{"id":1763,"date":"2021-10-17T17:29:29","date_gmt":"2021-10-17T16:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1763"},"modified":"2021-10-17T17:29:29","modified_gmt":"2021-10-17T16:29:29","slug":"das-zeitalter-der-drachen-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1763","title":{"rendered":"Das Zeitalter der Drachen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Kapitel 6 &#8211; 7<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Guten Abend, liebe Vorab-Leser! Der letzte Abschnitt h\u00f6rte mit einem fiesen Cliff-Hanger auf, aber jetzt geht es umgehend weiter, und Nireka steht eine recht unerwartete Begegnung bevor. Habe ich schon einmal erw\u00e4hnt, dass ich mich sehr, sehr auf das Erscheinen einer weiteren Hauptfigur freue? Ich hoffe, ihr werdet sie m\u00f6gen! So sehr, wie man sie eben m\u00f6gen kann &#8230; Hehehe. Viel Spa\u00df beim Schm\u00f6kern!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 6<\/p>\n\n\n\n<p>Schlohwei\u00df war der Turm. Das Wasser sp\u00fclte durch die unteren Fenster, und Seetang hing aus ihnen hervor wie zerfetzte Vorh\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein pl\u00f6tzlicher Aufprall lie\u00df Nireka zusammenfahren. Das Boot schrammte \u00fcber etwas hinweg. Einen Dachgiebel, der eine Arml\u00e4nge unter Wasser lag. Durch das schaumige, vom Regen zerschossene Wasser konnte sie es nicht genau erkennen, aber es schien, als w\u00e4ren weitere wei\u00dfe Geb\u00e4ude im Meer versunken. Hier und da tauchten die Zinnen einer Burgmauer zwischen den Wellen auf wie Z\u00e4hne.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie und warum eine Burg mitten im Meer errichtet worden war, gab Nireka R\u00e4tsel auf. Aber es war keine Seltenheit, auf Ruinen der alten Welt zu sto\u00dfen, die von den Drachen vernichtet worden war. Soweit sie wusste, baute heute niemand mehr solche Wehrmauern, denn sie sch\u00fctzten zwar vor Armeen, nicht aber vor Drachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Welle st\u00fcrzte von oben auf das Boot, und ein h\u00e4ssliches Kreischen erklang, als der Dachgiebel sich durch den Bauch des Gef\u00e4hrts bohrte. Ein unnat\u00fcrlicher Druck schien nun auf das Boot einzuwirken. Die n\u00e4chste Welle riss die Bretter auseinander, mit der dritten Welle war das Boot in zwei Teile zerbrochen. Doch es sank nicht, sondern trieb merkw\u00fcrdig auf den Fluten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka fiel abermals ins Wasser. Nein, nicht <em>ins<\/em> Wasser, sondern <em>auf<\/em> das Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schock war schlimmer als der Schmerz. Unter ihr bewegte sich das Meer, die Wellen warfen sie vorw\u00e4rts und zur\u00fcck, aber sie weigerten sich, Nireka einsinken zu lassen. Sie prallte hart mit der Schulter auf, und Wasser spritzte ihr ins Gesicht, doch sie tauchte nicht einen Fingerbreit unter.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ging hier vor?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Seil war noch immer um ihr Handgelenk geknotet und verband sie mit einem Tr\u00fcmmerst\u00fcck, das ebenso seltsam auf den Fluten herumschlitterte wie sie. Die anderen Teile des Bootes waren zwischen den Wellen verschwunden. Den Turm allerdings konnte sie noch sehen. Wenn sie es bis dorthin schaffte, k\u00f6nnte sie versuchen, an der Au\u00dfenwand hinaufzuklettern bis zum n\u00e4chsten Fenster. Die Fenster\u00f6ffnung befand sich mal f\u00fcnf, mal einen Meter \u00fcber dem Meer, je nachdem, wie hoch die Welle gerade war, die sich gegen den Turm