{"id":1727,"date":"2021-07-25T08:17:51","date_gmt":"2021-07-25T07:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1727"},"modified":"2021-07-25T08:17:51","modified_gmt":"2021-07-25T07:17:51","slug":"kalt-wie-schnee-hart-wie-eisen-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1727","title":{"rendered":"Kalt wie Schnee, Hart wie Eisen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Teil zwei &#8211; Kapitel 2 &#8211; 3<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" id=\"block-96698523-70c2-45f0-811d-22d288a8e18c\"><em>Endlich wieder Sonntag! Letzte Woche habt ihr Laurien kennengelernt, und mit ihr (und Perak\u00edn) geht es nun auch weiter. Bevor die beiden auf Kanem\u00f4 treffen, m\u00fcssen noch ein paar andere Dinge geschehen. Ich bin gespannt, wie es euch gefallen wird! Eiskaffee schl\u00fcrfend wartet vor einem anderen Bildschirm: eure Jenny.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" id=\"block-358363b5-d572-42a5-ba06-e23bf2dcdbfe\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" id=\"block-d5657c99-5225-481e-aead-deb7d626febc\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">2.<\/h1>\n\n\n\n<p>Laurien eilte durch die Flure des Palasts, vorbei an eingeworfenen Fenstern und zerborstenen Bodenfliesen. Immerhin waren die Blutlachen aufgewischt worden. Aber sie glaubte den Tod noch riechen zu k\u00f6nnen, den so viele hier gefunden hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte nicht nur ein Lager f\u00fcr die drei Weisen vom Brunnen herrichten lassen, sondern auch f\u00fcr den gerade angekommenen F\u00fcrst Githeon mit seinen beiden S\u00f6hnen und ihren Truppen. Dann hatte sie Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, damit sie heute Abend ein anst\u00e4ndiges Mahl bekamen und nicht den \u00fcblichen Eintopf des Heeres. Bei all den Vorbereitungen hatte sie die Zeit aus den Augen verloren und nun war sie sp\u00e4t dran f\u00fcr die Versammlung. Vielleicht hatte sie sich auch absichtlich versp\u00e4tet \u2026 Ein Teil von ihr f\u00fcrchtete das Wiedersehen mit Perak\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erreichte eine lange Halle, von der Dutzende Bogeng\u00e4nge abgingen und eine breite Treppe hinab in den Hof f\u00fchrte. Auf dieser Treppe war K\u00f6nig Sagamenon von Heganen, dem Anf\u00fchrer der Rebellion, erschlagen worden. \u00dcber die Stufen zogen sich noch die schwarzen Blutspuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heganen hielt alle Sitzungen mit seinen Gener\u00e4len und Verb\u00fcndeten nun hier ab. Bevor Laurien n\u00e4her kam, strich sie ihr Haar vor ihre vernarbte rechte Gesichtsh\u00e4lfte. Dann umschloss sie den Griff ihres Schwertes am G\u00fcrtel und versuchte so zu gehen, als w\u00e4ren ihre Beine nicht weich wie Wachs.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Treppe war voller Menschen und Hohe Elfen aus Madgar Yhs. Auch unten im Hof hatte sich eine Menge versammelt. Auf dem oberen Treppenabsatz sa\u00dfen Heganen, dessen engste Gener\u00e4le und Verb\u00fcndete, die drei Weisen vom Brunnen und F\u00fcrst Githeon mit seinen S\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien nickte ihnen zu, als sie sie bemerkten, und deutete eine Verneigung vor Heganen an, ehe sie sich gegen eine S\u00e4ule lehnte und den Blick \u00fcber die Menge schweifen lie\u00df. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte Perak\u00edn nur f\u00fcr einen Sekundenbruchteil gesehen. Sie war nicht in der Lage gewesen, seinen Blick zu erwidern. Auf keinen Fall konnte sie sich zu ihnen setzen, obwohl ihr Rang als Befehlshaberin des Elfenheeres eigentlich erforderte, dass sie sich in Heganens engstem Kreis zeigte. Innerlich schalt sie sich f\u00fcr ihre Feigheit.