{"id":1731,"date":"2021-08-01T09:29:56","date_gmt":"2021-08-01T08:29:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1731"},"modified":"2021-08-01T09:29:56","modified_gmt":"2021-08-01T08:29:56","slug":"kalt-wie-schnee-hart-wie-eisen-7","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1731","title":{"rendered":"Kalt wie Schnee, hart wie Eisen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Teil zwei &#8211; Kapitel 4 + 5<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Guten Morgen, meine Lieben! Heute kommt eine ordentliche Portion Lesenachschub auf euch zu &#8211; zwei lange Kapitel \u00fcber Laurien und Perak\u00edn. N\u00e4chste Woche wird es daf\u00fcr etwas k\u00fcrzer, aber auch recht dramatisch, oder sagen wir, romantisch &#8230; Ach, wo ist ein Emoji mit wackelnden Augenbrauen, wenn man es braucht? ^.^ Viel Vergn\u00fcgen beim Schm\u00f6kern!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">4.<\/h1>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen versammelten sich Laurien und etliche ihrer Krieger, Heganen und viele Rebellen im Hof rund um den Eisenturm. Andere schauten aus den Fenstern des Palasts oder sogar von den D\u00e4chern aus zu, wie die drei Weisen vom Brunnen sich dem Eisenturm n\u00e4herten. Da das Palasttor offen stand und die Mauer zudem an etlichen Stellen eingebrochen war, kamen auch noch Schaulustige aus dem Volk dazu, die sich freuten, dass der Zauberkessel von den Gelehrten des Elfenvolks vernichtet werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien meinte jedoch in der Menge, die auf die Palastmauern kletterte, auch feindseligen Blicken zu begegnen. K\u00f6nig Sagamenon mochte seine Untertanen tyrannisiert haben, aber die Zauberkunst, mit der die K\u00f6nige Ivenhalls Drachen und Werkatzen, Einh\u00f6rner und Greife aller Art erschaffen hatten, war dennoch die Zauberkunst der<em> Menschen<\/em> gewesen; und sobald der Zauberkessel vernichtet war, w\u00fcrden nur noch die Hohen Elfen im geheimen Madgar Yhs wissen, wie man aus dem Nebel sch\u00f6pfte. Laurien konnte verstehen, warum so viele Menschen ihrem Volk misstrauten. Viele behaupteten, die Hohen Elfen h\u00e4tten nur gegen Ivenhall gek\u00e4mpft, um selbst als die M\u00e4chtigsten aus dem Krieg hervorzugehen. Wahrscheinlich war das tats\u00e4chlich der Grund, warum die Zw\u00f6lf Weisen vom Brunnen die Rebellion unterst\u00fctzt hatten. Aber Laurien wusste, dass sie selbst aus anderen Gr\u00fcnden gek\u00e4mpft hatte. Und nicht nur sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor die drei Weisen den Eisenturm emporstiegen, wechselte Alarion noch ein paar h\u00f6fliche Worte mit Heganen. Er w\u00fcnschte ihnen Erfolg und sie bedankte sich, lauter Floskeln, die keiner der beiden wirklich ernst meinte. Laurien kannte Heganen gut genug, um zu bemerken, wie z\u00f6gerlich sein Umgang mit den Weisen vom Brunnen war. Hatte er die jahrhundertealte Zauberkunst der Menschen beenden wollen, als er die Rebellion begonnen hatte? Oder hatte er sich lediglich dazu bereit erkl\u00e4rt, weil er damit die Unterst\u00fctzung der Elfen gewann? Kamen ihm erst jetzt Zweifel, da er gesiegt hatte und begriff, dass er den Zauberkessel zu seinen Gunsten nutzen k\u00f6nnte, wenn er die K\u00f6nigstochter fand? Dass Laurien Letzteres mittlerweile \u00fcberhaupt f\u00fcr m\u00f6glich hielt, beunruhigte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich stiegen Alarion, Gajadis und Niran den unheimlichen Eisenturm hinauf, der sich scheinbar endlos in den Himmel bohrte. Die anderen sahen ihnen nach, wie sie im Innern des Pfeilers verschwanden und weiter oben wieder auftauchten, wann immer die Treppe ein St\u00fcck au\u00dfen entlangf\u00fchrte. Laurien h\u00e4tte viel daf\u00fcr gegeben, in diesem Moment in Heganens Herz lesen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie standen noch alle um den Eisenturm, als F\u00fcrst Githeons Sohn Gerothen in Begleitung einiger Ritter seines Vaters aus dem Palast gelaufen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben sie gefunden!\u201c, rief Gerothen und schwenkte ein Papier. Er schob sich durch die Menge und fasste Heganen st\u00fcrmisch an den Armen. \u201eDie K\u00f6nigstochter. In diesem Brief aus den geheimen Archiven Sagamenons steht, dass sie in einem Mondtempel am Nordmeer ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Heganen nahm den Brief und \u00fcberflog ihn. <em>\u201eEuer Blut ist rein und unschuldig\u201c,<\/em> las er leise vor. \u201e<em>Unser tiefster Dank f\u00fcr Euer gro\u00dfz\u00fcgiges Entgelt. Damit ist f\u00fcr mehr als den Schutz und den Komfort Eures Blutes gesorgt.\u201c<\/em> Er blickte auf. \u201eWenn hier nicht von der Prinzessin die Rede ist, dann von einem Bastard des K\u00f6nigs.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinem weiblichen Bastard, weil die Absenderin eine Hohepriesterin des Mondes ist. So oder so, eine Tochter vom Blut der K\u00f6nige von Ivenhall!\u201c, rief Gerothen mit funkelnden Augen. \u201eIch bin bereit, sofort aufzubrechen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Heganen nickte, dann umarmten die beiden sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eViel Gl\u00fcck!\u201c, w\u00fcnschte Heganen. Und es klang nicht so, wie er es kurz zuvor zu Alarion gesagt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErwarte mich in einem halben Mond wieder!\u201c, rief Gerothen, dann verlangte er lautstark nach einem Pferd und rannte zu den St\u00e4llen, gefolgt von seinen Rittern. Die Rebellen gr\u00f6lten und klatschten.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien schloss die Augen. Sie dachte an Perak\u00edn, der ebenfalls irgendwo in der Menge sein musste. Er empfand wahrscheinlich dasselbe wie sie und das war immerhin ein Trost.