{"id":1752,"date":"2021-10-06T10:17:27","date_gmt":"2021-10-06T09:17:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1752"},"modified":"2021-10-06T10:17:27","modified_gmt":"2021-10-06T09:17:27","slug":"das-zeitalter-der-drachen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1752","title":{"rendered":"Das Zeitalter der Drachen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Prolog + Kapitel 1<\/h2>\n\n\n\n<p>Drachen? Magier? Ja, aber ganz anders! Zumindest war das die Idee des Romans. Mir gingen Vorstellungen vom Endstadium kapitalistischer Gesellschaften durch den Kopf, technologischer Tr\u00e4ume von Unsterblichkeit und unverletzlichen K\u00f6rpern und dem Versuch, unter unmenschlichen Bedingungen die Menschlichkeit zu wahren.  Ich h\u00e4tte einen Essay \u00fcber die Corona-Krise und den Fortschrittsglauben aus dem Silicon Valley schreiben k\u00f6nnen. Aber warum, wenn ich all diesen Gedanken auch in Form eines Fantasyromans nachgehen k\u00f6nnte? Und keine Sorge &#8211; am Ende sind diese Gedanken tief genug in der Geschichte vergraben worden, dass niemand sich daran st\u00f6ren muss, der einfach ein Abenteuer mit Drachen und Magie erleben will. Genau wie ich beim Schreiben. Ich hoffe, die Geschichte macht euch Spa\u00df, und ich bin wie immer gespannt auf euer kostbares Feedback!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Prolog<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht vor der Schlacht fanden Aylen und Totema kaum Schlaf. Auf ihrem Lager hoch oben in dem ausgeh\u00f6hlten Berg Faysah beobachteten sie durch eine gro\u00dfe Querspalte den wolkenverhangenen Himmel, der ihnen eine tr\u00fcgerische Zeitlosigkeit vorgaukelte. Wie Ertrinkende umschlangen sie einander immer wieder von Neuem und liebten sich im Morgengrauen mit einer Verzweiflung, als h\u00e4tten sie einander bereits verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei rechneten die Hexe und der Zauberer mit einem Sieg. Zwar standen ihnen der Erzmagier der Menschen und auch der Erzmagier der Zwerge mit all ihren Zauberern und dem dreitausendk\u00f6pfigen Heer des Menschenk\u00f6nigs gegen\u00fcber, doch Aylen und Totema w\u00fcrden sie ebenso besiegen wie zuvor die K\u00f6nigin der beiden Elfenv\u00f6lker und deren Zauberer. Die unausgesprochenen Sorgen, die sie bedr\u00fcckten, hatten weniger mit ihren Feinden zu tun als mit ihren Verb\u00fcndeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie voneinander lie\u00dfen, hauchte die D\u00e4mmerung kaltes Blau in den riesigen H\u00f6hlenraum. Viel zu fr\u00fch wurde es hell.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrag sie noch einmal\u201c, bat Totema. \u201eIch will nicht, dass du allein mit ihnen ziehst. Ich will mitkommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen hatte bef\u00fcrchtet, dass er sie darum bitten w\u00fcrde. Seit einiger Zeit schon hatte sie ihm nicht mehr erz\u00e4hlt, wie gro\u00df die Verachtung, ja, der Hass der drei Drachen auf ihn geworden war, sodass er nicht wissen konnte, dass seine Bitte vollkommen aussichtslos war.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte Aylen die Zuneigung der drei mit ihm teilen k\u00f6nnen, h\u00e4tte sie mehr davon ihm gegeben als f\u00fcr sich behalten. Aber sie hatte in Wahrheit schon lange keine Macht mehr \u00fcber die Drachen von Faysah.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch nickte sie. \u201eIch werde fragen.\u201c Die L\u00fcge lie\u00df sie fr\u00f6steln. Sie wusste, dass ihre Liebe an L\u00fcgen zugrunde gehen w\u00fcrde, wenn sie nicht \u2026 ja, was? Was konnte sie tun, damit die drei Drachen ihren unb\u00e4ndigen Hass ablegten und Totema wieder als Quelle akzeptierten?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will dich an meiner Seite haben.\u201c Unter der Felldecke suchte sie seine Hand, dr\u00fcckte sie und f\u00fchrte sie an ihre Lippen, um seine Finger zu k\u00fcssen. Manchmal fragte sie sich, ob sie seine gro\u00dfe, schwere Hand genauso lieben w\u00fcrde, wenn er die andere noch h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zog sie zu sich heran, an seinen hochgewachsenen, knochigen K\u00f6rper. Sie sp\u00fcrte, dass er etwas sagen wollte \u2013 die Wahrheit wom\u00f6glich, die sie sich beide nicht eingestehen wollten, erst recht nicht voreinander. Vielleicht hatte er sich auch \u00fcberlegt, was sie tun k\u00f6nnten, um die Kontrolle \u00fcber die drei Drachen wiederzugewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment erregte eine unerwartete Bewegung Aylens Aufmerksamkeit. Besen, der verzauberte blattlose Ast, der sie auf Schritt und Tritt begleitete und so aussah, wie er hie\u00df, hatte sich aus seiner Ecke bewegt und wirbelte in wilden Achten durch den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie kommen\u201c, sagte Aylen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon rauschten j\u00e4he B\u00f6en herein und bliesen Aylen die dunklen, kurzen Locken aus dem Gesicht und Totema die feinen, silbrigen Str\u00e4hnen. Der Fels knackte, als etwas Massives mehrfach mit der Au\u00dfenwand des Berges kollidierte. Dann wurde es dunkel in dem H\u00f6hlenraum, denn durch den Felsspalt krochen nacheinander drei riesige Gestalten und sperrten das Licht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder der Drachen war ein wenig anders geformt. Einer lang und d\u00fcnn wie eine Schlange auf vier Tatzen \u2013 eine Schlange, die vier Pferde samt einem Wagen h\u00e4tte hinunterschlingen k\u00f6nnen \u2013, einer breiter und k\u00fcrzer, fast wie eine gigantische Kr\u00f6te mit einem l\u00e4ngeren Hals, einem Schwanz und einem wie mit einer Krone geh\u00f6rnten Sch\u00e4del, und einer st\u00e4mmiger, wie ein monstr\u00f6ser, langer B\u00fcffel mit kurzen Klauen. Auch die Farben ihrer gl\u00e4nzenden Schuppenhaut unterschieden sich. Sabriel, die Schlangenhafte, war golden und tiefbraun, Odriel, die Kr\u00f6tenhafte, blauschwarz, und Irosal, die B\u00fcffelartige, schimmerte in allen Farben von Glut. Sie glichen einander nur darin, dass sie Fl\u00fcgel hatten und ein Maul voller dunkler, transparenter Rei\u00dfz\u00e4hne, aus dem Rauch quoll und manchmal Feuer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aylen, kleine Tochter<\/em>, raunten ihre Stimmen in Aylens Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen war inzwischen sicher, dass sie sich nur in ihr Geh\u00f6r verschafften und Totema in Stille lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Morgen, M\u00fctter\u201c, sagte sie laut, um wenigstens ihrerseits Totema nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Drachen f\u00fcllten den H\u00f6hlenraum fast ganz aus, wobei sie mit ihren Leibern um- und \u00fcbereinander strichen. Das Sirren von Schuppen, die \u00fcber Schuppen schrammten, erinnerte Aylen immer an Klingen, die gezogen wurden. N\u00fcstern, in denen ein ausgewachsener Mann h\u00e4tte verschwinden k\u00f6nnen, strichen \u00fcber ihr Schlaflager hinweg und tauchten sie in warmen, rauchigen Atem. Angst kroch Aylen den R\u00fccken herauf, als sie Totema so nah kamen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist Zeit, aufzubrechen<\/em>, raunte Irosal und neigte den Sch\u00e4del mit den beiden langen, krummen H\u00f6rnern, damit Aylen in ihrem Nacken aufsitzen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich zieh mich an<\/em>, sagte Aylen und schl\u00fcpfte unter den Fellen hervor, um ihre Tunika, ihren Umhang und ihre Beinkleider vom Boden aufzuklauben. Besen hielt sich so dicht bei ihr, dass sie sich kaum ankleiden konnte und ihn sanft beiseiteschieben musste. Sie sp\u00fcrte auch Totemas Unsicherheit wie einen klammen Geruch im Raum. Ob die drei Drachen es wahrnahmen? Aylen war ziemlich sicher, dass sie ihn im Stillen verh\u00f6hnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahm ihren Mut zusammen und fragte, obwohl sie die Antwort bereits kannte: <em>Darf ich ihn mitnehmen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gurgelnde Ger\u00e4usche drangen aus den Kehlen der Drachen, und Rauchw\u00f6lkchen entstiegen ihren N\u00fcstern. Totema, der ebenfalls nach seinen Kleidern gegriffen hatte, um sich anzuziehen, zuckte kaum merklich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du glaubst, du brauchst den Zauberer an deiner Seite?