{"id":1716,"date":"2021-07-04T09:07:37","date_gmt":"2021-07-04T08:07:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1716"},"modified":"2021-07-04T09:07:37","modified_gmt":"2021-07-04T08:07:37","slug":"kalt-wie-schnee-hart-wie-eisen-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1716","title":{"rendered":"Kalt wie Schnee, hart wie Eisen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Kapitel 4 &#8211; 5<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Sch\u00f6nen Sonntag allerseits! Ich hab mich schon die ganze Woche auf die Fortsetzung und euer Feedback gefreut. Seid ihr alle bereit, habt ihr Kaffee, ein Croissant griffbereit, liegt ihr gem\u00fctlich im Park? Dann taucht ab in Kanem\u00f4s Welt &#8230; Viel Vergn\u00fcgen w\u00fcnscht euch hinter einem anderen Bildschirm eure Jenny.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">4.<\/h1>\n\n\n\n<p>\u201eEs gibt heute kaum noch reinbl\u00fctige Zwerge\u201c, erwiderte Sagrik leichthin. \u201eMein Vater war ein Mischling, meine Mutter war wahrscheinlich rein menschlicher Abstammung. Sicher wei\u00df ich es nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wusste kaum etwas \u00fcber das Kleine Volk. Trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 ver\u00e4nderte sich ihr Blick auf Sagrik. Bei Zwergen musste sie an ein sagenumwobenes untergegangenes Volk denken, an unvorstellbare Sch\u00e4tze sowohl in Form von Gold als auch von Wissen \u00fcber die Zauberkunst. Dass das alte Blut des Kleinen Volkes in Sagrik floss, machte seine H\u00e4sslichkeit faszinierend, seine Uneindeutigkeit geheimnisvoll und entschuldigte sogar ein wenig sein gelegentlich befremdliches Verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Junge kam wieder und hielt ihnen den Vorhang aus Ranken auf. Ob er ein reinbl\u00fctiger <em>Gokra<\/em> war? Kanem\u00f4 konnte es sich vorstellen, so fremdartig war sein Aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sagrik f\u00fchrte seinen Esel durch das Dickicht, Kanem\u00f4 folgte. Dahinter lag ein See im Schimmer von Lichtstrahlen, die weit, weit oben durch das Gestein fielen. H\u00fctten trieben auf dem Wasser, manche durch Klappstege miteinander verbunden. Der Junge brachte Kanem\u00f4 und Sagrik zu einem Flo\u00df, das mit einem Baldachin und Laternen ausgestattet war und beinah auch eine H\u00fctte genannt werden konnte. Sagrik und der Junge tauschten ein paar Worte in der Sprache des Kleinen Volkes, dann nahm der Junge die Esel und f\u00fchrte sie fort, vermutlich um sie zu versorgen. Sagrik stieg auf das Flo\u00df und half Kanem\u00f4 hinauf. Zielsicher stakte er das Gef\u00e4hrt auf eine H\u00fctte am anderen Ende des Sees zu, die unter einem Felsvorsprung so mit Moos und Gestr\u00fcpp \u00fcberwachsen war, dass Kanem\u00f4 sie f\u00fcr eine Insel gehalten h\u00e4tte, w\u00e4ren die Fenster nicht von Licht erf\u00fcllt gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Sagrik das Flo\u00df mit den Ranken am Haus vert\u00e4ute, sah Kanem\u00f4 eine Gestalt im Eingang stehen. Erst hielt sie die Gestalt f\u00fcr hochgewachsen, doch sie trug nur einen erstaunlich hohen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Was darunter normalerweise vom Gesicht zu sehen w\u00e4re, verdeckte der aufgestellte Kragen eines Mantels.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMatara Liotan, men arherag\u201c, sagte Sagrik und verneigte sich mehrfach, w\u00e4hrend er auf die Veranda des Hauses klettere und Kanem\u00f4 die H\u00e4nde reichte, um ihr vom Flo\u00df zu helfen. Ohne seine Hilfe w\u00e4re es leichter gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie traten vor den Eingang der H\u00fctte, und Kanem\u00f4 fiel auf, dass die Gestalt vor ihnen klein war wie ein Kind. Ihre Augen, gro\u00df und rund und finster, schm\u00e4lerten sich durch etwas, das ein L\u00e4cheln sein mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVor Euch steht eine gro\u00dfe Frau \u2013 eine m\u00e4chtige Frau\u201c, sagte Sagrik. \u201eUnd eine liebe Freundin. Ihr Name ist L\u00f6wenzahn \u2013 Liotan in der Sprache unseres Volkes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 machte einen Knicks.