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcrst Githeon fuhr fort, von ihrem Sieg zu berichten. Sie hatten F\u00fcrst Otana angegriffen, aber der F\u00fcrst und ein Teil seiner M\u00e4nner hatten sich auf seine Burg zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen. Nach erbitterten Schlachten hatten die Rebellen sie jedoch schlie\u00dflich eingenommen. Die dramatische Schilderung der K\u00e4mpfe wurde immer wieder von Jubel und Klatschen unterbrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich wagte Laurien einen weiteren Blick. Heganen sa\u00df in der Mitte, den Kopf abgewandt, um F\u00fcrst Githeon zuzuh\u00f6ren. Der F\u00fcrst war ein graub\u00e4rtiger Mann mit der Statur eines Stiers, aber seine Augen, hell und wach, hatten etwas Kindliches an sich, so wie Perak\u00edns. Neben ihm sa\u00df Gerothen, der wie eine j\u00fcngere Version seines Vaters aussah. Allerdings hatte er dunklere Haut und ein schmaleres Gesicht mit hervortretenden Augen. Wie alle M\u00e4nner, die sich der Rebellion angeschlossen hatten, rasierten sich auch der F\u00fcrst und seine S\u00f6hne mittlerweile den Sch\u00e4del. Nur eine Str\u00e4hne entlang der linken Schl\u00e4fe hatten sie zu einem d\u00fcnnen Zopf geflochten, um zu zeigen, wie lange sie schon gegen Ivenhall k\u00e4mpften.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn sa\u00df mit dem R\u00fccken zu ihr. Fast h\u00e4tte sie ihn nicht wiedererkannt. Er war gr\u00f6\u00dfer und viel kr\u00e4ftiger geworden. Ihr Blick wanderte an seinen Armen und Schultern entlang, \u00fcber den braunen Nacken und die anmutige W\u00f6lbung seines Hinterkopfes. Der kahl geschorene \u2013 oder eher stoppelige \u2013 Sch\u00e4del stand ihm gut, auch wenn sie mit Wehmut an sein zerzaustes Haar dachte. Jetzt w\u00fcrde ihn niemand mehr als Halbw\u00fcchsigen bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er blickte in die Menge im Hof und Laurien betrachtete sein Profil. Das Gef\u00fchl, das sie dabei \u00fcberkam, war beinahe Schmerz. Er hatte die Augenbrauen leicht hochgezogen, als d\u00e4chte er \u00fcber etwas Trauriges nach. Ein verwilderter, noch in den Anf\u00e4ngen steckender Bart vertuschte die sch\u00f6ne Form seiner Lippen und seines Kinns. Aber selbst das stand ihm gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien merkte, dass sie zu atmen aufgeh\u00f6rt hatte. Sie seufzte flach und h\u00e4tte sich am liebsten geohrfeigt. Eine Unterhaltung vor zwei Jahren, mehr war es nicht gewesen. Wie oft sie seitdem an ihn gedacht hatte, war \u00fcberhaupt nicht zu rechtfertigen. Niemand durfte es je erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber F\u00fcrst Korigan ist noch nicht besiegt. Er hat sich auf seiner Festung verschanzt und all unseren Versuchen, Ofeha einzunehmen, getrotzt\u201c, sagte Perak\u00edn in die Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien war dem Gespr\u00e4ch nicht gefolgt, doch seine Stimme bereitete ihr eine G\u00e4nsehaut.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du bist besonders. Aber das wei\u00dft du.