{"id":1722,"date":"2021-07-18T07:56:49","date_gmt":"2021-07-18T06:56:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1722"},"modified":"2021-07-18T07:56:49","modified_gmt":"2021-07-18T06:56:49","slug":"kalt-wie-schnee-hart-wie-eisen-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1722","title":{"rendered":"Kalt wie Schnee, hart wie Eisen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Teil zwei &#8211; Kapitel 1<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" id=\"block-d8e7525a-e649-4b22-80b3-9e2ce29195eb\"><em>Gem\u00fctlichen Sonntag w\u00fcnsche ich euch! Heute geht es endlich mit Teil 2 weiter &#8211; und ihr werdet Laurien kennenlernen, die zweite Hauptfigur des Romans. Ich bin wirklich gespannt, was ihr zu ihr sagen werdet. Sie ist ganz anders als Kanem\u00f4, lag mir aber mindestens genauso am Herzen. Aber ich will gar nichts vorwegnehmen &#8211; ohne weitere Umschweife, hier kommt Laurien!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" id=\"block-4e665d00-e3b3-4359-a1ef-c874e6b40876\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" id=\"block-ffaa4e85-e31f-4a0f-89e2-140b502a3ec4\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">Ein Gesicht<\/h1>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">1.<\/h1>\n\n\n\n<p>Laurien stand auf den Tr\u00fcmmern des Stadtwalls, den die Rebellen mithilfe des Elfenheeres drei Tage zuvor \u00fcberwunden hatten, um Ivenhall zu erobern. Das Herz des gr\u00f6\u00dften Menschenreiches aller Zeiten war unter ihrer Kontrolle \u2013 von den Lehmh\u00fctten der unteren Viertel bis hinauf zu den Prachtbauten und Lustg\u00e4rten der Noblen und dem marmorgr\u00fcnen Palast des K\u00f6nigs mit dem unheimlichen Eisenturm, auf dem der Zauberkessel thronte wie eine leere Augenh\u00f6hle. Die aus Flicken gen\u00e4hten und rot gef\u00e4rbten Fahnen der Rebellion wehten \u00fcber Wassert\u00fcrmen, Marktpl\u00e4tzen, den D\u00e4chern der Tavernen und sogar dem Eisenturm. Laurien war, wie viele der Rebellen, bis zum Zauberkessel emporgestiegen und hatte ihn sich angesehen. Sie hatte f\u00f6rmlich gesp\u00fcrt, dass das aus Eisen gewachsene riesige Gef\u00e4\u00df eine \u00d6ffnung in eine andere Welt war. Der Wind verfing sich in seinem tiefen schwarzen Bauch und wehte als seufzende Geisterstimmen \u00fcber den Palast, fremdartiger als alles, was Laurien je geh\u00f6rt hatte. Diese Echos bereiteten ihr allerdings weniger Unbehagen als das Klirren von Waffen und die Frauenschreie, die immer noch gelegentlich aus den Gassen hallten und ihr nachts den Schlaf raubten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment hatte sie der Stadt jedoch den R\u00fccken zugekehrt. Sie betrachtete das Land. Scheiterhaufen brannten jenseits der Schlucht, die Ivenhall umgab und voller Felsspitzen war, weshalb man sie <em>Katzenrachen<\/em> nannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hatte viele Tote gegeben. Weil die Menschen hier glaubten, im Kampf Gefallene d\u00fcrften nicht in der Erde begraben werden, wurden Tag und Nacht Leichen verbrannt. Der Wind strich Lauriens von Z\u00f6pfen durchzogenes, langes Haar zur\u00fcck und f\u00fchlte sich wie eine ungewohnte Liebkosung auf ihrer rechten Gesichtsh\u00e4lfte an, die von Kriechglut entstellt war. Normalerweise versteckte sie die Verbrennungen, so gut es ging, unter ihren Haaren. Aber hier war niemand, der sich vor ihrem Aussehen erschrecken k\u00f6nnte. Sie atmete tief die kalte Luft ein. Versuchte unter dem Geruch von Rauch und Blut die D\u00fcfte wahrzunehmen, die der Wind von den herbstlichen H\u00fcgeln im Norden mitbrachte, wo das Land freundlicher war als das felsige Ivenhall. Fast gelang es ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war noch immer merkw\u00fcrdig, von der Stadt aus aufs Land zu blicken \u2013 pl\u00f6tzlich den Blickwinkel der Feinde einzunehmen. Sie hatten wirklich gesiegt. Nachdem Laurien drei Jahre mitgek\u00e4mpft und mehr verloren hatte, als in Worte zu fassen war, lie\u00df sich diese Tatsache nicht leicht begreifen. Sie wartete noch darauf, Gl\u00fcck zu empfinden. Aber es war, als bremse Verwunderung ihre Freude. Vielleicht sogar eine Art Best\u00fcrzung. Sie wusste nicht, weshalb.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Reiter auf zierlichen grauen Pferden tauchten aus den W\u00e4ldern auf. Sie steuerten geradewegs auf Ivenhall zu. Nicht nur an den Pferden, auch an den farbwechselnden leichten Umh\u00e4ngen erkannte Laurien, dass es Hohe Elfen aus Madgar Yhs sein mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprang die Tr\u00fcmmer hinab und eilte \u00fcber eine der Br\u00fccken, die intakt geblieben waren. In der Schlucht unter ihr war an klaren Tagen manchmal das Wasser zu sehen, das aus den schroffen Gebirgen kam, in weiter Tiefe durch den Katzenrachen floss und sich dann in zahlreichen Str\u00f6men \u2013 den Iven \u2013 durchs Land zog. Doch meistens lag die Schlucht im Nebel, heute stieg zus\u00e4tzlich noch bei\u00dfender