{"id":1759,"date":"2021-10-13T11:43:46","date_gmt":"2021-10-13T10:43:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1759"},"modified":"2021-10-13T11:43:46","modified_gmt":"2021-10-13T10:43:46","slug":"das-zeitalter-der-drachen-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1759","title":{"rendered":"Das Zeitalter der Drachen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Kapitel 4 &#8211; 5<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Hallo, liebe Vorableser! Und weiter geht es mit Nirekas Geschichte. Ab hier nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu viel will ich nicht verraten, au\u00dfer dass wir bald eine alte Bekannte aus dem Prolog wiedertreffen werden &#8230; Darauf freue ich mich schon! Ich hoffe, ihr seid auch neugierig. :)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 4<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wiederkehrender Traum verfolgte Nireka, seit ihre Mutter sie verlassen hatte. Es war schon viele Jahre her, aber selbst heute, da sie l\u00e4ngst selbst Mutter h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, war sie in ihren Tr\u00e4umen noch ein Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Mutter ging in einem bunt bestickten Festkleid vor ihr und Nirekas Vater her, barfu\u00df auf den Felsen. Sie bewegte sich beschwingt und fr\u00f6hlich, und je unsicherer der Boden wurde, umso mehr schien sie zu tanzen. Sie war eine wundervolle T\u00e4nzerin gewesen. Angeblich waren zu Feiertagen Leute von anderen Inseln gekommen, nur um sie zu sehen, und auch sie war von Untergrundfestung zu Untergrundfestung gereist, um ihre K\u00fcnste zu zeigen und mit Geschenken heimzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka bemerkte, dass Patinon neben ihr strauchelte \u2013 er war alt, w\u00e4hrend ihre Mutter so jung war wie damals, und Nireka musste ihn st\u00fctzten. Ein unbestimmter Glanz sickerte aus dem Himmel, aber Nireka wusste, dass weder der Morgen graute noch der Abend d\u00e4mmerte. Ihre Mutter stieg zu einer Bucht hinab, und Nireka wollte sie warnen, nicht weiterzugehen, denn sie ahnte Unheil. Doch kein Ton kam ihr \u00fcber die Lippen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie das Meer erreichten, das in unaufh\u00f6rlicher Wut nach den Steinen schnappte, hielt ihr Vater sie fest. \u201eBis hierher und nicht weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da durchrann sie eine entsetzliche Erkenntnis: Vor ihr lag nicht mehr Tana, die Welt von Tag und Nacht, sondern eine andere Sph\u00e4re. Dort herrschte starre Ewigkeit. Ihre Mutter ging ins Wasser und wurde von den schwarzen Wellen umgeworfen. Sie schrie, als die schaumigen M\u00e4uler zuschnappten, und ihre Schreie wurden zur Brandung, die an den Klippen widerhallte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wollte zu ihr rennen und sie retten, aber sie glaubte eigentlich nicht mehr daran, dass sie noch zu retten war. Und selbst wenn \u2013 ihr Vater hielt sie so fest umklammert, dass sie sich nicht r\u00fchren konnte. Also sah sie im Tosen der Schmerzensschreie zu, wie ein Monster ihre Mutter fra\u00df, das niemals satt sein w\u00fcrde. Und ihr Vater weinte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielleicht ist heute der Tag, an dem ich sterben werde. <\/em>Manchmal dachte Nireka das, wenn sie morgens die Augen aufschlug und wusste, dass sie an der Oberfl\u00e4che arbeiten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht heute. Heute erwachte sie mit einem Kribbeln vor Freude, wieder im Sonnenlicht zu sein, den Meereswind zu riechen und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Sie schl\u00fcpfte aus dem Bett und zog sich an. Der Stoff, der ihre Haut streifte, erinnerte sie an Riwans Ber\u00fchrungen. <em>Alles<\/em> erinnerte sie an Riwans Ber\u00fchrungen. Als h\u00e4tten seine warmen, starken H\u00e4nde sie umgeformt und ihr eine neue Gestalt gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka war gro\u00df f\u00fcr eine Frau in Ydras Horn, aber in seinen Armen hatte sie sich ungewohnt zerbrechlich gef\u00fchlt. Und zugleich viel besch\u00fctzter, als sie sich mit einem Fremden h\u00e4tte f\u00fchlen d\u00fcrfen. Wie er sie gehalten, wie er sie gek\u00fcsst hatte \u2026 als w\u00fcrden sie sich wirklich lieben. Als w\u00e4re es das Einfachste der Welt, sich zu lieben. Vielleicht war es das auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen nach ihrer gemeinsamen Nacht war er mit der H\u00e4ndlertruppe von der Insel gesegelt, und er und Nireka hatten sich nur mit einem Blick voneinander verabschiedet. Sie hatten nicht dar\u00fcber gesprochen, ob oder wann er je wiederkommen w\u00fcrde. Und es war ihr lieber so.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka verharrte noch einen Moment in ihrem Schlafraum und hing der Erinnerung an seine Ber\u00fchrungen auf ihrer Haut nach, ehe sie sich sammelte und aufbrach.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glocke des Aussichtsturms l\u00e4utete, und die Feldarbeiter verstummten mitten in ihrem ausgelassenen Gesang. Nireka lie\u00df die Hacke sinken und strich sich \u00fcber die Stirn, die verschwitzt war trotz des k\u00fchlen Wetters. Wie die anderen blickte sie zu dem halb verfallenen Turm auf der h\u00f6chsten Klippe an der K\u00fcste, wo kein Gras mehr wuchs und das Meer an den Felsen emporsch\u00e4umte. Vor dem rosigen Gl\u00fchen des Sonnenuntergangs konnte Nireka nur vage Sewain erkennen, der sich mit seinem K\u00f6rpergewicht an das Seil h\u00e4ngte, um zu l\u00e4uten. Einmal, zweimal, dreimal brachte der Junge die Glocke zum Erklingen. Dreimal L\u00e4uten hie\u00df, dass Fremde nahten. Viermal hie\u00df, sie waren bewaffnet. Zur Erntezeit hatten sie es gelegentlich mit Piraten zu tun, die auf der Suche nach Essbarem die Inseln angriffen, aber es war der dritte Fr\u00fchlingsmond \u2013 noch gab es nichts zu ernten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sewain lie\u00df die Glocke ein viertes Mal ert\u00f6nen. Die Feldarbeiter liefen zusammen. Nireka kletterte auf einen Wagen voller Ger\u00e4te und half anderen hoch, um sich f\u00fcr den Angriff zu wappnen. An den Seiten des Wagens waren B\u00f6gen und Pfeile verstaut, dazu Sensen und \u00c4xte f\u00fcr den Nahkampf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glocke ert\u00f6nte abermals. Der silberne Klang hallte Nireka in den Ohren nach, und f\u00fcr einen Moment war sie nicht sicher, ob sie sich das f\u00fcnfte Mal nur eingebildet hatte. Aber dann ert\u00f6nte die Glocke wieder. Und wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZu den Sch\u00e4chten!