8221;. Viel Vergn\u00fcgen. :-)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Denn was ist die Welt wert \u2013 ohne ein Herz, um sie zu lieben?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Achte elfische Frage der Weisheit<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf Zehenspitzen sp\u00e4hte Kanem\u00f4 aus dem Palastfenster. Ihre Nasenspitze ragte nur knapp \u00fcber die Mauerkante. Sie h\u00e4tte ihre Mutter bitten k\u00f6nnen, sie auf den Arm zu nehmen, aber die K\u00f6nigin wirkte angespannt und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. Au\u00dferdem wusste Kanem\u00f4, dass sie mit sechs Sommern eigentlich zu alt war, um noch getragen zu werden wie ein kleines Kind. Trotzdem sehnte sie sich danach, von ihrer Mutter in die Arme genommen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dicke Rauchschwaden drangen aus dem Eisenturm, der mitten im Palasthof in die H\u00f6he ragte. Der Rauch wehte zu ihnen herein und kratzte Kanem\u00f4 in der Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer h\u00e4tte gedacht, dass wir einmal schlechtere Luft haben w\u00fcrden als das Volk unten in der Stadt?\u201c, murmelte eine Hofdame.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gefolge der K\u00f6nigin hatte sich hinter Kanem\u00f4 und ihrer Mutter versammelt und sp\u00e4hte ebenfalls durch die Fenster nach drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs kommt ja auch nicht oft vor, dass ein Drache im Sterben liegt\u201c, fl\u00fcsterte eine andere Hofdame ged\u00e4mpft durch ein Taschentuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wind trieb den dichten Rauch drau\u00dfen auseinander und Kanem\u00f4 erhaschte einen Blick auf einen blassgolden geschuppten Schwanz, der aus einer der h\u00f6hlenartigen \u00d6ffnungen des Eisenturms hing. Gestern hatte der Schwanz sich noch vor Schmerzen gekr\u00fcmmt, heute Morgen fehlte dem Drachen selbst daf\u00fcr die Kraft. Eine seiner Klauen ragte zitternd aus der H\u00f6hle wie ein Ast ohne Bl\u00e4tter. L\u00e4ngst spie das Gesch\u00f6pf keine Flammen mehr, doch mit jedem rasselnden Atemzug drang Qualm aus seiner H\u00f6hle im Eisenturm, jede Menge Qualm, bei\u00dfend wie Pestgestank.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hofdamen stie\u00dfen entsetzte Laute aus, als der Drache sich auf einmal bewegte und sein Kopf in der \u00d6ffnung sichtbar wurde. Sein gelbes Auge funkelte im Schatten. Er schien auf den Palast aus gr\u00fcnem Marmor hinabzublicken, dann \u00fcber die Villen des Adels, die gepflegten Steinh\u00e4user der B\u00fcrger und die nestartigen H\u00fctten der Armen weiter unten hinweg bis zu den Feldern und H\u00fcgeln in der Ferne \u2013 auf jene Welt, in die er nie geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst er blind?\u201c, fragte jemand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Und er wird wieder gesund!\u201c, murmelte die K\u00f6nigin.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Hofdame wagte zu widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wusste, dass schon vier Drachen gestorben waren, seit ihr Vater, K\u00f6nig Sagamenon, regierte. Niemand wusste weshalb. Der K\u00f6nig erschuf auch keine neuen Drachen. Man sagte, ihm fehle das Talent, um diese pr\u00e4chtigsten aller Bestien aus dem Zauberkessel emporsteigen zu lassen. Dieser Kessel thronte auf dem h\u00f6chsten Plateau des Eisenturms \u2013 ein ungeheuerliches Gef\u00e4\u00df aus Eisen, das nicht von Menschenhand erschaffen worden war, sondern sich manifestiert hatte, als die Berge vor Jahrhunderten unter der Einwirkung von Zauberei geborsten waren. Damals war der Eisenturm erschienen, ein Pfeiler aus geschmolzenem und wieder erh\u00e4rtetem Metall, krumm und um sich selbst gewunden und voller unheimlicher Hohlr\u00e4ume und H\u00f6hlen. Ganz oben thronte der Zauberkessel, der in den Himmel starrte wie eine leere Augenh\u00f6hle. Fr\u00fcher waren die H\u00f6hlen des Eisenturms voller Drachen gewesen, manche gro\u00df wie Schiffe, andere kaum von gefl\u00fcgelten Schlangen zu unterscheiden. Es hatte \u00f6lschwarze gegeben mit glutroten Augen, graue mit bl\u00e4ulichen B\u00e4uchen und andere in allen Nuancen des Feuers, das sie spien. Doch dieser, mittelgro\u00df und von sonnenbleicher F\u00e4rbung, war der letzte Drache.