Qualm wie der Atem eines wahren Monstrums empor, denn kochendes \u00d6l und Kriechglut waren w\u00e4hrend der Schlacht hinabgeronnen und verschmorten die Toten, die niemand aus der Tiefe bergen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der K\u00f6nigsstra\u00dfe ging sie den Reitern entgegen \u2013 das Haar vorgestrichen und den Kopf ein wenig eingezogen, um ihre Entstellung zu kaschieren. Zahlreiche Menschen und Elfen aus den Lagern der Rebellen ringsum hatten sich versammelt, um die Neuank\u00f6mmlinge zu empfangen, darunter Savionne, Anf\u00fchrerin der Wasserklingen und rangh\u00f6chste Schwertk\u00e4mpferin des elfischen Heeres direkt nach Laurien. Die Kriegerin zwinkerte Laurien zu und schnalzte mit der Zunge, als sie sie entdeckte. Obwohl Laurien ihre Befehlshaberin war, hatte Savionne in gewisser Weise eine m\u00fctterliche Beziehung zu ihr \u2013 oder zumindest Narrenfreiheit \u2013, denn sie war fast doppelt so alt wie Laurien und kannte sie seit ihrer Geburt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Reiter waren, wie Laurien vermutet hatte, keine Krieger, obwohl ihre Reisegew\u00e4nder sich kaum vom typischen Waffenrock des Elfenheeres unterschieden. Es waren drei der zw\u00f6lf Weisen vom Brunnen, die Madgar Yhs regierten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte ritt Alarion, eine der \u00c4ltesten und Einflussreichsten der Weisen vom Brunnen. Obwohl ihr Haar bereits schlohwei\u00df war und ihr langes, hohlwangiges Gesicht voller Falten, sa\u00df sie aufrecht und bewegte sich geschmeidig im Sattel. Zu ihrer Linken ritt Gajadis, Alarions Sohn, der selbst kein junger Mann mehr war und eine tiefere Zornesfalte zwischen den Brauen trug als seine Mutter. Zu Alarions Rechten ritt ein Gelehrter namens Niran, das lange, knochige Gesicht umrahmt von einer Flechtfrisur, die recht aufwendig war und Eitelkeit verriet. Niran war sehr jung, so wie Laurien. Vielleicht war es sogar eine noch gr\u00f6\u00dfere Auszeichnung, in diesem Alter bereits ein Weiser vom Brunnen geworden zu sein als eine Heerf\u00fchrerin. Laurien hatte geh\u00f6rt, dass Niran eine der Sechsunddrei\u00dfig Fragen der Weisheit beantwortet hatte \u2013 die einem den Elfen zufolge die gesamte Welt erschlossen \u2013, als er kaum sechzehn Sommer gez\u00e4hlt hatte. Aber wom\u00f6glich war das nur ein Ger\u00fccht. Laurien bezweifelte, dass die Fragen tats\u00e4chlich beantwortet werden konnten. So oder so ahnte sie, dass es f\u00fcr Niran ebenso schwierig war wie f\u00fcr sie selbst, trotz seiner Jugend ernst genommen zu werden, aber sie hatten nie dar\u00fcber gesprochen. Niran wirkte so, als w\u00fcrde er mit niemandem \u00fcber allzu Pers\u00f6nliches sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei z\u00fcgelten ihre Pferde. Alarion entdeckte Laurien in der Menge und richtete das Wort an sie. \u201eLaurien, Tochter. Und Savionne.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeid gesegnet\u201c, gr\u00fc\u00dften Laurien und Savionne im Einklang zur\u00fcck, wobei Savionne sich nicht die M\u00fche machte, einen sp\u00f6ttischen Tonfall zu \u00fcberspielen. Es war kein Geheimnis, dass Savionne und die zw\u00f6lf Weisen vom Brunnen nicht das beste Verh\u00e4ltnis hatten. Ihre F\u00fchrungsposition im Heer hatte Savionne allein ihrer Beliebtheit bei den Schwertk\u00e4mpfern zu verdanken \u2013 die Weisen vom Brunnen h\u00e4tten sie nie zur Anf\u00fchrerin einer Legion gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit lauterer Stimme und an die Menge gewandt fuhr Alarion fort: \u201eDie mutigen Menschen haben mithilfe unserer tapferen Elfenkrieger das B\u00f6se bezwungen! Nie wieder soll ein Tyrann mithilfe von Bestien herrschen. Lang lebe die Rebellion!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jubel erscholl, aber Laurien konnte h\u00f6ren, dass es eher H\u00f6flichkeit war. Die Weisen vom Brunnen hatten nicht mit ihnen gek\u00e4mpft, sondern das Geschehen aus der Sicherheit von Madgar Yhs verfolgt. F\u00fcr die Menschen standen sie f\u00fcr die Entr\u00fccktheit und Zwielichtigkeit, die man den Hohen Elfen nachsagte. Vor der Rebellion und bevor K\u00f6nig Sagamenon in seinem Wahn alle Elfen im Reich hatte verfolgen lassen, waren es die Weisen vom Brunnen gewesen, die mit Sagamenon paktierten \u2013 obwohl er schon damals die Territorien unterdr\u00fcckte, die nun gegen ihn aufbegehrt hatten, und obwohl es eine lange Tradition der K\u00f6nige von Ivenhall war, ihre Untertanen mithilfe der Bestien zu beherrschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind gekommen, sobald der Weg frei war, um mit euch allen auf den Tr\u00fcmmern des Gro\u00dfreiches zu feiern\u201c, fuhr Alarion fort, wobei Laurien wahrscheinlich nicht die Einzige war, die sich Alarion nur schwer beim Feiern vorstellen konnte. Aber ihre Gedanken waren sowieso woanders.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Weg war frei?