warf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund unter Nireka w\u00f6lbte sich und riss sie von den F\u00fc\u00dfen. Sie rutschte einen spiegelglatten Wellenhang hinab und auf dem R\u00fccken einer anderen Welle wieder hoch. Womit auch immer sie es zu tun hatte, es war nicht so schlimm, wie zu ertrinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Verbissen begann sie ihren Weg zum Turm. Sie schlitterte, krabbelte und fiel b\u00e4uchlings vorw\u00e4rts und manchmal auch wieder ein St\u00fcck zur\u00fcck. Sie prellte sich die Ellbogen und Knie und einmal auch den Kopf an dem Wasser, das so unnachgiebig wie Glas geworden war. Eine Welle kam von hinten. Nireka rannte vor ihr weg und rutschte auf dem Hosenboden in ein Tal zwischen den Fluten, um nicht zerschmettert zu werden. Sie verfluchte das Holzst\u00fcck, das immer noch mit dem Seil an ihr hing und sie von allen Seiten schlug, aber sie hatte keine Gelegenheit, das Seil von ihrem Gelenk zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach n\u00e4herte sie sich dem Turm. Nun bekam sie die Font\u00e4nen ab, die an seinen Mauern aufspritzten, und selbst diese Tropfen kamen ihr h\u00e4rter vor als normales Wasser. Dann sank die glasartige Fl\u00e4che unter ihr. Das konnte nur eines bedeuten. Nireka sah sich um. Eine riesige Welle wuchs hinter den Regenschleiern an, und auf ihrem Kamm bildete sich der erste Schaum. Wenn diese Welle sie erfasste, w\u00fcrde sie ihr alle Knochen brechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka stand auf. Ihre Schuhe hatte sie l\u00e4ngst verloren. Barfu\u00df begann sie \u00fcber den schwankenden Grund zu laufen. Hinter ihr rauschte die Welle heran. Nireka holte das Holzst\u00fcck ein \u2013 mittlerweile nur noch ein einziges gebogenes Brett von ungef\u00e4hr eineinhalb Metern L\u00e4nge. Sie packte es und warf es wie einen Speer durch die Fensternische in den Turm. Die Welle brach hinter ihr, rollte heran und zog ihr den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weg. Das Seil an ihrem Gelenk spannte sich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Den Ahnen sei Dank!<\/em> Das Holzbrett hatte sich im Fenster verkeilt. Mit beiden H\u00e4nden hielt sie sich an dem Seil fest und begann sich daran hochzuziehen, bis sie beide F\u00fc\u00dfe gegen die Mauer des Turms stemmen konnte. Sie klammerte sich mit aller Kraft an das Seil, griff mit einer Hand \u00fcber die andere, und St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zog sie sich daran empor. Die Mauer des Turms war glatt wie polierter Kristall, und jetzt sah sie, dass es Salzstein war. Wie konnte das sein, mitten im Meer? Mit brennenden Handfl\u00e4chen erreichte sie die Fenster\u00f6ffnung. Sie hievte sich hinauf und hindurch und plumpste mit dem Tr\u00fcmmerst\u00fcck und dem Seil auf eine Wendeltreppe, die wenige Stufen tiefer unter Wasser stand, doch weiter oben trocken war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka schluchzte. Sie hatte es geschafft. Erst jetzt begriff sie, dass sie nicht wirklich daran geglaubt hatte. Wie h\u00e4tte sie auch damit rechnen k\u00f6nnen, auf einen Turm mitten im Meer zu sto\u00dfen? Aber genau so war es. Ihr Leben war gerettet.