<\/p>\n\n\n\n<p>Erneut erschollen Rufe des Entsetzens. Der Drache lie\u00df den Kopf sinken. Sein Nacken knackte, als w\u00fcrden Steinquader bersten, und aus dem Maul drang ein letztes Fauchen, gefolgt von einem Schwall Kriechglut, die hundert Fu\u00df tiefer \u00fcber den Hof spritzte und einen Heuwagen in Brand setzte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr ist tot\u201c, fl\u00fcsterte jemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 blickte zu ihrer Mutter auf. Die K\u00f6nigin lie\u00df sich keine Regung anmerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter kam der K\u00f6nig die Treppe des Eisenturms herabgestiegen, die sich teils au\u00dfen um das Geb\u00e4ude wand, teils im Inneren hinabf\u00fchrte. Der K\u00f6nig hatte bei der kranken Bestie gewacht, ohne zu schlafen oder zu essen. Seine Haut, sein blondes Haar, sein Bart und die Gew\u00e4nder waren schwarz vor Ru\u00df. Umso heller wirkten seine Augen und seine Z\u00e4hne, entbl\u00f6\u00dft in einem unheimlichen L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 schauderte. Es gab niemanden, den sie so sehr f\u00fcrchtete wie ihren Vater. Als Tochter war es ihre Pflicht, ihn zu lieben, das wusste sie, aber wann immer sie ihm vorgef\u00fchrt wurde, empfand sie nichts als Angst. Sie hatte schon miterlebt, wie er seine Bestien auf Diener, Berater und sogar Ritter losgelassen hatte, nur weil diese ein falsches Wort gesagt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Lehrmeister hatte ihr erz\u00e4hlt, dass es fr\u00fcher schon hin und wieder K\u00f6nige gegeben hatte, die keine Drachen aus dem Zauberkessel steigen lassen konnten, sodass man sie nicht mit dem ehrw\u00fcrdigen Titel <em>Drachenmacher<\/em> angeredet hatte. Aber Bestien wurden von Vater zu Sohn vererbt. In der gesamten Geschichte Ivenhalls war es jedoch noch nie vorgekommen, dass ein K\u00f6nig ganz ohne Drachen herrschte. Die Drachen waren es, die Ivenhall unbesiegbar machten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBringt mir Weihrauch und Salpeter, Weidenwurzeln und Quecksilber!\u201c, rief der K\u00f6nig seinen Gefolgsleuten zu, die unten im Hof versammelt waren. \u201eIch werde einen Drachen erschaffen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Keiner seiner Untertanen lie\u00df sich irgendwelche Zweifel anmerken. Man brachte die gew\u00fcnschten Zutaten dem K\u00f6nig, der beladen mit den Ingredienzen hinauf zum Zauberkessel stieg. Kanem\u00f4 h\u00f6rte den Wind, der sich in dem riesigen Kessel verfing und mit aberhundert Stimmen heulte. Der K\u00f6nig hob die Arme und goss die Ingredienzen in das m\u00e4chtige Gef\u00e4\u00df. Nebel wallte \u00fcber den Rand des Turms und h\u00fcllte ihn ein, sodass weder der Kessel noch der K\u00f6nig mehr zu sehen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4, die K\u00f6nigin und ihre Hofdamen verlie\u00dfen die Fenster, um sich an das l\u00e4ngst kalt gewordene Fr\u00fchst\u00fcck zu setzen. Sie a\u00dfen nur wenig und widmeten sich dann ihren Stickarbeiten, vertieft in sorgenvolles Schweigen. Der Tod des Drachen war ein schwerer Schlag f\u00fcr Ivenhall.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wollte ihre Mutter aufmuntern und traute sich zu sagen: \u201eVielleicht kehrt Vater ja mit einem neuen Drachen wieder.