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan strich den Kragen ihres Mantels herab, wie man eine Bl\u00fcte \u00f6ffnen w\u00fcrde, und entbl\u00f6\u00dfte ihr Gesicht. Wie Kanem\u00f4 geahnt hatte, l\u00e4chelte sie. Aber was f\u00fcr ein L\u00e4cheln! Ihr Mund war so breit, dass er ihr rundes wei\u00dfes Gesicht zu spalten schien. Und darin gl\u00e4nzten zwei Reihen <em>spitzer<\/em> Z\u00e4hne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eK\u00f6nigstochter\u201c, fl\u00fcsterte die Zwergin. \u201eWie h\u00fcbsch sich das Blut der Menschen und Elfen in Euch gemischt hat. Es freut mich, Euch kennenzulernen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoher wisst Ihr \u2013?\u201c Kanem\u00f4 warf Sagrik einen Blick zu. Der neigte den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKommt. Speist und ruht Euch aus\u201c, fl\u00fcsterte Liotan und ging ihnen voran in die H\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein schmaler spiralf\u00f6rmiger Gang m\u00fcndete in einen Raum, in dessen Mitte ein Herdfeuer brannte. Das Dach war ringsherum offen, sodass der Rauch abziehen konnte. Gr\u00fcnzeug wucherte herein. Das Erstaunlichste an dem Raum waren jedoch die W\u00e4nde aus polierten Kupferplatten, auf denen sie sich ein Dutzend Mal spiegelten, so als w\u00fcrden nicht nur drei Leute eintreten, sondern eine ganze Gruppe von Doppelg\u00e4ngern.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan schob eine der W\u00e4nde beiseite. Kanem\u00f4 h\u00e4tte erwartet, dahinter den Spiralgang zu erblicken, aus dem sie gekommen waren, doch stattdessen fand sie ein Badezimmer vor, in dem eine Wasserwanne \u00fcber einem kleinen Feuer dampfte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWascht Euch nach der langen Reise\u201c, sagte Liotan mit ihrer leisen Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch lasse Euch den Vortritt\u201c, beeilte sich Sagrik zu sagen. \u201eEuch steht das saubere Wasser zu, meine Herrin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, murmelte Kanem\u00f4.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan schob die Wand zu. Und Kanem\u00f4 war allein \u2026 nun, abgesehen von ein paar neugierigen V\u00f6geln, die in den Ranken im Dach zwitscherten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 legte ihre schlammbespritzten Kleider ab. Es tat gut, die Stiefel auszuziehen. Als sie in das hei\u00dfe Badewasser glitt, entfuhr ihr ein Seufzen. Seife, eine B\u00fcrste und ein Schwamm lagen auf einem Tischchen bereit. Woher hatte Liotan gewusst, dass sie kommen w\u00fcrden? Hatte Sagrik von Anfang an geplant, sie hierherzubringen? Sie hatte nie den k\u00f6niglichen Brief gesehen, der die Hohepriesterin Madurahan dazu bewogen hatte, sie Sagrik anzuvertrauen. Sie musste darauf vertrauen, dass Madurahan sich nicht von einer F\u00e4lschung hatte t\u00e4uschen lassen \u2026 Die Tatsache, dass sie keinerlei Mitspracherecht bei den Entscheidungen \u00fcber ihr Leben gehabt hatte und dass sie ihren Besch\u00fctzern vollkommen ausgeliefert war, fuhr ihr wie ein eisiger Luftzug durch die Knochen \u2013 trotz des hei\u00dfen Badewassers. Sie umschlang sich selbst. Atmete gegen das entsetzliche Gef\u00fchl der Hilflosigkeit an. Es gelang ihr einigerma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch als sie die Seife zur Hand nahm und sich die Haare einsch\u00e4umte, kam ihr etwas davon in die Augen. Tr\u00e4nen rannen ihr \u00fcber die Wangen \u2026 Sie tauchte unter, um sich nicht schluchzen zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie aus der Wanne stieg, f\u00fchlte sie sich von einer dumpfen Gleichmut wie bet\u00e4ubt. Ein Tuch zum Abtrocknen lag neben den Waschsachen bereit und darunter ein weicher Stoffmantel. Kanem\u00f4 schl\u00fcpfte hinein. Es w\u00fcrde ohnehin alles so geschehen, wie andere es beschlossen hatten. Was n\u00fctzte es, sich zu str\u00e4uben? Doch bevor sie aus dem Bad trat, hielt sie inne, schob die Kupferwand einen winzigen Spalt weit auf und sp\u00e4hte in den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan sa\u00df breitbeinig auf einem niedrigen Sessel am Feuer, Sagrik kniete auf einem Sitzkissen und hatte den Kopf gesenkt. Reglos, wie er war, h\u00e4tte Kanem\u00f4 ihn f\u00fcr schlafend halten k\u00f6nnen, doch er raunte Worte in der Sprache der Gokra. W\u00e4hrenddessen begutachtete Liotan den Inhalt eines Leders\u00e4ckchens. Hin und wieder fischte sie einen kleinen Gegenstand heraus, bef\u00fchlte ihn und hielt ihn gegen den Feuerschein. Es waren wei\u00dfe, l\u00e4ngliche Gegenst\u00e4nde. Klauen oder Z\u00e4hne oder beides.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan sch\u00fcttete den Inhalt des Leders\u00e4ckchens in ihre Hand und warf sich die Klauen und Z\u00e4hne in den Mund. Kanem\u00f4 schauderte, als sie sie kauen h\u00f6rte. Es klang, als w\u00fcrden Klingen \u00fcbereinanderschrammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gab sich einen Ruck und schob die Wand auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm. Setz dich\u201c, fl\u00fcsterte Liotan.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 gehorchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sagrik war schon verschwunden, als sie sich nach ihm umdrehte \u2013 wie merkw\u00fcrdig. Er musste lautlos aufgestanden und gegangen sein. Kanem\u00f4 war mit Liotan allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zwergin musterte sie. \u201eBist du hungrig? Iss!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 nahm den L\u00f6ffel und die Holzsch\u00fcssel, die auf einem Tischchen neben dem Herdfeuer dampfte. Darin befand sich eine dunkle Suppe mit wei\u00dfen Teigkl\u00f6\u00dfen und R\u00fcben. Kanem\u00f4 a\u00df. Sie schmeckte bitters\u00fc\u00dfe Gew\u00fcrze heraus, die sie noch nie gekostet hatte. Doch die Kl\u00f6\u00dfe waren k\u00f6stlich, ebenso das Fleisch, auch wenn sie es keinem Tier zuordnen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoher kennt Ihr Sagrik?\u201c, fragte sie nach ein paar L\u00f6ffeln des Schweigens.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSagrik und ich sind schon lange, lange Freunde\u201c, fl\u00fcsterte die Zwergin, als sei das eine Antwort. \u201eMundet Euch der Eintopf? Es ist ein altes Gericht meines Volkes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs schmeckt k\u00f6stlich. Vielen Dank f\u00fcr Eure Gastfreundschaft.\u201c Sie z\u00f6gerte, dann fragte sie: \u201eWarum hat Sagrik mich zu Euch gebracht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHaha \u2026 Ihr seid direkt und furchtlos. Wie es sich f\u00fcr eine Thronfolgerin geh\u00f6rt.\u201c Liotans Mund war blutig vom Zerkauen der scharfen Gegenst\u00e4nde, die Sagrik ihr gebracht hatte. \u201eOder irre ich mich?\u201c Liotan kniff die Augen zusammen. \u201eF\u00fcrchtet Ihr Euch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabe ich Grund, mich zu f\u00fcrchten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eO ja\u201c, zischte die Zwergin. \u201eM\u00e4nner ziehen durch das Land auf der Suche nach Euch. Wenn sie Euch finden, werden sie Euch wie hungrige L\u00f6wen zwischen sich zerrei\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 wandte den Blick ab und musterte den merkw\u00fcrdigen Raum. Ihre Spiegelbilder auf den Kupferw\u00e4nden. Liotan sah sie in der Reflexion an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas erhofft Ihr Euch davon, dass Ihr mich versteckt?