\u201c, br\u00fcllte Pasika, geistesgegenw\u00e4rtiger als die anderen, und warf ihre Hacke weg, um loszust\u00fcrmen. Sie war zwar klein und st\u00e4mmig, aber auch flink wie ein Fuchs. Mit ihren vierzig Wintern war sie schon so manches Mal um ihr Leben gerannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand k\u00fcmmerte sich mehr um die Waffen. Alle flohen. Es gab zwischen den Feldern, Weiden und Obstwiesen von Ydras Horn dreiundzwanzig Sch\u00e4chte, die zu den Tunneln in die sichere Tiefe f\u00fchrten, sodass sie nie mehr als etwa hundert Meter entfernt von einem arbeiteten. Vielleicht w\u00fcrden sie es schaffen. Vielleicht w\u00fcrden wenigstens ein paar von ihnen es schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka stand immer noch auf dem Wagen, obwohl jede Sekunde z\u00e4hlte. Aber sie konnte nicht die Flucht ergreifen, bevor sie sich nicht mit eigenen Augen \u00fcberzeugt hatte, dass es stimmte. Sie sah zum Himmel auf, drehte sich im Kreis, und da, im verrinnenden Tageslicht \u00fcber dem Meer, entdeckte sie das, was Sewain hatte Alarm schlagen lassen. Der Anblick st\u00fcrzte ihr wie fl\u00fcssiges Blei in den Magen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fl\u00fcgel, die gem\u00e4chlich schlugen, aber so viel Luft unter sich wegdr\u00fcckten, dass der lange, schmale Leib mit erschreckender Geschwindigkeit n\u00e4her kam. Der zackenbewehrte Schwanz, der rhythmisch mitschwang. Der Kopf, das Maul \u2013 die Reihen krummer Z\u00e4hne, die r\u00f6tlich schimmerten vor dem Feuer in der Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNireka!\u201c, schrie jemand. Es war Kani, die sich im Laufen zu ihr umdrehte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sprang vom Wagen und holte das M\u00e4dchen ein. Die Glocke war inzwischen verklungen, Sewain musste durch den Schacht unter dem Wachturm geflohen sein. Ein paar Herzschl\u00e4ge lang war nichts zu h\u00f6ren als ihre knirschenden Schritte auf der Erde und ihr keuchender Atem. Die Luke erschien. Nirekas Sicht verengte sich auf die \u00d6ffnung im Boden, in die Leute aus allen Richtungen hineinsprangen. Nur noch ein paar Meter, dann h\u00e4tte auch sie den Schacht erreicht. Nur noch \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4ser bogen sich in einem heftigen Windsto\u00df. Ein Schatten verdunkelte die Erde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein. Nein. Noch nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hinter ihr erschollen Schreie.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dreh dich nicht um, Kani<\/em>, dachte Nireka. <em>Renn weiter!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprang in den Schacht und sah aus den Augenwinkeln, wie Kani den Kopf umwandte, strauchelte und fiel. Sie selbst landete auf dem obersten Absatz der Treppe, die so verschachtelt war, dass sie fast sofort Schutz vor Feuer bot, das hinter einem aufflammen mochte. Sie wollte weiter hinabspringen, kreuz und quer immer tiefer hinab, in Sicherheit. Doch stattdessen richtete Nireka sich auf, streckte den Kopf aus der \u00d6ffnung und schrie: \u201eSteh auf!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kani versuchte sich aufzurappeln, aber sie zitterte zu sehr. Erneut fegte Wind \u00fcber sie hinweg, schleuderte Nireka St\u00f6ckchen und Gr\u00e4ser ins Gesicht. Ein Grollen lie\u00df die Luft vibrieren. F\u00e4ulnisgeruch raubte Nireka den Atem.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKani, steh auf!\u201c, br\u00fcllte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Kani verschr\u00e4nkte lediglich die Arme \u00fcber dem Bauch, als k\u00f6nnte sie das Ungeborene jetzt noch sch\u00fctzen, w\u00e4hrend sie sich bereits in Erwartung des Feuers zusammenkr\u00fcmmte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wollte zu ihr laufen. Sie hochzerren. Oder sie umarmen, damit sie nicht allein sterben musste. Aber die Angst war st\u00e4rker als sie. Die Angst schlug sie in ihren Bann. Gel\u00e4hmt vor Entsetzen, blieb Nireka, wo sie war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Boden erbebte, als der Drache landete, die Fl\u00fcgel gespreizt, sodass die Felder in seinem Schatten lagen. Die Glut der Sonne umriss seinen schlangenhaften Leib und brach sich auf seinen Schuppen, die in allen Schattierungen von Gold und Braun schillerten. Noch nie war Nireka einem Drachen so nah gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein fauliger, hei\u00dfer Atem wallte herab, als er den Kopf neigte. Tiefe, ratternde Ger\u00e4usche drangen aus seinen N\u00fcstern. Er schien zu wittern. Irgendwo schrie jemand auf, aber nicht vor Schmerz, nur vor Angst.<\/p>\n\n\n\n<p>Worauf wartete der Drache? Nireka sah, wie das Ungeheuer seinen Blick \u00fcber die Frauen und M\u00e4nner auf den Feldern schweifen lie\u00df, die nicht schnell genug hatten fliehen k\u00f6nnen. Seine Augen waren entsetzlich. Nicht die eines Raubtiers. Sondern wie die eines Menschen. So schnell und berechnend schossen sie hin und her, dass kein Zweifel an seiner Intelligenz bestehen konnte. Das machte seine Grausamkeit schrecklicher als die unwissende Brutalit\u00e4t eines Tieres.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Er kostet unsere Panik aus<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft verbrannte ein Drache seine Opfer nicht und leckte dann die Asche auf, sondern fra\u00df sie bei lebendigem Leibe. Oder jedenfalls Teile von ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sch\u00fcttelte unwillk\u00fcrlich den Kopf, als lie\u00dfe der Lauf der Welt sich aufhalten, solange sie ihre Zustimmung verweigerte. \u201eOh, Kani\u201c, fl\u00fcsterte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Kani h\u00e4tte nicht zur Feldarbeit an die Oberfl\u00e4che mitkommen m\u00fcssen, aber sie hatte die Sonne so sehr vermisst.