\u201c Aber ihre Mutter blickte sie mit so harten Augen an, dass Kanem\u00f4 danach lieber den Mund hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, am sp\u00e4ten Nachmittag, verstummte der Wind im Kessel. Ein Knistern schien die Luft zu erf\u00fcllen. Alle Edelfrauen liefen wieder an die Fenster. Noch immer wallte Nebel vom Eisenturm herab, aber er schien sich zu lichten. Ein Schatten hoch oben auf dem Eisenturm wurde sichtbar. Doch es war kein Drache. Es war eine Werkatze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bestie hatte \u00c4hnlichkeit mit einem L\u00f6wen, war jedoch gro\u00df wie ein Pferd und besa\u00df ein beunruhigend menschliches Antlitz. Einen Moment lang schien sie Kanem\u00f4 direkt anzustarren. Ein stiller Hass loderte in ihrem Blick und verriet, dass sie nicht freiwillig in diese Welt gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Werkatze neigte den Kopf. K\u00f6nig Sagamenon war hinter ihr aufgetaucht, griff in ihre M\u00e4hne und zog sich auf ihren R\u00fccken. Auch der K\u00f6nig starrte voller Hass auf den Palast, als sei es die Schuld der K\u00f6nigin \u2013 die Schuld seiner kleinen Tochter \u2013, dass er wieder keinen Drachen hatte erschaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den kommenden Tagen sch\u00f6pfte der K\u00f6nig wieder und wieder aus dem Zauberkessel und verschwand l\u00e4nger im Nebel, als es f\u00fcr einen Menschen gut sein konnte. Aber nie brachte er einen Drachen hervor. Nur Werkatzen, langbeinige Einh\u00f6rner mit s\u00e4belkrummen spitzen Z\u00e4hnen und ein Rogstier folgten ihm aus dem Nebel wie Gespenster seines Zorns. Kam er mit seiner Bestie den Eisenturm herab, zitterten die Hofleute. Fr\u00fcher hatten kleinste Fehltritte seiner Untergebenen gereicht und er hatte die Bestien auf sie gehetzt. Jetzt bedurfte es oft nicht einmal mehr eines Anlasses.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verschwand die K\u00f6nigin.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 erwachte eines Morgens allein und eine schreckliche Vorahnung ballt sich wie ein Klumpen in ihrem Magen zusammen. Bisher hatte sie immer mitbekommen, wenn ihre Mutter aufstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigin entstammte dem Geschlecht der Hohen Elfen von Madgar Yhs. Man sagte den Elfen nach, dass sie sich lautlos bewegen konnten, wenn sie es wollten. Und so war es wohl auch. Es gab keinen Abschiedsbrief. Keinen Hinweis, wohin oder warum sie gegangen war.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nig Sagamenon verk\u00fcndete, dass seine Gemahlin eine Verschw\u00f6rerin gewesen sei und die letzten Drachen von Ivenhall im Auftrag von Madgar Yhs vergiftet habe. Mit dieser Begr\u00fcndung erkl\u00e4rte der K\u00f6nig den Elfen den Krieg, und alle Elfen, ob Hohe Elfen oder Nachtelfen, ob in Madgar Yhs geboren oder in den Reichen der Menschen, wurden verfolgt und get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wurde mitten in der Nacht aus dem Palast geschafft, an einen geheimen Ort verbannt und vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie aber verga\u00df nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Teil eins: K\u00f6nigstochter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">         <strong>1<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den gewundenen Pfad entlang der K\u00fcste stieg ein Wanderer zum Mondtempel herauf. Er hatte sich die Kapuze ins Gesicht gezogen, um sich gegen die Gischt zu sch\u00fctzen, die an den Klippen emporspr\u00fchte, sein Umhang flatterte im Wind und gelegentlich leuchtete ein Wams mit Golds\u00e4umen darunter hervor. Seine Beine steckten in Seidenstr\u00fcmpfen und er trug Schuhe mit Goldschnallen und Abs\u00e4tzen, eher gemacht f\u00fcr T\u00e4nze auf Marmorb\u00f6den als f\u00fcr Fu\u00dfm\u00e4rsche durch das n\u00f6rdliche Hochland.