\u201c, fragte sie und schluckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alarion richtete ihren klugen, alles durchdringenden Blick wieder auf Laurien. Erst da begriff Laurien, dass ihre Frage falsch gedeutet werden konnte \u2013 n\u00e4mlich als Argwohn, ob die drei Weisen vom Brunnen tats\u00e4chlich den weiten Weg von Madgar Yhs zu Pferd zur\u00fcckgelegt hatten. Schlie\u00dflich waren die Weisen vom Brunnen bewandert in den Zauberk\u00fcnsten. Angeblich konnten sie in ihrem Zauberbrunnen Vergangenheit und Zukunft sehen und gro\u00dfe Distanzen mit einem einzigen Schritt \u00fcberwinden. Manchmal hatten sie w\u00e4hrend der Rebellion tats\u00e4chlich Dinge gewusst, die nur so zu erkl\u00e4ren waren. Auch die Kleider der drei waren f\u00fcr Reisende erstaunlich sauber \u2026 Aber Laurien hatte noch nie erlebt, dass die Weisen sich mit ihren F\u00e4higkeiten br\u00fcsteten oder sie auch nur zugaben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo ist es: Zwischen der K\u00f6nigsstadt und den Sommerw\u00e4ldern gibt es kein Land mehr, das die Rebellen nicht erobert h\u00e4tten\u201c, erkl\u00e4rte Alarion. \u201eDie Truppen von F\u00fcrst Githeon sind zwei Stunden Marsch von hier entfernt. Sie waren siegreich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jubel, der nun ausbrach, kam von Herzen. Die Truppen von F\u00fcrst Githeon, der die Rebellion unterst\u00fctzte, hatten dem k\u00f6nigstreuen F\u00fcrst Otana und dessen M\u00e4nnern auf dem Weg nach Ivenhall aufgelauert, damit dieser nicht den Belagerern von Ivenhall in den R\u00fccken fiel. Ihr Kampf hatte sich in den \u00f6stlichen Bergen abgespielt, doch seit einem halben Mond hatte hier w\u00e4hrend der Belagerung niemand gewusst, wie es um sie stand. Nun war die Erleichterung gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Laurien war wie erstarrt. Sie hatte so sehr um F\u00fcrst Githeons Truppen gebangt, dass sie es kaum glauben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLebt der F\u00fcrst?\u201c, fragte sie und hoffte, die Antwort auf ihre eigentliche Frage zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcrst Githeon und seine S\u00f6hne sind wohlauf\u201c, verk\u00fcndete Alarion.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien konnte ein Aufseufzen nicht verhindern. Zum Gl\u00fcck schien es niemand zu bemerken, denn Savionne klopfte ihr dabei auf die Schulter und \u00fcberhaupt herrschte fr\u00f6hlicher L\u00e4rm und Durcheinander. Der F\u00fcrst und seine S\u00f6hne waren nicht gefallen. Perak\u00edn, der j\u00fcngere seiner S\u00f6hne, war wohlauf!<\/p>\n\n\n\n<p>Am liebsten w\u00e4re Laurien ihm entgegengeritten. Aber der blo\u00dfe Gedanke, ihren \u00dcbereifer so zur Schau zu stellen, lie\u00df sie err\u00f6ten. Stattdessen sagte sie: \u201eBereiten wir alles f\u00fcr den Empfang der Truppen des F\u00fcrsten vor. Wir brauchen frische Lager \u2013 und ein Festmahl f\u00fcr die Ankunft der ehrw\u00fcrdigen Weisen vom Brunnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem gemeinsamen Weg zur Stadt strich sie sich nerv\u00f6s die Haare vor die verbrannte rechte Gesichtsh\u00e4lfte. Es war fast zwei Jahre her, dass sie Perak\u00edn getroffen hatte. So vieles hatte sich seitdem ver\u00e4ndert. Bestimmt war er nicht mehr der Junge, der sie als Tagtraum so oft begleitet hatte \u2013 tags\u00fcber und nachts \u2013, einundzwanzig Monde lang. Sie war ganz sicher nicht mehr dieselbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Nervosit\u00e4t verdichtete sich zu elender Panik.<\/p>\n\n\n\n<p>Er musste davon geh\u00f6rt haben, was ihr zugesto\u00dfen war, und dass man sie zur Heerf\u00fchrerin gemacht hatte. Aber er hatte es noch nicht mit eigenen Augen gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien erinnerte sich genau, wie Perak\u00edn vor zwei Jahren in ihr Leben getreten war. Oder besser gesagt, wie er fl\u00fcchtig <em>hindurchgetreten<\/em> war, um eine dauerhafte L\u00fccke zu hinterlassen. Der Moment, als ihr seine Bedeutsamkeit klar wurde, war denkbar unromantisch gewesen \u2013 sie hatten buchst\u00e4blich bis zu den Knien in Unrat gesteckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Wochen hatten Fr\u00fchlingsschauer das Land aufgeweicht. Die Rebellen hatten damals geholfen, die Handelsstadt Kathun am Rand der S\u00fcmpfe von Ivenhalls Herrschaft zu befreien. Zwar hatten die Rebellen die Truppen K\u00f6nig Sagamenons zur\u00fcckgeschlagen, aber im Anschluss wurden viele Bewohner der Stadt krank, denn die Brunnen waren verunreinigt. Wegen der N\u00e4sse hatte man die Toten nicht rechtzeitig verbrennen k\u00f6nnen und die Abwasserkan\u00e4le waren verstopft oder im Kampf zerst\u00f6rt worden. Sie brauchten dringend eine neue Kanalisation.