\u201c, fragte Kanem\u00f4 rundheraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zwergin lachte lautlos. \u201eIch habe nicht vor, Euch zu verstecken. Ich biete nur einem alten Freund und seinem Sch\u00fctzling meine Hilfe an. Ich werde oft von meinen Freunden um Hilfe gebeten \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Ihr k\u00f6nnt mir helfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn Ihr das wollt \u2026 Wenn Ihr wisst, <em>was<\/em> Ihr wollt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nie war Kanem\u00f4 gefragt worden, was sie wollte. Sie wusste nur, was sie <em>nicht<\/em> wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Leben im Verborgenen gef\u00e4llt Euch nicht\u201c, erriet Liotan. \u201eUnd es ist auch nicht angemessen. Eine Thronfolgerin ist nicht feige. Sie versteckt sich nicht wie ein Kaninchen im Bau. Sie verteidigt ihr Recht auf das, was ihr zusteht. Das ist es, was Ihr wollt \u2026 was Euch von Geburt zusteht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 ballte die F\u00e4uste. Sie war die erstgeborene Tochter des K\u00f6nigs, und \u2013 sofern es keine S\u00f6hne gab \u2013 Erbin der Krone von Ivenhall, dem gr\u00f6\u00dften Reich der Menschen, das alle F\u00fcrstent\u00fcmer geeint und die Kriege der Vergangenheit beendet hatte. Sie hatte sich nie wirklich in ihr Schicksal als Novizin des Mondtempels gef\u00fcgt. Ebenso wenig w\u00fcrde sie hinnehmen, von jetzt an auf der Flucht vor aufst\u00e4ndischen Bauern zu leben. Aber wenn sie ehrlich mit sich war, dann war es nicht das Recht auf die Krone, was sie am meisten ersehnte. Mehr als alles andere wollte sie \u2013 das ahnte sie, seit sie den Tempel verlassen hatte \u2013, Letanna und Perasia wiedersehen. Egal unter welchen Umst\u00e4nden. Dass das ihr gr\u00f6\u00dfter Herzenswunsch war, kam ihr wie ein besch\u00e4mendes Geheimnis vor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, wie ich zu meinem Recht kommen soll\u201c, entgegnete Kanem\u00f4, um sich von ihrer Einsicht abzulenken. \u201eEs m\u00fcsste schon jemand die Rebellen besiegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan stand auf, nahm sie bei den H\u00e4nden und f\u00fchrte sie vor eine der Kupferw\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchaut genau hin\u201c, fl\u00fcsterte Liotan. Sie strich \u00fcber Kanem\u00f4s langes, gewelltes Haar. Dann \u00f6ffnete sie Kanem\u00f4s Mantel und entbl\u00f6\u00dfte ihren K\u00f6rper. Kanem\u00f4 f\u00fchlte sich vor Schreck wie erstarrt und ihr Gesicht begann zu gl\u00fchen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchaut\u201c, befahl Liotan. \u201eDas seid Ihr. Das ist Eure Macht. Wenn jemand die Rebellen besiegt, dann <em>Ihr<\/em>. Aber unter Eurer zarten Haut m\u00fcsst Ihr hart sein wie Eisen. Und kalt wie Schnee.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 widerstand dem Drang, ihren Mantel wieder zuzuziehen. Sie wollte nicht zugeben, wie verunsichert sie von ihrer eigenen Nacktheit war. \u201eIhr schlagt vor, dass ich mich den Rebellen stelle, anstatt mich zu verstecken. Dass ich den M\u00f6rder meines Vaters heirate, um selbst auf den Thron zu gelangen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zwergin kniff ihr kosend in die Wange. \u201eIhr seid weder hart noch kalt. Schon Euer eigener Anblick l\u00e4sst Euch zittern!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 schloss den Mantel und verschr\u00e4nkte die Arme. \u201eSelbst wenn \u2013 der M\u00f6rder meines Vaters wird erwarten, dass ich mich an ihm r\u00e4chen will. Ich wei\u00df nicht, wie man Bestien beherrscht, auch wenn in mir das Blut von Ivenhall flie\u00dft. Und ich kann ihn nicht einfach \u2026 vergiften. Man w\u00fcrde sofort wissen, dass ich es war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas das angeht, gibt es Mittel und Wege. Viel wichtiger ist, ob Ihr dazu in der Lage seid. Und ich glaube, Ihr wollt das Opfer nicht darbringen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWelches Opfer?