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 hielt in ihrer Arbeit am Webstuhl inne, als sie ihn durch das Fenster des H\u00f6hlenzimmers entdeckte. Es geschah nicht oft, dass sie Besuch bekamen. Wenn doch, waren es meistens Frauen aus den Fischerd\u00f6rfern oder dem umliegenden Hochland, die den Segen f\u00fcr ein krankes Kind erbaten. Dieser Besucher wirkte nicht wie jemand aus der Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas gibt es zu sehen?\u201c, fragte Silan, eine der zw\u00f6lf Priesterinnen des Tempels.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor Kanem\u00f4 antworten konnte, hatte sich die Priesterin erhoben und sp\u00e4hte aus dem Fenster, wobei sie den Kopf nach allen Seiten reckte. Silan, deren Haar schon ergraut war, hatte nicht mehr die besten Augen, vor allem zu dieser Jahreszeit, da es fr\u00fch dunkel wurde und der Nebel bereits nach Frost schmeckte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr sieht wie ein hoher Herr aus\u201c, kam Kanem\u00f4 ihr zur Hilfe. \u201eAber warum ist er zu Fu\u00df und nicht zu Pferd?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Silan warf ihr einen mahnenden Blick zu. Sie wusste wohl, was Kanem\u00f4 dachte: dass es ein k\u00f6niglicher Gesandter sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr bleibt hier und arbeitet weiter\u201c, befahl die Priesterin Kanem\u00f4 und den beiden anderen Novizinnen Perasia und Letanna, die ebenfalls vor einem Webstuhl sa\u00dfen und die H\u00e4lse reckten, um nach drau\u00dfen zu blicken. Sie waren etwas j\u00fcnger als Kanem\u00f4, T\u00f6chter des Kleinadels vom Hochland, die nicht verheiratet werden konnten und darum den Mysterien des Mondes geweiht worden waren. Sie schienen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben \u2013 vielleicht, weil sie so jung hergebracht worden waren und kaum etwas anderes kannten. Dasselbe traf auf Kanem\u00f4 zu, aber sie konnte sich nicht damit abfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Herz schlug ihr bis in die Magengrube, als sie den Besucher zwischen den S\u00e4ulen des Tempels verschwinden sah. Vielleicht war er tats\u00e4chlich ein Bote des K\u00f6nigs von Ivenhall? Welche Kunde mochte er bringen? Derzeit gab es viele Ger\u00fcchte \u2026 Sie drangen selbst bis hierher, an die unwirtlichen K\u00fcsten des Nordmeeres: geraunte Worte zwischen Wolllieferungen, Klagen einer betenden Mutter, die Lieder vorbeiziehender Schafshirten \u2013 sie alle brachten Kunde, dass die Territorien gegen das Reich rebellierten. Selbst aus dieser Gegend hier, so hie\u00df es, waren junge M\u00e4nner aufgebrochen, um sich den Rebellen anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr aus Gewohnheit als aus Gehorsam widmete Kanem\u00f4 sich wieder ihrer Arbeit. Sie lie\u00df das Schiffchen zwischen den aufgespannten F\u00e4den hindurchtauchen, auf und ab, auf und ab, tagaus, tagein \u2013 seit sie sechs Jahre z\u00e4hlte. Und nun war sie eine junge Frau. Eine junge Frau \u2026 als ob das hier etwas bedeuten w\u00fcrde! Die G\u00f6tter wussten es, manchmal verga\u00df sie schon, wer sie war. Manchmal war sie wirklich nur eine Novizin des Mondtempels, nichts als ein weiteres blasses Gesicht in der langen Abfolge blasser Gesichter, die in den Steinhallen ihr Leben wegatmeten. Aber wann immer ein Besucher kam, der ein k\u00f6niglicher Gesandter sein k\u00f6nnte, lichtete sich der Staub der Stunden, und sie erinnerte sich, dass sie einst, in einem anderen Leben, die erstgeborene Tochter K\u00f6nig Sagamenons gewesen war, Prinzessin von Ivenhall. Weggesperrt von ihrem Vater, nachdem ihre Mutter verschwunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klang f\u00fcr sie beinah schon wie ein M\u00e4rchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann aber hielt sich Kanem\u00f4 doch nicht an den Befehl der Priesterin Silan. Nach einem Moment gab sie vor, den Abort aufsuchen zu m\u00fcssen, und verlie\u00df die Kammer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLass dich nicht erwischen!