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stimme drang aus der Kehle des Drachen. Sie klang wie ein Erdbeben. Nireka h\u00f6rte sie nicht nur von au\u00dfen, sondern auch von innen, aus dem Vibrieren ihrer Knochen: \u201eUnter euch ist einer, in dem die Geisterschatten leben. Gebt ihn mir morgen bei Sonnenuntergang, oder ich fresse euch alle.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache hob die Fl\u00fcgel und zog den Kopf ein, dann stie\u00df er sich vom Boden ab, dass Erdklumpen aufflogen. Nireka kniff die Augen zusammen und sp\u00fcrte den Luftsto\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Moment traf das Licht der untergehenden Sonne ihre Lider, und von den Feldern erscholl das Schluchzen der Leute, die von der Schwelle des Todes wieder ins Leben gesto\u00dfen worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Abend versammelte sich ganz Ydras Horn auf dem Sonnendeck, um zu beraten, was zu tun war. Nireka versuchte sich zu ihrer gro\u00dfen Schwester Patinka, deren Kindern und dem Vater der Kleinen zu setzen, aber es war bereits so voll, dass kein Durchkommen mehr m\u00f6glich war. Hunderte von Menschen dr\u00e4ngten sich auf den halbkreisf\u00f6rmigen Sitzb\u00e4nken zusammen, und Nireka musste mit einem Stehplatz weiter oben auf den Balkonen vorliebnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gespr\u00e4che verstummten, als Patinon aus der Kammer der Weisen trat. Er nahm auf dem steinernen Hocker Platz, der dem H\u00fcter vorbehalten war, und wirkte dabei wie immer so bescheiden, als sei er sich seiner hohen Stellung nicht im Mindesten bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBr\u00fcder und Schwestern\u201c, begann er mit seiner ruhigen Stimme, die selbst in der dunkelsten Stunde einen zuversichtlichen Unterton behielt, \u201enachdem ich mir eure Beschreibungen angeh\u00f6rt und in den Schriften nachgeschlagen habe, konnte ich den Drachen identifizieren. Sein letztes Erscheinen liegt siebzehn Jahre zur\u00fcck. Davor tauchte er ungef\u00e4hr alle drei Jahre auf. Oft wurde er nur gesichtet und griff uns nicht an. Es ist also davon auszugehen, dass er in der Zwischenzeit eine andere, einfachere Nahrungsquelle gefunden hatte, die jetzt versiegt ist. Darum fliegt er wieder an den Inseln vorbei und vergreift sich an uns. Vor siebzehn Jahren wurde seine Fl\u00fcgelspannweite auf f\u00fcnfundzwanzig Meter gesch\u00e4tzt. Er scheint seitdem erheblich gewachsen zu sein. Sein Leib ist vergleichsweise schmal und sein Schwanz auffallend lang, seine H\u00f6rner sind nur gering ausgepr\u00e4gt, und sein Schuppenkleid hat eine dunkelbraune bis schwarze F\u00e4rbung am R\u00fccken und eine goldene am Bauch. Nennen wir ihn also der Einfachheit halber wie in den Aufzeichnungen \u201aden Goldenen\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert an ihm ist seine Gespr\u00e4chigkeit. Seit dem ersten Eintrag zu ihm vor zweihundertdreiundneunzig Jahren hat er selten einfach angegriffen. Meist stellte er uns ein Ultimatum, bis wann wir sein bevorzugtes Opfer auszuliefern hatten, statt blindlings alle zu fressen, die ihm in den Weg kamen. So wie heute.\u201c Patinon runzelte die Stirn, als er fortfuhr: \u201eIch muss euch leider erz\u00e4hlen, dass oft verzeichnet wurde, dass diejenigen, die der Goldene wollte, freiwillig nach oben schlichen und sich heldenhaft f\u00fcr die Gemeinschaft opferten. Es scheint mir durchaus m\u00f6glich, dass das eine Besch\u00f6nigung ist und dass unsere Vorfahren dem Drachen in Wahrheit wiederholt nachgegeben und ihm seine Opfer ausgeliefert haben. Es m\u00fcssen harte Jahre gewesen sein, in denen das \u00dcberleben von Ydras Horn davon abhing. Aber in den meisten F\u00e4llen verbarrikadierten wir uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz Ydras Horn hielt nun den Atem an. Denn das war die Frage, die alle sich stellten: Was w\u00fcrde geschehen, wenn sie sich dem goldenen Drachen widersetzten?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Belagerung durch den Goldenen dauerte manchmal nur wenige Tage, ehe er aufgab\u201c, sagte Patinon, und ein erleichtertes Aufatmen wehte durch die Balkone. Doch Patinon sprach weiter: \u201eZuweilen aber lauerte er einen ganzen Winter an der Oberfl\u00e4che. Und so oder so verbrannte er unsere Felder und B\u00e4ume. Vollst\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Stille setzte ein, als h\u00e4tte sich eine unsichtbare Hand um die Kehle eines jeden Bewohners geschlossen. Nireka lie\u00df den Blick \u00fcber die ausdruckslosen Gesichter ihrer Leute schweifen, die zu ersch\u00f6pft waren f\u00fcr Verzweiflung oder Zorn. Die letzte Belagerung war kaum zwei Monde her. Sie hatten fast nichts als Fisch und Seetang zu essen. Ihre letzten Saaten waren ges\u00e4t. Und nun war der Goldene gekommen und raubte ihnen das letzte bisschen Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Tokrim erhob sich, der Vater der Kinder von Nirekas gro\u00dfer Schwester Patinka. Er war einer der st\u00e4rksten M\u00e4nner von Ydras Horn und konnte einen Baumstamm allein vom Wald herschleppen. Als Kind hatte er einen Drachenangriff \u00fcberlebt und Verbrennungen davongetragen \u2013 sein linkes Ohr und ein Teil seines Kopfes waren vernarbt. Man erz\u00e4hlte sich, er habe seitdem Angst vor Feuer und wolle weder in der N\u00e4he des Herdes sitzen noch je eine Fackel halten, aber Nireka hatte ihn durchaus Fackeln halten und auch entz\u00fcnden sehen, wenngleich er dabei nie gl\u00fccklich gewirkt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben gerade erst alles ausges\u00e4t\u201c, begann Tokrim. \u201eUnsere Fr\u00fcchte m\u00fcssen erst noch wachsen. So wie die N\u00fcsse an den Str\u00e4uchern. Und der Gro\u00dfteil der Mehlwurzeln. Und wenn die Bestie unsere Kastaniensetzlinge findet, werden unsere Kinder und Kindeskinder niemals Kastanien essen, denn es waren unsere allerletzten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka biss die Z\u00e4hne zusammen. Sie ahnte, worauf Tokrim hinauswollte. War das zu glauben? Sie starrte ihn finster an, aber Tokrim schaute nicht in ihre Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn wir die Zerst\u00f6rung all dessen in Kauf nehmen, was wir gerade wieder aufgebaut haben\u201c, sagte Tokrim, \u201edann m\u00fcssen wir uns nicht nur fragen, wie wir dieses Jahr \u00fcberleben. Sondern alle Jahre darauf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Grimmige Zustimmung erklang irgendwo, vereinzeltes Klatschen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsere Vorr\u00e4te sind aufgebraucht!