<\/em>, spottete Sabriel.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wann lernst du endlich, auf eigenen Beinen zu stehen?<\/em>, knurrte Irosal.<\/p>\n\n\n\n<p>Odriel zog ihren kr\u00f6tenhaften Kopf noch tiefer zwischen die Schultern, w\u00e4hrend sie Totema musterte. <em>Wir wollen den Mann nicht bei uns haben. Aus seiner stinkenden Quelle nicht sch\u00f6pfen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Du liebst ihn, Tochter<\/em>, sagte Sabriel sanft. <em>Aber er will nur Macht. Er will dich beherrschen wie uns \u2026 Wach auf!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Totema riss seinen Blick von den Drachen los und sah Aylen an. Er wusste, dass sie miteinander sprachen, wo er es nicht h\u00f6ren konnte, und sicher ahnte er, dass sie \u00fcber ihn redeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen stand auf, hob ihren Brustpanzer vom St\u00e4nder und legte ihn an. Sie erwiderte Totemas Blick, w\u00e4hrend sie die Lederriemen an den Seiten zuzog, und hoffte, dass er wusste, dass sie auf seiner Seite stand. Immer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wach auf!<\/em>, h\u00f6rte sie Sabriel in sich widerhallen, und sie war sich nicht sicher, ob der Drache erneut gesprochen hatte oder nur in ihrer Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind bald wieder da, Totema. Bewache du solange den Berg\u201c, sagte sie, bem\u00fcht, nicht mitleidig zu klingen, obwohl sie den Drang versp\u00fcrte, sich zu entschuldigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er beobachtete sie, seine Kleider als Kn\u00e4uel vor sich im Scho\u00df. Schlie\u00dflich nickte er. \u201ePass auf dich auf\u201c, sagte er mit belegter Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen konnte seinen Anblick nicht ertragen. Oder vielmehr das, was sie dabei empfand. Sie zog sich den breiten Helm mit dem Lederschirm auf, warf sich den Umhang \u00fcber und kletterte \u00fcber Irosals Tatze hinauf in deren Nacken, wo sie sich zwischen zwei knubbelige H\u00f6rner setzte. Besen schwebte dicht neben sie, und sie h\u00f6rte sein Reisig leise klappern. Er war immer angespannt in der N\u00e4he der drei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Drachen glitten einer nach dem anderen aus dem H\u00f6hlenraum, stie\u00dfen sich vom Boden ab und stiegen mit gespreizten Fl\u00fcgeln in den Himmel empor.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen drehte sich nicht noch einmal zu Totema um. Sie wollte nicht, dass er ihre Erleichterung bemerkte. Die Drachen hatten ihm nichts angetan. Aber wie lange w\u00fcrde es noch gutgehen? Aylen lie\u00df die Schultern sinken, schloss einen Moment die Augen und gab sich dem Rauschen des Windes hin.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Winkel ihres Herzens w\u00fcnschte sie sich, dass sie nicht siegreich heimkehrten. Um Totemas willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zauberberg des Menschenvolks lag mehr als f\u00fcnfzig Tagesm\u00e4rsche weit nord\u00f6stlich von Faysah, dem Zauberberg der Elfen, doch auf Drachenschwingen erreichten sie Gothak schon am \u00fcbern\u00e4chsten Abend. Sie \u00fcberflogen zuerst die weiten, tiefen W\u00e4lder der Wei\u00dfen Elfen, aus deren dichten Baumkronen hier und da Kaminrauch drang, dann das h\u00fcgelige Grenzgebiet zwischen Elfen- und Menschenreich, aus dem Aylen stammte. Das Land wurde karger. Bis in die Ferne erstreckten sich Klippen und trockenes Grasland, und sie konnten an einem Horizont Gewitter w\u00fcten sehen, w\u00e4hrend in der anderen Richtung die Sonne gl\u00fchte. Hier, in der Hochebene, f\u00fchrten die Grauen Elfen noch das alte Leben auf Wanderschaft, doch Aylen sah keinen einzigen Stamm; zu gro\u00df war das Reich. Schlie\u00dflich stiegen die Klippen h\u00f6her an, und alles Gr\u00fcn verschwand. Unter ihnen entfaltete sich die W\u00fcste Uyela Utur mit ihren eisengrauen, glattpolierten Felsen und aschefarbenen Feldern, auf denen nichts gedieh au\u00dfer blitzf\u00f6rmigen Rissen jahrelanger D\u00fcrre.<\/p>\n\n\n\n<p>Jenseits dieses riesigen, leeren, unwirklichen Landes lagen die K\u00fcstenst\u00e4dte des Menschenvolks, so schwer vorstellbar es auch sein mochte, dass Uyela Utur je endete und dahinter etwas lebte. Doch am Horizont begann sich ein Gebirge abzuzeichnen. Darin erhob sich ein Berg weit \u00fcber alle anderen, schlank und krumm wie ein S\u00e4bel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im N\u00e4herkommen \u00e4nderte sich die Luft. Der Staub der W\u00fcste wurde von Feuchtigkeit und der scharfen S\u00fc\u00dfe von Gr\u00e4sern verdr\u00e4ngt. Wolkenb\u00e4nke trieben um den Zauberberg und erweckten den Eindruck, als schwebte der wei\u00dfe, schroffe Gipfel losgel\u00f6st im Himmel. Wogen aus Nieselregen fielen in Vorh\u00e4ngen herab. Das Gebirge unter ihnen wurde von der N\u00e4sse schraffiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Drachen und Aylen hielten Ausschau nach dem Heer der Menschen, doch sie entdeckten nichts. Vermutlich hatten die Menschen aus der Schlacht um Faysah gelernt, bei der die Drachen das Heer der Elfenk\u00f6nigin und ihre zweihundert Ritter vernichtend geschlagen hatten. Nur der Regen wurde dichter, als sie sich Gothak n\u00e4herten. Es war gut m\u00f6glich, dass die Zauberer daf\u00fcr sorgten, um sich vor dem Feuer der Drachen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchsweise stie\u00df Sabriel einen Strahl aus, als sie in Spiralen aufw\u00e4rts flogen, hoch zum Gipfel des Zauberbergs. Eine kurze, rote Fahne wehte aus ihrem Maul. Nun probierten auch Irosal und Odriel ihr Feuer aus. Tats\u00e4chlich behinderte der Regen sie und sorgte daf\u00fcr, dass der Flammenstrahl k\u00fcrzer ausfiel. Sie w\u00fcrden also n\u00e4her an ihre Feinde herankommen m\u00fcssen. Aber sie hatten ohnehin vor, in den Berg einzudringen, und sp\u00e4testens dort konnte der Regen ihnen egal sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Je h\u00f6her sie stiegen, umso eisiger peitschten die Schauer. Eigentlich h\u00e4tte hier Schnee fallen sollen, doch ein Zauber lie\u00df die Tropfen zu langen, d\u00fcnnen Eisnadeln werden. Sie klirrten gegen Aylens R\u00fcstung und die Schuppen der Drachen und zerbarsten zu Splittern. Nebel h\u00fcllte den Berg ein. Bald sahen sie nichts mehr im dichten, vor Eisnadeln flimmernden Wei\u00df. Doch es war ein kl\u00e4glicher Versuch der Zauberer, sich vor ihnen zu sch\u00fctzen. Aylen wirkte gegen den Zauber, indem sie die Dunkelheit des Abendhimmels herabbeschwor, und Finsternis sank ins Wei\u00df nieder und verlieh den Dingen graue Umrisse. Da sahen sie den Berg Gothak wieder.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit Totema an meiner Seite w\u00e4re es einfacher, auf die feindlichen Zauber zu reagieren<\/em>, dachte Aylen gerade laut genug, dass die drei Drachen es wahrnehmen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch keine Antwort kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regen wurde st\u00e4rker. Obwohl Besen sein Reisig sch\u00fctzend \u00fcber Aylen spreizte, sp\u00fcrte sie, wie die Splitter sich in ihre Wangen bohrten, und winzige rote Schrammen erschienen auf ihren H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00d6ffnung klaffte in dem Berg wie ein riesiges Maul. Der Eingang. Konnte es so leicht sein? Hatten die Erzmagier und ihre Zauberer wirklich nicht mehr zuwege gebracht als ein wenig Nebel und Regen? Aylen wagte es nicht zu hoffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Drachen flogen zu der \u00d6ffnung und spuckten Feuer hinein. Innen erhellte sich eine weitl\u00e4ufige Halle \u00e4hnlich jener in Faysah und in Tahar\u2018Marid, den beiden anderen Zauberbergen, in denen Aylen bereits gewesen war. Niemand war darin zu sehen. Schlie\u00dflich landeten die Drachen auf den H\u00e4ngen des Bergs und kletterten hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Feuchte Finsternis empfing sie, zur\u00fcckgedr\u00e4ngt vom rot glosenden Atem der drei Drachen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Haben die Feiglinge ohne Kampf aufgegeben?<\/em>, h\u00f6hnte Irosal.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielleicht dachten sie, dass wir die Namen unserer Schwestern nicht kennen, und wenn sie sich verstecken und die Namen nicht preisgeben, werden wir unsere Schwestern nicht wecken k\u00f6nnen<\/em>, \u00fcberlegte Odriel.