\u201c, rief Letanna ihr leise nach, der man nichts vormachen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 schnitt eine Grimasse, salutierte aber, wie um den Befehl der Novizin entgegenzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tempel war vor Jahrhunderten in die Felsen gehauen worden. Es gab viele S\u00e4uleng\u00e4nge und wenige T\u00fcren und jedes Ger\u00e4usch hallte weit. Deshalb hatte Kanem\u00f4 gelernt, sich lautlos zu bewegen. Ihre R\u00f6cke und den violetten leichten Wollschleier einer Novizin gerafft, schlich sie eine Treppe hinab, durch einen Flur und schob sich dort in eine Nische im Gestein, von der aus sie zu der von Salz wei\u00df verkrusteten Eingangshalle sp\u00e4hen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Die Eingangshalle war jetzt trocken, denn es herrschte Ebbe. Bei Flut sp\u00fclte das Meer herein. An einem der beiden Alt\u00e4re, deren Flammen nie verl\u00f6schen durften, hatten sich vier Priesterinnen versammelt. Sie waren schwarz verschleiert, wie es sich vor Fremden geziemte. Nur ihre mit Silbergeschmeiden geschm\u00fcckten H\u00e4nde waren entbl\u00f6\u00dft. Doch Kanem\u00f4 erkannte sie alle an ihrer Haltung. Silan war unter ihnen und au\u00dferdem die alte Hohepriesterin Madurahan.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besucher nahm die Kapuze ab und verbeugte sich vor den Frauen. Sein Oberk\u00f6rper wirkte kr\u00e4ftig, aber ungew\u00f6hnlich kurz; \u00fcberhaupt war er klein, kaum gr\u00f6\u00dfer als ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges Kind, trotz der geschwungenen Abs\u00e4tze seiner Samtschuhe, die die Spuren einer langen Wanderschaft zeigten. Er hatte kinnlanges, farblos wirkendes Haar, das ihm in feinen, feuchten Str\u00e4hnen am Sch\u00e4del klebte. Kanem\u00f4 h\u00e4tte sein Alter nicht sch\u00e4tzen k\u00f6nnen, denn er war h\u00e4sslich \u2013 anders konnte sein breites, kinnloses Gesicht mit den wulstigen Lippen und schweren, merkw\u00fcrdig hervortretenden Augen nicht genannt werden. Sch\u00f6nheit mochte welken, H\u00e4sslichkeit verwandelte sich mit der Zeit auf unvorhersehbare Weise, verschwamm und verdichtete sich und blieb doch immer, was sie war. So wirkte der Mann weder jung noch alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er begann zu reden, doch der Wind fegte durch die Halle und l\u00f6schte die Worte f\u00fcr Kanem\u00f4 aus. Schlie\u00dflich wies die Hohepriesterin Madurahan in die Richtung des Kaminzimmers, in der sie \u00fcblicherweise Gespr\u00e4che f\u00fchrte, und der Mann und die Priesterinnen setzten sich in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 folgte ihnen durch die Halle. Am Ende eines gekr\u00fcmmten Flurs schimmerte Licht durch die Ritzen der Steint\u00fcr. Kanem\u00f4 musste direkt davortreten, um etwas zu h\u00f6ren, denn auch hier heulte der Wind wie \u00fcberall im Tempel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026 unvorbereitet, weil es so etwas noch nie gegeben hat. Wer h\u00e4tte je einen Aufstand von Bauern erwartet, der zum Erfolg f\u00fchrt\u201c, sagte der Mann. Er hatte eine erstaunlich tiefe, aber gequetscht wirkende Stimme, als k\u00f6nne die Luft nicht ganz aus seinen Lungen entweichen. Kanem\u00f4 h\u00f6rte ihn schl\u00fcrfen. Die Priesterinnen hatten ihm offenbar einen w\u00e4rmenden Trunk gereicht. Endlich fuhr er fort: \u201eAber es waren nicht nur Bauern. An ihrer Seite haben Elfen von Madgar Yhs gek\u00e4mpft. <em>Sie<\/em> haben aus den wilden Horden Soldaten gemacht. Sie haben ein Heer zusammengestellt und einen Eroberungsplan geschmiedet. So wurde das Gro\u00dfreich eingenommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso war es gar kein Krieg von Menschen gegen Menschen, sondern ein Eroberungszug der Hohen Elfen?