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn hatte zwar im Kampf nicht so gegl\u00e4nzt wie sein \u00e4lterer Bruder Gerothen, aber bald wurde allen klar, dass dieser knochige Halbw\u00fcchsige die L\u00f6sung f\u00fcr das Abwasserproblem finden w\u00fcrde. Er hatte von Anfang an darauf gedr\u00e4ngt, dass der Wiederaufbau der Kan\u00e4le Vorrang haben sollte, doch das interessierte im ersten Siegestaumel niemanden. Doch nachdem die Situation sich zuspitzte, wurde Perak\u00edn Geh\u00f6r geschenkt. Er studierte die Baupl\u00e4ne der Stadt, untersuchte die Sch\u00e4den, kalkulierte das Material, das zur Verf\u00fcgung stand, und entwarf unterirdische Sch\u00e4chte und Aqu\u00e4dukte, die effizienter waren als jene, die zerst\u00f6rt worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien war damals nur ein Silberschwert unter dem Befehl ihres ehemaligen Lehrmeisters und Heerf\u00fchrers Faisah gewesen. Die Ereignisse, die sie zur j\u00fcngsten Heerf\u00fchrerin aller Zeiten machen und ihr das Gesicht kosten w\u00fcrden, lagen noch in der Zukunft. Sie z\u00e4hlte gerade sechzehn Sommer und hatte bisher gegen mehr Strohpuppen gek\u00e4mpft als gegen Menschen und Bestien, auch wenn sie die Erfahrung des T\u00f6tens in diesem Fr\u00fchling gemacht hatte, jene bleischwere Einsicht, die nicht sehend macht, sondern blind. Sie hatte Perak\u00edn einige Male getroffen und davon geh\u00f6rt, dass man ihm den Bau neuer Kan\u00e4le \u00fcberantwortet hatte, was ihr verwunderlich vorgekommen war. Immerhin z\u00e4hlte er nur wenige Jahre mehr als sie und wirkte um einiges j\u00fcnger. Auf dem Schlachtfeld hatte sie nicht besonders viel von ihm gehalten. In vollem R\u00fcstzeug und auf dem gro\u00dfen Rappen machte er weniger her als sie, die wie alle elfischen Schwertk\u00e4mpfer einen leichten Waffenrock aus Maru\u00e9 trug und ihr wendiges graues Pferd nur bei seltenen Kampfman\u00f6vern in die Schlacht ritt. H\u00e4tten Perak\u00edn nicht stets die Ritter seines Vaters umgeben, w\u00e4re er vermutlich in der ersten Schlacht gefallen \u2013 daran zweifelte Laurien auch sp\u00e4ter nicht, als ihr Blick auf ihn nicht mehr ganz so n\u00fcchtern war wie zu Beginn.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wurde eingeteilt, bei dem Bau der Kan\u00e4le zu helfen. Es war bei Weitem nicht das Schlimmste, was sie hatte tun m\u00fcssen, seit die Elfen die Rebellen gegen K\u00f6nig Sagamenon unterst\u00fctzten. Am ersten Morgen sammelten sich die Helfer um Perak\u00edn, der statt eines Schwertes Papierrollen und Ma\u00dfst\u00e4be im G\u00fcrtel stecken hatte. Er malte mit einem Stock in den Schlamm, um viel zu detailreich zu erkl\u00e4ren, was sie tun w\u00fcrden, und blickte immer wieder auf, um zu fragen, ob alle einverstanden seien oder Ideen zur Verbesserung hatten. Keiner hatte Ideen zur Verbesserung. Laurien \u00fcberkam die Gewissheit, noch nie jemandem wie diesem Jungen begegnet zu sein. Aber seit sie im Krieg war, erlebte sie fast t\u00e4glich Dinge, die sie sich zuvor nicht einmal h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie begann mehr \u00fcber ihn nachzudenken, als die Bauarbeiten losgingen und Perak\u00edn nicht, wie sie erwartet hatte, bei seinen Papieren blieb, sondern mitanpackte. Bisher waren die Adeligen des Menschenvolks, die Laurien kennengelernt hatte, noch hochn\u00e4siger gewesen als die Weisen vom Brunnen in Madgar Yhs. Perak\u00edn schien sich seines Standes nicht bewusst zu sein oder es scherte ihn nicht im Geringsten. Mehr noch, Laurien bemerkte, dass ihm auch der Rang der anderen nichts galt. Er behandelte die Rebellen ebenso freundlich wie Helfer aus der Stadt oder die Elfen. Ja, sogar die Elfenkriegerinnen behandelte er wie jeden anderen. Laurien hatte noch keinen Menschen getroffen, den die Tatsache, dass elfische Frauen ebenso k\u00e4mpften wie M\u00e4nner, nicht entweder ver\u00e4ngstigt oder am\u00fcsiert h\u00e4tte oder beides. Perak\u00edn wich ihnen nicht aus, er gaffte sie nicht an, er gab keine dummen Kommentare ab. Er war schlicht und ergreifend <em>freundlich<\/em>. Laurien kam zu dem Schluss, dass er zu jenen rar ges\u00e4ten Leuten geh\u00f6rte, die komplizierteste Angelegenheiten sofort begriffen, aber die offensichtlichsten Dinge nicht einmal wahrnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch konnte sie mit diesem Urteil nicht ihre Gedanken \u00fcber ihn abschlie\u00dfen. Sie beobachtete ihn, wie er unerm\u00fcdlich arbeitete, wie er sich Zeit nahm, jedem zuzuh\u00f6ren, wie er sich von keinem Unsinn und keinem Hindernis aus der Ruhe bringen lie\u00df. Wenn etwas nicht funktionierte, begann er an einer Locke seines dunklen Haares zu zupfen und beugte sich \u00fcber seine Pl\u00e4ne, bis er schlie\u00dflich aufsprang und mit einem ruhigen, aber strahlenden Gesicht verk\u00fcndete, dass er <em>vielleicht<\/em> eine L\u00f6sung habe. Er kam ihr hier, im Krieg, so fehl am Platz vor \u2026 und zugleich war alles an Perak\u00edn richtig. Ja, die Umgebung war falsch, das offenbarte sich in seiner ganzen Richtigkeit. W\u00e4hrend alle ihren Zorn gegen K\u00f6nig Sagamenon sch\u00fcrten, sich r\u00e4chen wollten und vernichten und umst\u00fcrzen, wollte er etwas bauen, damit die anderen nicht in ihrem eigenen Dreck zugrunde gingen. Und er freute