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOfeha wurde noch nie eingenommen\u201c, fuhr er fort. \u201eDank der Wasserf\u00e4lle und der Fischteiche innerhalb der Burg k\u00f6nnen sie sich jahrelang selbst versorgen, selbst wenn ihre Vorr\u00e4te aufgebraucht sind. Und vermutlich gibt es geheime Wege hinein und hinaus durch die Berge, die der F\u00fcrst benutzt, um Botschaften zu schicken und Nahrung und Waffen zu beschaffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Heganen wiederholte nachdenklich: \u201eOfeha wurde noch nie von Kriegern zu Fu\u00df und zu Pferd eingenommen. Aber mit den Bestien, die der Eisenturm noch beherbergt, k\u00f6nnte es gehen. Mit Drachen w\u00e4re es sogar einfach.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wurde es sehr still auf der Treppe und im Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas deutest du damit an, Heganen?\u201c, fragte Alarion, die Weise vom Brunnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch denke nur laut nach\u201c, entgegnete der Anf\u00fchrer der Rebellion. \u201eDer Eisenturm ist noch voller Werkatzen, Einh\u00f6rner, Nardenb\u00e4ren und Greife.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBestien, die nur dem k\u00f6niglichen Blut Ivenhalls gehorchen\u201c, erinnerte Alarion. Ihre Stimme war sch\u00e4rfer geworden. \u201eUnd haben wir nicht daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass nie wieder ein Menschenk\u00f6nig seine Bestien auf uns losl\u00e4sst? Da wir nun davon sprechen: Als wir uns gegen das Gro\u00dfreich Ivenhall verb\u00fcndeten, schlossen wir ein Abkommen. Nun ist es an der Zeit, den Pakt zu erf\u00fcllen. Gajadis, Niran und ich sind gekommen, um den Zauberkessel zu zerst\u00f6ren. Auch die Bestien, die noch im Eisenturm eigesperrt sind, sollen einen raschen Tod finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch erinnere mich an das Abkommen\u201c, sagte Heganen. \u201eUnd ich bin froh, dass Ihr so schnell gekommen seid, um den Zauberkessel zu vernichten. Wir alle wollen, dass es keine Bestien mehr gibt. Aber noch gibt es welche \u2026 und noch gibt es F\u00fcrsten, die uns bekriegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Hohen Elfen von Madgar Yhs werden nicht unterst\u00fctzen, dass du oder sonst jemand Bestien im Krieg einsetzt\u201c, sagte Alarion hart.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas habe ich auch nicht vor\u201c, erwiderte Heganen ruhig. \u201eSchlie\u00dflich w\u00fcrden die Bestien mir auch nicht gehorchen, da in mir kein k\u00f6nigliches Blut flie\u00dft. Aber noch gibt es jemanden, dem die Bestien gehorchen w\u00fcrden: die Tochter K\u00f6nig Sagamenons.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDarum m\u00fcssen wir die Bestien t\u00f6ten\u201c, erkl\u00e4rte Alarion.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie K\u00f6nigstochter stellt auch unabh\u00e4ngig davon eine Gefahr f\u00fcr uns dar\u201c, fuhr Heganen fort, ohne darauf einzugehen. \u201eEs ist denkbar, dass F\u00fcrst Korigan die K\u00f6nigstochter zu sich holt, mit einem seiner S\u00f6hne verm\u00e4hlt und diesen so zum rechtm\u00e4\u00dfigen Thronfolger von Ivenhall macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie unentschlossenen F\u00fcrsten des Ostens w\u00fcrden ihn anerkennen!\u201c, knurrte Gerothen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen die Prinzessin finden, bevor sie F\u00fcrst Korigan in die H\u00e4nde f\u00e4llt \u2013 oder sonst jemandem, der aus dem alten Gesetz Nutzen ziehen will\u201c, erkl\u00e4rte F\u00fcrst Githeon. Er legte den Kopf schief. \u201eAu\u00dferdem sollten wir die M\u00f6glichkeit in Betracht ziehen, dass du, Heganen, die K\u00f6nigstochter ehelichst. Lasst mich ausreden! Warum die Chance nicht ergreifen, um von den F\u00fcrsten des Ostens anerkannt zu werden \u2013 ganz ohne Blutvergie\u00dfen? Sieben Jahre haben wir