\u201c, fragte die Hohepriesterin Madurahan so ruhig zur\u00fcck, als unterhielten sie sich \u00fcber das Wetter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBeides\u201c, antwortete der Mann. Er seufzte. \u201eDas Resultat ist jedenfalls dasselbe. Ivenhall ist an die Barbaren gefallen. Unser K\u00f6nig, seine S\u00f6hne und Ritter sind tot. Es war reines Gl\u00fcck, dass ich aus dem Palast entkommen konnte, ehe die Rebellen auch mich niederstreckten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wankte. <em>Ivenhall ist an die Barbaren gefallen. Unser K\u00f6nig \u2026 tot.<\/em> Und seine S\u00f6hne \u2026 Sie hatte nicht gewusst, dass sie Halbbr\u00fcder gehabt hatte. Sie mussten j\u00fcnger als zehn gewesen sein. Und nun waren sie tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 h\u00e4tte an den Fingern einer Hand abz\u00e4hlen k\u00f6nnen, wie oft in ihrem Leben sie ihrem Vater begegnet war. Es fiel ihr schwer, um einen Mann zu trauern, den sie kaum gekannt und vor dem sie sich so gef\u00fcrchtet hatte. Doch ihr schauderte bei der Vorstellung, dass K\u00f6nig Sagamenon, direkter Nachkomme von Ivendir dem Gro\u00dfen, dem Zerbrecher der Berge und erstem Zauberk\u00f6nig von Ivenhall, von Aufst\u00e4ndischen besiegt worden war. Sie sah ihren Vater in seiner K\u00f6nigshalle auf dem Thron sitzen, prachtvoll im Licht der bunten Glasfenster und dem funkelnden Zierwerk aus Kristall, Silber und Gold, umgeben von seinen Rittern, zu seinen F\u00fc\u00dfen drei Werkatzen mit goldenem Fell und gr\u00fcnen Augen und hinter sich, im Schatten, ein schlummernder Drache. Sagamenon mochte selbst nie einen Drachen erschaffen haben, aber ihr war er dennoch m\u00e4chtig vorgekommen. Sie konnte nicht glauben, dass der K\u00f6nig, der Bestien aus dem Zauberkessel steigen lie\u00df, der \u00fcber das Leben und den Tod seiner Untertanen bestimmte und der sie, seine Tochter, mit einem Wort aus der Verbannung im abgeschiedenen Mondtempel h\u00e4tte zur\u00fcckholen k\u00f6nnen, besiegt worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Besiegt von Bauern \u2026 und dem Elfenvolk.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWissen die Rebellen, dass die Prinzessin hier ist?\u201c, fragte die Hohepriesterin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es herausfinden. Der Anf\u00fchrer der Rebellen genie\u00dft zwar die Unterst\u00fctzung einiger F\u00fcrsten, aber die \u00fcbrigen bekriegen ihn. Er wird sich erinnern, dass derjenige, der die Prinzessin ehelicht, nach dem Gesetz rechtm\u00e4\u00dfiger K\u00f6nig von Ivenhall ist. So k\u00f6nnte er die F\u00fcrstent\u00fcmer ohne Krieg unter sich vereinen. Und noch viel wichtiger: Der Prinzessin und allen Kindern, die sie gebiert, w\u00fcrden die Bestien gehorchen, die die K\u00f6nige von Ivenhall bisher unbesiegbar machten \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen schien das aufgew\u00fchlte Meer heftiger gegen die Felsw\u00e4nde des Tempels zu krachen, aber das konnte Kanem\u00f4 nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, was sie geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch dachte, die Rebellen wollen das K\u00f6nigreich zerst\u00f6ren?\u201c, sagte Madurahan unger\u00fchrt. \u201eHaben sie nicht f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Territorien gek\u00e4mpft? Wieso sollte der Rebellenf\u00fchrer jetzt K\u00f6nig werden wollen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann lachte. Es klang wie das Unken einer Kr\u00f6te. \u201eEine Rebellion h\u00f6rt nicht auf, nur weil sie ihr Ziel erreicht hat \u2013 im Gegenteil. Die Territorien m\u00f6gen zwar f\u00fcr ihre Unabh\u00e4ngigkeit gek\u00e4mpft haben, aber tats\u00e4chlich sind sie unter ihrem Rebellenf\u00fchrer geeinter denn je. Er wird den Thron besteigen. Das ist so sicher wie der Wechsel der Jahreszeiten. \u2013 Wo wir von Jahreszeiten sprechen: K\u00f6nnte ich noch eine Tasse Eurer k\u00f6stlichen Wintermilch bekommen? Ich habe tagelang im Freien geschlafen mit nichts als meinem Umhang. Es ist ein Wunder, dass ich nicht erfroren bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr hattet Gl\u00fcck, dass es in diesem Herbst wenig Regen gibt\u201c, sagte Silan.