sich. In seinen Augen \u2013 sch\u00f6ne tiefblaue Kinderaugen \u2013 stand stets ein L\u00e4cheln. Dieses L\u00e4cheln hatte nichts Zynisches im Angesicht des Elends, das sie umgab; er schien blo\u00df etwas anderes zu sehen als die anderen. Etwas, das gr\u00f6\u00dfer war und wichtiger und besser als ihr Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrheit war, dass Laurien auch unabh\u00e4ngig von ihm begann, an der Herrlichkeit der Rebellion zu zweifeln. Sie ertappte sich dabei, wie sie Kindern beim Spielen zusah, Katzen beim Schlafen und Maigl\u00f6ckchen beim Wachsen, und in alldem mehr Sinn erkannte als in ihrem hehren Ziel, die Territorien von der Herrschaft Ivenhalls zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann kam der Tag, an dem sie begriff, dass Perak\u00edn ihr noch mehr bedeutete als spielende Kinder, schlafende K\u00e4tzchen und bl\u00fchende Maigl\u00f6ckchen. Sie waren gerade dabei, die Tr\u00fcmmer der zerst\u00f6rten Stadtmauer abzutragen, um einen Kanal freizulegen. Die Steinquader waren schwer wie Pferde und der Regen machte sie glitschig. Mit einem Mal gab es einen Rutsch; die Steinbrocken polterten zur Seite. Der Kanal \u00f6ffnete sich und ein Sturzbach aus Abw\u00e4ssern drang hervor. Innerhalb weniger Augenblicke vermischte sich der stinkende Schlamm mit Regen, Erde und der Asche der letzten Schlacht zu einer Br\u00fche, in der sie bis zu den Knien versanken. Fluchend fuhren sie fort, die Steine beiseitezur\u00e4umen, damit das Abwasser in eine Sickergrube abflie\u00dfen konnte. Und w\u00e4hrend alle murrten und \u00e4chzten, begann Perak\u00edn mit seiner Halbw\u00fcchsigenstimme, die an den h\u00f6chsten T\u00f6nen brach, zu singen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eLasst die Schaufeln, legt sie weg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mein M\u00e4dchen ist nur k\u00fchl im Schlaf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was hat das Schaufeln f\u00fcr einen Zweck?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mein M\u00e4dchen braucht doch noch kein Grab!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alle lachten und begannen im Chor das Lied des Liebhabers zu singen, der den Tod seines M\u00e4dchens nicht wahrhaben will, w\u00e4hrend sie ein Grab f\u00fcr den Unrat aushoben. Irgendwer fing an, den Unrat Ludmilla zu nennen, und bald witzelten sie \u00fcber Ludmilla, die m\u00e4chtig <em>stinkende<\/em> heimliche Herrin der Stadt, die nicht so tot war, wie manch einer glaubte. Dass dieser Witz ziemlich dumm war, am\u00fcsierte sie nur umso mehr. Sie alle sehnten sich nach etwas Leichtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Reiter kamen an der Stadtmauer entlang. Es waren F\u00fcrst Githeon und dessen Sohn Gerothen in Begleitung eines Mannes, den Laurien noch nie gesehen hatte. Seinem schlammverkrusteten R\u00fcstzeug nach musste er ein Ritter sein \u2013 und von einer langen Reise kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePerak\u00edn!\u201c, rief Gerothen.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn hielt in der Arbeit inne, als er seinen Bruder h\u00f6rte. Die drei Reiter z\u00fcgelten ihre Pferde in geb\u00fchrendem Abstand zu dem Dreck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVater\u201c, gr\u00fc\u00dfte Perak\u00edn, wie es sich geh\u00f6rte, dann wandte er sich an den Fremden: \u201eMosgar! Sei gegr\u00fc\u00dft. Was f\u00fchrt dich so weit fort von zu Hause?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>An den Mienen der drei war abzulesen, dass der Grund kein erfreulicher war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist passiert?\u201c, fragte Perak\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeine Schwester\u201c, erkl\u00e4rte F\u00fcrst Githeon. Sein Atem dampfte in der Luft. \u201eSie wurde geraubt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nur das Regenprasseln war zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich fuhr Gerothen fort: \u201eF\u00fcrst Korigans Schergen haben sich in die Festung geschlichen und sie entf\u00fchrt. So wollen sie uns zwingen, die Waffen niederzulegen und die Rebellion zu verraten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder trat Schweigen ein. Laurien sah, dass Perak\u00edn die F\u00e4uste geballt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso greifen wir F\u00fcrst Korigan an!?\u201c, fragte Perak\u00edn \u2013 es klang mehr wie ein Befehl als eine Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir werden die Waffen nicht niederlegen\u201c, erwiderte F\u00fcrst Githeon, \u201eund wir werden Korigan nicht angreifen. Wir ziehen mit der Rebellion weiter nach Ivenhall.