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Seht<\/em>. Sabriel hauchte ihren Feueratem in eine Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Drachen und Aylen wandten die K\u00f6pfe. Eine Seite der Halle schien in die Tiefe abzufallen, als w\u00e4re der Boden eingest\u00fcrzt. Sie kamen n\u00e4her und spien gleichzeitig ihr Feuer hinab. In dem Moment, in dem sie es sahen, ert\u00f6nte ein Schmerzensschrei, durchdringender und entsetzlicher, als eine sterbliche Kreatur ihn aussto\u00dfen konnte: ein Drache hing in der Tiefe und wand sich im Feuer seiner drei Artgenossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache hing an Ketten. Sie waren durch seine Wangen gebohrt und fixierten seinen Sch\u00e4del, umwickelten seine Klauen und spreizten sie auseinander. Jemand hatte St\u00e4be durch seine Fl\u00fcgel getrieben, seinen Schwanz und sogar seine Tatzen. Er war bei lebendigem Leibe aufgespie\u00dft. Auch sein Maul war durch St\u00e4be und Ketten aufgerissen, sodass er nicht sprechen konnte, nur schreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Feuer spucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabriel, Irosal und Odriel wichen fauchend zur\u00fcck, als die fremden Flammen zu ihnen emporschossen. Drachen waren nur gegen ihr eigenes Feuer immun. Der Flammenstrahl der armen Bestie h\u00e4tte ihre Schuppen zum Schmelzen gebracht, w\u00e4ren sie nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen. Und Aylen blieb nur unversehrt, weil Irosal die Fl\u00fcgel sch\u00fctzend um sie hob und sich daf\u00fcr die empfindlichere Haut darunter versengen lie\u00df. Dennoch sp\u00fcrte Aylen die Hitze, die die Luft zum Kochen brachte und ihre Lungen ver\u00e4tzte. Besen, der neben ihr schwebte, sch\u00fcttelte Funken aus seinem Reisig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was um Himmels Willen \u2026<\/em>, stie\u00df sie aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Weder Irosal noch Sabriel oder Odriel antworteten. Die drei flatterten wie wild durch die Halle, fauchten und zischten. Aylen ahnte, dass sie die angekettete Schwester h\u00f6rten, wo Aylen sie nicht h\u00f6ren konnte. Aber das musste sie auch nicht, um zu verstehen, was ihr angetan worden war. Der Erzmagier des Menschenvolks hatte offenbar einen der Drachen, die seit Jahrhunderten in Gothak gebannt wurden, schl\u00fcpfen lassen. Doch die Gefangenschaft im Ei war nur durch eine neue in Ketten ersetzt worden. Warum? Um die drei Drachen von Faysah zu erschrecken? Nur f\u00fcr den einen versehentlichen Feuerangriff? Erneut stie\u00df der Drache in Ketten ein Heulen aus, das den Berg zum Beben brachte. Sein Feuer stieg in Wolken auf und verrauchte im Kuppeldach des Zauberberges.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment waren Aylens Zweifel an den drei Drachen wie weggeblasen. Sie erinnerte sich wieder daran, warum sie den Erzmagiern und ihren Zauberern \u00fcberhaupt erst den Krieg erkl\u00e4rt hatte: um die Wesen zu befreien, auf deren Qualen die Macht der Zauberer gr\u00fcndete.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich landeten die drei und lugten vorsichtig zu ihrer Schwester in die Tiefe hinab. Im aufgeregten Gedankenwirbel der drei schnappte Aylen Fetzen auf: <em>M\u00fcssen sie befreien. Ihre Ketten sind in unserem eigenen Feuer geh\u00e4rtet worden!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Erzmagier mussten das Feuer der drei bei der letzten Schlacht eingesammelt haben, um damit Fesseln zu schmieden, die stark genug waren, einen Drachen zu halten. Solche T\u00fccke sah den Zauberern \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabriel wagte sich als Erste vor, um der Gefangenen zu helfen. <em>Lass mich versuchen, deine Ketten zu zerrei\u00dfen. Wenn sie mit meinem Feuer geh\u00e4rtet wurden, kann ich sie vielleicht \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch bevor Sabriel zu Ende gesprochen hatte, fauchte der gefangene Drache ihr Flammen entgegen. Sabriel wand sich und floh zur\u00fcck in Deckung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie ist blind und taub vor Schmerz<\/em>, keuchte Irosal. Und dachte zu der Gefangenen hinab: <em>Wer bist du? Atehsa? Gorekane? Tahrika?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem der Namen versiegte das Feuer des angeketteten Drachen. Und dann h\u00f6rte Aylen so laut in sich, dass ihr K\u00f6rper vibrierte: <em>Tahrika war mein Name.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aylen sp\u00fcrte f\u00f6rmlich die Erleichterung der drei Drachen von Faysah. Nun konnten sie mit ihrer Schwester sprechen \u2013 nun erinnerte sich diese nach ihrer unvorstellbar langen Marter wieder daran, wer sie war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kam zu keinem Gespr\u00e4ch. Von drau\u00dfen, aus dem dunkelnden Himmel, rasten Lichter, als w\u00fcrden Sterne auf die Erde krachen. Doch es waren keine Sterne. Es waren B\u00e4lle aus wei\u00dfgl\u00fchendem Feuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Tahrikas Drachenfeuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Geschosse gingen daneben und prallten an den Steinw\u00e4nden ab, um wie leuchtende Murmeln zu Boden zu st\u00fcrzen. Doch die, die Sabriel, Irosal und Odriel trafen, lie\u00dfen die Drachen vor Schmerz aufheulen. Die Zauberer mussten das Drachenfeuer auf eine Weise geballt haben, die es unvergleichlich intensiver machte. Entsetzt flogen die drei auf und versuchten den Geschossen zu entgehen, doch es regneten immer mehr herein. Auch von oben rasten nun Feuerb\u00e4lle herab. Sie wurden durch Ritzen im Gestein geschleudert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Boden der Halle f\u00fcllte sich mit rollenden, leuchtenden Kugeln. Odriel wurde im Flug mehrfach getroffen und st\u00fcrzte ab. Sie kreischte, spuckte Feuer, das um ein Haar Irosal und Aylen getroffen h\u00e4tte, und h\u00fcpfte in der Glut, die ihre Tatzen verbrannte. Sie mussten raus \u2013 durch den Feuerregen, der ihnen entgegenprasselte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen schrie, als das Feuer \u00fcber sie hinwegzischte wie gl\u00fchende Klingen. Irosal geriet ins Trudeln, stie\u00df gegen die Felswand und schlitterte kreischend hinaus, dem Abgrund entgegen. Aylen verlor den Halt. Der Lederriemen, mit dem sie sich an den H\u00f6rnern des Drachen festgemacht hatte, schmorte durch, und sie st\u00fcrzte ins Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen Moment wirbelte die Welt um sie, zischendes Feuer, schlagende Fl\u00fcgel und Eisregensplitter in schwimmender Finsternis. Sie sp\u00fcrte einen Stock, der zwischen ihre Arme und Beine stocherte \u2013 Besen. Aber er konnte sie nicht auffangen. Dann prallte sie auf etwas auf, was nicht der Erdboden war, aber fast genauso hart: Sabriels Kopf. Der Drache war blitzschnell unter sie getaucht, um Aylens Sturz in den Abgrund abzufangen. Aylen purzelte \u00fcber den Drachen, klammerte sich an den H\u00f6rnern in seinem Nacken fest und schaffte es, ihre Beine um den Hals zu klemmen. Manche von Sabriels Schuppen waren hei\u00df und schmorten. Auch sie war schlimm getroffen worden. Doch sie hatte es aus dem Berg geschafft, und hier drau\u00dfen, im Eisregen, verfolgten sie nur noch wenige Geschosse aus der Tiefe.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen konnte nun sehen, wer sie abfeuerte: \u00dcberall in den Falten des Gesteins und versteckt unter Schneedecken waren Katapulte errichtet. Gestalten kletterten darauf herum, schrien sich Befehle zu und richteten die Werfer immer wieder neu aus. Sobald die Drachen die Angreifer entdeckt hatten, wendeten sie scharf in der Luft und st\u00fcrzten sich auf sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen schloss die Augen und sp\u00fcrte, wie Sabriel, Odriel und Irosal in sie hineingriffen und aus ihr <em>sch\u00f6pften<\/em>. Sie hatte sich an das Gef\u00fchl bereits gew\u00f6hnt. Es machte ihr nichts aus, sich v\u00f6llig zu \u00f6ffnen und den Drachen alles von sich preiszugeben. All ihre zauberische Kraft. Doch die Gef\u00fchle der Drachen schwemmten dabei wie bitteres Gift in sie herein, und Aylen musste alles hinunterschlucken: nicht nur den rasenden Hass der Drachen, sondern auch \u2026 neuerdings auch ihre Lust am T\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte versucht, es zu verdr\u00e4ngen, solange sie konnte. Aber es ging nicht mehr. Sie sp\u00fcrte die Freude, die kribbelnde Aufregung der drei, w\u00e4hrend sie aus Aylen <em>sch\u00f6pften<\/em>, um die Feinde mit unvorstellbaren Feuerstrahlen zu vernichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal in ihrem Leben war Aylen wirklich feige. Sie vergrub den Kopf unter ihrem Arm und sah nicht hin, versuchte nichts zu f\u00fchlen, versuchte nicht da zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa ist die Hexe!