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile h\u00f6rte Kanem\u00f4 nichts als Schl\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohin wollt Ihr die Prinzessin bringen?\u201c, fragte die Hohepriesterin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist besser, wenn Ihr das nicht wisst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Klirren von Armreifen erklang. Madurahan musste n\u00e4her an den Mann herangetreten sein. \u201eWir Priesterinnen bewahren die Mysterien des Mondes. Da werden wir die Geheimnisse von Sterblichen wohl ebenfalls f\u00fcr uns behalten k\u00f6nnen.\u201c Leiser fuhr sie fort: \u201eIch habe das M\u00e4dchen zehn Jahre lang geh\u00fctet, ohne dass ihr ein Haar gekr\u00fcmmt wurde. Ohne dass irgendjemand darauf gekommen w\u00e4re, dass sie hier ist. Ich habe dem K\u00f6nig von Ivenhall einen Schwur geleistet, den ich halten werde, auch wenn der K\u00f6nig tot ist.\u201c Sie hielt inne und wieder klapperte ihr Schmuck. \u201eDer Brief sieht echt aus. Ich erkenne die Handschrift und das Siegel des K\u00f6nigs. Ich werde Euch die Prinzessin \u00fcberantworten wie befohlen. Aber Ihr werdet mir sagen, wohin sie gebracht wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigen. Schlie\u00dflich erwiderte der Gesandte: \u201eK\u00f6nig Sagamenon hat mich beauftragt, die Prinzessin zu F\u00fcrst Korigan zu bringen. Die Festung von Ofeha ist noch nie eingenommen worden, und wenn einer der S\u00f6hne Korigans die Prinzessin ehelicht, k\u00f6nnte die k\u00f6nigliche Linie von Ivenhall bewahrt werden. Leider ist es im Moment unm\u00f6glich, Ofeha zu erreichen. Die Festung wird von den Rebellen und den Hohen Elfen belagert. Bis es einen sicheren Weg gibt, die Prinzessin nach Ofeha zu bringen, wird sie in einem Versteck in den S\u00fcmpfen bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 schloss die Augen. Dass sie den Mondtempel endlich, endlich doch noch verlassen w\u00fcrde \u2026 nur um in ein Versteck in den S\u00fcmpfen gebracht zu werden!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie viel Zeit bleibt, bis die Rebellen hier auftauchen?\u201c, fragte Madurahan.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGar keine. Sosehr ich mich nach einem Bett sehne, ich kann nicht verantworten, auch nur eine einzige Nacht zu bleiben. Ich bin froh, dass die Rebellen nicht schon vor mir hier eingetroffen sind\u201c, sagte der Gesandte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wich zur\u00fcck. Gleich w\u00fcrde sich die T\u00fcr \u00f6ffnen \u2026 Sie drehte sich um und eilte ins H\u00f6hlenzimmer, wo Perasia und Letanna mit Neugier auf sie warteten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd?\u201c, fragte Perasia, die j\u00fcngere der beiden. \u201eWer ist der Mann?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist passiert? Du siehst aus, als h\u00e4ttest du ein Gespenst gesehen\u201c, bemerkte Letanna.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 konnte nichts erwidern. Sie konnte kaum schlucken. Sie sank vor ihren Webstuhl und betrachtete die F\u00e4den. Starrte auf die Leere dazwischen, die sie nicht mehr ausf\u00fcllen w\u00fcrde. Jetzt nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist denn los?