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt konnte der Drache ihre F\u00e4hrte aufnehmen und Ydras Horn verschonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie musste vor Entkr\u00e4ftung das Bewusstsein verloren haben. Jedenfalls kam sie zu sich und hatte das Gef\u00fchl, sehr lange fort gewesen zu sein. Ihre Kleider und Haare waren allerdings noch nass. Vermutlich war sie nur einen Augenblick weggetreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kroch ein St\u00fcck h\u00f6her, wo sich der Regen, der schr\u00e4g durch das Fenster fiel, in einer Vertiefung der Stufe sammelte. Gierig trank sie, denn sie hatte so viel Salzwasser geschluckt, dass sie sich wie ausged\u00f6rrt f\u00fchlte. Dann untersuchte sie ihren K\u00f6rper, der voller Schnitte und Prellungen war, aber nicht ernsthaft verletzt. An ihren Armen und ihren Rippen hatten sich bereits dunkelblaue Bluterg\u00fcsse gebildet, wo sie gegen das widerst\u00e4ndige Wasser geschleudert worden war, aber wie durch ein Wunder hatte sie sich nichts gebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie Schatten bemerkte, die wie Aale \u00fcber ihre Haut glitten, lie\u00df sie das Hemd wieder herunter, stand auf und folgte wankend der Treppe nach oben. Ob das gl\u00e4serne Wasser etwas mit ihrem Fluch zu tun hatte? Andererseits schien das Bauwerk aus reinem Salz zu bestehen, was m\u00f6glicherweise mit der magischen Beschaffenheit des Wassers zusammenhing.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka trat in einen Raum, der einmal ein schmuckes Kaminzimmer gewesen sein musste. Die \u00dcberreste eines Balkons ragten hinaus \u00fcber das gl\u00e4serne Meer in der Tiefe. Elegante Sitzm\u00f6bel lagen \u00fcber den Boden verstreut, der Samtbezug einer Liege war aufgeplatzt, und die Strohf\u00fcllung hatte augenscheinlich M\u00f6wen als Nest gedient. In einer Nische neben dem Kamin stand ein riesiger Schreibtisch aus gemei\u00dfeltem Salzstein. Dahinter hing ein Teppich, vom Wind in Fetzen gerissen, doch sonst war jede freie Fl\u00e4che von Schrift bedeckt. Nireka trat wankend n\u00e4her. Jemand schien die W\u00e4nde von oben bis unten beschrieben zu haben &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade als sie zu lesen beginnen wollte, registrierte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Sie fuhr herum und blickte auf den Balkonstumpf hinaus. Nichts. Sie machte einen vorsichtigen Schritt nach drau\u00dfen. Unter ihr sch\u00e4umten die gl\u00e4sernen Wellen und schienen sich nach ihr zu recken, erbost, dass sie entkommen war. Sonst bewegte sich nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Sturm \u00fcberlebt zu haben, noch dazu auf eine so unwahrscheinliche Weise, fl\u00f6\u00dfte Nireka einen merkw\u00fcrdigen Mut ein. Dann w\u00fcrde es also wirklich der Drache sein, der ihrem Leben ein Ende setzte. Ihre Leiche im Meer h\u00e4tte er wahrscheinlich nicht wittern k\u00f6nnen. Es war denkbar, dass er dann aus reinem \u00c4rger \u00fcber die Felder von Ydras Horn hergefallen w\u00e4re. Ja, es war gut, dass sie nicht auf diese Weise gestorben war. Sie betete nur, dass der Drache sie \u2026 dass er sie schnell verbrannte und nicht \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Zittern erfasste ihre H\u00e4nde. Ihr war schrecklich kalt. Und ihr wurde bewusst, dass sie noch nie so allein gewesen war wie jetzt. Tats\u00e4chlich kannte sie keine Einsamkeit. Wenn man mit zweitausend Leuten in einer Festung lebte, war man selten f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wandte sich den beschriebenen W\u00e4nden zu. Sie erkannte die schwungvolle, etwas schiefe Schrift, noch bevor sie den Namen entdeckte. <em>Aylen<\/em> stand unter einem langen Text, der von der Decke bis zum Boden reichte. Ganz oben stand: <em>Vom Wesen der Zauberkunst<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka las den Namen mehrmals, ohne es recht glauben