\u201c, br\u00fcllte irgendwo eine Stimme, verzerrt von Wind und Regen. \u201eAuf die Hexe!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie blickte auf und sah einen Kreis von Zauberern zwergischer und menschlicher Herkunft auf einem Felsplateau stehen. Der Regen st\u00fcrzte in einer hohen Glocke um sie herum und verriet, dass sie einen Schutzbann um sich gelegt hatten, vermutlich einen Invertierungszauber \u2013 das zu erkennen, hatte Aylen von Totema gelernt. In diesem Moment w\u00fcnschte sie sich nichts sehnlicher, als ihn bei sich zu haben. Seine Hand zu halten, seine Stimme zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zerbrich ihren Schutzbann!<\/em>, befahl Sabriel.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer Schlucht direkt unterhalb der gro\u00dfen \u00d6ffnung im Berg schossen Pfeile herauf. Sabriel br\u00fcllte erschrocken auf, als sie nicht alle an ihren Schuppen abprallten, sondern manche sich hindurchbohrten. Auch die Pfeile mussten in dem Feuer des angeketteten Drachen geh\u00e4rtet worden sein, den die Zauberer wohl nur hatten schl\u00fcpfen lassen, um eine Waffe gegen die drei zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabriel drehte ab und flog trudelnd um die Bergspitze, wo die Pfeile sie nicht erreichen konnten. Doch aus anderer Richtung kamen weitere, und auch sie durchdrangen ihre Fl\u00fcgel und lie\u00dfen sie vor Schmerz aufheulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen duckte sich vor den Geschossen und konzentrierte sich darauf, den Schutzbann der Zauberer zu brechen. Aber sie war unkonzentriert. Unter sich sah sie Odriel durch die Schlucht fegen und hunderte Bogensch\u00fctzen mit einem Feuersto\u00df verkohlen. Irosal klammerte sich an einen verschneiten Hang und sch\u00f6pfte aus Aylen, um ihre Wunden zu heilen. Ein Pfeil schlug gegen Aylens Helm und riss ihren Kopf zur Seite. Um Haaresbreite h\u00e4tte er ihr Gesicht getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schutzbann. Ein Invertierungszauber. Totema h\u00e4tte sofort gewusst, welche Varianten davon es gab und womit man jede davon am besten aufhob. Aber Aylen hatte nie eine Ausbildung wie er genossen. Sie hatte sich bisher immer auf ihren Instinkt und ihr nat\u00fcrliches Talent verlassen. Und sie hatte damit bis jetzt immer Erfolg gehabt. Erst seit dem Erwachen der drei Drachen von Faysah f\u00fchlte sie sich in Gefahrensituation so gel\u00e4hmt wie jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Rei\u00df dich zusammen<\/em>, ermahnte sie sich selbst. <em>Denk nach. Invertierungszauber bricht man, indem \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie konnte sich nicht erinnern, was Totema ihr erz\u00e4hlt hatte. Totema, den sie vielleicht nie wiedersehen w\u00fcrde. Und aus falschem Stolz und vor Siegesgewissheit hatte sie nicht einmal von ihm Abschied genommen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verdr\u00e4ngte den Gedanken an Totema und schaute hinab auf die Zauberer. Sieben Menschen und Zwerge in grauen, windverzerrten Roben standen unter der Glocke, die den Regen abhielt, und es schien, als w\u00fcrde keiner von der Stelle r\u00fccken. Als w\u00e4ren sie in Formation. Vermutlich war jeder von ihnen eine Art Anker f\u00fcr den Schutzbann. Aber wie waren sie verankert? Sie standen einfach da, auf dem Felsplateau. Der Wind zerrte an ihren Kleidern. Der Schutzbann war also luftdurchl\u00e4ssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen atmete tief durch. Sie lie\u00df einen heftigen Wind aus der Tiefe aufsteigen, \u00fcber die H\u00e4nge heraufrasen und \u00fcber das Felsplateau peitschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei der Zauberer verloren den Halt, verhedderten sich in ihren Umh\u00e4ngen, taumelten ihren H\u00fcten nach, st\u00fcrzten auf die Knie. Das gen\u00fcgte. Die Glocke schien zu erzittern, Regen prasselte auf die M\u00e4nner nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabriel sah ihre Chance gekommen, legte die Fl\u00fcgel an und schoss auf sie herab. Doch sie verbrannte die Zauberer nicht, wie Aylen erwartet hatte, sondern landete auf ihnen, packte sie mit ihren Klauen und <em>fra\u00df<\/em> sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schrei blieb Aylen in der Kehle stecken. In ihr bebte das Echo von Sabriels Gel\u00e4chter.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zaubererfleisch<\/em>, kreischte Irosal und schwang sich schwerf\u00e4llig zu ihnen herauf. Sie riss Sabriel einen Mann aus den Klauen, oder jedenfalls die H\u00e4lfte eines Mannes, um ihn selbst zu verschlingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Odriel kam dazu, schubste Sabriel beinah von dem Plateau und stopfte sich lachend einen Zauberer ins Maul. Aylen sah ihn in ihrem Schlund verschwinden, eine Hand ausgestreckt, die schon nicht mehr an ihm hing.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an wurde ihr Kampf leichter. Katapulte und andere Zauberer, die bis jetzt unsichtbar gewesen waren, erschienen im Schnee als leichte Beute f\u00fcr die Drachen. Der Geruch von verbranntem Fleisch erf\u00fcllte die Nacht, und Ru\u00df schw\u00e4rzte den Nebel. Die drei Drachen kletterten an den Klippen entlang und fanden eine Reihe hoher Fenster\u00f6ffnungen, die sie zerschmetterten, um ins Innere des Berges zu gelangen. Sie fanden einen weiteren Saal, darin einen langen Steintisch mit St\u00fchlen und einem Thron. Hier musste Salemandra, der Erzmagier des Menschenvolks, sich mit seinen Lehrlingen und hohen G\u00e4sten beraten haben. Breite Steintreppen f\u00fchrten tiefer in den Berg hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Drachen folgten ihnen und lie\u00dfen Glut in ihrem Atem aufleuchten, um in der warmen Finsternis ihren Weg zu erkennen. Die Treppe schien sich endlos in die Tiefe zu winden \u2026 Es war ein Zauber. Ein letzter, verzweifelter Zauber, mit dem der Erzmagier sie in die Irre f\u00fchren wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Aylen erkannte darin den Versuch des Erzmagiers, sich vor ihnen zu verstecken. Die endlosen Stufen waren in Wahrheit wie die Finger eines Kindes, das sich die Augen zuhielt, um von niemandem gesehen zu werden. Manche Stufen entpuppten sich tats\u00e4chlich als die magischen Finger des Erzmagiers, und \u00fcber diese gelangten sie direkt zu ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Salemandra verbarg sich in einer Grotte, zusammen mit Toraldin, dem Erzmagier des Zwergenvolks. Beide trugen die silberdurchwirkten Gew\u00e4nder und spitzen H\u00fcte, die den drei Erzmagiern der drei V\u00f6lker vorbehalten waren, doch das war alles, worin sie einander glichen. Toraldin war dick und untersetzt, mit fleischigen Wangen, zwischen denen die kleine Nase fast erdr\u00fcckt wurde, und einem krausen blonden Bart, Salemandra war gro\u00df und hager, mit sch\u00fctterem Haar und glattrasiertem Gesicht. Toraldin h\u00fcpfte vor Panik, als die Drachen hereinglitten und sie umzingelten, w\u00e4hrend Salemandra das Kinn vorschob und sie hasserf\u00fcllt be\u00e4ugte \u2013 vor allem Aylen.<\/p>\n\n\n\n<p>Salemandra war der erste Erzmagier gewesen, den Aylen um eine Ausbildung gebeten und der sie abgelehnt hatte. Vielleicht dachte er in diesem Moment daran, wie fatal seine Entscheidung damals gewesen war. Aber obwohl Aylen sich den Augenblick ihrer Rache so oft und so lange schon ausgemalt hatte, empfand sie jetzt keine Genugtuung, sondern nur ein flaues Grauen vor dem, was passieren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWen haben wir denn hier?