gek\u00e4mpft. Mir scheint, wir sollten nicht aus falschem Stolz weiter Krieg f\u00fchren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jubel brach aus, durchsetzt von nur wenigen Buhrufen. Laurien konnte es nicht fassen. Sie wusste, dass viele Heganen auf dem Thron sehen wollten, obwohl die Abschaffung des K\u00f6nigtums zugunsten der Unabh\u00e4ngigkeit der Territorien gerade der Sinn der Rebellion gewesen war, zumindest urspr\u00fcnglich. Aber dass Heganen daf\u00fcr die Prinzessin heiraten sollte \u2013 die Tochter des Mannes, den er wenige Tage zuvor auf diesen Stufen erschlagen hatte, direkte Nachkommin der Tyrannen von Ivenhall \u2013, war f\u00fcr Laurien so wahnwitzig, dass sie nie darauf gekommen w\u00e4re. Doch der Gro\u00dfteil der Menge applaudierte!<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Weisen vom Brunnen sa\u00dfen reglos neben den Menschen, als w\u00e4ren sie erstarrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heganen stand auf und hob die Arme. Seine Anh\u00e4nger verstummten. Er wandte sich an F\u00fcrst Githeon: \u201eIch bin dankbar f\u00fcr deinen klugen Rat, der uns schon oft zum Ziel gef\u00fchrt hat. Es stimmt: Solange die F\u00fcrsten des Ostens und F\u00fcrst Korigan nicht auf unserer Seite stehen oder besiegt sind, geht die Rebellion weiter. Wir haben sieben Jahre gek\u00e4mpft. Wir haben unsere Familien, unsere Freunde und Kameraden sterben sehen. Keiner von uns will, dass der Krieg weitergeht. Wenn es einen friedlichen Weg gibt, unser Ziel zu erreichen, dann werde ich ihn gehen! Aber eins sollte jeder wissen: Das K\u00f6nigreich Ivenhall ist vernichtet. Nie wieder wird uns ein K\u00f6nig mit seinen Bestien tyrannisieren!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jubel war ohrenbet\u00e4ubend. Abermals hob Heganen die Arme, um die Menge zu beruhigen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr habt Recht, ehrenwerte Weise vom Brunnen, dass es keine Bestien mehr geben sollte. Steigt auf den Eisenturm und zerst\u00f6rt den Zauberkessel, sobald ihr euch ausgeruht habt. Dann \u00fcberlegen wir uns, wie wir die Bestien loswerden, die noch im Eisenturm sind.\u201c Er wandte sich an F\u00fcrst Githeon: \u201eDu hast Recht, mein Freund, dass wir die Prinzessin finden m\u00fcssen, bevor ein anderer es tut. Wir werden die k\u00f6niglichen Archive durchsuchen, bis wir ihr Versteck kennen. Da du auf die Idee gekommen bist, willst du es \u00fcbernehmen, die Prinzessin herzubringen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Alarion anzusehen, dass sie am liebsten darauf bestanden h\u00e4tte, dass die K\u00f6nigstochter ebenfalls get\u00f6tet wurde, anstatt sie herzuschaffen \u2013 hierher, wo es noch Bestien gab, die ihr aufgrund ihres k\u00f6niglichen Blutes gehorchen w\u00fcrden. Aber die Weise vom Brunnen wagte es offenbar nicht, so viel K\u00e4lte zuzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcrst Githeon stand auf und reichte Heganen die Hand. \u201eIch danke dir f\u00fcr dein Vertrauen, Heganen. Sobald wir wissen, wo das Versteck der Prinzessin ist, wird mein Sohn Perak\u00edn sie holen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">3.<\/h1>\n\n\n\n<p>Laurien hatte den gro\u00dfen Festsaal des Palasts r\u00e4umen lassen, damit dort alle M\u00e4nner F\u00fcrst Githeons mit den Anf\u00fchrern des Heeres der Rebellen und den drei Weisen vom Brunnen gemeinsam das Abendmahl einnehmen konnten. Zwar hatte ein Feuer eine Wand des Saales ru\u00dfgeschw\u00e4rzt und die meisten Fenster waren zerborsten, aber niemand st\u00f6rte sich daran, im Gegenteil \u2013 sie waren stolz auf die Verw\u00fcstung, weil es ihr Werk war.