\u201c, bohrte Perasia nach, stand auf und fasste sie an der Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>Da trat auch schon Silan ein, den Schleier zur\u00fcckgeschlagen. Mit einem einzigen Blick schien sie zu begreifen, was los war. Ihr Ausdruck wirkte jedoch nicht so sehr erz\u00fcrnt als vielmehr besorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm, mein Kind\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wollte sich von Perasia und Letanna verabschieden, sie wenigstens ein letztes Mal ansehen, aber Tr\u00e4nen lie\u00dfen alles verschwimmen. Perasias Hand glitt von ihrer Schulter und Kanem\u00f4 folgte der Priesterin ohne ein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesandte war nicht mehr im Kaminzimmer, als Kanem\u00f4 eintrat \u2013 nur die Hohepriesterin sa\u00df am Feuer, ihr von schweren Entscheidungen zerfurchtes Gesicht entbl\u00f6\u00dft, da sie unter sich waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie hat gelauscht und wei\u00df schon alles\u201c, sagte Silan.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 machte sich nicht die M\u00fche, es abzustreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hohepriesterin nickte. Es w\u00fcrde keine Bestrafung geben \u2013 nie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSetz dich zu mir\u201c, sagte Madurahan.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 nahm auf einem der mit Schafsfell bespannten St\u00fchle Platz. Sie sahen sich an. Nahmen im Stillen Abschied voneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe dich, wie jede unserer Novizinnen, gelehrt zu vergessen, wer du vor dem Eintritt in unsere Schwesternschaft warst.\u201c Madurahans schwarze Augen schienen nicht in Kanem\u00f4 zu forschen, wie sonst so oft. Sie wirkten weit und tief wie das Meer, wenn es in einer ruhigen Nacht den Himmel spiegelte. \u201eZu vergessen, ist eine h\u00f6here Kunst, als sich Dinge zu merken. Doch wie eine Welle, die ankommt und sich wieder zur\u00fcckzieht, sind Vergessen und Erinnern Bewegungen ein und derselben Weisheit. Du hast in deinen jungen Jahren bereits zwei Leben gelebt, Kanem\u00f4, mein Kind. Und ein drittes wird folgen. So wollen es die G\u00f6tter. Vergiss, was n\u00f6tig ist, und erinnere dich, wenn die Zeit reif ist. Und dann denke daran, dass alles, was geschieht, nur eine Bewegung ein und desselben Herzens ist, das in deiner Brust schl\u00e4gt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 fielen Tr\u00e4nen aus den Augen und versickerten zwischen ihren F\u00e4usten im Scho\u00df. \u201eWas wird aus Euch, wenn \u2026?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Madurahan lachte \u2013 tiefe, brummige Laute, die ihre Brust zum Beben brachten. \u201eAus uns wird, was die G\u00f6tter f\u00fcr uns vorgesehen haben. \u00c4ngstlich zu sein, ist die Wurzel des B\u00f6sen, die man sich ausrei\u00dfen muss.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Schlag auf die Armlehnen erhob sich die Hohepriesterin, \u00f6ffnete eine Schatulle auf dem Kaminsims und legte den Inhalt in Kanem\u00f4s H\u00e4nde. Es war das goldene Diadem, das Kanem\u00f4 beim Eintritt in den Tempel getragen hatte. Es passte ihr bestimmt nicht mehr, aber die Saphire und Rubine und der goldene Drachenkopf, das Wappentier des Hauses Ivenhall, gl\u00e4nzten prachtvoll wie eh und je.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRei\u00df dir die Angst aus!\u201c, mahnte Madurahan. \u201eDu musst Mut haben. Immerhin flie\u00dft in dir das Blut von Drachenmachern.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog + Kapitel 1 Guten Morgen, allerseits! In acht Wochen ist es endlich so weit &#8211; mein neuer Roman erscheint. Um euch und vor allem mir die Wartezeit zu verk\u00fcrzen, ver\u00f6ffentliche ich bis dahin jeden Sonntag ein St\u00fcckchen hier vorab. Ich w\u00fcrde mich riesig freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren oder per Mail eure Meinung sagt oder mir L\u00f6cher in den Bauch fragt; es ist f\u00fcr mich, wie ihr euch vielleicht vorstellen k\u00f6nnt, nicht unreizvoll, ALLES \u00fcber die Entstehung des Romans auszuplaudern. 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