\u201c, fauchte Sabriel und zog immer engere Kreise um die beiden M\u00e4nner. \u201eWenn das nicht die letzte Generation unserer Herren und Meister ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSabriel!\u201c, schrie Salemandra pl\u00f6tzlich, und seine Stimme fuhr wie eine Peitsche durch den Raum. \u201eSabriel, ich beschw\u00f6re dich, erinnere dich daran, wer du vor deiner Unsterblichkeit warst!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIrosal\u201c, stammelte Toraldin, angesto\u00dfen von Salemandra. \u201eOdriel! Erinnert euch!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Drachen lachten schwarzen Qualm. \u201eWir erinnern uns, wir erinnern uns sehr gut. Unsere Namen sind verwahrt in unserer Tochter Aylen, unserer Quelle\u201c, zischten sie im Chor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEure Worte sind machtlos\u201c, sagte Odriel mit gespieltem Mitleid.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSelbst wenn sie wahr sind\u201c, sagte Sabriel mit ebenso vor H\u00e4me triefender Stimme. \u201eWie ging doch gleich die Geschichte, die ihr \u00fcber unsere Unterjochung erz\u00e4hlt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles Unheil der Welt beginnt mit dem Neid einer Frau\u201c, zitierte Irosal.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOder ihrer Eifersucht\u201c, fuhr Odriel fort.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOder ihrer Uners\u00e4ttlichkeit\u201c, sagte Sabriel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Aylen kannte die Geschichte, die so verbreitet war, dass die einfachen Leute aller drei V\u00f6lker sie aufsagen konnten. Im Stillen dazu aufgefordert von den drei Drachen, sprach sie den n\u00e4chsten Satz mit: \u201eSie, die sich nicht mit dem ihr zugeteilten Platz zufriedengibt, wird mit ihrem Blut die Erde vergiften und den Himmel mit Rauch verdunkeln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWollen wir ihre Worte wahr machen? Nicht, dass die Zauberer Jahrhunderte lang L\u00fcgen verbreitet haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit fauchendem, zischendem Gel\u00e4chter st\u00fcrzten die Drachen sich auf die Erzmagier. Aylen klammerte sich an Sabriels Nacken fest, doch als die drei begannen, sich um das Fleisch der M\u00e4nner zu balgen, lie\u00df sie sich seitlich fallen und floh zwischen Klauen und Schw\u00e4nzen hindurch bis an den Rand der Grotte. Sie dr\u00fcckte sich in eine Spalte im Gestein und beobachtete schwer atmend, wie die Drachen miteinander rangen. Sie stritten bis zum letzten Fetzen. Bis von den beiden M\u00e4nnern nicht ein Tropfen \u00fcbriggeblieben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon f\u00fcrchtete Aylen, dass die drei Drachen ihr Feuer gleich gegeneinander einsetzen w\u00fcrden, doch da beruhigten sie sich, als w\u00fcrden sie sich auf ihren Genuss besinnen. Fast vers\u00f6hnlich strichen sie auseinander, und in der Dunkelheit, die nur ihr gl\u00fchender Atem unterbrach, schien sich jeder Drache zu recken und zu strecken. Aylen presste sich beide H\u00e4nde vor den Mund, als sie begriff, was geschah: Sie <em>wuchsen<\/em>. Tats\u00e4chlich. Ihre Sch\u00e4del wurden gr\u00f6\u00dfer, die H\u00f6rner und Krallen l\u00e4nger. Mit Sirren und Knacken schoben sich ihre Schuppen auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann Stille. Es dauerte einen Moment, ehe Aylen begriff, dass es eine innere Stille war. Sonst h\u00f6rte sie immer die Gef\u00fchle und Gedanken der drei summen, und sei es noch so unverst\u00e4ndlich. Doch jetzt war da nichts, gar nichts, und Aylen f\u00fchlte sich wie ein Brunnen, dessen Oberfl\u00e4che von nichts ersch\u00fcttert wurde. Sie f\u00fchlte sich \u2026 allein. Zum ersten Mal seit dem Schl\u00fcpfen der drei Drachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile war die Ver\u00e4nderung der Drachen offenbar abgeschlossen, und sie sahen sich um, als fiele ihnen erst jetzt wieder ein, wo sie sich befanden. Ihre Blicke landeten auf Aylen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kostete Aylen \u00dcberwindung, aus der Felsspalte zu steigen, in der sie sich versteckt hatte. \u201eWir haben gesiegt. Lasst uns die anderen Drachen befreien\u201c, schlug sie vor. Sie wagte nicht, es in Gedanken zu sagen, aus Angst festzustellen, dass die Verbindung nicht mehr existierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Drachen schlichen zum Ausgang. Sabriel hielt inne und neigte fast unwillig den Kopf, damit Aylen aufsteigen konnte. Wie viel gr\u00f6\u00dfer sie geworden war, merkte Aylen erst jetzt. Sie bekam ihre Beine kaum noch um ihren Nacken!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schlichen die Treppe empor und hinaus aus dem Berg, wie sie eingedrungen waren. Inzwischen war der Eisregen versiegt. Es fielen gro\u00dfe weiche Schneeflocken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist mit den gefangenen Drachen?\u201c, rief Aylen gegen das Schneegest\u00f6ber an, als sie sich in die L\u00fcfte erhoben und mit kraftvollen Fl\u00fcgelschl\u00e4gen in die Nacht segelten. \u201eWas ist mit Tahrika? Sie liegt noch in Ketten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie hat uns angegriffen. Sie ist eine Gefahr<\/em>, murmelte Irosal. Ihre Stimme hallte merkw\u00fcrdig fern in Aylen wider.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber \u2026\u201c Aylen nahm ihren Mut zusammen und rief in Gedanken: <em>Das ist doch, warum wir hergekommen sind! Um die Schwestern zu befreien!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Drachen wirbelten auseinander, rauschten in die H\u00f6he und schossen in die Tiefe, wild wie Laub im Sturm. Aylen musste sich festklammern. Im Br\u00fcllen des Windes schien Gel\u00e4chter zu liegen. Die drei Drachen freuten sich. Sie tanzten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir sind nicht gekommen, um andere Drachen zu befreien<\/em>, dachte Sabriel leise, fast nur f\u00fcr sich, s<em>ondern um die Zauberer zu fressen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 1<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka war keine besonders leidenschaftliche T\u00e4nzerin. Sie sah lieber zu, wie andere zur Musik umeinander wirbelten. Mit einem Becher Apfelwein in der Hand lehnte sie an der Br\u00fcstung eines Balkons, der aufs Sonnendeck hinausging, und wippte mit dem Fu\u00df. Die Freude der anderen stimmte auch sie fr\u00f6hlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz Ydras Horn dr\u00e4ngte sich auf dem Sonnendeck zusammen, und die Schatten von mehr als zweitausend M\u00e4nnern und Frauen flogen \u00fcber die hohen Felsw\u00e4nde. Das Sonnendeck war zwar der tiefste Punkt der Untergrundfestung, doch der Name passte. Denn nirgendwo sonst war man bei den Zwergen von Ydras Horn unter freiem Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Weit oben, fast hundert Meter \u00fcber den Feiernden, gl\u00e4nzte der Himmel durch eine runde \u00d6ffnung, und an klaren Winterabenden wie diesem konnte man die Mondsichel sehen. Die \u00d6ffnung lag versteckt zwischen den Felsen an der K\u00fcste, und selbst wenn sie entdeckt wurde \u2013 was schon vorgekommen war, wie die verkohlten W\u00e4nde bewiesen \u2013, reichte das feindliche Feuer nicht herab. Ein uraltes Festungsgesch\u00fctz verrottete weiter oben im salzigen Wind. Speere von unvorstellbarer Gr\u00f6\u00dfe mussten einst damit abgefeuert worden sein, aber wie der Mechanismus funktionierte, verstand niemand mehr. Die Kurbeln waren zu riesig, die Ketten zu schwer, um durch Muskelkraft betrieben zu werden. Und selbst wenn es ihnen gelungen w\u00e4re \u2013 aus welchem Material sollten sie die Speere fertigen? Weder Eisen noch Feuer noch sonst eine bekannte Substanz konnte den f\u00fcrchterlichen Drachen an der Oberfl\u00e4che etwas anhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie \u00fcberhaupt ein so tiefes Loch in den Fels gehauen und Ydras Horn mit seinen stufenf\u00f6rmig angeordneten S\u00e4len, hohen Bogeng\u00e4ngen und Balkonen unter der Erde errichtet worden war, lie\u00df sich von seinen heutigen Bewohnern nicht mehr nachvollziehen. Die unterirdische Festung musste durch Zauberei erschaffen worden sein, als es noch Zauberer gab. Alle Versuche, den Bau zu erweitern, waren gescheitert, denn der massive Fels lie\u00df sich mit Hacken und Schaufeln