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Art Fest begann auf dem Hof. Der Anlass war weniger der Auftrag der Weisen vom Brunnen als vielmehr Gerothens Aufbruch, um die Prinzessin zu entf\u00fchren. Die Rebellen entfachten ein Lagerfeuer und brachten Fleisch und Maronen zum R\u00f6sten und zwei F\u00e4sser Bier. Im Lauf des Tages kamen immer mehr Menschen und Elfen dazu, angelockt vom Duft des Essens und der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tatsache, dass eigentlich Perak\u00edn mit der Entf\u00fchrung der Prinzessin beauftragt worden war und sich geweigert hatte, lieferte Z\u00fcndstoff f\u00fcr heftige Debatten. Es gab einige, die Perak\u00edn f\u00fcr seine Standhaftigkeit lobten und auf das Gesetz pfiffen, nach welchem K\u00f6nig wurde, wer die K\u00f6nigstochter ehelichte. Die Mehrheit schien jedoch tats\u00e4chlich daf\u00fcr zu sein, die Prinzessin zu entf\u00fchren, damit kein anderer Anspruch auf den Thorn erheben konnte. Laurien h\u00f6rte sogar den einen oder anderen beklagen, dass die Weisen vom Brunnen den Zauberkessel zerst\u00f6rten \u2013 jetzt, wo bald k\u00f6nigliches Blut in Gewalt der Rebellen sein w\u00fcrde und man die Sch\u00f6pfung von Bestien f\u00fcr ihre Zwecke einsetzen k\u00f6nnte. Sie war schockiert, dass Heganen als neuer K\u00f6nig f\u00fcr die meisten Rebellen offenbar keinen Bruch mit ihren Idealen darstellte. So sehr liebten sie Heganen, dass sie ihn auf dem Thron des Gro\u00dfreiches sehen wollten, das doch eigentlich zerschlagen werden sollte! Am schlimmsten war, dass Heganen nicht widersprach. Auch wenn er bisher behauptete, es sei nur eine Sicherheitsma\u00dfnahme, die Prinzessin zu entf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre war Laurien ihm durch dick und d\u00fcnn gefolgt und hatte nie an ihm gezweifelt. Aber ein Sieg ver\u00e4nderte die Menschen offenbar. Auch ihren Anf\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebel begann vom Turm herabzuwallen. Die Weisen vom Brunnen waren also am Werk. Mehr als einmal hatte Laurien sich gefragt, wie das Nebelreich wohl aussah, das sich im Kessel \u00f6ffnete. Und wie genau man mit ihm Zauber wirkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne verschwand hinter den dicken Schwaden und mit der D\u00e4mmerung verdunkelte sich auch die Stimmung im Palast. Als immer mehr betrunkene Menschen feindselig \u00fcber die Machenschaften der Hohen Elfen sprachen, hielt Laurien es nicht mehr aus. Sie entschuldigte sich damit, die Nachtwache am Stadttor auf der S\u00fcdseite \u00fcbernehmen zu wollen, und verlie\u00df die Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Reif \u00fcberzog die gepflasterten Stra\u00dfen und Treppen unter ihren F\u00fc\u00dfen und knirschte bei jedem Schritt. Bald w\u00fcrde es Schnee geben. Ihr gefiel die Vorstellung, dass das vom Krieg zerst\u00f6rte Land unter einer wei\u00dfen Decke verschwinden w\u00fcrde. An den Fr\u00fchling wollte sie nicht denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde dunkel, w\u00e4hrend Laurien durch die Stadt zum S\u00fcdtor wanderte. Dort war die Br\u00fccke w\u00e4hrend der Belagerung stark besch\u00e4digt worden, aber inzwischen wieder repariert. Im Schein zweier einsamer Fackeln lehnte Erinian, der oberste Befehlshaber der elfischen Bogensch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu wirkst traurig\u201c, sagte er. Dabei war seine eigene Miene praktisch immer von einem unbestimmten Kummer \u00fcberschattet. Er war ein stiller, ernster Mann mit langem Gesicht und zierlichem K\u00f6rper, zehn Jahre \u00e4lter als Laurien und in ihren Augen weiser, als sie am Ende ihres Lebens zu sein hoffte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas soll ich sagen \u2013 ich vermisse das Gro\u00dfreich und einen starken K\u00f6nig\u201c, erwiderte sie sarkastisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinian l\u00e4chelte sein dezentes L\u00e4cheln, das beinahe nur an seinen Augen abzulesen war. \u201eDas scheint gerade vielen so zu gehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas f\u00fcr ein riesiger Schwachsinn\u201c, knurrte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinian zuckte mit den Schultern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie du je Krieg f\u00fchren konntest mit deinem Gleichmut, ist mir ein R\u00e4tsel\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Rage liegt tief in mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie l\u00e4chelten beide, um nicht zu seufzen. Obwohl sie selten Vertraulichkeiten austauschten, z\u00e4hlte sie ihn und Savionne zu ihren beiden besten Freunden. Er, ebenso wie Savionne, hatte sie von Anfang an als Anf\u00fchrerin des Heeres respektiert, w\u00e4hrend der Rest der Welt in ihr nichts anderes gesehen hatte als eine Art Symbol: die junge, tragisch entstellte Schwertk\u00e4mpferin, die an der Spitze der elfischen Truppen f\u00fcr ihre Rache k\u00e4mpfte. Sie wusste selbst, dass die zw\u00f6lf Weisen vom Brunnen sie wegen ihres Effekts und nicht wegen ihrer F\u00e4higkeiten zur Befehlshaberin ernannt hatten \u2013 auch weil sie eine Nachtelfe war und die Weisen vom Brunnen damals versuchten, m\u00f6glichst viele Nachtelfen f\u00fcr den Krieg zu gewinnen. Aber das bedeutete nicht, dass sie nicht tats\u00e4chlich eine gute Befehlshaberin war, und Erinian hatte es ihr zugetraut, noch bevor sie es bewiesen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeh dich ausruhen\u201c, riet sie ihm. \u201eOder feiere mit den Menschen, dass die K\u00f6nigstochter entf\u00fchrt wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn meinen Tr\u00e4umen.\u201c Er deutete eine Verneigung an, dann dr\u00fcckte er ihr die Schulter zum Abschied und ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien konnte nicht widerstehen, in den Katzenrachen hinabzusp\u00e4hen. An manchen schmalen Stellen, wo die Schlucht besonders steil abfiel, gen\u00fcgte ein Fehltritt, um in die Tiefe zu st\u00fcrzen. Sie machte die Schemen von Tannen und Klippen aus, mehr nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann warf sie einen Blick auf den Eisenturm zur\u00fcck, der als unheimlicher Pfeiler \u00fcber der Stadt aufragte, die obersten S\u00e4ulen wie Klauen in den Himmel gekrallt. Noch immer quoll Nebel aus ihm hervor und breitete in der Dunkelheit eine schimmernde Decke \u00fcber Ivenhall. Laurien hoffte, dass es den Weisen vom Brunnen gelang, den Zauberkessel zu zerst\u00f6ren \u2013 wie auch immer sie es bewerkstelligen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich wandte sie sich der Br\u00fccke zu, die sie bewachen sollte. Es war eine langweilige Aufgabe. Anfangs gelang es ihr, nicht an Perak\u00edn zu denken, weil ihre Entt\u00e4uschung \u00fcber Heganen und seine Anh\u00e4nger sie besch\u00e4ftigte. Aber die Einsamkeit, die Stille und die Dunkelheit lockten ihre Tagtr\u00e4ume hervor \u2026 und nach und nach wehrte sie sich nicht mehr dagegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er sich auf der Palastmauer neben sie gesetzt hatte. Wie wahrscheinlich war es, dass er sie zuf\u00e4llig entdeckt hatte? Die Vorstellung, er k\u00f6nnte sie gesucht haben, schloss sich wie eine warme Hand um ihr Herz \u2026 Aber er war betrunken gewesen. Bestimmt hatte er nur frische Luft schnappen wollen und war ihr unabsichtlich \u00fcber den Weg gelaufen. Und doch versenkte sie sich in die Vorstellung, es sei anders gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du bist besonders. Aber das wei\u00dft du.