zu k\u00f6nnen. Ein Lachen kitzelte sie in der Kehle. Konnte es Zufall sein? Sie war auf die verfallene Burg eines Zauberers gesto\u00dfen, dessen Einladung sie immer noch auf den Arm geschrieben trug. Vielleicht hatte die Einladung sie auch geleitet. Das war m\u00f6glich. Sie betrachtete die kleinen schwarzen Zeilen auf ihrem Handr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann hat Rivans Geschenk mich gerettet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aber letztlich spielte es keine Rolle, ob ein absurder Zufall sie hierher verschlagen hatte oder ein Zauber, der mehrere Jahrhunderte zu sp\u00e4t wirkte. Das Ultimatum des Drachen w\u00fcrde heute Abend ablaufen. Vielleicht war er jetzt schon auf dem Weg hierher. Jeden Moment konnte er auftauchen. Und dann w\u00fcrde die Schrift an den W\u00e4nden mit ihr in Ru\u00df und Asche verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei denn, der Turm widerstand Drachenfeuer, so wie er dem Meer widerstand. Jetzt kicherte sie doch. Aber ihr schossen dabei Tr\u00e4nen in die Augen, denn Hoffnung zu hegen, war schmerzhafter, als sich mit dem Schicksal abzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie riss sich zusammen, zog die Nase hoch und wischte sich \u00fcber das Gesicht. Dann begann sie die Texte an den W\u00e4nden zu lesen, einfach, weil sie nichts Besseres zu tun hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unsere prachtvolle Welt Tana, der Ort der Ordnung, Sph\u00e4re von Tag und Nacht, ist Schauplatz zugleich des Krieges und der Liebe von G\u00f6tterlicht und Geisterschatten, den gro\u00dfen Urm\u00e4chten, aus deren Trennung und Vermengung alles gemacht ist, in dieser Sph\u00e4re wie in jeder anderen \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nireka musste sich wieder die Tr\u00e4nen aus den Augen wischen. Die Nutzlosigkeit dieses Wissens, auf das sie in jeder anderen Situation gebrannt h\u00e4tte, brach ihr das Herz. Selbst wenn hier offenbart wurde, wie Zauberei funktionierte \u2013 es w\u00fcrde ihr nicht mehr helfen. Vermutlich h\u00e4tte sie nicht einmal genug Zeit, um auch nur einen Bruchteil zu lesen. Und selbst wenn es das Beste war, was sie mit ihrer verbleibenden Lebenszeit anstellen konnte, fehlte ihr die Ruhe. Sie schluckte gegen das Kichern in ihrem Hals an, das sie noch nie an sich geh\u00f6rt hatte und auch nicht h\u00f6ren wollte. Sie f\u00fcrchtete, es k\u00f6nnte auch ein Schluchzen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da \u2013 eine Bewegung. Sie fuhr zusammen. Was sich bewegt hatte, verharrte nun wieder reglos, aber sie hatte sich nicht geirrt, bestimmt nicht. Der Besen, der vorhin in der Ecke gelehnt hatte, stand nun aufrecht im Raum, wie von Geisterhand gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wich zur\u00fcck, bis sie mit dem R\u00fccken die Wand ber\u00fchrte. Es musste ein verzauberter Gegenstand sein. Wahrscheinlich war er zu dem Zweck erschaffen worden, den Raum sauber zu halten. Aber dass er sich an sie herangeschlichen hatte und jetzt reglos stellte, verursachte ihr eine G\u00e4nsehaut. Langsam bewegte sie sich zur T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besen entfernte sich seinerseits ebenfalls von ihr. Wie unbeteiligt kehrte er ein wenig Staub zusammen, so als wollte er ihr zeigen, dass er sie nicht beachtete. Sie blieb im T\u00fcrrahmen stehen. Der Besen fegte bedachtsam den Raum und n\u00e4herte sich ihr auf eine Weise, die vorsichtig, beinah besch\u00e4mt wirkte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu h\u00e4ltst schon lange einsam den Posten, was?