so gut wie nicht bearbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Teppich aus blassem Moos und Farnen und winzigen hellrosa Blumen wucherte hier an den W\u00e4nden und um die Balkone. Die Zwerge pflegten die Pflanzen mit so gro\u00dfer Sorgfalt wie ihre Haare und Kleider, denn sie galten als Schmuck von Ydras Horn. Das Gr\u00fcn war eine Wohltat f\u00fcrs Auge, wenn man die meiste Zeit unter der Erde verbrachte, im D\u00e4mmerschein von Fettlampen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier, auf dem Sonnendeck, gab es aber noch eine andere Lichtquelle. Kugeln, manche so gro\u00df wie eine Faust, andere klein wie eine Perle, schwebten durch den Schacht. Ein geheimnisvolles Leben erf\u00fcllte sie, ein Funke Ewigkeit, den die Zauberer von einst ihnen eingehaucht haben mussten. Jede Kugel war eine winzige Nachahmung der Sonne, ein kleiner Stern \u2013 ein Trostpreis daf\u00fcr, dass der echte Himmel bis auf den einen, fernen Ausschnitt \u00fcber dem Sonnendeck hinter meterdickem Fels verborgen lag. Manche der Sternlichter kreisten umeinander, andere schlafwandelten von oben nach unten in einem endlosen Kreislauf. Sie \u00e4nderten nie ihren Kurs, und ihr Licht nahm nie ab, seit Beginn der Geschichtsschreibung in Ydras Horn vor dreihundertdreiundzwanzig Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem goldenen Glanz entdeckte Nireka Kani, die auf sie zukam. Kani war zehn Jahre j\u00fcnger als Nireka, gerade einmal sechzehn, und noch pausb\u00e4ckig wie ein Kind. Vor allem jetzt, da sie kaum aufh\u00f6ren konnte zu grinsen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNireka!\u201c Das M\u00e4dchen rannte die letzten Schritte auf sie zu, einfach im \u00dcberschwang, sodass ihr rotes Kraushaar, das zu zwei hoch angesetzten Z\u00f6pfen zusammengefasst war, h\u00fcpfte. \u201eDu hast dich \u2026 ja geradezu herausgeputzt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeradezu?\u201c Stirnrunzelnd sah Nireka an sich herab. Sie hatte ihre \u00fcbliche Kluft aus einem Leinenkittel, ledernen Beinkleidern und einem wollenen Kapuzen\u00fcberwurf gegen ein Kleid ihrer gro\u00dfen Schwester Patinka getauscht. Es war aus blau gef\u00e4rbtem Leinen, das, wie Patinka versichert hatte, gut zu Nirekas kinnlangen blonden Locken passte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa ja\u201c, sagte Kani und zupfte an dem Kleid herum, \u201ees w\u00fcrde besser mit einem G\u00fcrtel aussehen, der die Taille betont, und ohne den Kittel darunter, der so aus dem Ausschnitt hervorquillt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka lachte nerv\u00f6s. \u201eDas w\u00e4re unbequem. Und kalt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kani bedeutete ihr mit einem Blick, dass sie die Ausrede nicht gelten lie\u00df. Auch wenn es stimmen mochte, es war nur die halbe Wahrheit. Die andere H\u00e4lfte, die Nireka verschwieg, war, dass sie sich in allzu weiblicher Kleidung unwohl f\u00fchlte. Da sie von Zwergen und von Menschen abstammte, die Ydras Horn im Laufe der Zeit immer wieder als Fl\u00fcchtlinge aufgenommen hatte, war sie f\u00fcr eine Zwergin ziemlich gro\u00df und d\u00fcnn, mit kantigen Schultern und flacher Brust, und tiefe Ausschnitte und ein schmaler Taillenschnitt schienen nur zu betonen, wie gering ihre Reize ausgepr\u00e4gt waren. Seit ihrer Jugend hatte sie nach und nach immer seltener Kleider getragen und sich angew\u00f6hnt, st\u00e4ndig so herumzulaufen, als w\u00fcrde sie gleich zur Oberfl\u00e4che aufbrechen. Vor allem die Frauen von Ydras Horn sch\u00fcttelten dar\u00fcber die K\u00f6pfe, und bei Festen wurde ihre Kleidung immer wieder zum Thema, ganz gleich, ob sie sich den Gepflogenheiten beugte und ein Festgewand anlegte wie heute oder ob sie in ihrem praktischen Aufzug blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber abgesehen von ein paar gut gemeinten Sticheleien, akzeptierte man in Ydras Horn ihre Absonderlichkeiten. Vielleicht, weil sie Patinons Tochter war, der <em>Stimme<\/em> von Ydras Horn, und weil sie wie er die meiste Zeit in der Kammer der Weisen mit Schriften arbeitete. Es zeichnete sich ab, dass sie nach ihm seinen Platz einnehmen w\u00fcrde, um das Ged\u00e4chtnis von Ydras Horn zu h\u00fcten. Mit dieser Sonderstellung wurden auch einige Abweichungen von normalem Verhalten toleriert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst du einen Keks?\u201c, fragte Nireka vers\u00f6hnlich und schlug das Tuch auf der Balkonbr\u00fcstung auf, in dem sie sich ein paar Taler aus Kastanienmehl, Zimtr\u00fcbensirup, Haseln\u00fcssen, Gew\u00fcrzen und getrockneten Kirschen eingepackt hatte. Zur Feier des Tages hatten sie die Sparsamkeit aufgegeben und aus ihren Vorr\u00e4ten Leckereien gebacken, die es seit Wochen nicht gegeben hatte. Denn jetzt war die Belagerung vorbei, das Monstrum weitergezogen. Und das lag an Kani.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fluch, der auf dem jungen M\u00e4dchen gelastet hatte, war von Kani abgefallen. Sie war nicht mehr von Geisterschatten besessen, und somit war auch das Interesse des monstr\u00f6sen Drachen an ihr verschwunden. Kein Wunder also, dass sie strahlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahm sich einen Keks. \u201eMorgen gehst du mit nach oben, oder?\u201c, fragte sie mit vollem Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich. Sonnenlicht! Das lasse ich mir nicht entgehen\u201c, antwortete Nireka und nahm sich ebenfalls eines der Pl\u00e4tzchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kani seufzte. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden musste sie noch mindestens zwei Wochen unter der Erde bleiben, um zu beobachten, ob die Geisterschatten auch wirklich weg waren. Bis vor kurzem war ihre Besessenheit so schlimm gewesen, dass man sich ihr nicht ohne Gefahr hatte n\u00e4hern k\u00f6nnen und sie die meiste Zeit allein in einer Zelle hatte verbringen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand wusste, was Geisterschatten waren. Vielleicht ein D\u00e4mon \u2013 vielleicht eine ganze Schar von D\u00e4monen. Wer befallen war, gleich wie alt oder welchen Geschlechts, um den loderten hin und wieder Schatten wie schwarze Flammen auf, und unheimliche Lichter glitten \u00fcber die Haut, durch die Augen und den Mund. Dinge geschahen, die eigentlich nicht geschehen konnten. Gegenst\u00e4nde gingen zu Bruch. Manchmal wurde jemand verletzt. Es war ein Fluch, der unerkl\u00e4rlich kam und fast immer auch wieder verschwand. Manche hatten ihn f\u00fcr Jahre, andere f\u00fcr Wochen, manche immer wieder, andere nie. Warum Geisterschatten auftraten und warum nur Besessene die Drachen anlockten, wusste keiner.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann es kaum erwarten, auch wieder oben zu sein.\u201c Kani wippte auf den F\u00fc\u00dfen. \u201eErz\u00e4hl mir ganz genau, wie es war, ja? Wie warm es war, wie es gerochen hat und wie das Meer aussah. Oh, ich vermisse den Meereswind so!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde dir alles genau beschreiben.\u201c Nireka freute sich derma\u00dfen auf morgen, dass kaum Raum f\u00fcr Mitleid mit Kani blieb. Zum ersten Mal seit zwei Monden w\u00fcrde sie an die Erdoberfl\u00e4che gehen und sich ansehen, wie es um die Felder, Obstwiesen und Schafherden stand. Solange sie es nicht wusste, hielt sie an ihrer Hoffnung fest, dass es so schlimm nicht sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wollte mich noch einmal bei dir bedanken\u201c, murmelte Kani. \u201eF\u00fcr alles.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs gibt nichts, wof\u00fcr du dich bedanken musst\u201c, sagte Nireka und meinte es auch so. Sie klopfte sich die Kr\u00fcmel von den H\u00e4nden und tippte Kani auf die Nasenspitze, damit diese den Kopf nicht mehr h\u00e4ngen lie\u00df. Kani blickte mit einem traurigen L\u00e4cheln wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs passiert oft, dass junge M\u00e4dchen von Geisterschatten befallen werden\u201c, rief Nireka ihr in Erinnerung. \u201eIhr seid die M\u00fctter der n\u00e4chsten Generation, die wichtigsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Keine Sekunde haben wir erwogen, ob wir dich hergeben sollten. Das wei\u00dft du doch, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kani nickte, aber sie schien sich dazu zwingen zu m\u00fcssen. Zweimal hatte sie w\u00e4hrend ihrer Besessenheit versucht, sich an die Oberfl\u00e4che zu schleichen und sich dem Drachen preiszugeben, damit die Belagerung endete. Zum Gl\u00fcck hatte Nireka sie einmal aufhalten k\u00f6nnen, das andere Mal Kedina.