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Eroberung Ivenhalls hatten die Rebellen nur halb volle Vorratskammern vorgefunden, denn die Belagerung hatte lange gedauert. F\u00fcr den heutigen Anlass hatte Laurien die Aufseher der Vorr\u00e4te dazu bringen k\u00f6nnen, gesiebtes Mehl und ein paar andere Delikatessen, sogar Kristallzucker, zu entbehren. Auf den Tischen t\u00fcrmten sich herzhaft und s\u00fc\u00df gef\u00fcllte Kuchen mit Safranpudding und geschlagener Sahne, frische Fladenbrote und Kr\u00e4uterbutter, gegrillte Schw\u00e4ne und Spanferkel, in Teig frittierte Kastanien und frische \u00c4pfel und Birnen mit Rahmk\u00e4se. Man teilte sich gro\u00dfe Pokale voll s\u00fc\u00dfen Weins und dunkles, sch\u00e4umendes Bier aus F\u00e4ssern.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien wanderte zwischen den B\u00e4nken umher, um mit ihren eigenen Leuten und den Menschen zu plaudern. Nach einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung des F\u00fcrsten und seiner S\u00f6hne nach der Versammlung auf der Treppe hatte sie es vermieden, in Perak\u00edns N\u00e4he zu sein. Haupts\u00e4chlich, weil sie das Gef\u00fchl hatte zu sterben, wenn er sie ansah. Dennoch, sie sp\u00fcrte seine Gegenwart, wie die Kompassnadel den Norden sp\u00fcrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald begannen ein paar Elfen und Menschen zu musizieren, und die Truppen stimmten in den Chor mit ein, dass die Steinmauern bebten. Die langen Abende im Heer hatten dazu gef\u00fchrt, dass sich elfische und menschliche Melodien vermischt hatten, und die beliebtesten Lieder beinhalteten elfische Fl\u00f6ten, menschliche Lauten und die ganze Bandbreite schmutziger W\u00f6rter aus beiden Sprachen. Laurien hatte selbst das eine oder andere Lied am Lagerfeuer erfunden. Unabh\u00e4ngig davon, wie sie aussah \u2013 ihr Gesang war sch\u00f6n, das wusste sie. <em>Die Entstellte mit der Stimme einer Nachtigall. <\/em>So lautete eine der netteren Bezeichnungen, die man f\u00fcr sie hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verbrennung durch die Kriechglut, die in Glaskugeln nach dem Feind geworfen wurde, zog sich von ihrem Hals bis hinauf zur Nase und hatte das Haar \u00fcber ihrem rechten Ohr versengt. Nur wenn sie sang, konnte sie vergessen, wie sie aussah. Wer ihr zuh\u00f6rte, schloss die Augen und f\u00fchlte, was sie f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach mehreren fr\u00f6hlichen und derben Liedern schlug ein Lautenspieler ein Lied an, das Laurien erfunden hatte. Es war langsam, schwerm\u00fctig und zart. Stille breitete sich auf den B\u00e4nken aus und alle lauschten and\u00e4chtig. Die anderen Musiker stimmten mit ihren Instrumenten ein. Ein alter Mann sang den Refrain:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Verklungen sind die Schreie unsrer Feinde<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>und der Bestien Fauchen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wo ist der Freund, der um die Toten weinte?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Feuer ist jetzt leis am Rauchen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und alles, alles w\u00e4r mir lieber<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als der V\u00f6gel frohe Lieder.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer unterbrach ihn: \u201eDoch nicht dein Gejaule!