\u201c, murmelte Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besen reckte seinen Stiel nach ihr. Als w\u00e4re er ein Tier. Besonders an ihrer Hand schien er wittern zu wollen. Und da verstand Nireka: Es war die Zauberbotschaft, die ihn interessierte. Oder die etwas in dem leblosen Zauberding ausl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu kennst den hier wohl\u201c, sagte Nireka und hielt dem Besen ihren Handr\u00fccken hin, wobei sie sich ziemlich albern vorkam. Es war eine Sache, mit einem Haustier oder einer Pflanze zu reden, aber eine ganz andere, einem Besen einen Text vorzuhalten. Sie konnte es sich trotzdem nicht verkneifen, und sei es auch nur, weil es guttat zu sprechen, als w\u00e4re jemand da. \u201eDas war wohl dein Herr, dieser Aylen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besen schoss in die H\u00f6he, das Reisig weit gespreizt, und begann gegen die Decke zu klopfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka, die in Deckung gegangen war, sah erschrocken zu, wie er durch den ganzen Raum wanderte und trommelte, als versuchte er davonzuschie\u00dfen und w\u00fcrde an der Decke scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel Nireka etwas auf. Die Decke <em>leuchtete<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka hatte geglaubt, bereits am h\u00f6chsten Punkt des Turms zu sein, aber nun erinnerte sie sich, von au\u00dfen ein spitzes Dach gesehen zu haben. Und was auch immer dort oben war, es verstr\u00f6mte Licht. War das Drachenfeuer? Der Goldene h\u00e4tte doch nicht landen k\u00f6nnen, ohne dass der Turm eingest\u00fcrzt w\u00e4re, und erst recht nicht, ohne ein Ger\u00e4usch zu verursachen. Dennoch war sie einen Moment lang wie gel\u00e4hmt von der Vorstellung. Erst als sie sich \u00fcberzeugt hatte, dass es unm\u00f6glich war, begann sie die W\u00e4nde nach Geheimt\u00fcren abzutasten und schaute auch hinter die Teppichfetzen. Der Besen hatte sich inzwischen ein wenig beruhigt, flog aber immer noch in wilden Achten unter der Decke entlang.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka hielt inne. Es gab auch keine Treppe nach oben. Es sei denn \u2026 Sie kniete sich vor den Kamin. Er war so gro\u00df, dass sie bequem darin Platz gefunden h\u00e4tte. Sie streckte eine Hand aus. Sie musste zwei Schritte tiefer hineinkriechen, bis sie die R\u00fcckwand ertasten konnte. Und eine Querstange.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber war noch eine solche Stange. Sie kroch n\u00e4her und blickte empor. Dort oben waberte das Licht und fiel auf weitere Leitersprossen in dem Kaminschacht. Nireka folgte ihnen aufw\u00e4rts und drehte dann den Kopf, um sich auf dem Dachboden umzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Licht kam von einem riesigen Ei. Es sah aus wie aus rauchig schwarzem Kristall gemei\u00dfelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit weichen Knien kletterte Nireka in den Raum. Ihre F\u00fc\u00dfe wirbelten Staubwolken auf, die Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, ungest\u00f6rt geblieben sein mussten. Nur das Ei war glatt und rein, als w\u00e4re es nicht wirklich hier, auf diesem staubigen Dachboden, sondern in einem Reich unantastbarer Ewigkeit. Nireka bestaunte die gr\u00fcnen und silbernen Adern, die nicht nur an der Oberfl\u00e4che zu sein schienen, sondern tief im Inneren. Und noch mehr war dort zu sehen. Als sie es erkannte, taumelte sie zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte die Beine leicht angezogen und die Arme ausgebreitet wie eine T\u00e4nzerin im Sprung. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Miene wirkte ernst und konzentriert, aber friedvoll. Und sie war nackt. Ihre Haut schimmerte silbrig wie die von Grauen Elfen, aber ihre Z\u00fcge wirkten eher menschlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Nireka endlich die Fassung wiedergefunden hatte, umrundete sie das Ei. Die Frau war nur aus bestimmten Winkeln gut erkennbar, wo die gr\u00fcnlichen und schwarzen Wolken im Kristall sie nicht verdeckten. Atmete sie? Sie schwebte in dem Ei so leblos wie ein Insekt in Bernstein. Dennoch wirkte sie nicht tot. Ihre dichten, dunklen Haare, Augenbrauen und Wimpern gl\u00e4nzten ohne ein Anzeichen von Verfall. Als st\u00fcnde einfach die Zeit f\u00fcr sie still.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Raum unter ihnen erscholl ein Klappern, und Nireka schrak zusammen. Der Besen schien durch den Kamin kommen zu wollen, schaffte es aber nicht um die Ecke. Darum also war er so aufgeregt gewesen. Wegen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAylen\u201c, murmelte Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Knacken erklang. Der Kristall schien sich bewegt zu haben. Oder etwas <em>in <\/em>ihm. Sein Licht flackerte und wurde schw\u00e4cher. Es dauerte einen Moment, ehe Nireka bemerkte, warum: Eine der schwarzen Rauchwolken in dem Kristall war gr\u00f6\u00dfer geworden und d\u00e4mpfte den Schimmer. Hatte sich auch die Frau bewegt? Vielleicht bildete Nireka es sich nur ein, doch sie schien ganz leicht das Kinn gehoben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAylen\u201c, wiederholte Nireka, um zu testen, ob es etwas bewirkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein dumpfes Knacken ert\u00f6nte. Die schwarzen und gr\u00fcnen Wolken in dem Kristall schienen sich zu Schlieren zu verfl\u00fcssigen, ganz langsam, und als Nireka das Ei abermals umrundete, entdeckte sie Ausbeulungen, die vorher nicht da gewesen waren: eine oben und zwei unten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas zum \u2026\u201c, stammelte Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>So langsam, dass man es kaum wahrnehmen konnte, bewegte sich die Frau im Gestein. Sie <em>reckte<\/em> sich. Das Knirschen und Knacken setzte sich durch den Stein fort, und Nireka sah, dass winzige Stellen an der Oberfl\u00e4che aufsprangen, als w\u00fcrde diese anfangen zu schuppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sank zu Boden, weil ihre Knie so zitterten. Reglos sa\u00df sie da und sah zu, wie sich das Kristallei verformte. Es geschah so langsam, wie ein Eisbrocken in der Sonne schmolz, nur dass der Kristall nicht weniger wurde, sondern im Gegenteil zu <em>wachsen <\/em>schien. Die Frau darin \u00e4nderte ihre Haltung nicht schneller als eine Blume, die sich dem Sonnenlicht zuneigte. Wer war sie?<\/p>\n\n\n\n<p>Da begriff Nireka. Sie war selbstverst\u00e4ndlich davon ausgegangen, dass Aylen ein Mann gewesen war. In keinem Geschichtsbuch oder sonstigen Schriftst\u00fcck der alten Welt war je eine <em>Zauberin<\/em> erw\u00e4hnt worden. Aber anscheinen war Aylen eine Hexe gewesen. Und aus irgendeinem Grund hatte sie sich in einen Kristall gebannt. Vielleicht aus Versehen? Es gab zahllose Legenden \u00fcber ungebildete und unbedachte Hexen, die schreckliche Zauber wirkten, oft zu ihrem eigenen Schaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka beobachtete den Kristall, doch bald schien er sich nicht mehr zu ver\u00e4ndern. Sie wartete, bis ihr Durst \u00fcberm\u00e4chtig wurde. Schlie\u00dflich kletterte sie wieder nach unten, wo der Besen aufgeregt um sie herumzuh\u00fcpfen begann. Auf dem zerbrochenen Balkon hatten sich Pf\u00fctzen mit Regenwasser gebildet. Nireka trank sie langsam und nachdenklich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur noch Nieselregen fiel, und Dunst trieb \u00fcber dem Meer, so weit das Auge reichte. Blass schimmerte im Westen ein orangefarbener Streifen Helligkeit. Die Sonne musste gerade untergegangen sein. Nireka dachte an ihren Vater, an Patinka, ihre Nichte und ihren Neffen, ihre Nachbarn und die Kinder von Ydras Horn, denen sie das Lesen und Schreiben beibrachte. Auch an Kedina und Kani. Sie stellte sich vor, wie sie alle zu Hause waren, in Sicherheit. Hoffentlich hatten sie aufgeh\u00f6rt, das Saatgut wieder einzuholen, sobald sie geh\u00f6rt hatten, dass sie sich davongestohlen hatte. Sie dachte an Tokrim, dem wahrscheinlich ein Stein vom Herzen fiel, und in diesem Moment mochte sie sogar ihn. Und sie dachte an Riwan und stellte sich vor, wie der Ruineng\u00e4nger in einigen Monden wiederkommen und erfahren w\u00fcrde, dass es sie nicht mehr gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile betrachtete sie den Himmel. Wartete auf den Drachen. Als er nicht auftauchte, setzte sie sich so, dass sie den Himmel gut im Blick hatte und die Schrift an den W\u00e4nden im Zwielicht lesen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Teil wurde Tana beschrieben, die Welt von Tag und Nacht, die zwischen den ewigen Sph\u00e4ren von G\u00f6tterlicht und Geisterschatten lag. Drei Zauberberge gab es in Tana, auf deren Gipfeln die alten Gegens\u00e4tze geballt aufeinandertrafen. Darum eigneten die Zauberberge sich als Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Drachen, die von Erzmagiern der drei V\u00f6lker bewacht wurden. All das wusste Nireka aus B\u00fcchern. Doch neu war f\u00fcr sie, dass die Erzmagier angeblich logen \u2026 dass sie nicht Drachen in den Zauberbergen bannten, sondern unsterbliche Frauen, deren Tr\u00e4nen den Zauberern erst ihre Macht verliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka blickte zur Decke auf, durch die das Licht des Kristalleis schimmerte. Vielleicht war es keine b\u00f6se Verleumdung der Zauberer, und Aylen hatte das wirklich geglaubt. Aber der Ausbruch der Drachen und ihr Auftauchen \u00fcberall im Land hatte gezeigt, dass sie falsch lag. Leider.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen war das letzte Tageslicht erloschen, und drau\u00dfen war die Finsternis so vollkommen, dass sie ebenso gut flach wie ein Tuch oder endlos tief h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Nireka wartete darauf, Feuer im Dunkel aufleuchten zu sehen. Wo blieb der Drache?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie starrte in die Nacht, bis ihr die Augen zufielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Klappern weckte Nireka. Sie fuhr auf, Panik wie eine Faust um ihr Herz geschlossen, doch am Himmel war immer noch kein Drachenfeuer, nur ein sehr blasser Streifen Helligkeit im Osten. Der L\u00e4rm kam von dem Zauberbesen, der schon wieder sinnlos versuchte, durch den Kamin nach oben zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka pfiff leise, wie man einen Hund anlocken w\u00fcrde. \u201eBesen. He, Besen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich schien der verzauberte Gegenstand aus dem Kamin zu lugen und streifte dann z\u00f6gerlich zu Nireka. \u201eDu scheinst Aylen ja ganz sch\u00f6n zu vermissen. Und schon ziemlich lange.