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bitterkeit stieg in ihr auf. Ja, mittlerweile war sie besonders. Aber nicht f\u00fcr ihn. Nicht auf die Weise, auf die sie besonders sein wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nebel zog \u00fcber den Himmel, verbarg den Mond. Laurien schloss die Augen und erlaubte sich, f\u00fcr einen Moment nicht besch\u00e4mt zu sein. Unabh\u00e4ngig davon, wie unangemessen ihre Gef\u00fchle waren \u2013 wenn jemand es verdiente, heimlich verehrt zu werden, dann Perak\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie die Augen wieder \u00f6ffnete, glaubte sie einen Moment, noch zu fantasieren. Sie blinzelte, aber es war keine Einbildung: Eine Frau kam \u00fcber die Br\u00fccke des Katzenrachens geschritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien umfasste ihren Schwertknauf und trat vor. \u201eStehen bleiben. Gib dich zu erkennen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau blieb stehen. Sie trug einen merkw\u00fcrdigen hohen Hut mit breiter Krempe. Dann raunte sie etwas, das Laurien unm\u00f6glich verstehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSprich lauter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder das Raunen. Die Frau schien nicht lauter sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach kurzem Z\u00f6gern winkte Laurien sie heran: \u201eKomm in den Feuerschein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Frau in den Lichtkreis der Fackeln trat, erkannte Laurien, dass elfisches Blut in ihr floss, wenn auch verd\u00fcnnt. Die Ohren liefen nur leicht spitz zu, aber der goldgr\u00fcnliche Schimmer ihrer Haut und der Gr\u00fcnstich in den blonden Haarstr\u00e4hnen, die unter dem Hut vorlugten, waren eindeutig. Ihr Gesicht wirkte merkw\u00fcrdig. Einerseits lie\u00df sich kaum bestreiten, wie h\u00fcbsch sie war \u2013 von geradezu puppenhafter Niedlichkeit. Andererseits passte irgendetwas nicht. Als w\u00e4re der Sch\u00e4del unter der Haut verzerrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien vermutete, dass sie aus den S\u00fcmpfen stammte und auch zwergische Vorfahren hatte. Es kam nicht selten vor, dass Nachtelfen, die in den Menschenreichen oder S\u00fcmpfen lebten, Kinder mit Menschen oder mit Zwergen bekamen. Falls sie elfische Traditionen wahrten, verdingten sie sich oft als Zauberer, Wahrsager oder Heiler, so wie Lauriens Mutter es getan hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeid gegr\u00fc\u00dft\u201c, raunte das M\u00e4dchen mit einer merkw\u00fcrdig erloschenen Stimme im Dialekt der Leute vom Sumpfland. \u201eIch wei\u00df, ich komme sp\u00e4t. Hoffentlich nicht zu sp\u00e4t, um eingelassen zu werden. Es ist kalt \u2026 ich bin viele Tage gewandert. Ich sehne mich nach einem warmen Lager. Ich komme den weiten Weg vom Sumpfland, weil ich von der Rebellion geh\u00f6rt habe. Ist es wahr, dass K\u00f6nig Sagamenon erschlagen wurde und seine Leiche vor dem Palast gezeigt wird? Komme ich zu sp\u00e4t, um seine Leiche zu sehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBist du nur deswegen gekommen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will es mit eigenen Augen sehen\u201c, fl\u00fcsterte das M\u00e4dchen. \u201eIch habe meine Gr\u00fcnde, mich \u00fcber den Tod des K\u00f6nigs zu freuen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien fragte nicht nach. Es reisten immer wieder Leute an, um sich vom Sieg der Rebellion zu \u00fcberzeugen. Viele hatten einen Angeh\u00f6rigen oder Geliebten verloren und machten den K\u00f6nig daf\u00fcr verantwortlich, sodass sie nun zur Leiche des Herrschers pilgerten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df, es ist sp\u00e4t, und nachts wird niemand in die Stadt gelassen\u201c, sprach die junge Elfe weiter. \u201eAber ich bin m\u00fcde und ich sehne mich nach einem Feuer und einem Bett.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00d6ffne den Mantel und dein B\u00fcndel\u201c, sagte Laurien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen tat wie gehei\u00dfen. In ihrem B\u00fcndel waren nur Reste einer Wegzehrung und Kleider zum Wechseln. Unter dem Mantel trug sie ein knielanges, mit Bienen besticktes Gewand nach Zwergenart, wie man es heute nur noch selten erblickte. Aber sie hatte keine Kugeln voll Kriechglut bei sich und auch sonst keine Waffen. Nicht einmal einen Dolch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd den Hut\u201c, forderte Laurien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen nahm den Hut ab und eine Flut herrlich gewellter Haare ergoss sich \u00fcber ihre Schultern. Auch unter dem Hut versteckte sie keine Kriechglutkugeln oder andere Mittel, um Unruhe zu stiften.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien winkte sie hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielen Dank\u201c, fl\u00fcsterte das M\u00e4dchen. \u201eIhr seid zu g\u00fctig! Ich danke Euch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schlich an Laurien vorbei. Ein eisiger Luftzug schien ihr nachzuwehen. Laurien h\u00f6rte, wie das M\u00e4dchen zusammenzuckte und erneut stehen blieb, um Laurien einen Blick zuzuwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Schatten frisst an deinem Herzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fl\u00fcsterstimme des M\u00e4dchens wurde nicht lauter, aber sie schien tiefer zu werden: \u201eEin Schatten frisst an deinem Herzen. Du wirkst stark \u2026 aber innerlich bist du gebrechlich wie eine Sterbende. Du stirbst an einem s\u00fc\u00dfen Gift, das du nicht aufh\u00f6ren kannst zu trinken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien fr\u00f6stelte. \u201eWer bist du?