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan schritt zur\u00fcck zu ihrem Sessel und nahm Platz. Kein Anzeichen von Vergn\u00fcgen lag mehr in ihrer Miene. \u201eEuer Herz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">5.<\/h1>\n\n\n\n<p>\u201eMein Herz?\u201c Kanem\u00f4 bem\u00fchte sich um einen sp\u00f6ttischen Ton, aber sie wusste nicht, ob es ihr gelang. \u201eWas soll das hei\u00dfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr habt K\u00e4lte erfahren\u201c, fl\u00fcsterte Liotan. \u201eAber ich sehe, Ihr seid nicht kalt. Ein Herz bedeutet Angst. Ein Herz bedeutet Z\u00f6gern. Und Verletzlichkeit. All dies steht Euch im Weg. Darum ist es ein so h\u00e4sslicher Weg, der auf den Thron f\u00fchrt. Man t\u00f6tet sich selbst mit jedem Feind, den man t\u00f6tet. Vielleicht ist es das Ziel nicht wert.\u201c Sie zuckte die Schultern und schob ein paar Holzscheite in das Herdfeuer. Die Flammen warfen zitternde Schatten auf die Kupferw\u00e4nde des Raumes, und fast schien es, als w\u00fcrden die W\u00e4nde sich ineinanderfalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo blieb eigentlich Sagrik? Kanem\u00f4 ahnte, dass er absichtlich so lange badete, um ihr und Liotan Zeit zu geben, sich zu unterhalten. Sie trat vor die Zwergin. \u201eWenn ich mich von den Rebellen finden und mit ihrem Anf\u00fchrer verheiraten lasse \u2026 welches Gift w\u00fcrde nicht auf mich zur\u00fcckf\u00fchren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso gelassen erwiderte Liotan: \u201eNur ein Gift, das den Anschein erweckt, als sei der Rebellenf\u00fchrer noch am Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 versuchte das zu verstehen. \u201eEins, das ihn krank macht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht krank \u2013 tot. Tot und dabei lebendig wirkend. Wie eine Marionette. Aber das geht nur, wenn Ihr die F\u00e4den richtig haltet, und das zu beherrschen, verlangt ein gro\u00dfes Opfer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas an Liotans mitleidigem Blick lie\u00df Kanem\u00f4 fr\u00f6steln. Denn das Mitleid schien \u00fcber einem anderen, verborgenen Gef\u00fchl zu t\u00e4nzeln \u2026 Gier.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin m\u00fcde\u201c, sagte Kanem\u00f4. \u201eErlaubt Ihr, dass ich mich schlafen lege?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan l\u00e4chelte, und an diesem viel zu schnellen L\u00e4cheln erkannte Kanem\u00f4, dass die Zwergin ihre wahren Gef\u00fchle verbarg. Das pl\u00f6tzliche Beenden des Gespr\u00e4chs h\u00e4tte sie eigentlich entt\u00e4uschen, wenn nicht gar ver\u00e4rgern m\u00fcssen, wollte sie Kanem\u00f4s Neugier doch so offensichtlich wecken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBitte.\u201c Die Zwergin wies auf ein Lager aus Daunenkissen und Wolldecken in einer Ecke des Raumes.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 legte sich hin, das Gesicht zur Wand. Ihr Herz klopfte hart in ihrer Brust. Sie traute Liotan kein bisschen. Doch wenn sie ihr wirklich ein Gift geben konnte, das ihr Macht \u00fcber den M\u00f6rder ihres Vaters gab \u2026 <em>Wie eine Marionette<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf h\u00f6rte sie, wie Sagrik aus dem Bad kam. Er und Liotan tuschelten in der kehligen Sprache ihres Volkes. Kanem\u00f4 lauschte ihnen, bis sie, ohne es zu merken, einschlief.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Schreckenslaut kam Kanem\u00f4 zu sich. Die Erinnerung an ihren Traum von Letanna, Perasia und den Priesterinnen zerrann augenblicklich. Nur Liotans L\u00e4cheln voller spitzer blutiger Z\u00e4hne flimmerte noch vor ihrem inneren Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, dass Sagrik neben ihr auf dem Boden lag und den Kopf einzog, um so zu tun, als w\u00fcrde er schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr seid wach\u201c, bemerkte Kanem\u00f4.