\u201c Tokrim sprach nun lauter, best\u00e4rkt durch seine Bef\u00fcrworter. \u201eWir w\u00fcrden es nicht schaffen. Das ist die Lage. Wir w\u00fcrden es nicht schaffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka ersp\u00e4hte Kani in der Menge, die blasser wirkte als sonst. Kedina stand neben ihr und sah Nireka an. Nireka senkte irritiert den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schob sie sich nach vorn bis ans Gel\u00e4nder des Balkons. Normalerweise vermied sie es aus R\u00fccksicht auf Patinka und ihre Kinder, Tokrim zu widersprechen, auch wenn sie oft anderer Meinung war als er. Aber nun ging es um mehr als die Harmonie mit ihrer Schwester.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, dass du unsere Lage zusammengefasst hast, Tokrim\u201c, rief sie, bem\u00fcht, nicht zu zeigen, wie absto\u00dfend sie seine Worte fand. \u201eEs ist wahr. Wir haben unsere letzte Saat gestreut. Wir brauchen die Ernte. Sie darf nicht verbrennen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sp\u00fcrte, dass manche Leute sie mit Emp\u00f6rung ansahen. Kani blickte mit gro\u00dfen, blanken Augen zu ihr auf. Kedina starrte zu Boden. Die beiden mussten denken, dass sie den Vater der Kinder ihrer Schwester unterst\u00fctzte. Patinon jedoch beobachtete sie entspannt. Ihr Vater kannte sie, und sein Vertrauen fl\u00f6\u00dfte ihr Mut ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber wir haben noch eine Nacht und einen ganzen Tag, bis der Goldene wiederkommt\u201c, sagte sie laut. \u201eGenug Zeit, um die Saaten zur\u00fcckzuholen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gemurmel erhob sich. Nireka wartete nicht darauf, dass Gegenstimmen aufkamen, sondern fuhr fort: \u201eWir werden Verluste machen, das ist klar. Vieles ist nicht mehr aus der Erde zu klauben. Aber die Mehlwurzeln k\u00f6nnen wir hier unten in Erdf\u00e4ssern lagern. Wir m\u00fcssen alle mit anpacken und so viel zur\u00fcckholen, wie wir k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen Holz schlagen, Gras m\u00e4hen, die Schafe zusammentreiben und zu uns in die Festung holen. Die L\u00e4mmer schlachten wir nicht erst im Herbst, sondern jetzt. Im Morgengrauen k\u00f6nnen wir noch einmal mit dem gro\u00dfen Treibnetz auf Fischfang gehen. Der Seetang kann danach nicht mehr an der Sonne trocknen, also werden wir ihn einlegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tokrim war abermals auf die F\u00fc\u00dfe geschnellt und unterbrach sie: \u201eDas ist Wahnsinn! Selbst wenn alle mithelfen, wie viel k\u00f6nnen wir bis zum n\u00e4chsten Sonnenuntergang einsammeln? Ganz abgesehen davon, dass das meiste nicht mehr essbar ist und nur verfaulen wird.\u201c Er wandte sich mit ausgebreiteten Armen an die Menge: \u201eDenkt an eure Kinder! Wer seine Kinder liebt, der wird es so sehen wie ich: Der Goldene fordert nur einen von uns. Ein Leben. Oder viele, die sich qualvoll und langsam zu Tode hungern. Und selbst wenn wir irgendwie durchkommen, dann ohne die Schw\u00e4chsten von uns, unsere Kleinen und unsere Alten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben Zeit, um uns f\u00fcr die Belagerung zu wappnen\u201c, widersprach Nireka. \u201eWir k\u00f6nnen es schaffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tokrim mahlte mit den Z\u00e4hnen. Nireka wusste, was der Geliebte ihrer Schwester dachte: dass sie nicht mitreden sollte, weil sie keine Kinder hatte und nicht wusste, wie es war, jemanden auf diese Weise zu lieben. Aber auch wenn Nireka sich sonst davon verunsichern lie\u00df &#8211; in diesem Moment wusste sie, dass sie f\u00fcr das Richtige einstand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen nur verlieren\u201c, hielt Tokrim z\u00e4hneknirschend dagegen. \u201eUnd den Preis zahlen die, die am wenigsten daf\u00fcr k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn wir unseren Zusammenhalt aufgeben, haben wir bereits verloren!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00f6gerliches Klatschen kam auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum leben wir unter der Erde?\u201c, rief Nireka. \u201eWarum opfern wir unsere Besessenen nicht den Drachen, um ein bequemes Leben zu f\u00fchren? Warum leben wir nicht gleich in Saus und Braus unter der Herrschaft eines Drachen und \u00fcberlassen ihm unsere Nachbarn und Kinder zum Fra\u00df, so wie die Feiglinge von Tahar\u2019Marid? Wir leben nicht so, weil wir in Ydras Horn etwas bewahrt haben, was andernorts schon vor Jahrhunderten verloren ging: W\u00fcrde. Dieses Opfer bringen wir den Drachen nicht. Unsere W\u00fcrde haben unsere Vorv\u00e4ter mit ihrem Leben verteidigt. Unsere W\u00fcrde haben unsere M\u00fctter uns mit der Milch eingefl\u00f6\u00dft. Sie ist wertvoller als jeder einzelne von uns. Und ihretwegen steht jeder einzelne von uns unter dem Schutz aller. Wir halten zusammen. Weil wir Zwerge sind! Wir sind die Zwerge von Ydras Horn!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den letzten Worten hallte der Applaus durch das weitl\u00e4ufige Innere der Untergrundfestung. Viele erhoben sich und stie\u00dfen Jubelrufe aus. Doch nicht alle wirkten zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist leicht, sch\u00f6nen Worten zu applaudieren\u201c, br\u00fcllte Tokrim \u00fcber den L\u00e4rm hinweg. \u201eAber sp\u00e4ter werdet ihr weinen! Ich fordere denjenigen, der besessen ist, auf, sich zu erkennen zu geben und Ydras Horn zu retten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber seine Stimme ging unter im Chor der Menge: \u201eWir sind die Zwerge von Ydras Horn!