\u201c, fragte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNur eine Zauberkundige vom Volk der Elfen, die dies und jenes tauscht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien sp\u00fcrte, wie die Fremde sie musterte. Wie sie ihre Verbrennung betrachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHinter deinen Wunden verbirgt sich eine liebenswerte Frau. Wenn du sie zum Vorschein bringen willst \u2013 f\u00fcr eine Nacht kann ich es dir erm\u00f6glichen. Eine Nacht.\u201c Die Fremde nestelte an ihrem Hut herum und riss eine Kette quadratischer Kupferpl\u00e4ttchen von der Krempe, die scheinbar zur Zierde gedient hatte. Sie faltete die Kupferpl\u00e4ttchen \u00fcbereinander, sodass sie wie ein winziges Buch aussahen, zwei Finger dick und einen Daumen lang. Sie reichte sie Laurien. \u201e\u00d6ffne das Spiegelkabinett und begegne deinem eigenen Blick in jeder Reflexion. Und der, den du liebst, wird f\u00fcr eine Nacht die Frau in dir sehen, die er lieben kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c, wiederholte Laurien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fremde l\u00e4chelte und schloss Lauriens Finger um das Kupferb\u00fcchlein. Dann drehte sie sich um und eilte in die Stadt davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien sah ihr nach, unf\u00e4hig, sich zu regen. Das seltsame Geschenk lag schwer in ihrer Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Zauberkundige vom Volk der Elfen \u2026 als ob! Eine Zauberkundige hatte auch Lauriens Mutter sich genannt, wenn sie so zugedr\u00f6hnt vor Violettenkraut gewesen war, dass sie sich nicht an ihren eigenen Namen erinnerte. Und dennoch schauderte Laurien bei der Erinnerung an die Worte des M\u00e4dchens.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder nahm sie die gefalteten Kupferscheiben aus ihrer G\u00fcrteltasche, bef\u00fchlte sie und wusste nicht, ob sie sie auseinanderklappen oder lieber in den Katzenrachen werfen sollte. Nein, nat\u00fcrlich wusste sie, was sie tun <em>sollte<\/em>. Sie konnte sich nur nicht \u00fcberwinden, das Artefakt in den Abgrund zu schleudern. Falls es wirklich Zauberkraft besa\u00df \u2026 aber warum h\u00e4tte die Halbelfe l\u00fcgen sollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen, Elfen und Zwerge besa\u00dfen jeweils ihre ganz eigene Zauberkunst. Die Menschen deuteten die Mysterien des Mondes und der Sonne, um der Erde Pflanzen zu entlocken und Tiere zu z\u00fcchten. Darum hatten die K\u00f6nige von Ivenhall wohl auch Bestien aus dem Zauberkessel gesch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zauberlehre der Elfen drehte sich um den Strom der Zeit und das Flie\u00dfende des Raumes, die beide eine Frage des Blickwinkels waren, und darum erlaubte der Brunnen in Madgar Yhs den Weisen angeblich auch, in ferne Zeiten zu blicken und gelegentlich weite Distanzen mit einem einzigen Schritt zur\u00fcckzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zwerge beherrschten eine verwandte Kunst \u2013 die Kunst, Traum und Wirklichkeit zu entzweien und aufs Neue zu verweben. Laurien erinnerte sich an Sagen \u00fcber Zwergenzauber, die mit Illusionen und Betr\u00fcgereien zu tun hatten. Zumindest erz\u00e4hlten sich die Elfen solche Geschichten \u00fcber das Kleine Volk, das in der Vergangenheit viel m\u00e4chtiger gewesen war als heute und nicht selten Krieg gegen die Elfen gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war denkbar, dass die Halbelfe Laurien einen T\u00e4uschungszauber des Kleinen Volkes geschenkt hatte. Aber warum? Aus Dankbarkeit? Aus Mitleid? Ja, Laurien wusste, dass sie gro\u00dfes Mitleid in anderen ausl\u00f6sen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie behielt das Artefakt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center\">5.<\/h1>\n\n\n\n<p>Die drei Weisen vom Brunnen blieben l\u00e4nger auf dem Eisenturm, als Laurien oder sonst jemand vermutet h\u00e4tte. Die Nacht verstrich, dann der ganze n\u00e4chste Tag. Unaufh\u00f6rlich wallte Nebel vom Turm herab und tauchte die Stadt in frostigen Dunst. Abends begann man schon zu f\u00fcrchten \u2013 oder zu hoffen \u2013, dass es den Elfen nicht gelang, den Zauberkessel zu vernichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien sa\u00df gerade mit ihren Kriegern beim Nachtmahl, als Schnee zu fallen begann, zart und flauschig wie Daunenfedern. Es war der erste Schnee des Jahres. Die Welt schien den Atem anzuhalten, um dem feinen Glockenhall der Flocken zu lauschen, die weit oben durch den Zauberkessel glitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich dr\u00f6hnte ein ohrenbet\u00e4ubendes Fauchen durch den Himmel. Die Mauern des Palasts bebten. Laurien und die Krieger liefen in den Hof. Nur der Fu\u00df des Turms war im Nebel auszumachen. Doch ein Gestank lag in der Luft, der sich Laurien ins Ged\u00e4chtnis gebrannt hatte: Kriechglut.<\/p>\n\n\n\n<p>Es roch nach dem brennenden Atem eines Drachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Panik brach aus. Was geschah dort oben? Windst\u00f6\u00dfe trieben den Nebel auseinander, aber die Nacht war tief und schwarz. Sie sahen nichts. Aus der Stadt weiter unten erhoben sich Schreie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFeuer!\u201c, kreischte jemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien fuhr herum und sah in den Himmel, in den manche deuteten, aber sie konnte nichts erkennen. Mehrere Herzschl\u00e4ge lang starrten alle in die Dunkelheit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Licht ist am Himmel aufgeglommen\u201c, beharrten diejenigen, die in die richtige Richtung geschaut hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien war zu jung, um die Tage miterlebt zu haben, in denen K\u00f6nig Sagamenons Herrschaft von Drachen gesichert worden war. Aber es gab \u00e4ltere unter den Kriegern, die es wagten, das Wort in den Mund zu nehmen: <em>Drache<\/em>. Es hatte tats\u00e4chlich gerade nach Kriechglut gerochen, das konnte auch Laurien best\u00e4tigen. Aber sie z\u00f6gerte, eins und eins zusammenzuz\u00e4hlen. Nicht nur hatten die Weisen vom Brunnen keinerlei Grund, einen Drachen zu erschaffen \u2013 sie waren dazu auch gar nicht in der Lage, da in ihnen kein K\u00f6nigsblut floss, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie warteten bange Stunden im Hof und behielten die Stadt und den Himmel im Auge. Sp\u00e4t nachts lichtete sich der Nebel und die Sterne wurden sichtbar. Zwei wankende Gestalten stiegen den Eisenturm herab. Es waren Alarion und Niran. Alarions Sohn Gajadis fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben ihn verloren\u201c, sagte Alarion mit kaum h\u00f6rbarer Stimme und scheinbar an niemanden direkt gerichtet. Ihr Blick glitt \u00fcber Laurien, die Elfenkrieger, Heganen und seine Rebellen, als w\u00fcrde sie sie nicht erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Niran zog die Brauen zusammen, als sei er ver\u00e4rgert. Doch es war sein Versuch, damit das Entsetzen zu verbergen, das in seinen dunklen Augen glomm. Der junge Zaubergelehrte bem\u00fchte sich sichtlich darum, gefasst zu wirken. Er und Alarion lie\u00dfen sich in die Speisehalle des Palasts f\u00fchren und setzten sich ans Feuer. Laurien bemerkte, dass Nirans H\u00e4nde zitterten. Obwohl beide seit mehr als einem Tag nichts zu sich genommen hatten, brachten sie kaum einen Bissen hinunter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist passiert?\u201c, fragte Heganen.<\/p>\n\n\n\n<p>Niran senkte den Kopf. Fast fiel ihm das Brotst\u00fcck aus der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Zauberkessel ist zerbrochen\u201c, sagte Alarion. \u201eEs ist vorbei. F\u00fcr immer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar verhaltene Dankesrufe und Seufzer der Erleichterung wehten durch die Menge, aber die Mehrheit schwieg. Alarion, die selbst dann k\u00fchl wirkte, wenn sie l\u00e4chelte, betrachtete die Menschen mit unverhohlener Verachtung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDein Sohn ist f\u00fcr uns gestorben\u201c, sagte Heganen, als lese er den Gedanken von ihren Augen ab. \u201eWie tief wir in der Schuld der Hohen Elfen stehen, ist nicht in Worte zu fassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schwiegen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zauberkessel war zerbrochen, wie Alarion gesagt hatte. Ein endloser Zug von Schaulustigen erklomm am n\u00e4chsten Morgen den Turm, um es mit eigenen Augen zu sehen. Laurien schloss sich ihnen nicht an; es reichte ihr, die merkw\u00fcrdigen Splitter, Tropfen und Scherben aus Eisen zu sehen, die sie mitbrachten. Das Ger\u00fccht, die Weisen vom Brunnen h\u00e4tten einen Drachen erschaffen, bevor sie den Kessel zerst\u00f6rten, verbreitete sich in ganz Ivenhall. Aber es gab keine Beweise und Lauriens Meinung nach auch keinerlei Grund zu der Annahme. Sie war \u00fcberdies mit anderen Gedanken besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ihren Patrouillen durch die Stadt hielt sie Ausschau nach der Nachtelfe, aber sie sah sie nicht wieder. Daf\u00fcr hatte sie das Gef\u00fchl, Perak\u00edn st\u00e4ndig \u00fcber den Weg zu laufen. Sie stand morgens bei der Essensausgabe direkt hinter ihm, kam zur selben Zeit wie er in die Waffenkammer und beschloss zuf\u00e4llig, an derselben Stelle beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen wie er. Als w\u00e4re es nicht genug, dass sie ihm bei den Ratssitzungen mit Heganen und den Abendmahlen begegnete! Er musste glauben, sie lauere ihm auf. Nachdem er ein paarmal versucht hatte, mit ihr ein h\u00f6fliches Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren, und sie nur einsilbig geantwortet hatte, gr\u00fc\u00dfte er schlie\u00dflich nur noch knapp oder nickte ihr lediglich zu. Das war ihr einerseits lieber, andererseits zerriss es ihr das Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie an diesem Abend von den Scheiterhaufen vor der Stadt zur\u00fcckkehrte \u2013 sie hatte die Wache als Vorwand genommen, um nicht beim Abendmahl dabei sein zu m\u00fcssen \u2013, wanderte sie ohne Eile durch die Stra\u00dfen. Es war sp\u00e4t, und die Stadt wirkte verlassen, vor allem in den ehemaligen Vierteln der Noblen, die nun Ruinenlandschaften waren. Schneeflocken landeten auf ihrer Nasenspitze wie zarte Feenk\u00fcsse, und pl\u00f6tzlich f\u00fchlte sie sich so einsam, dass sie f\u00fcrchtete, ihre Tr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kam an einer Villa vorbei, deren Mauer und Dach an einer Seite abgebrannt waren. Doch in einem riesigen Kamin prasselte ein Feuer und rauchte in den Nachthimmel hinauf und drei Rebellen sa\u00dfen auf umgest\u00fcrzten S\u00e4ulen und spielten fr\u00f6hliche Lieder mit einer Laute, einer Fl\u00f6te und einer Trommel. Ihre Mienen verrieten Ersch\u00f6pfung. Im Hintergrund befanden sich Schlafst\u00e4tten, zwischen denen M\u00e4nner und Frauen umherhuschten, um Verwundete zu versorgen. Die Musik \u00fcbert\u00f6nte das St\u00f6hnen und Wimmern nur vage.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien blieb stehen. Sie hatte es immer vermieden, sich um Verwundete zu k\u00fcmmern; nicht unbedingt, weil sie den Anblick nicht ertrug, sondern weil sie ahnte, dass viele Verwundete <em>ihren<\/em> Anblick nicht gerade m\u00f6gen w\u00fcrden. Ihr Gesicht w\u00fcrde ihnen vielleicht die Hoffnung nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann entdeckte sie Perak\u00edn, der einen Eimer mit hei\u00dfem Wasser von der Feuerstelle f\u00fcllte, um damit einen Verwundeten zu waschen. Fast h\u00e4tte Laurien aufgelacht. Es war, als f\u00fchre das Schicksal sie immer wieder zu ihm, nur um ihr zu zeigen, wie liebenswert er war. Und wie unerreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie drehte sich um, hastete eine Treppe hinunter \u2013 und konnte doch nicht gehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du bist besonders. Aber \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sie nur erfahren k\u00f6nnte, wie er das damals gemeint hatte. Sie ging