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gel\u00e4chter erscholl. Zwischen den beiden M\u00e4nnern entbrannte ein fr\u00f6hliches Wortgefecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn stand auf. \u201eBitte, beruhigt euch! Und singt weiter. Es ist wundersch\u00f6n. Ich w\u00fcrde gern h\u00f6ren, wie es \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo ist Laurien?\u201c, rief jemand. \u201eLaurien soll ihr Lied singen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLaurien!\u201c, forderten nun mehrere. \u201eWo ist sie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien hatte sich in den Schatten eines Gangs zur\u00fcckgezogen. <em>Es ist wundersch\u00f6n.<\/em> Sie k\u00f6nnte \u2013 ja, sie k\u00f6nnte vor ihm singen. Er hatte sie nie singen h\u00f6ren. Aber die Feuerschalen brannten hell und er w\u00fcrde ihre Entstellung sehen. Nein, keinen Ton w\u00fcrde sie hervorbringen!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wich tiefer in den dunklen Gang zur\u00fcck. Verwunderte Rufe wurden laut, weil man sie nirgends entdeckte. Der fr\u00f6hliche L\u00e4rm zerfiel in Einzelgespr\u00e4che. Bald setzten die Instrumente wieder ein, und andere S\u00e4nger fanden sich, um ihr Lied zum Besten zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien lief durch den Gang davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Frische Luft schien eine gute Idee zu sein, also wanderte Laurien auf der Palastmauer entlang. Wo ein Teil der Mauer eingest\u00fcrzt war, f\u00fchrte ein Hang aus Tr\u00fcmmern geradewegs in die Stadt hinab. Dutzende H\u00e4user waren unter dem Ger\u00f6ll begraben worden. Sie setzte sich auf einen Steinquader, der aus der geborstenen Mauer ragte, und lie\u00df die F\u00fc\u00dfe \u00fcber den Abgrund baumeln. Nachdem sie dem Tod in unz\u00e4hligen Schlachten ins Auge geblickt hatte, machte ihr nicht mehr viel Angst. Jedenfalls keine k\u00f6rperlichen Gefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wind ber\u00fchrte ihr Gesicht. Sie strich sich das Haar zur\u00fcck und atmete tief aus, um nicht zu seufzen \u2026 oder gar zu schluchzen. Sie wollte nicht einmal dar\u00fcber nachdenken, warum. Perak\u00edn flirrte wie ein blendendes Licht durch ihr Bewusstsein, und sie beschloss, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erinnerte sich an Faisah, ihren Ausbilder und Heerf\u00fchrer, der vor zwei Jahren gefallen war \u2013 ein unerwarteter, viel zu fr\u00fcher Tod. K\u00f6nig Sagamenon hatte ihn in einen Hinterhalt gelockt. Er hatte den Hohen Elfen und den Rebellen ein Treffen angeboten, um zu verhandeln. Die Rebellen waren darauf nicht hereingefallen, aber Faisah war gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSelbst wenn es eine Falle ist\u201c, hatte der oberste Befehlshaber des elfischen Heeres an ihrem letzten gemeinsamen Abend am Feuer gesagt, \u201ewerde ich nicht bereuen, gegangen zu sein. K\u00e4mpfen wir nicht f\u00fcr eine Welt, in der ein Wort z\u00e4hlt, selbst das unserer Feinde? Um diese Welt zu verwirklichen, m\u00fcssen wir sie leben. Ich will lieber vertrauen und sterben als zu misstrauen und damit aufrechtzuerhalten, was ich besiegen will.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sehr hatte sie ihn bewundert. Es war leicht, sch\u00f6ne Worte zu bewundern, ehe man den Preis f\u00fcr sie bezahlte. Und Laurien bezahlte ihn am n\u00e4chsten Tag, als sie Faisah aus den \u00e4tzenden Flammen der Kriechglut zog und die Flammen ihr das Gesicht zerfra\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte Faisah nicht retten k\u00f6nnen. Ebenso wenig wie ihre Mutter damals, die den Schnaps und die gn\u00e4digen Tr\u00e4ume des Violettenkrauts ihrer Tochter und dem Leben vorgezogen hatte. Die Tatsache, dass Faisah seinen Tod tapfer in Kauf genommen hatte, spendete ihr dabei keinen Trost.