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie tragisch w\u00e4re es gewesen, wenn du dich geopfert h\u00e4ttest\u201c, murmelte Nireka, \u201ewo deine Besessenheit doch nun so schnell von allein verschwunden ist. Deshalb ist es so wichtig, immer abzuwarten und nicht freiwillig in den Tod zu gehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube, ich w\u00e4re viel l\u00e4nger von Geisterschatten besessen geblieben, wenn nicht \u2026\u201c Kani senkte wieder den Kopf. Sie legte die H\u00e4nde auf ihren Bauch. \u201eIch glaube, ich wei\u00df, was mich geheilt hat \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKani\u201c, unterbrach Nireka sie. \u201eSuche keine Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr, warum jemand von Geisterschatten besessen ist oder sie wieder absch\u00fcttelt. Man kann es nicht beeinflussen. Du darfst dir keine Schuld geben, h\u00f6rst du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal konnte Kani sich nicht zu einem Nicken durchringen. Allerdings erregte etwas hinter Nireka ihre Aufmerksamkeit, und sie beugte sich \u00fcber die Br\u00fcstung des Balkons. \u201eDa ist Kedina. Kedina!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie winkte einem Mann, der die stufenf\u00f6rmigen Sitzb\u00e4nke erklomm, die vom Sonnendeck zu den h\u00f6heren Stockwerken f\u00fchrten. Kedina blickte auf, entdeckte sie und winkte zur\u00fcck. Er war in Nirekas Alter, aber immer noch hell und fein wie ein Blatt Papier: weizenfarben das Haar, rosig und weich die Lippen, still und dunkel die Augen. Er sah von Kani zu Nireka, und Nireka sp\u00fcrte, wie sie rot anlief.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute sagten Kedina nach, in sie verliebt zu sein. Vermutlich, weil Kedina ebenso wie sie ein Gehilfe Patinons war. In der Kammer der Weisen hatten sie seit ihrer Jugend viel Zeit zusammen verbracht, in alten Schriften geforscht, neue verfasst und auch sonst alles getan, worum Patinon sie bat. Aber ob es stimmte, was die Leute sagten, wusste Nireka nicht. Kedina galt als zur\u00fcckhaltend, und sie konnte so sch\u00fcchtern sein, dass sie in einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Nichtigkeiten ins Stammeln geriet. Nur wenn es um wichtige Dinge ging oder wenn sie vor vielen Leuten sprechen musste, war sie ruhig und selbstbewusst wie ihr Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch muss zu Kedina\u201c, sagte Kani und dr\u00fcckte Nirekas Arm. \u201eWir sehen uns sp\u00e4ter!\u201c Schon lief das M\u00e4dchen los, rief aber noch \u00fcber die Schulter: \u201eBlau sieht sch\u00f6n aus an dir, trag das \u00f6fter!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMal sehen \u2026 Na gut!\u201c Nireka hatte sich eigentlich darauf eingestellt, dass Kedina zu ihnen hochkommen w\u00fcrde, aber so war es ihr auch recht. Sie war oft befangen in seiner Gegenwart, wenn sie nicht gerade zusammen an etwas arbeiteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie leerte ihren Becher, und der Wein breitete sich in ihrem Bauch und ihrem Kopf aus wie hei\u00dfer Dampf. Die Trommeln unten wurden schneller, zwei Fl\u00f6ten taten sich hervor, schnell und nervenaufreibend, als wollten sie einander \u00fcbert\u00f6nen. Jubel erscholl. Pl\u00f6tzlich bekam Nireka doch Lust, sich zu bewegen. Zu dieser Musik bildeten sich nicht unbedingt Paare, sondern jeder konnte f\u00fcr sich zappeln. Sie ging an Gr\u00fcppchen von Leuten vorbei, die an den Balkongel\u00e4ndern lehnten und redeten, an Kindern, die mit von Sirup verschmierten M\u00fcndern Fangen spielten, an eng umschlungenen Paaren und dann die halbkreisf\u00f6rmigen Sitzb\u00e4nke hinab aufs Sonnendeck. Die Sternlichter zogen schwebend ihre tr\u00e4gen Bahnen durch den tiefen Schacht, unbeeindruckt von der wilden Menge am Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka blieb am Fu\u00df der Sitzb\u00e4nke stehen. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf die Musik und begann sich im Takt zu wiegen. Aber sie f\u00fchlte sich beobachtet und \u00f6ffnete die Augen wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand schien sie zu beachten. Alle waren dabei zu tanzen oder zu musizieren. Sie senkte den Kopf und versuchte sich der Musik hinzugeben. Aber sie kam sich wie immer irgendwie albern vor, so als versuchte sie nur, etwas zu sein, was die anderen wirklich waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schief und st\u00fcrmisch endete das Fl\u00f6tenspiel, und die Menge applaudierte. Selika und Gandred, die gespielt hatten, verbeugten sich, nahmen Becher aus der Menge an, um zu trinken, und kippten sich im \u00dcberschwang gegenseitig Wasser \u00fcber die schwei\u00dfnassen Gesichter. Wer von beiden nun den anderen mit seinem Fl\u00f6tenspiel \u00fcbertroffen hatte, lie\u00df sich nicht entscheiden \u2013 die Leute jubelten der \u00e4lteren Frau und dem jungen Mann gleicherma\u00dfen zu. Eine kurze Pause entstand, in der man auf die n\u00e4chsten Musiker wartete, die auftreten wollten. Nur Emita, Reynard, Othenon und Mirak trommelten gem\u00e4chlich weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht Musiker traten auf das Podium, sondern Kani und Kedina. Nireka bemerkte, dass sie sich an den H\u00e4nden hielten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch m\u00f6chte etwas verk\u00fcnden\u201c, rief Kani.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute jubelten und klatschten so laut, dass sie nicht fortfahren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast es geschafft! Lang lebe unsere Kani! Geheilt f\u00fcr immer!\u201c, riefen alle durcheinander.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, rief Kani zur\u00fcck. Sie lachte und wischte sich mit dem \u00c4rmel \u00fcber die Augen. \u201eIch danke euch! Danke \u2026 H\u00f6rt mich an!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich wurde es etwas ruhiger.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr alle habt lieber gehungert und unser Land aufs Spiel gesetzt, als mich dem Tod preiszugeben. Das kann ich euch niemals genug danken\u201c, sagte Kani mit bebender Stimme. \u201eZweimal wurde meine Verzweiflung so gro\u00df, dass ich \u2026 dass ich versucht habe, an die Oberfl\u00e4che zu gehen. Nireka hat mich das erste Mal aufgehalten.\u201c Sie suchte sie in der Menge, fand sie und deutete auf sie. Die Leute drehten sich zu Nireka um und klatschten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka hob scheu die Hand, um zu winken. Was auch immer das bedeuten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie hat mich festgehalten, obwohl ich gestrampelt und geheult habe wie ein bockiges Kind\u201c, sagte Kani und musste sich wieder die Tr\u00e4nen von den Wangen wischen. \u201eDanke, Nireka. Ohne dich w\u00e4re ich tot.\u201c Sie wandte sich nun Kedina zu. \u201eUnd beim zweiten Mal hat mir Kedina den Weg versperrt. Er hat nicht zugelassen, dass ich mich f\u00fcr Ydras Horn opfere. Auch gegen ihn habe ich angek\u00e4mpft. Aber er hat mich nicht losgelassen, und ich \u2026 ich habe mich in ihn verliebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seufzen erscholl und erneutes Klatschen und Freudenrufe. Nireka schluckte hart. Mit gerade einmal sechzehn Jahren hatte Kani sich nicht nur getraut, ihr Herz dem Mann zu \u00f6ffnen, den sie liebte, sondern sich auch vor ganz Ydras Horn dazu bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kedina legte die Arme um sie. Er wirkte nicht \u00fcberrascht. Nireka begriff, dass er es l\u00e4ngst gewusst hatte. Dass er mit ihr vor das Volk von Ydras Horn getreten war, um sich ebenfalls zu seiner Liebe zu bekennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir werden ein Kind bekommen\u201c, rief er.