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 5<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb k\u00fcrzester Zeit teilten sich die Bewohner von Ydras Horn in Gruppen auf, um von der Aussaat wieder einzuholen, was sich einholen lie\u00df. Wer zu gebrechlich war, um mitzukommen, machte sich zu Hause n\u00fctzlich: bei den Vorbereitungen, um das Fleisch der L\u00e4mmer zu r\u00e4uchern und in Salz einzulegen, die eigentlich erst in zwei Monden geschlachtet werden sollten, und um Platz in den Lagerr\u00e4umen zu schaffen. Es wurden auch gro\u00dfe Kessel mit Eintopf angesetzt, damit jeder etwas zu essen hatte, der von seiner Schicht wiederkehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka schloss sich den Holzf\u00e4llern an. Es war aberwitzig, im Dunkeln B\u00e4ume zu f\u00e4llen, aber sie w\u00fcrden so viel Holz brauchen, dass sie nicht bis zum Sonnenaufgang mit der Arbeit warten konnten. Also w\u00fcrden sie mit Fackeln und Fettlampen losziehen. Bei den Tunneln sammelten sich die Gruppen, und Nireka ging kurz zu ihrer Schwester Patinka hin\u00fcber, die gerade mit Patinon sprach. Patinon blieb zu Hause, deshalb lie\u00df Patinka ihren kleinen Sohn Tokrimas und ihre Tochter, die nach Nireka benannt war, beim Gro\u00dfvater.<\/p>\n\n\n\n<p>Tokrimas und die kleine Nireka umarmten ihre Tante zum Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wollte auch mitkommen!\u201c, sagte Tokrimas. \u201eAber Mama sagt nein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst das so?\u201c Nireka runzelte die Stirn. \u201eSoll ich sie \u00fcberreden, dass du mit mir mitkommen darfst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tokrimas grinste vor Schreck und versteckte sich hinter Patinon, und die Erwachsenen lachten. Nur Tokrim stand finster daneben. Auch er w\u00fcrde mitanpacken, obwohl er gegen den Plan war. Das immerhin rechnete Nireka dem Vater ihres Neffen und ihrer Nichte hoch an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du nicht auch ein Geschenk f\u00fcr deine Tante?\u201c, fragte Patinka ihre Tochter Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>Das achtj\u00e4hrige M\u00e4dchen schien sich zu erinnern und nahm einen Lederbeutel ab, den sie mit einer Schnur am G\u00fcrtel befestigt trug. Sie \u00f6ffnete ihn und streute feierlich eine Prise auf Nirekas rechte Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist das?\u201c, fragte Nireka mit gespielter Ahnungslosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBirkenasche\u201c, sagte die kleine Nireka. \u201eIch habe sie selbst hergestellt und dabei das Lied der traurigen M\u00e4dchen gesungen, und dann habe ich sie drei Monde in meiner Matratze gelagert, also sollte sie wirklich gut wirken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh. Vielen Dank. Die wird mich besch\u00fctzen, wenn der Drache sein Feuer spuckt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die kleine Nireka nickte ernst. Es war ein Aberglaube, dass Birkenasche vor Drachenfeuer sch\u00fctzte. Dennoch z\u00e4hlte die Geste, und die meisten Leute lie\u00dfen sich etwas Birkenasche von einem M\u00e4dchen aus der Familie auf die Schulter streuen, wenn sie an die Oberfl\u00e4che gingen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eN\u00e4chstes Mal komme ich mit und helfe\u201c, versprach Tokrimas, der hinter Patinons Beinen hervorlugte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu kannst auch hier unten helfen. Wollen wir das zusammen tun?\u201c, fragte Patinon sanftm\u00fctig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wandte sich an Tokrim: \u201eIch danke dir, dass du mithilfst. Du \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater der Kinder ihrer Schwester drehte sich um, ohne sie anzuh\u00f6ren. \u201eLasst uns aufbrechen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigend machten sie sich auf den Weg nach oben. Nireka bemerkte, dass die Leute sich argw\u00f6hnische Blicke zuwarfen \u2013 selbst die, die f\u00fcr Zusammenhalt und eine Belagerung gestimmt hatten. Es war traurig, aber auch verst\u00e4ndlich. Nur einen von ihnen hatten Geisterschatten befallen. Nur einen von ihnen wollte der Drache. Die Leute fragten sich, f\u00fcr wen sie die Entbehrungen der kommenden Zeit auf sich nahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wollte es nicht wissen. Sie wollte nicht wissen, ob ihre Haltung sich \u00e4ndern w\u00fcrde, je nachdem, wer es war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ging hinter ihrer Schwester und Tokrim her, die unterschiedlicher nicht h\u00e4tten aussehen k\u00f6nnen \u2013 Tokrim schwer, gedrungen und dunkel, Patinka schlank und gro\u00df und hellhaarig wie Nireka. Dass Patinka sich f\u00fcr Tokrim entschieden hatte, war Nireka immer ein R\u00e4tsel gewesen. Gewiss, Tokrim war stark und ein verl\u00e4ssliches Mitglied der Gemeinschaft. Aber in seinen Augen war nichts Sanftes, nur eine sture, mitleidlose Strenge. Sah Patinka nicht, dass sich dahinter Angst verbarg? Und Angst, die sich verstellte, war gef\u00e4hrlich. Sie machte Menschen \u00e4u\u00dferlich hart und innerlich schwach \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie h\u00e4tte Nireka ihrer Schwester je davon abraten k\u00f6nnen, eine eigene Familie zu gr\u00fcnden? Patinka war acht Jahre \u00e4lter als sie und hatte sie gro\u00dfgezogen, als ihre Mutter verschwunden war. Wegen dieser Verantwortung hatte Patinka mit dem Kinderkriegen lange gewartet. Mit zw\u00f6lf hatte Nireka begonnen, sie dazu zu ermutigen, aber Patinka war noch drei weitere Jahre bei ihr und Patinon geblieben, ehe sie schlie\u00dflich eingesehen hatte, dass Nireka ohne sie klarkam. Und selbst danach hatte Patinka weiterhin Nirekas Kleider geflickt. Nireka stand f\u00fcr immer in ihrer Schuld, und darum hatte sie auch das Gef\u00fchl, ihre gro\u00dfe Schwester nie kritisieren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie folgten dem Tunnel bis hinauf durch den verzauberten Baum und zogen durch den Wald bis zu ihren Pappel- und Birkenhainen. Die Arbeit lief besser, als Nireka gedacht h\u00e4tte. Trotz der Dunkelheit wurde niemand verletzt. Sie schlugen die B\u00e4ume, dann zers\u00e4gten sie die St\u00e4mme, um sie besser transportieren zu k\u00f6nnen, und schlangen Lederriemen als Tragschlaufen darum. Als alles getan war, brannten Nirekas Muskeln vor Ersch\u00f6pfung. Einmal glaubte sie f\u00fcr einen Augenblick, Lichter zu sehen, die \u00fcber die Klinge ihrer Axt und ihre Unterarme flirrten. Aber