davon aus, dass er sich nicht viel dabei gedacht hatte \u2013 oder jedenfalls nicht das, was Laurien in Anbetracht <em>seiner<\/em> Besonderheit empfand. Aber sie wusste es nicht mit Sicherheit und das brachte sie schier um den Verstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie dachte an das aufklappbare Kupferartefakt in ihrer G\u00fcrteltasche. Mehrere Atemz\u00fcge lang konnte sie sich davon abhalten, es hervorzuholen. Schlie\u00dflich tat sie es doch. Sie hielt es in der Hand, f\u00fchlte seine erstaunliche Schwere. Wenn sie tats\u00e4chlich f\u00fcr eine Nacht ein anderes Gesicht haben k\u00f6nnte \u2013 nur damit sie noch einmal erlebte, wie es sich anf\u00fchlte, ohne Mitleid von ihm angesehen zu werden. Was hatte sie zu verlieren? Sie hatte ihr Leben so oft f\u00fcr die Rebellion riskiert. Und ihr Ziel war erreicht. Es gab nichts mehr, wof\u00fcr sie k\u00e4mpfen wollte. Nichts mehr, was dem, was ihr widerfahren war, irgendeinen Sinn verlieh. Alles, was sie jetzt noch wollte, war vergessen, und sei es auch nur f\u00fcr eine Nacht \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hielt das Kupferartefakt in der Faust. Aber wie falsch w\u00e4re es, Perak\u00edn zu bel\u00fcgen? Wenn sie es tat, konnte sie ihm danach wirklich nie wieder unter die Augen treten. Das war es nicht wert. Sie holte aus, um das Kupferartefakt in die Dunkelheit zu schleudern.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment wurde am Lagerfeuer ein neues Lied angestimmt. Ihr Lied.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u2026 Und alles, alles w\u00e4r mir lieber<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>als der V\u00f6gel frohe Lieder \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie senkte den Arm, mit einem Mal jeder Kraft beraubt, und musste sich gegen die Mauer lehnen. Als sie \u00fcber den Treppenabsatz sp\u00e4hte, sa\u00df Perak\u00edn bei den Musikanten und wartete wohl darauf, dass neues Wasser \u00fcber dem Feuer zu kochen begann. Er hatte sich das Lied gew\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien \u00f6ffnete die Faust. Blickte auf das zauberische Artefakt. Sah ihren Fingern dabei zu, wie sie die Kupferpl\u00e4ttchen auseinanderfalteten, als h\u00e4tte sie keine Kontrolle dar\u00fcber. Das Licht des Kaminfeuers verfing sich auf dem Metall und schien die Pl\u00e4ttchen zu verfl\u00fcssigen. Laurien sah ihr Spiegelbild auf dem ersten Pl\u00e4ttchen \u2013 ein Schemen mit tr\u00e4nenvollen Augen \u2013, dann auf dem zweiten Pl\u00e4ttchen, dem dritten, dem vierten \u2026 In jeder Spiegelung schien ihr Spiegelbild deutlicher und zugleich fremder zu werden. Als sie ihrem Blick im siebten und letzten Spiegelbild begegnete, war alle Vertrautheit fort. Ihr Gesicht schien zu leuchten. Laurien schnappte nach Luft. Ihr Atem schien sie von innen heraus umzuformen. Das Gef\u00fchl dauerte nur einen Herzschlag an. Was war passiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie starrte auf die Kupferpl\u00e4ttchen. Ihre Spiegelung war wieder schwach und verschwommen, aber es bestand kein Zweifel, dass ihr Aussehen nicht mehr dasselbe war. Nein, kein bisschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war \u2026 unversehrt. Sie bef\u00fchlte ihre Wange, ihren Mund \u2013 tats\u00e4chlich, ihre Haut war weich und glatt, keine Spur einer Verbrennung! Mehr noch, sie war sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n wie die Halbelfe, die ihr den Zauber gegeben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00fcppige, gewellte Haar der Halbelfe fiel ihr \u00fcber den R\u00fccken, eher blond als moosfarben. Die Schatten in ihrem Gesicht hatten etwas Silbergraues, da sich in ihrem Hautton die gr\u00fcnlichen Nuancen einer Elfe mit den rosigen eines Menschen mischten. Ihre Nase war niedlich und flach, die Lippen wie eine helle Bl\u00fcte und ihre Augen \u2026 Es waren Augen voll schwerem Blau wie salziges, stilles Wasser. Ungl\u00e4ubig tastete sie \u00fcber dieses puppenhafte Gesicht. Es war falsch \u2013 das war nicht sie! Sie wollte sich zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie versuchte sich zu beruhigen. Die Halbelfe hatte gesagt, der Zauber w\u00fcrde nur f\u00fcr eine Nacht anhalten. Nerv\u00f6s sp\u00e4hte sie um die Ecke. Perak\u00edn sa\u00df immer noch vor dem Kamin. Sie sollte verschwinden. Sich verstecken und abwarten, bis der Zauber verflogen war. Aber ihre F\u00fc\u00dfe gehorchten ihr nicht \u2026 Sie stieg die Treppe wieder empor und \u00fcber die eingest\u00fcrzte Hausmauer, beide H\u00e4nde an ihrem fremden Gesicht. Erst kurz bevor sie in den Lichtkreis des Kaminfeuers trat, fiel ihr ein, dass sie noch das Abzeichen der Befehlshaberin des Elfenheeres am Umhang trug, und steckte die Brosche eilig in ihre G\u00fcrteltasche zu dem Kupferartefakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn sah auf und ihre Blicke trafen sich. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Er schien sie nicht wiederzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du dich verlaufen oder willst du helfen?\u201c, fragte eine beleibte Frau mit dem rasierten Sch\u00e4del einer Rebellin, die Bandagen in einem Kessel \u00fcber dem Feuer auskochte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026 helfen.\u201c Laurien schluckte. Die Stimme, die aus ihrem Mund kam, war viel d\u00fcnner und heller als ihre echte. Sie fr\u00f6stelte. Sie gefiel ihr nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst du hei\u00dfes Wasser?\u201c Perak\u00edn lie\u00df es mehr wie eine Feststellung als eine Frage klingen und f\u00fcllte ihr bereits einen Becher. Er musste glauben, sie zittere vor K\u00e4lte. Sie lie\u00df ihr Haar vor ihre rechte Gesichtsh\u00e4lfte fallen und strich unauff\u00e4llig \u00fcber die Haut \u2013 sie war immer noch glatt und ebenm\u00e4\u00dfig. Dann nahm sie den Becher und setzte sich neben Perak\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke.\u201c Was f\u00fcr ein Fiepsen!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musiker hatten inzwischen ein fr\u00f6hlicheres Lied angestimmt, und zwei weitere Krankenpflegerinnen, offenbar Frauen aus dem Volk, setzten sich zu ihnen, tranken hei\u00dfes Wasser und wippten mit den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBist du eine Elfenkriegerin?