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie so oft, wenn sie in Erinnerungen versank, begann sie das Findelicht zu bef\u00fchlen, das sie unter ihrem \u00c4rmel um ihren Arm gebunden trug. Jedes Neugeborene in Madgar Yhs erhielt einen Splitter, geschlagen aus den H\u00f6hlen des heiligen Brunnens, und die Weisen vom Brunnen konnten an seiner Form ablesen, welches Schicksal das Neugeborene erwartete. Nur wer ein Findelicht besa\u00df, fand au\u00dferdem den Weg nach Madgar Yhs, darum trugen Hohe Elfen ihren Geburtsstein an einer Kette, einem Ohrring, einem Armband, Fu\u00dfreif oder Haarzopf zu allen Zeiten bei sich. Faisah hatte ihr sein Findelicht geschenkt, als der Krieg ausbrach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEgal, wo du geboren wurdest\u201c, hatte er gesagt, \u201edu bist eine Hohe Elfe von Madgar Yhs. Vergiss das nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens da war sie sich sicher gewesen, dass er in Wahrheit ihr Vater war \u2026 Aber sie hatte sich nicht getraut, ihn zu fragen, und nun war es zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter ihr in der Dunkelheit erscholl das helle Lachen einer Frau. Gestalten kamen die Tr\u00fcmmer herauf, taumelten und jauchzten und ermahnten sich mehr im Spa\u00df als im Ernst, leise zu sein. Es waren Rebellen mit Frauen aus der Stadt. In den letzten Tagen hatte Laurien immer \u00f6fter neugierig kichernde B\u00fcrgerinnen im Palast bemerkt. Nun, das war vermutlich besser, als wenn die Krieger durch die Stra\u00dfen zogen und sich gewisse Freiheiten denen gegen\u00fcber herausnahmen, die sie \u201ebefreit\u201c hatten. Dennoch erf\u00fcllten auch die fr\u00f6hlichen Eindringlinge in den Palast Laurien mit Abscheu und Bitterkeit. Und sie sch\u00e4mte sich noch mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst h\u00fcbsch hier\u201c, sagte eine Stimme neben ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast w\u00e4re sie in die Tiefe gest\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn!<\/p>\n\n\n\n<p>Er kletterte zu ihr. \u201eNur leider viel zu kalt. Ich beneide dich um dein elfisches Blut. Du frierst nie, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch.\u201c Im Moment gl\u00fchte sie jedoch so, dass sie vermutlich einen Abdruck im Stein hinterlassen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wandte sich ab, vorgeblich, um die Stadt zu betrachten, die der Nacht mit unz\u00e4hligen Lichtern trotzte. Innerlich verfluchte sie sich daf\u00fcr, ihr Haar zur\u00fcckgestrichen zu haben. Es sich jetzt nach vorn fallen zu lassen, w\u00fcrde nur ihre Eitelkeit offenbaren. Zum Gl\u00fcck sa\u00df er links von ihr, auf ihrer guten Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSieg \u00fcber Ivenhall!\u201c, rief er aus. \u201eWer h\u00e4tte das gedacht? Der K\u00f6nig tot \u2026 und wir hier!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00f6rte jetzt seiner Stimme an, dass er betrunken war. Unter ihnen in den Tr\u00fcmmern quietschte jemand auf. Perak\u00edn fuhr zusammen und hatte seine Hand am Schwertknauf, bevor das Quietschen in ein sinnliches Seufzen \u00fcberging \u2013 er lie\u00df den Schwertknauf los.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSieg!\u201c, spottete er.