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Aritam\u00e9\u201c, wand Perak\u00edn ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAritam\u00e9 w\u00fcrde wollen, dass wir weiterk\u00e4mpfen\u201c, bestimmte Githeon mit einer H\u00e4rte, die wohl auch gegen seine eigene Verzweiflung gerichtet war. \u201eWir werden weiterk\u00e4mpfen wie geplant. Und hoffentlich Kriegsgefangene machen, die wir gegen sie eintauschen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn schluckte. \u201eVater, gebt mir vier Truppen, und ich finde einen Weg, Aritam\u00e9 zu befreien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Githeon kniff die Augen zusammen, als tue Perak\u00edns Zuversicht ihm weh. Er sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie denn?\u201c, h\u00f6hnte Gerothen. \u201eWillst du einen Kanal in die Festung von F\u00fcrst Korigan graben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde mir eine Strategie \u00fcberlegen, wenn du das meinst, ja\u201c, gab Perak\u00edn zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Wir k\u00f6nnen keine vier Truppen entbehren\u201c, lehnte Githeon ab. \u201eDass wir uns aufteilen und angreifbar machen, ist genau das, was K\u00f6nig Sagamenon und sein Scho\u00dfhund Korigan wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn wandte sich abermals an den Ritter, den er Mosgar genannt hatte: \u201eWie viele M\u00e4nner haben wir auf der Burg?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo viele, wie zur\u00fcckgelassen wurden, weniger meiner. Bei der Entf\u00fchrung der Herrin Aritam\u00e9 wurden nur ein Stalljunge und zwei Dienerinnen get\u00f6tet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn schien zu \u00fcberlegen, was er mit der Anzahl von M\u00e4nnern anfangen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePerak\u00edn\u201c, mahnte Githeon. \u201eIch wollte, dass du es nicht viel sp\u00e4ter erf\u00e4hrst als wir. Darum bin ich gekommen. Nicht, um dich auf dumme Gedanken zu bringen. H\u00f6rst du? Bleib bei dem, was du kannst. Das ist ein Befehl!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der F\u00fcrst wendete sein Pferd und preschte durch den Regen davon. Sein \u00e4ltester Sohn und sein Ritter folgten ihm. Die Blicke der Arbeiter lagen auf Perak\u00edns gebeugten Schultern. Lange stand er so da, im Unrat und Regen, und r\u00fchrte sich nicht. Dann schaufelte er weiter. Auch die anderen setzten ihre Arbeit fort, doch niemand sang mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es dunkel wurde und Zeit, sich auszuruhen, entz\u00fcndete Perak\u00edn Fackeln. Er arbeitete weiter. Nach und nach gingen die anderen, um sich zu waschen, etwas zu essen und zu ruhen. Nur Laurien blieb. Sie brachte es nicht \u00fcber sich, ihn allein zu lassen. Sie wollte etwas sagen, aber sie wusste nicht was. Oder etwas fragen, aber auch da fiel ihr nichts ein. Also schaufelte sie weiter, so wie er, schwer atmend, sich den Regen aus den Augen wischend, ganz und gar ratlos. Er schien nicht zu bemerken, dass sie da war. Doch das war kein Grund zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann, es musste tiefste Nacht gewesen sein, kletterte er aus dem Loch und kniete sich davor wie ein Trauernder an ein Grab. Laurien beobachtete den Umriss seines R\u00fcckens, ob er schluchzte. Aber er blieb ganz reglos.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzte sich neben ihn. Und als sie sicher war, dass seine N\u00e4he ihn nicht st\u00f6rte, sagte sie: \u201eMeine Mutter ist gestorben. Ich konnte sie nicht retten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er sah sie nicht an und sprach ihr auch nicht sein Beileid aus, wof\u00fcr sie dankbar war. Er fragte nur: \u201eWie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00e4tte beinah die Schultern gezuckt. Sie hatte sich angew\u00f6hnt, ohne Gef\u00fchle an ihre Mutter zu denken und auch so \u00fcber sie zu sprechen, wenn es sein musste. \u201eSie war eine Nachtelfe \u2013 eine von jenen, die nicht in Madgar Yhs geboren sind und in den L\u00e4ndern der Menschen oder den S\u00fcmpfen leben. Auch ich bin nicht in Madgar Yhs geboren \u2026\u201c Sie linste zu ihm hin\u00fcber, ob die Offenbarung, dass sie keine Hohe Elfe war, etwas an seiner Miene ver\u00e4nderte, aber das tat es nicht. Sie atmete auf. \u201eMeine Mutter hat sich als Wahrsagerin durchgeschlagen, was eigentlich fast lustig ist, weil ich niemanden kenne, der so sehr die Wahrheit verdr\u00e4ngt und sich selbst belogen hat wie sie. Sie hat viel getrunken \u2026 und Violettenkraut geraucht. Als ich klein war, dachte ich, es sei normal, dass eine Mutter den ganzen Tag schl\u00e4ft, dann Zitteranf\u00e4lle hat, Blut hustet und wirres Zeug redet, weil sie nichts zu rauchen hat. Sie hat mich auch immer gewarnt, dass ich bald eine Vollwaise sein w\u00fcrde. Als ich klein war, machte mir das gro\u00dfe Angst. Ich glaubte ihr, wenn sie behauptete zu sterben, und ich hatte schreckliches Mitleid. Aber als ich \u00e4lter wurde und sie nicht starb, sondern nur kaputter wurde, hatte ich weniger Mitleid.\u201c Sie grinste freudlos. \u201eUnd dann ist sie doch gestorben. Ich habe sie auf dem Boden vor ihrem Bett gefunden. Kein sch\u00f6ner Anblick.