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam richtete sich Sagrik auf. \u201eOh, Prinzessin. Ihr k\u00f6nnt nicht schlafen? Kein Wunder. Die neue Umgebung, die Aufregung \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 warf einen Blick durch den Raum. Das Herdfeuer war zur Glut heruntergebrannt und Liotan fehlte. Sie rutschte ein wenig von Sagrik weg. \u201eWar der Brief meines Vaters eine F\u00e4lschung?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas meint Ihr?\u201c, fragte Sagrik.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein unterw\u00fcrfiger Ton versetzte sie in Rage. Er musste sie f\u00fcr dumm halten. Auf dem B\u00fcndel seiner abgelegten Kleider sah sie einen Dolch, der am G\u00fcrtel befestigt war. Gef\u00fchlt sehr langsam zog sie den Dolch heraus, beugte sich \u00fcber Sagrik und dr\u00fcckte ihm die Klinge an die Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Priesterinnen haben immer mich die Schafe schlachten lassen\u201c, sagte sie ruhig. \u201eHandelt Ihr auf k\u00f6niglichen Befehl oder habt Ihr mich entf\u00fchrt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm entfuhr ein R\u00f6cheln, als das Metall ihn ritzte. \u201eDer Brief ist echt. Euer Vater hat mich beauftragt, Euch zu besch\u00fctzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber mich zu Eurer Freundin zu bringen, die mir ein Gift f\u00fcr den Rebellenf\u00fchrer andrehen will, das war allein Eure Idee. Nicht wahr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, kr\u00e4chzte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Prinzessin \u2026 bitte lasst mich erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verringerte den Druck der Klinge, nahm sie aber nicht weg. Eine hellrote Schramme blieb an seinem fetten Kinn zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sage Euch alles. Die Wahrheit.\u201c Er unterdr\u00fcckte ein Seufzen, als sie die Klinge immer noch nicht senkte. \u201eIch will Euch auf dem Thron sehen, Prinzessin Kanem\u00f4. Euch, nicht irgendeinen Bauern ohne Zauberkraft. Das K\u00f6nigshaus von Ivenhall muss fortbestehen. Ich werde alles daf\u00fcr tun. Ich w\u00fcrde mein Leben daf\u00fcr geben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBevor Ivendir, der erste K\u00f6nig von Ivenhall, einen Drachen erschuf, befand sich die Welt im Chaos. Die F\u00fcrsten der Menschen k\u00e4mpften alle gegeneinander. Es muss einen Herrscher geben, der m\u00e4chtiger ist als alle anderen, damit Frieden herrscht. Wenn Euer Vater ein Drachenmacher gewesen w\u00e4re wie seine Vorfahren, h\u00e4tte es nie eine Rebellion gegeben, und uns w\u00e4re ein blutiger Krieg erspart geblieben. Nur Ihr k\u00f6nnt diesen Frieden wiederherstellen \u2026 wenn in Euch eine Drachenmacherin steckt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie musterte ihn und versuchte festzustellen, ob er wirklich jemand war, der sein Leben geben w\u00fcrde, damit andere Frieden bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wir sind f\u00fcr Ivenhall, weil Ivenhall im Gegenzug unser Volk besch\u00fctzt\u201c, fl\u00fcsterte Liotan.