als sie blinzelte, sah sie davon nichts mehr. Der Fackelschein musste sie get\u00e4uscht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Morgengrauen machten sie sich auf den R\u00fcckweg. Ihre Last war schwer durch den Wald zu bringen und noch schwerer durch den verwinkelten Schacht und den Tunnel, aber dann nahmen helfende H\u00e4nde ihnen das Holz ab, und sie waren endlich zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie a\u00dfen auf den Stufen der gro\u00dfen Treppe Kartoffeleintopf mit Lammkeule. Die K\u00f6che ermutigten sie, sich satt zu essen, und taten ihr Bestes, um gute Stimmung zu verbreiten. Die alte Farula, obzwar halbblind noch immer die beste Sithra-Spielerin von Ydras Horn, entlockte dem l\u00e4nglichen Zupfinstrument fr\u00f6hliche Kl\u00e4nge und sang dazu. Aber der Schatten der Zukunft hing \u00fcber ihnen. Wahrscheinlich w\u00fcrden sie lange Zeit nicht mehr so satt werden wie heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Kedina ging mit einem Holzperlenz\u00e4hler an den Neuank\u00f6mmlingen vorbei, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, dass niemand fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSind alle da?\u201c, fragte Nireka, als er bei ihr ankam.<\/p>\n\n\n\n<p>Er nickte, ohne sie anzusehen. \u201eBisher sind alle Gruppen vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgekehrt. Der Besessene scheint sich nicht weggeschlichen zu haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka h\u00f6rte weniger Erleichterung als Sorge aus seiner Stimme heraus. Auch wenn Kedina sicher ebenso wie sie den Besessenen sch\u00fctzen wollte, egal wer es war, lie\u00df sich doch nicht leugnen, dass sie von manchen Leuten mehr als von anderen erwarteten, sich doch f\u00fcr die Gemeinschaft zu opfern. Alte Leute und M\u00e4nner standen unter gr\u00f6\u00dferem Druck, ihr Leben f\u00fcr die anderen zu lassen. Tats\u00e4chlich versuchten sich junge M\u00e4dchen mindestens genauso oft zu opfern, aber wenn es ihnen gelang, war das Entsetzen gr\u00f6\u00dfer. Nireka sp\u00fcrte selbst eine h\u00e4ssliche Hoffnung in sich, dass der Besessene sich heimlich davonstehlen und das Problem dadurch gel\u00f6st w\u00fcrde, aber sie wusste, dass diese Hoffnung ein Giftstachel im Herzen war, den man immer wieder ziehen musste. In diesem Moment merkte sie Kedina an, dass auch er damit zu k\u00e4mpfen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSoll ich weiterz\u00e4hlen? Dann kannst du ein wenig schlafen\u201c, bot sie an.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIch habe bisher nur leichte Arbeit verrichtet, du harte. Du solltest dich ausruhen. Das Z\u00e4hlen \u00fcbernimmt gleich Kani.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka nickte. Die unausgesprochene Wahrheit stand wie eine Mauer zwischen ihm und ihr. Ob auch er sie wahrnahm? Vielleicht wusste er \u00fcberhaupt nicht, dass sie sich eine Zeit lang hatte vorstellen k\u00f6nnen, mit ihm zusammen zu sein. Sie hatte nie dar\u00fcber nachgedacht, wie es konkret dazu kommen sollte, da sie ohnehin fast jeden Tag miteinander verbrachten. Und seine vorsichtigen Ann\u00e4herungen, wenn es denn wirklich welche gewesen waren, hatte sie, in Schockstarre, stets ins Leere laufen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch jetzt ergriff sie die Flucht. \u201eDann gehe ich mal schlafen. Bis sp\u00e4ter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBis sp\u00e4ter, Nireka.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Mahl zerstreuten sich die Holzf\u00e4ller, um sich kurz hinzulegen, ehe sie wieder aufbrechen w\u00fcrden. Nireka zog sich in ihr Quartier zur\u00fcck. In der Ferne, hinter den Balkonb\u00f6gen, schwebten die Sternkugeln des Sonnendecks und erzeugten den Eindruck eines n\u00e4chtlichen Himmels, mit rasch treibenden Sternen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Vater war nicht da. Er musste in der Kammer der Weisen in seine Nachforschungen \u00fcber den goldenen Drachen vertieft sein. Sie stellte ihre Lampe auf dem Hocker neben ihrem Bett ab, l\u00f6ste ihren G\u00fcrtel mit der Axt daran und schn\u00fcrte ihre Schuhe auf. Dann sank sie aufs Bett. Hinter geschlossenen Lidern sah sie Licht und Schatten flackern, weil sie ihre Augen so lange in der Dunkelheit angestrengt hatte. Licht &#8230; Danach sehnten sie sich alle am meisten, immerzu. Sie stellte sich Sonnenlicht vor, das \u00fcber ihre Haut wanderte. Warm und kraftvoll, so wie Riwans H\u00e4nde. Sie wollte sich der Erinnerung an ihn hingeben und alle Sorgen vergessen. Sie musste noch die Lampe l\u00f6schen. Nur der Unwille, sich aufzurichten, hielt sie davon ab, es zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Zischen erklang. Verwundert \u00f6ffnete sie die Augen und sah gerade noch, wie eine Rauchfahne vom Docht aufstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka setzte sich auf. Nun war alles dunkel, lediglich durch die \u00d6ffnungen oben in der Wand fiel der matte Schein der Sternkugeln. Ihr Herz h\u00e4mmerte schwer in ihrer Brust. Hatte sie getr\u00e4umt? Hatte sie die Lampe gel\u00f6scht, ohne sich daran erinnern zu k\u00f6nnen? Sie fasste sie an; sie war geschlossen, ein Windsto\u00df h\u00e4tte die Flamme nicht ausblasen k\u00f6nnen. Das merkw\u00fcrdige Licht kam ihr wieder in den Sinn, das sie beim Holzf\u00e4llen auf ihrer Klinge und ihren Armen gesehen hatte. Eine Einbildung. Aber wie war zu erkl\u00e4ren, dass die Lampe in ihrer Kammer von selbst ausgegangen war?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stand auf, erf\u00fcllt von einer vibrierenden Nervosit\u00e4t. Mit zitternden H\u00e4nden zog sie sich wieder an, nahm die Lampe und entz\u00fcndete sie im Gang an einem anderen Licht. Dann eilte sie hinauf zum ersten Stockwerk. Sie wusste, dass sie nicht w\u00fcrde schlafen k\u00f6nnen und dass es auch nichts brachte, wenn sie sich herumw\u00e4lzte und Gr\u00fcbeleien hingab. Da wollte sie sich lieber n\u00fctzlich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade als sie oben ankam, sah sie Kedina mit einer Gruppe in einem Tunnel verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHe, wartet!\u201c Sie holte die Gruppe ein. \u201eWohin geht ihr? Braucht ihr noch Unterst\u00fctzung?