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jubel wurde ohrenbet\u00e4ubend. Aber Nireka h\u00f6rte nichts mehr. Nur seine Worte hallten in ihr nach. Ein Kind. Deshalb waren die Geisterschatten von Kani abgefallen. Gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen wie eine neue Liebe oder Mutterschaft konnten Geisterschatten nicht nur anlocken, sondern manchmal auch vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie laut Kedina gerufen hatte \u2026 Nireka hatte ihn bisher nie lauter sprechen h\u00f6ren als so, dass man die Ohren spitzen musste. Irgendwie schockierte sie diese ungewohnte Lautst\u00e4rke an ihm mehr als alles andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00f6gerlich begann auch sie zu klatschen. Wie gl\u00fccklich die beiden aussahen. Sie sprangen von dem Podium hinunter in die Menge und lie\u00dfen sich umarmen und begl\u00fcckw\u00fcnschen. Sie waren ein sch\u00f6nes Paar. Das sah jeder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie hatte sie es nicht sehen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Musik setzte ein, und die alte Farula sang mit ihrer rauen Stimme ein langsames Liebeslied zu Ehren der beiden. Die Menge stimmte mit ein, und die Aberhundert Stimmen erf\u00fcllten alle zweiundvierzig Stockwerke von Ydras Horn, das in der Tat wie ein Horn in die Erde ragte und den Hall von unten bis hinauf in die obersten Stockwerke trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka f\u00fchlte, wie sich ein L\u00e4cheln in ihren Wangen festbiss. Sie verlie\u00df das Sonnendeck und erklomm mit gro\u00dfen Schritten die Sitzb\u00e4nke. Sie brauchte etwas zu trinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie auf den Ausschank zusteuerte, entdeckte sie ihren Vater, der gerade aus einem der F\u00e4sser zapfte. Sie wollte umkehren, doch zu sp\u00e4t. Schon drehte Patinon sich um und fing ihren Blick auf. Er begriff sofort, dass Kanis und Kedinas Er\u00f6ffnung sie \u00fcberrumpelt hatte. Mitleid trat in seine Miene. H\u00e4misches Gel\u00e4chter w\u00e4re ihr lieber gewesen. Oder ein Kinnhaken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNireka\u201c, sagte er. Dann wusste er zum Gl\u00fcck nicht mehr, wie er weitermachen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAm\u00fcsierst du dich?\u201c, fragte sie und zapfte sich etwas vom Apfelwein, als w\u00e4re nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Patinon hielt seinen Becher zwischen den langen Fingern. Er war inzwischen ein betagter Mann, sein Kopf fast haarlos und sein geflochtener Bart schon eher wei\u00df als grau. Aber er war immer noch eine imposante Erscheinung: gro\u00df und drahtig, ohne gebrechlich zu wirken, mit tiefliegenden, klaren, hellblauen Kinderaugen. Seine Mutter war menschlichen Gebl\u00fcts gewesen und hatte bei den Zwergen von Ydras Horn Zuflucht vor der Gefahr an der Oberfl\u00e4che gefunden. Trotz seines gemischten Bluts war er H\u00fcter der Kammer der Weisen und Stimme von Ydras Horn geworden: Er leitete die Geschichtsschreibung der Untergrundfestung und legte die Schriften der untergegangenen Welt aus. Auch die Unterweisung der Kinder in die Kunst des Lesens und Schreibens fiel ihm zu. Nireka half ihm dabei, seit sie zw\u00f6lf Jahre alt war, und in Wahrheit blieb es immer \u00f6fter an ihr h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wusste nicht, dass Kedina und Kani sich ineinander verliebt haben\u201c, sagte Patinon sanft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka umklammerte ihren Becher so fest, dass sie glaubte, das Holz knirschen zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00e4tte er es mir erz\u00e4hlt, h\u00e4tte ich dir sofort \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum denn?\u201c, fragte Nireka und atmete tief aus. Gut, sie konnte ihrem Vater nichts vormachen. Aber musste sie das \u00fcberhaupt? Sie hatte nie durchblicken lassen, dass sie etwas f\u00fcr Kedina empfand \u2013 ebenso wie er allerh\u00f6chstens sehr zaghafte Andeutungen gemacht hatte. Es waren immer nur Mutma\u00dfungen anderer gewesen, dass sich zwischen ihnen Gef\u00fchle entwickeln k\u00f6nnten. <em>Weil wir einander so \u00e4hnlich sind, so gut zusammenpassen.<\/em> Ja, je mehr Nireka jetzt dar\u00fcber nachdachte, umso sicherer war sie, dass sie ihre vagen Hoffnungen eher von au\u00dfen \u00fcbernommen als im Herzen entwickelt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4tte sie ihrem Vater sagen k\u00f6nnen. Aber es anzusprechen machte es bedeutsamer, als es war. Und ein Teil von ihr f\u00fcrchtete, dass Patinon ihr nicht glauben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt wissen wir, wie Kani so schnell ihre Geisterschatten verloren hat\u201c, sagte sie und sp\u00fcrte, dass sie sich zumindest dar\u00fcber aufrichtig freuen konnte. Es war ein gutes Gef\u00fchl, und darauf wollte sie sich konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Patinon musterte sie einen Moment forschend, bis ihm klar zu werden schien, dass sie darunter litt. Er lie\u00df den Blick zu den Balkonen schweifen, an denen im fr\u00f6hlichen L\u00e4rm des Festes die Sternlichter vorbeischwebten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNiemand wei\u00df, warum Geisterschatten kommen oder gehen\u201c, erinnerte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde morgen in unseren Archiven nachsehen, wie viele F\u00e4lle von spontaner Heilung verzeichnet wurden, die mit einer ersten Schwangerschaft einhergingen\u201c, beschloss sie stur.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWolltest du morgen nicht mit an die Oberfl\u00e4che, um dir ein Bild von der Lage zu machen?\u201c, fragte Patinon, ehe er rasch hinterherschob: \u201eAch, was. Ich denke auch, dass du dich auf deine Arbeit in der Kammer der Weisen konzentrieren solltest. Andere k\u00f6nnen an die Oberfl\u00e4che, aber niemand kennt sich mit den Schriften so gut aus wie du. Bleib besser unten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie l\u00e4chelte \u00fcber diese schlechte Ausrede daf\u00fcr, dass sie sich nicht in Gefahr begeben sollte. In Patinons Augen w\u00fcrde sie immer ein kleines M\u00e4dchen sein. Mit sechsundzwanzig ebenso wie mit sechzig. <em>Vom kleinen M\u00e4dchen direkt zur kinderlosen Alten. <\/em>Normalerweise dachte sie nicht dar\u00fcber nach, dass sie keine Kinder hatte \u2013 es st\u00f6rte sie nicht wirklich, au\u00dfer wenn sie daf\u00fcr schief angeschaut wurde. Aber in diesem Moment erf\u00fcllte es sie mit einer namenlosen Angst, so als sei der Tod in ihr. Als sei sie eine Tote unter Lebenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sch\u00fcttelte die Vorstellung ab. \u201eIch gehe morgen an die Oberfl\u00e4che\u201c, sagte sie. \u201eUnd danach komme ich in die Kammer der Weisen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Patinon seufzte verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch vermisse das Sonnenlicht\u201c, f\u00fcgte Nireka entschuldigend hinzu. Aber zu sehen, wie sich die Sorgenfalten in Patinons Gesicht vertieften, erf\u00fcllte sie mit Schuldbewusstsein. W\u00fcrde sie sterben, w\u00e4ren Schuldgef\u00fchle gegen\u00fcber ihrem Vater wahrscheinlich ihre letzte Regung \u2013 nicht Bedauern \u00fcber den Verlust ihres Lebens, sondern \u00fcber <em>seinen<\/em> Verlust der Tochter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun seufzte auch sie. \u201eKani ist geheilt. Uns droht oben keine Gefahr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas wei\u00dft du nicht\u201c, sagte er leise und trank von seinem Apfelwein. \u201eDurch die Drachen droht Ydras Horn immer Gefahr.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog + Kapitel 1 Drachen? Magier? Ja, aber ganz anders! Zumindest war das die Idee des Romans. Mir gingen Vorstellungen vom Endstadium kapitalistischer Gesellschaften durch den Kopf, technologischer Tr\u00e4ume von Unsterblichkeit und unverletzlichen K\u00f6rpern und dem Versuch, unter unmenschlichen Bedingungen die Menschlichkeit zu wahren. Ich h\u00e4tte einen Essay \u00fcber die Corona-Krise und den Fortschrittsglauben aus dem Silicon Valley schreiben k\u00f6nnen. Aber warum, wenn ich all diesen Gedanken auch in Form eines Fantasyromans nachgehen k\u00f6nnte? Und keine Sorge &#8211; am Ende sind diese Gedanken tief genug in der Geschichte vergraben worden, dass niemand sich daran st\u00f6ren muss, der einfach ein Abenteuer mit Drachen und Magie erleben will. 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