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 fuhr zusammen. Die Zwergin schien direkt aus einer der Kupferw\u00e4nde getreten zu sein, ihren merkw\u00fcrdigen hohen Hut ins Gesicht gezogen. Zu sehen, wie Sagrik unter der Klinge lag, schien sie zu am\u00fcsieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEure Vorv\u00e4ter, Prinzessin, waren die Verb\u00fcndeten meines Volkes. Dank der Macht Eurer Vorv\u00e4ter sind die Hohen Elfen in Madgar Yhs geblieben, anstatt uns zu jagen und auszurotten. Das Elfenvolk und unser Volk lieben sich nicht. Darum missf\u00e4llt es uns umso mehr, dass die Hohen Elfen Ivenhall zerst\u00f6ren und die Zauberkraft der Menschen ausl\u00f6schen wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist der Grund, warum ich den Rebellenk\u00f6nig heiraten und vergiften soll, sodass er meine Marionette wird \u2013 und ich die Eure\u201c, fasste Kanem\u00f4 zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan betrachtete die Klinge an Sagriks Hals. \u201eIch bin froh, \u00e4u\u00dferst froh \u00fcber Euren Scharfsinn, Prinzessin. Denn viel besser als eine Marionette ist eine Verb\u00fcndete \u2013 eine Freundin. Lasst uns einander helfen, wie unsere V\u00f6lker es seit Jahrhunderten getan haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin eine Halbelfe\u201c, erinnerte Kanem\u00f4 sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEure elfische Mutter war eine Spionin und hat Euch im Stich gelassen, um nach Madgar Yhs zur\u00fcckzukehren. W\u00fcrden die Elfen Euch als eine der Ihren ansehen, h\u00e4tten sie Euch nicht in einem Mondtempel verrotten lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 biss die Z\u00e4hne zusammen, um sich keine Gef\u00fchlsregung anmerken zu lassen. Es konnte eine L\u00fcge sein \u2013 ein Test. Ihre Mutter konnte ebenso gut von K\u00f6nig Sagamenon eingesperrt oder get\u00f6tet worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber vielleicht hegen wir unsere Hoffnungen umsonst\u201c, seufzte Liotan. \u201eIn Euch mag das k\u00f6nigliche Blut flie\u00dfen, doch was bringt das, wenn Ihr zu einer furchtsamen Novizin erzogen wurdet, die von der Welt nichts wei\u00df \u2026 und sich nur danach sehnt, in ihren Tempel zur\u00fcckzukehren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 stieg das Blut ins Gesicht. Sie dr\u00fcckte die Klinge wieder fester an Sagriks Kehle. \u201eIhr sagt, dass ich herzlos sein muss, um mich zu r\u00e4chen. Glaubt Ihr mir jetzt oder muss ich es erst beweisen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan begann lautlos zu lachen. \u201eIch will einen Beweis.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Worte, obzwar nur geraunt, klangen in Kanem\u00f4s Ohren. Verlangte die Zwergin allen Ernstes, dass sie Sagrik umbrachte?<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan wartete; dann streckte sie einen Fu\u00df aus und schob den Dolch beiseite. \u201eLass uns allein\u201c, befahl sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst glaubte Kanem\u00f4, sie sei gemeint, doch dann kroch Sagrik aus ihrer Mitte und verlie\u00df den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde dir Macht geben\u201c, fl\u00fcsterte die Zwergin. Ihr Fu\u00df dr\u00fcckte den Dolch mit solcher Kraft zu Boden, dass Kanem\u00f4 loslassen musste. Liotan nahm ihr Gesicht in die H\u00e4nde. Kanem\u00f4 sp\u00fcrte ihren Atem auf der Haut. Er roch s\u00fc\u00df und bitter wie Pflanzensaft. \u201eDu wirst keine Angst haben. Du wirst keine Feigheit kennen. Du wirst nicht den Tempel vermissen und schwach werden vor Sehnsucht nach den Menschen, die dir fehlen. Du wirst dein Herz bei mir lassen, wenn du den Thron besteigst, und ich werde es aufbewahren wie eine Freundin. Einverstanden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 sch\u00e4mte sich, so durchschaut worden zu sein. Sie sah in die Augen der Zwergin, die schwarz waren wie Sumpf\u00f6l und kein Licht reflektierten. Und f\u00fcr einen Moment flackerte das Bild von Letanna und Perasia vor ihr auf, wie sie sie umarmten. Nicht im Tempel in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft, im Palast, wenn sie K\u00f6nigin geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinverstanden\u201c, sagte Kanem\u00f4 k\u00fchn. \u201eAber erst will ich das Gift f\u00fcr den K\u00f6nigsm\u00f6rder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan dr\u00fcckte Kanem\u00f4s Kopf zur\u00fcck. Dann