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er sah sie an, ein z\u00e4rtliches Funkeln lag in seinem Blick. \u201eWie alt warst du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZehn Sommer. Oder neun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie bist du ins Heer der Elfen von Madgar Yhs gekommen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFaisah hat mich aufgesucht, unser Heerf\u00fchrer und mein Ausbilder\u201c, sagte sie. \u201eEr bot mir an, die Kampfk\u00fcnste zu erlernen, und nahm mich mit nach Madgar Yhs. Er hat daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass ich bei den Hohen Elfen aufgenommen wurde. Ich verdanke ihm alles.\u201c Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Dass sie als Waise mit den Schulden ihrer Mutter ins n\u00e4chstbeste Bordell verkauft worden w\u00e4re, wenn Faisah sie nicht geholt h\u00e4tte, musste sie nicht aussprechen. Sie dachte nur ungern daran. An die vergitterten Fenster, hinter denen Kinder elfischer und menschlicher Abstammung sa\u00dfen, das Gel\u00e4chter von M\u00e4nnern und das Klappern von Bierkr\u00fcgen im Hintergrund. In ihren ersten Jahren in Madgar Yhs war sie nachts aus Albtr\u00e4umen davon aufgeschreckt. Und auch sp\u00e4ter noch, als sie ausgezogen war, um die Rebellion zu unterst\u00fctzen, hatte sie an diese Kinder gedacht, deren Schicksalsgenossin sie um ein Haar geworden w\u00e4re und die vielleicht ein neues Leben f\u00fchren konnten, wenn der K\u00f6nig gest\u00fcrzt und das Gro\u00dfreich zerschlagen war. Das w\u00fcnschte sie sich mehr als alles andere in diesem Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJedenfalls habe ich versucht, meine Mutter zu besch\u00fctzen, aber es war nicht m\u00f6glich. Ich h\u00e4tte nichts f\u00fcr sie tun k\u00f6nnen. Und trotzdem \u2026 f\u00fchle ich mich schuldig. Nicht nur an ihrem Tod. Auch an ihrem traurigen, sinnlosen Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er atmete h\u00f6rbar aus. \u201eErz\u00e4hlst du mir davon, damit ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich meine Schwester im Stich lasse?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Nein \u2026 ich erz\u00e4hle dir davon, weil ich wei\u00df, wie es sich anf\u00fchlt, Angst um jemanden zu haben, den man liebt. Meine Mutter war nicht zu retten. Ich glaube, deine Schwester schon.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am folgenden Abend war Laurien wieder die Letzte, die noch mit Perak\u00edn zusammen arbeitete. Als sie stumm f\u00fcr einige Zeit geschaufelt hatten, ging er weg und holte die eiserne Truhe, in der er seine Papierrollen aufbewahrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLaurien\u201c, rief er sie so leise, dass sie ihn im Regen fast \u00fcberh\u00f6rt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wunderte sich, dass er sich an ihren Namen erinnerte, denn sie hatte sich nur ein Mal vor Wochen vorgestellt. \u201eJa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBitte, komm.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kletterte zu ihm nach oben. Er stellte die Truhe vor ihr ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBitte nimm die Pl\u00e4ne und sorge daf\u00fcr, dass alles umgesetzt wird. Ich glaube, dass es so funktionieren m\u00fcsste.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch?\u201c, stotterte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch vertraue dir\u201c, sagte er schlicht. \u201eDu bist pflichtbewusst und motivierst die anderen. Vor allem wei\u00dft du immer, was zu tun ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Wangen begannen zu gl\u00fchen. Abermals wunderte sie sich, dass es keinerlei Rolle f\u00fcr ihn zu spielen schien, dass sie eine Nachtelfe war, eine Frau und noch so jung \u2026 Als sehe er einfach \u00fcber diese Dinge hinweg, die f\u00fcr andere alles bedeuteten. Sie setzte sich auf die Truhe, sodass genug Platz neben ihr war, damit auch er sich setzen konnte. Nach einem Augenblick tat er es. Eine Zeit lang sagte keiner von ihnen etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann begann Perak\u00edn z\u00f6gerlich zu sprechen: \u201eMein Vater unterst\u00fctzt die Rebellion, weil er das K\u00f6nigshaus von Ivenhall verabscheut. Ich glaube, ihm ist nicht klar, welche Idee der Rebellion zugrunde liegt. Heganen, der Rebellenf\u00fchrer, ist ein Bauernsohn. Mein Vater, ein F\u00fcrst, folgt einem Bauernsohn \u2026 und er verkennt die Symbolkraft davon. Er sieht nur sich und den K\u00f6nig. Die Rebellen nimmt er wahrscheinlich gar nicht ernst genug, um sich \u00fcber sie Gedanken zu machen. Aber wenn wir siegen, wird nichts so sein wie vorher. Es ist schon jetzt nichts mehr wie vorher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr meint, der Sieg der Rebellion k\u00f6nnte Eurem Vater am Ende schaden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWom\u00f6glich. Und doch ist die Rebellion das Gro\u00dfartigste, was die Menschen zustande bringen konnten. Nach meinem Vater soll die Herrschaft \u00fcber Odia an Gerothen gehen, denn er ist der erstgeborene Sohn. Aber ob es dazu kommt, nachdem die Rebellion blinden Gehorsam und Tradition infrage gestellt hat \u2026\u201c Er hielt inne, als w\u00fcrde ihm erst jetzt klar, was er gesagt hatte. Gelassen f\u00fcgte er hinzu: \u201eIch meine nicht, dass <em>ich<\/em> F\u00fcrst werden will. Ich habe eher gedacht, es sollte einen Rat geben. Mit Aritam\u00e9. Sie ist sehr belesen und die kl\u00fcgste Person, die ich kenne. Meine gro\u00dfe Schwester.