\u201c, fragte eine der Frauen neugierig.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien nickte. Ihre Kleidung war nicht zu verleugnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu siehst aus, als w\u00fcrde verschiedenes Blut in dir flie\u00dfen\u201c, bemerkte die dicke Frau mit dem abgeschorenen Haar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder nickte Laurien z\u00f6gerlich. \u201eMeine Vorfahren sind auch vom Kleinen Volk.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen stie\u00dfen Pfiffe aus. Dann sprachen sie durcheinander: \u201eWas f\u00fcr eine Seltenheit! Du bist wohl das Ergebnis einer verbotenen Liebe! Wo bist du aufgewachsen? War deine Mutter eine reinbl\u00fctige Zwergin oder auch gemischt? Reinbl\u00fctige Zwerge sieht man hierzulande nicht mehr oft \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen hatten so viel zu fragen, dass Laurien zum Gl\u00fcck kaum Zeit blieb, Antworten zu geben. Doch eine Gegenfrage konnte sie sich nicht verkneifen: \u201eWieso geht ihr davon aus, dass meine Mutter zwergischer Abstammung ist und nicht mein Vater?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen lachten; auch Perak\u00edn grinste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNichts f\u00fcr ungut, aber\u201c, sagte eine der Frauen, \u201edie Elfen sind doch so gro\u00df und markant. Und ein Zwerg \u2026\u201c Sie zeigte mit der Hand, bis wohin ein Zwerg einer Elfe reichte, und kicherte wieder. \u201eEntschuldigung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr Menschen habt komische Vorstellungen davon, wie M\u00e4nner und Frauen sich zu unterscheiden haben\u201c, sagte Laurien l\u00e4chelnd.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf stie\u00dfen sie alle an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe dich noch nie im Elfenheer gesehen\u201c, mischte Perak\u00edn sich dann in die Unterhaltung ein. \u201eIn welcher Legion bist du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Legion der Silberschwerter\u201c, sagte sie kleinlaut. \u201eRang eins. Ich bin noch nicht lange dabei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist besser, nur das Ende mitzuerleben als nur den Anfang\u201c, sagte er. \u201eEs ist nobel von dir, hier aushelfen zu wollen. Oder schickt dich Laurien?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLaurien\u201c, wiederholte sie. \u201eIch meine, sie hat uns ermutigt, die Augen offen zu halten, wo Hilfe ben\u00f6tigt wird, also \u2026 Sie hat mich nicht direkt geschickt.\u201c Sie biss sich auf die Lippe. Das war die Gelegenheit, ihn dar\u00fcber auszufragen, was er \u00fcber sie dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der Frauen fragte: \u201eKannst du uns vom Kleinen Volk erz\u00e4hlen? Wie leben die Zwerge heute? Und stimmt es, dass sie mit Zauberei bestimmen, wo die Wandernden St\u00e4dte in den S\u00fcmpfen auftauchen und verschwinden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Kleine Volk verf\u00fcgt \u00fcber einige Zauberei\u201c, stammelte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZum Beispiel?\u201c, hakte eine andere Frau nach. \u201eWelche Zauber hast du erlebt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm ehrlich zu sein, ich kenne mich mit elfischer Zauberei besser aus\u201c, sagte Laurien.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch? Kannst du in die Zukunft sehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nickte, beugte sich vor und bedeutete den anderen, ebenfalls n\u00e4her zu r\u00fccken. Gespannt steckten sie die K\u00f6pfe zusammen. Laurien sah jedem von ihnen in die Augen, auch Perak\u00edn, der sie aus n\u00e4chster N\u00e4he anl\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn ich euch so nah sp\u00fcre\u201c, raunte sie, \u201esagt mir mein elfisches Blut, dass einem von euch Gefahr droht. Etwas Unerwartetes wird passieren \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c, fragte eine der Frauen. Sie machte ein so erschrockenes Gesicht, dass Laurien nicht widerstehen konnte: Sie schnipste ihr von unten gegen die Nasenspitze.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTataaa!\u201c, sagte Laurien und zuckte die Schultern. \u201eTut mir leid. Weil ich keine Weise vom Brunnen bin, kann ich immer nur ein paar Augenblicke in die Zukunft sehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen lachten, wirkten aber nichtsdestotrotz ein wenig entt\u00e4uscht. Nur Perak\u00edn grinste ganz aufrichtig in sich hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musiker stimmten ein Tanzlied an und eine der Frauen sprang auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo tanzt man in Ivenhall! Ich will tot umfallen, wenn nach diesem Krieg nicht mehr so getanzt wird! Komm, du wirst gebraucht, Junge.\u201c Sie zog Perak\u00edn auf die Beine. Im n\u00e4chsten Moment h\u00fcpften sie \u00fcber die Tr\u00fcmmer, die Frau pl\u00f6tzlich wieder ein junges M\u00e4dchen, Perak\u00edn ein tollpatschiger B\u00e4r. Alle lachten, auch Laurien. Diese Art von Freude, die pl\u00f6tzlich inmitten des Elends entstand, war ihr sehr vertraut. Nach gro\u00dfen Schlachten feierten die Unversehrten unersch\u00f6pflich, und wer genug entstellte Leichen gesehen hatte, war nicht appetitlos, sondern hungrig. Schlimmes zu sehen, machte die Leute nicht traurig, sondern stumpfte sie ab, und Schlimmes selbst tun zu m\u00fcssen, machte sie nicht selten be\u00e4ngstigend ausgelassen, als m\u00fcssten sie gegen eine Wirklichkeit rebellieren, in der zu leben unm\u00f6glich war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lied war ihr unbekannt, aber nach der ersten Strophe konnte sie den Refrain mitsingen. Ihre Stimme kam ihr zu flach und zu eng f\u00fcr das vor, was sie ausdr\u00fccken wollte. Was f\u00fcr ein seltsames Gef\u00fchl! Doch Perak\u00edn warf ihr Blicke zu, die alles Unbehagen vergessen lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt du\u201c, sagte er, wies auf Laurien und reichte ihr eine Hand. \u201eZum Warmwerden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau hatte sich bereits atemlos wieder auf einen Schemel sinken lassen. \u201eNa los! Ich pass auf, dass eure Schritte stimmen.