beugte sie sich so nah zu ihr herab, dass ihre Lippen sich beinah ber\u00fchrten. Mit ihren Fingern spreizte sie Kanem\u00f4s Mund auf und dann k\u00fcsste sie sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 sp\u00fcrte die fremde Zunge wie ein Lebewesen in sich, und ein Schluck kalter \u2013 <em>eiskalter<\/em> \u2013 Fl\u00fcssigkeit rann ihr die Kehle hinab, so s\u00fc\u00df und bitter, dass Kanem\u00f4 w\u00fcrgen musste. Sie wollte Liotan wegdr\u00fccken, doch die Zwergin presste ihren Mund weiter auf ihren und ihre spitzen Z\u00e4hne ritzten ihr die Lippen auf. Eine Weile rangen sie atemlos miteinander, wogten vor und zur\u00fcck wie Liebende. Das Gef\u00fchl, sich \u00fcbergeben zu m\u00fcssen, versickerte in Kanem\u00f4 zu einem dumpfen, bet\u00e4ubenden Grauen. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Und da endlich l\u00f6ste Liotan den Mund von ihrem und begann ihr Dinge ins Ohr zu fl\u00fcstern, entsetzliche Dinge, derer Kanem\u00f4 nun f\u00e4hig sei, und Kanem\u00f4 sp\u00fcrte mit jeder Faser, dass es stimmte.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan lie\u00df sie los \u2013 stie\u00df sie geradezu von sich \u2013 und Kanem\u00f4 sank auf das Lager zur\u00fcck. Ekel erf\u00fcllte ihren K\u00f6rper, kribbelte wie Schaben unter ihrer Haut, kroch wie W\u00fcrmer durch ihre Eingeweide, r\u00e4kelte sich wie ein Aal in den Hohlr\u00e4umen ihrer Knochen. Sie war erstarrt vor Abscheu, w\u00e4hrend in ihrem K\u00f6rper tausendfaches Leben erwachte. Sie versuchte nicht einmal zu verhindern, dass Liotan sich auf sie setzte und ihren Mantel \u00f6ffnete. Die H\u00e4nde der Zwergin glitten ihren Hals hinab, der ein Fluss aus Unrat geworden zu sein schien, und verweilten auf ihrer Brust, einem Friedhofsh\u00fcgel, berstend vor Aas. Und in die weiche, g\u00e4rende Masse, die ihr K\u00f6rper geworden war, drangen die Finger der Zwergin ein, umschlossen etwas und zogen es aus dem Rippenk\u00e4fig heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum stand in Flammen. Die Kupferw\u00e4nde flackerten vor Hitze. Sie sp\u00fcrte die Finger der Zwergin an einem Ort in sich, den sie f\u00fcr unber\u00fchrbar gehalten hatte. Sie erwartete Schmerz \u2026 aber er kam nicht. Im Gegenteil. Die Finger zogen sich aus ihr zur\u00fcck und hinterlie\u00dfen eine Leere, die angenehm war.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 schnappte nach Luft. Leer. Sie war vollkommen leer. Vollkommen still.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum lag im Halbdunkel. Schwach schimmerte die Glut des Herdfeuers auf den Kupferw\u00e4nden. Kein Ger\u00e4usch war zu vernehmen; die Stille war dick und leicht wie eine Handvoll roher Wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Liotan war bereits von ihr heruntergestiegen. Kanem\u00f4 sah gerade noch, wie sie das Etwas, das aus ihrer Brust stammte, unter ihren Mantel schob \u2013 behutsam, als w\u00e4re es ein Vogeljunges. Es schien aber eher ein Stein zu sein. Doch schon war es unter dem Mantel verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kanem\u00f4 blickte an sich herab. Auf ihrer Brust, auf der H\u00f6he ihres Herzens, war eine sternf\u00f6rmige Narbe. Sie dachte daran, dass sie entsetzt sein m\u00fcsste. Sie dachte daran, dass das, was soeben geschehen war, Grund zur Panik w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie empfand \u2013 nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stille war weich und dicht, und erst als sie in den Ranken, die durch die Fenster weit oben hereinwucherten, V\u00f6gel zwitschern h\u00f6rte, begriff sie, dass die Stille nicht um sie herum herrschte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 4 &#8211; 5 Sch\u00f6nen Sonntag allerseits! Ich hab mich schon die ganze Woche auf die Fortsetzung und euer Feedback gefreut. 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