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kedina musterte sie. \u201eRuh dich aus, Nireka.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, ich bin nicht m\u00fcde. Ich will helfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir gehen auf Fischfang\u201c, sagte Kedina nach einem Moment.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann komme ich mit\u201c, sagte Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>Kedina schien das f\u00fcr eine schlechte Idee zu halten, doch er nickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie folgten dem Tunnel zum Meer, bis sie in einer niedrigen Grotte ankamen, in der das Wasser in Pf\u00fctzen stand und winzigen durchsichtigen Krebsen ein Zuhause bot. Hier bewahrten sie ihre Fischerboote und Netze auf. Jeder nahm sich eins der schmalen, mit Birkenpech bestrichenen Gef\u00e4hrte, die wie Laub auf den Wellen trieben und fast ebenso d\u00fcnnwandig waren. Nireka hatte das Fischen immer mehr geliebt als die Arbeit an Land, weshalb sie sich in einem Boot wie zu Hause f\u00fchlte. Das Auslaufen war jedoch auch f\u00fcr erfahrene Fischer gef\u00e4hrlich, denn hier in den Buchten warfen sich die Wellen wild und unberechenbar gegen die Felsen. Man musste sichtbaren und unsichtbaren Gefahren ausweichen k\u00f6nnen und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Str\u00f6mungen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem fr\u00fchen Morgen war das Meer ruhig. Sie paddelten nach drau\u00dfen, wo sich um diese Zeit die Fischschw\u00e4rme bewegten, und schleuderten einander die Leine des gro\u00dfen Netzes zu, um es zwischen sich aufzuspannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein z\u00e4her Nebel hing \u00fcber dem Wasser, und die Sonne blieb eine Ahnung hinter aschgrauen Wolkenb\u00e4nken. Es sah aus, als w\u00fcrde es sp\u00e4ter Regen geben. Nireka hielt die Position ihres Bootes zwischen den anderen, indem sie gelegentlich das Paddel benutzte. Doch im Nebel konnten sie einander nur schemenhaft sehen. Sie wartete darauf, dass das Seil zu ihr geworfen wurde, und ihre Gedanken begannen zu wandern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hie\u00df, wer Kummer in seinem Herzen faulen lie\u00df und mit der Vergangenheit nicht abschlie\u00dfen konnte, den befielen Geisterschatten. Aber auf wen in Ydras Horn traf das nicht zu? Nireka hatte gewiss nicht mehr oder weniger Kummer als die anderen. Das Leben war hart. Das Einzige, was sie hatten, war ihr Stolz \u2013 der Stolz, sich den Drachen zu widersetzen und ihr Leben selbst zu bestimmen, frei und in Liebe zueinander. Und das war die Entbehrungen wert. Es war mehr wert als volle B\u00e4uche, mehr als Sonnenlicht \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka dachte diese Worte und f\u00fchlte, wie ihr Sinn zerfiel. Sie war sehr ersch\u00f6pft. Und nun kroch Angst in ihr hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHab\u2019s!\u201c, rief Geodas im Boot rechts von ihr. \u201eNireka?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBereit!\u201c, rief sie und blickte auf. Durch den Nebel flog ein Lederball auf sie zu, an dem ein Seil befestigt war. Er landete vor ihr im Wasser. Nireka paddelte n\u00e4her, bis sie ihn ergreifen konnte. Und da, als sie sich \u00fcber das Wasser beugte, sah sie ihr Spiegelbild: blass und verh\u00e4rmter, als sie sich in Erinnerung hatte; nur die kurzen blonden Locken waren so kindlich wie eh und je. Ihre Augen lagen tief unter den Brauen, sodass man normalerweise nicht sehen konnte, dass sie nicht braun waren, sondern moosgr\u00fcn. Doch jetzt sah man es. Denn ihre Augen leuchteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie blinzelte kr\u00e4ftig. Es war keine Einbildung. Licht flirrte in ihren Augen. W\u00e4re der Morgen sonnig gewesen, h\u00e4tte man meinen k\u00f6nnen, es sei nur das Schillern der Wellen, das sich in ihnen spiegelte. Aber das Meer war nahezu schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sank zur\u00fcck, den Ball mit dem Seil fest umklammert. An ihren H\u00e4nden r\u00e4kelten sich Schatten. Schatten, die von nichts geworfen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du das Seil?\u201c, hallte Geodas\u2019 Stimme durch den Nebel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHab\u2019s!\u201c, rief Nireka, als w\u00e4re nichts. Doch sie z\u00f6gerte, das Seil durch die Ringe an ihrem Boot zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine tiefe, kalte Ruhe stieg in ihr auf. Sie war es, die von Geisterschatten befallen war. Sie war diejenige, die der Drache fressen wollte. Einen Moment lang hielt sie den Ball einfach vor der Brust, so fest, dass das Leder knirschte. Selbst wenn sie jetzt den Fang ihres Lebens machten und trotz des Regenwetters so viel Holz schlugen, wie sie nur lagern konnten, w\u00fcrden sie hungern und frieren und Monde in Dunkelheit verbringen. Menschen w\u00fcrden sterben. Ihretwegen. Nicht nur, weil sie den Drachen angelockt hatte, sondern auch, weil sie die anderen \u00fcberredet hatte, sich ihm zu widersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie suchte nach einem Umriss im Nebel und rief: \u201eKedina?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBereit\u201c, kam die Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie warf den Ball in Kedinas Richtung. Das Seil platschte ins Wasser, und nach einem Moment begann es sich ruckartig zu entfernen. Kedina musste es eingeholt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd jetzt in einer Reihe!\u201c, rief Kedina.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka h\u00f6rte, wie die Leute zu paddeln begannen, um mit dem Netz die Fische in ihrer Mitte einzukreisen. Auch sie begann zu paddeln, um nicht mit Geodas zusammenzusto\u00dfen. Aber sie folgte nicht Kedina, der vor ihr war. Sie paddelte zur Seite, weg von den anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wenigen Augenblicken hatte der Nebel sie unsichtbar gemacht. Sie legte sich das Paddel auf den Scho\u00df, um keine Ger\u00e4usche mehr zu verursachen, und lie\u00df sich von den Wellen treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNireka? Wo bist du? Nireka!