\u201c Er verstummte gedankenverloren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn ein Bauernsohn einen K\u00f6nig besiegt, k\u00f6nnte auch die Herrschaft \u00fcber ein F\u00fcrstentum an eine Tochter gehen\u201c, \u00fcberlegte Laurien und zuckte die Schultern. \u201eWarum ihr Menschen nach solchen merkw\u00fcrdigen Gesetzen lebt, war mir ohnehin immer ein R\u00e4tsel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin F\u00fcrst muss seine M\u00e4nner in den Krieg f\u00fchren k\u00f6nnen. Und bei uns k\u00e4mpfen Frauen nicht wie bei euch. Meistens \u2026\u201c, f\u00fcgte er hinzu, denn es gab durchaus Kriegerinnen unter den Menschen, aber so wenige, dass sie kaum wahrgenommen wurden. \u201eMeine Schwester kann nicht k\u00e4mpfen. Aber viele Entscheidungen haben nichts mit Kriegsf\u00fchrung zu tun. Wenn es in Odia statt eines F\u00fcrsten, der wie ein K\u00f6nig regiert, einen gew\u00e4hlten Rat g\u00e4be, so wie bei den Rebellen \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEuer Vater w\u00e4re sicher entsetzt, wenn er w\u00fcsste, wie Ihr denkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr wei\u00df, wie ich denke\u201c, sagte er und runzelte die Stirn, als sei es selbstverst\u00e4ndlich, ehrlich zu sein, auch wenn es unangenehme Folgen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr fiel auf, wie h\u00fcbsch seine Augen waren, wenn er die Brauen so anhob. Der matte Schein der Fackeln umriss sein Profil und seinen regennassen Lockenkopf. F\u00fcr einen Moment erkannte sie deutlich, wie er als Kind ausgesehen haben musste und wie er als erwachsener Mann aussehen w\u00fcrde, beides gleichzeitig \u2013 und es r\u00fchrte sie auf eine Weise, die neu f\u00fcr sie war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso wollt Ihr Aritam\u00e9 retten, weil Ihr Eure eigene Rebellion f\u00fchrt\u201c, sagte sie leise.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Aritam\u00e9 werde ich retten, weil sie meine Schwester ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er erhob sich. Sie f\u00fchlte, wie sein Blick sie bis auf den Grund durchdrang. Und dann sagte er: \u201eDu bist besonders. Aber das wei\u00dft du. Ich hoffe, eines Tages sehen wir uns wieder. Vielleicht erlebe ich dann, wie du l\u00e4chelst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Blut pochte ihr in den Wangen, aber sie blieb todernst. \u201eAuf Wiedersehen, Herr. Alles Gute.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alles Gute! Gar nichts zu sagen, w\u00e4re besser gewesen. Sie sah ihm nach, wie er durch den Schlamm davonstapfte, die Schultern hochgezogen und den Umhang fest um sich geschlungen. Ein Gef\u00fchl durchdrang sie wie ein nach innen hallender Schrei.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du bist besonders. Aber das wei\u00dft du.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie wusste es nicht. Sie wusste \u00fcberhaupt nicht, auf welche Weise sie besonders sein sollte \u2013 abgesehen von der zweifelhaften Auszeichnung, eine Nachtelfe unter Hohen Elfen zu sein. Doch sie f\u00fchlte mit der ganzen Gewissheit ihres Herzens, dass sie f\u00fcr ihn besonders sein wollte. So wie seine Schwester, f\u00fcr die er alles stehen und liegen lie\u00df und sogar den Bruch mit seinem Vater in Kauf nahm.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eines Tages<\/em>, h\u00f6rte sie ihn sagen. Das wurde der Funke, der ihre Hoffnung immer wieder entfachte. <em>Eines Tages.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aber heute, zwei Jahre sp\u00e4ter, war ein anderer Tag gekommen. Laurien hatte geh\u00f6rt, dass Aritam\u00e9 tot war, und auch Faisah war tot so wie Tausende andere, und sie selbst hatte anstelle ihres Gesichts eine von der Kriechglut entstellte Fratze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil zwei &#8211; Kapitel 1 Gem\u00fctlichen Sonntag w\u00fcnsche ich euch! Heute geht es endlich mit Teil 2 weiter &#8211; und ihr werdet Laurien kennenlernen, die zweite Hauptfigur des Romans. Ich bin wirklich gespannt, was ihr zu ihr sagen werdet. Sie ist ganz anders als Kanem\u00f4, lag mir aber mindestens genauso am Herzen. Aber ich will gar nichts vorwegnehmen &#8211; ohne weitere Umschweife, hier kommt Laurien! * * Ein Gesicht 1. Laurien stand auf den Tr\u00fcmmern des Stadtwalls, den die Rebellen mithilfe des Elfenheeres drei Tage zuvor \u00fcberwunden hatten, um Ivenhall zu erobern. 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