\u201c Dann stimmte sie laut schmetternd ins Lied ein \u2013 und nahm sich, wie angek\u00fcndigt, Freiheiten im Text, um sie singend auf all die Fehler hinzuweisen, die sie machten. Und sie machten viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Als w\u00fcrden sie \u00fcber hei\u00dfe Kohlen stolpern, versuchten sie den Anweisungen ihrer Lehrerin zu folgen. Perak\u00edn wirbelte sie im Kreis, hob sie hoch, wirbelte weiter mit ihr in der Luft \u2013 nun nicht mehr im Kreis, sondern eher eif\u00f6rmig \u2013, lie\u00df sich von ihrem imagin\u00e4ren Rock, den sie sch\u00fctteln sollte, r\u00fcckw\u00e4rts scheuchen, und beugte ein Knie, damit sie darauf steigen und wegspringen konnte. Laurien war in ihrem fremden K\u00f6rper so tollpatschig, dass niemand, der bei Trost war, ihr abnehmen w\u00fcrde, dass sie eine Kriegerin war. Sie hatte kaum Muskelkraft und sie sch\u00e4tzte die Reichweite ihrer Gliedma\u00dfen falsch ein. Daf\u00fcr improvisierten sie und Perak\u00edn, fest entschlossen, sich von Unverm\u00f6gen nicht aufhalten zu lassen. Und w\u00e4hrend der ganzen Zeit lachten sie und sp\u00fcrten den Atem des anderen am Hals und umschlangen sich auf immer neue Weise.<\/p>\n\n\n\n<p>Abrupt endete das Lied. Laurien h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass sie gerade erst angefangen hatten zu tanzen, aber sie keuchten beide und Perak\u00edns Gesicht schimmerte vor Schwei\u00df. Von den Krankenlagern erklang ein grauenvolles R\u00f6cheln. Die Frau, die ihnen den Tanz beigebracht hatte, eilte hin. Perak\u00edn folgte ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien sah zu, wie sie den Kranken aufsetzten. Er hatte eine Wunde in der Brust und hustete Blut. Nach einem Moment schnappte sich Laurien den Wasserkessel und kam ihnen zu Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eL\u00f6st die Bandagen\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau blickte verwundert \u00fcber ihren Befehlston auf, tat aber wie gehei\u00dfen. Eine vern\u00e4hte Stichwunde kam zum Vorschein, um die herum die Haut beinah schwarz angelaufen war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAufschneiden\u201c, sagte Laurien.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben die Wunde erst vor einer Stunde vern\u00e4ht\u201c, protestierte die Frau, war jedoch verunsichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Perak\u00edn fuhr mit einem zierlichen Dolch durch die Kerzenflamme neben dem Lager, dann schnitt er die F\u00e4den auf. Ein Schwall dunkles, sirupdickes Blut quoll hervor. Der Verwundete h\u00f6rte auf zu R\u00f6cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlassia\u201c, hauchte er. Nur diesen Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angespannt lauschten sie seinem schwachen Atem, und die Frau hielt seinen Kopf, damit das restliche Blut aus seinem Mund laufen konnte. Dann verstummte sein Atem. Sie warteten. Schlie\u00dflich f\u00fchlte die Frau nach seinem Puls. Vorsichtig lie\u00df sie ihn zur\u00fccksinken und schloss seine Augen. Er war tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile umringten sie ihn, stumm vor Beklommenheit. Hinter ihnen stimmte ein Lautenspieler eine langsame Melodie an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch trage ihn nach drau\u00dfen\u201c, murmelte Perak\u00edn.<\/p>\n\n\n\n<p>Laurien wollte mit anpacken, als er den Toten in die Arme nahm, und griff nach seinen Beinen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alassia<\/em>. Am Ende z\u00e4hlte nur, wen man geliebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr noch als beim Tanzen \u00e4rgerte sie sich dar\u00fcber, wie viel schw\u00e4cher sie war als sonst. Wahrscheinlich w\u00e4re es f\u00fcr Perak\u00edn leichter gewesen, wenn er den Toten allein hinausgetragen h\u00e4tte, anstatt zusehen zu m\u00fcssen, wie sich Laurien abm\u00fchte. Aber er war zu h\u00f6flich, um etwas zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Karren stand in der Dunkelheit, auf dem bereits mehrere Tote lagen, bedeckt von einer d\u00fcnnen Schicht Schnee. Einer von ihnen schien noch ein Kind gewesen zu sein. Vorsichtig platzierte Perak\u00edn den Toten so, dass er nicht auf den anderen lag; eine Sentimentalit\u00e4t, die Laurien in diesem Krieg schon f\u00fcr verloren gehalten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schweren Schrittes, als w\u00fcrden sie den Toten immer noch schleppen, kehrten sie nach drinnen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen hatten das Lager bereits abgezogen und die blutigen Decken in Eiswasser geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeh schlafen\u201c, riet die Dicke Perak\u00edn. \u201eEs reicht f\u00fcr heute. Zu viel Heiterkeit ist ungesund.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er nickte, doch dann sagte er: \u201eIch bringe die Toten noch vor die Stadtmauer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt?\u201c Eine der Helferinnen runzelte die Stirn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch komme mit\u201c, h\u00f6rte Laurien sich sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und bevor Perak\u00edn ihr einen Blick zuwerfen konnte, sprang sie \u00fcber die eingest\u00fcrzte Mauer nach drau\u00dfen und begann den Karren zu ziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil zwei &#8211; Kapitel 4 + 5 Guten Morgen, meine Lieben! Heute kommt eine ordentliche Portion Lesenachschub auf euch zu &#8211; zwei lange Kapitel \u00fcber Laurien und Perak\u00edn. N\u00e4chste Woche wird es daf\u00fcr etwas k\u00fcrzer, aber auch recht dramatisch, oder sagen wir, romantisch &#8230; Ach, wo ist ein Emoji mit wackelnden Augenbrauen, wenn man es braucht? ^.^ Viel Vergn\u00fcgen beim Schm\u00f6kern! * * 4. Am n\u00e4chsten Morgen versammelten sich Laurien und etliche ihrer Krieger, Heganen und viele Rebellen im Hof rund um den Eisenturm. Andere schauten aus den Fenstern des Palasts oder sogar von den D\u00e4chern aus zu, wie die drei Weisen vom Brunnen sich dem Eisenturm n\u00e4herten. 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