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hielt sich den Mund zu, weil ihr Atem so laut ging. Die Rufe der anderen wurden immer undeutlicher. Dann h\u00f6rte sie nichts mehr au\u00dfer dem Pl\u00e4tschern des Wassers, auf dem ihr Boot davonschaukelte, und ihrem unregelm\u00e4\u00dfigen Atem hinter der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal seit vielen Jahren weinte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hie\u00df, die Welt endete in allen Richtungen im Meer, und dahinter begannen die Sph\u00e4ren der G\u00f6tter und Geister: das Chaos und die Ewigkeit. Das Meer war ein Zwischenort, und die Gegens\u00e4tze, die in der Sph\u00e4re der Lebenden im Machtausgleich standen \u2013 Oben und Unten, Nord und S\u00fcd, West und Ost, Tag und Nacht \u2013, begannen miteinander zu ringen, je weiter man aufs Wasser hinausfuhr. Darum war das Meer unberechenbar. Wolken und Wellen konnten umeinander schlingern. Tags\u00fcber konnte es Nacht werden und in der Nacht taghell.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka war den ganzen Vormittag durch den Nebel gepaddelt, um Distanz zwischen sich und Ydras Horn zu bringen. Sie wollte nicht, dass jemand nach ihr suchte und sie fand. Dass auch der Drache sie drau\u00dfen auf dem Meer nicht finden k\u00f6nnte, schien ihr ausgeschlossen. Bis ein Gewitter aufzog.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wenige Tageslicht erlosch ganz in den Wolken. Kalte und lauwarme Winde begannen sich zu jagen und zerzausten die Wellenk\u00e4mme. Das Boot schaukelte so, dass Nireka sich mit Armen und Beinen gegen die Innenseiten stemmen musste, um nicht hinauszufallen, aber es war so konstruiert, dass es sich immer wieder aufrichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wolken sanken tiefer, als wollten sie die Wellen plattwalzen. Einmal glaubte Nireka in der Ferne den K\u00fcstenstreifen auszumachen, aber sie musste sich auf das Auf und Ab des Wassers konzentrieren, und als sie das n\u00e4chste Mal aufblickte, war schon nichts mehr zu sehen. Sie klemmte ihr Paddel im Boot fest und befestigte ihr Bootsseil an ihrem Handgelenk f\u00fcr den Fall, dass sie hinausgeschleudert wurde. Dann benutzte sie das Paddel, um Wasser, das immer wieder hereinschwappte, aus dem Boot zu sch\u00f6pfen. Wilde Str\u00f6mungen wirbelten sie im Kreis, bis eine Welle sich gegen andere durchsetzte und sie in die H\u00f6he hob.<\/p>\n\n\n\n<p>Unvorstellbare Wassermassen rollten unter ihr dahin. Fischschw\u00e4rme oder Kn\u00e4uel aus Seetang schienen in der Tiefe hin- und herzutreiben, fast so fern wie die K\u00fcste. Ein Blitz zerriss die Wolken. Einen Herzschlag lang wurde alles in glei\u00dfendes Licht getaucht. Nireka erkannte, wie tief der Abgrund am Fu\u00df der Welle geworden war, die ihr Boot erfasst hatte. Weitere gigantische Wogen erhoben sich zu allen Seiten. Donner krachte, und Echos hallten durch die T\u00e4ler der Wasserberge. Da \u00f6ffnete die Welle ein schaumiges Maul und rollte abw\u00e4rts. Das Boot drehte sich und rutschte in die Schr\u00e4ge. Es dauerte nicht lange, bis es von Wasserw\u00e4nden umschlossen war. Nireka raste abw\u00e4rts. Die Welle krachte \u00fcber ihr zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Boot \u00fcberschlug sich, verschwand. Sie st\u00fcrzte durch tosende, brausende Finsternis. Der Ruck des Seils an ihrem Handgelenk riss ihr fast den Arm aus. Sie versuchte sich daran festzuhalten, doch die Str\u00f6mungen zerrten sie in verschiedene Richtungen. Der Druck des Wassers presste ihr die Luft aus den Lungen. Luft. Wo war die Oberfl\u00e4che? Wie durch ein Wunder stie\u00df sie mit dem Kopf aus den Wogen, rang nach Atem, ehe sie erneut unter Wassermassen begraben wurde. Aber das Seil zog noch an ihr. Noch war sie am Boot befestigt, und das Boot w\u00fcrde immer an die Oberfl\u00e4che treiben, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie versuchte sich an dem Seil entlangzuziehen, aber es zerrte sie mal in die eine, mal in die andere Richtung, und manchmal war sie sicher, dass es sie in die Tiefe zog. Schlie\u00dflich lie\u00df die Spannung nach, und sie wurde unverhofft gegen das Boot geschleudert. Es war wie durch ein Wunder noch ganz. Nireka klammerte sich daran fest, versuchte hineinzuklettern. Eine Welle kam von vorn und neigte das Boot, sodass es fast \u00fcber sie st\u00fcrzte, aber nur fast. Es gelang ihr, ein Bein \u00fcber den Rand zu schwingen, und als das Boot sich wacker wie eh und je wieder aufrichtete, fiel sie hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganze Weile tat sie nichts anderes, als sich festzuhalten, zu husten und Wasser hochzuw\u00fcrgen. Ihre Lungen, ihr Bauch und ihr Hals brannten. Um sie herum wirbelten die Str\u00f6mungen, aber der Donner klang schon ferner. Regen fiel in schweren Schleiern herab. Irgendwo brachen die Wolken auf, und ein Lichtstrahl bohrte sich ins tobende Meer. Und da sah Nireka etwas zwischen den schwankenden Wassermassen. Sie blinzelte. Von allen Entdeckungen seit gestern war diese nicht die schockierendste, aber gewiss die unglaublichste.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Fluten ragte ein Turm.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 4 &#8211; 5 Hallo, liebe Vorableser! Und weiter geht es mit Nirekas Geschichte. Ab hier nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu viel will ich nicht verraten, au\u00dfer dass wir bald eine alte Bekannte aus dem Prolog wiedertreffen werden &#8230; Darauf freue ich mich schon! Ich hoffe, ihr seid auch neugierig. :) * * * Kapitel 4 Ein wiederkehrender Traum verfolgte Nireka, seit ihre Mutter sie verlassen hatte. Es war schon viele Jahre her, aber selbst heute, da sie l\u00e4ngst selbst Mutter h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, war sie in ihren Tr\u00e4umen noch ein Kind. Ihre Mutter ging in einem bunt bestickten Festkleid vor ihr und Nirekas Vater her, barfu\u00df auf den&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1759"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1759"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1767,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1759\/revisions\/1767"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}