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile schwiegen sie, Laurien gl\u00fchend bis in die Ohrspitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber es wird niemals enden\u201c, fuhr Perak\u00edn dann fort, offenbar in ganz andere Gedanken versunken. \u201eWie sollte die Gewalt jemals enden? Wir haben uns f\u00fcr Krieg entschieden und jetzt steckt Krieg in uns drin. Entschuldige, ich habe Wein getrunken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir alle wollen, dass der Krieg aufh\u00f6rt. Aber daf\u00fcr die Prinzessin zu entf\u00fchren und Heganen zur Braut zu geben, geht zu weit\u201c, sagte sie, ohne Kontrolle \u00fcber ihren harten Tonfall zu haben. \u201eDaf\u00fcr haben wir nicht gek\u00e4mpft \u2013 damit es am Ende einen neuen K\u00f6nig von Ivenhall gibt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Das haben wir nicht\u201c, gab er zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wut regte sich in ihr. Nicht einmal Perak\u00edn konnte sie diesen Verrat an den Idealen der Rebellion verzeihen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde die Prinzessin nicht entf\u00fchren\u201c, sagte er leise. \u201eEs ist nicht das erste Mal, dass ich mich dem Befehl meines Vaters verweigere. Ich habe es ihm schon gesagt. Mein Bruder Gerothen hat sich bereit erkl\u00e4rt, es an meiner Stelle zu tun. Und so k\u00f6nnen wir alle meinen Ungehorsam verheimlichen, wie immer, und ich muss keine Konsequenzen f\u00fcr mein Handeln f\u00fcrchten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sah, wie er mit den Z\u00e4hnen mahlte. \u201eWarum machst du\u2019s nicht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin gar nicht sicher, ob Krieg besser ist, als die F\u00fcrsten auf diese gesetzm\u00e4\u00dfige feige Weise zu befrieden. Ich \u2026 sehe keine L\u00f6sung. Und ich bin es leid, L\u00f6sungen zu suchen. Ich will, dass es endet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sah ihn an. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie sich in den letzten zwei Jahren nicht get\u00e4uscht hatte. Er war wirklich das unwahrscheinliche Gesch\u00f6pf, das sie durch so viele Tagtr\u00e4ume begleitet hatte. Wenn sie ihn ber\u00fchren k\u00f6nnte \u2026 um dann gl\u00fccklich in den Abgrund zu st\u00fcrzen!<\/p>\n\n\n\n<p>Er erwiderte ihren Blick. Doch sie merkte, dass er sich zwingen musste, vor ihrer Entstellung nicht zur\u00fcckzuweichen. Ein vages L\u00e4cheln stand in seinen Augen. Sie kannte dieses L\u00e4cheln. Sie wusste, was es ausdr\u00fcckte: Mitleid.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin froh, dass wir uns wiedersehen\u201c, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor er ihr kameradschaftlich auf die Schulter klopfen konnte, erhob sie sich und lie\u00df ihr Haar vor ihr Gesicht gleiten. Mit einem gro\u00dfen Schritt war sie an ihm vorbeigestiegen. \u201eEs ist kalt. Wenn du mich entschuldigst \u2026 Willkommen in Ivenhall, Bruder.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil zwei &#8211; Kapitel 2 &#8211; 3 Endlich wieder Sonntag! Letzte Woche habt ihr Laurien kennengelernt, und mit ihr (und Perak\u00edn) geht es nun auch weiter. Bevor die beiden auf Kanem\u00f4 treffen, m\u00fcssen noch ein paar andere Dinge geschehen. Ich bin gespannt, wie es euch gefallen wird! Eiskaffee schl\u00fcrfend wartet vor einem anderen Bildschirm: eure Jenny. * * 2. Laurien eilte durch die Flure des Palasts, vorbei an eingeworfenen Fenstern und zerborstenen Bodenfliesen. Immerhin waren die Blutlachen aufgewischt worden. Aber sie glaubte den Tod noch riechen zu k\u00f6nnen, den so viele hier gefunden hatten. 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