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka \u00fcberschlug im Kopf, <em>wie<\/em> lange. Man ging davon aus, dass die Drachen vor rund dreihundertsechzig Jahren ausgebrochen waren und die Zauberer ausgerottet hatten. Das bedeutete, Aylen war mindestens so lange schon in dem Kristall, vielleicht aber noch viel l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eArmer Bursche\u201c, murmelte Nireka dem Besen zu. Einem Impuls folgend, streckte sie die Hand aus und streichelte den Stiel und das Reisig. Der Besen erzitterte, dass das Reisig raschelte. Dabei fiel Nireka auf, dass es gar nicht festgebunden war, sondern aus dem Ende des Stockes wuchs wie blattlose Zweige aus einem Winterbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besen flog unter ihrer Hand hindurch, dann an einer Wand mit Vorspr\u00fcngen entlang, auf denen Kr\u00fcge und T\u00f6pfe unter einer Schicht Staub standen. Er klopfte gegen einen davon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas willst du mir zeigen?\u201c Nireka stand auf. In dem Lichtschimmer, der durch die Decke fiel, durchquerte sie den Raum und nahm das Tongef\u00e4\u00df herunter. Nicht nur Staub, sondern auch wei\u00dfe Federn und Salz bedeckten den gro\u00dfen Korken. Sie streifte alles ab, so gut sie konnte, und hustete. Als es ihr endlich gelang, das Gef\u00e4\u00df unter Aufgebot ihrer ganzen Kr\u00e4fte zu \u00f6ffnen, zerbr\u00f6selte der Korkdeckel wie ein Keks.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein muffig-s\u00fc\u00dflicher Geruch stieg ihr in die Nase. Sie sch\u00fcttelte das Gef\u00e4\u00df, fasste hinein und zog einen br\u00e4unlichen Stein hervor, an dem kleinere Steine klebten. Konnte das sein? Sie schnupperte und leckte vorsichtig daran. Es war Zucker! Der \u00e4lteste Zucker, den sie je gesehen hatte, aber nichtsdestotrotz essbar. Sie lutschte den s\u00fc\u00dfen Stein, der entfernt nach Zimtr\u00fcben schmeckte und auch nach altem Beerenschnaps.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, Besen\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besen strich wieder mit dem Reisig \u00fcber den Boden, von einer Seite zur anderen. Dass er leblos war und dennoch eigent\u00fcmlich beseelt, bereitete Nireka wie bei so vielen Zauberdingen Unbehagen. Konnte er Einsamkeit empfinden, wenn er so sehr versuchte, zu seiner Herrin zu gelangen? Hatte er ein Gef\u00fchl f\u00fcr Zeit, die \u00fcber ihn hinwegstr\u00f6mte, ohne ihn je zu verwandeln und auszul\u00f6schen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka kam sich von dem Besen merkw\u00fcrdig beobachtet vor, wie sie so den Zuckerklumpen a\u00df. Sie beschloss, nach Aylen zu schauen. Schon als sie durch den Kamin nach oben kletterte, fiel ihr auf, dass das Licht schw\u00e4cher war. Als sie den Kopf aus der Luke streckte, hielt sie erschrocken inne.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kristall war gewachsen. So sehr, dass es kaum noch Platz zwischen ihm und dem Dach gab. Sein Umriss war auch nicht mehr eif\u00f6rmig, sondern merkw\u00fcrdig unregelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas in aller Ahnen Namen geht hier vor?\u201c, murmelte Nireka und zerbiss das letzte Kl\u00fcmpchen Zucker. \u201eWas hast du dir blo\u00df angetan, Aylen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Fast augenblicklich knackte und schnalzte der Kristall. Eine Lichtader zitterte durch das dunkle Gew\u00f6lk im Stein, dann nochmal und nochmal, und das letzte bisschen Licht erlosch. Finsternis schlug \u00fcber Nireka zusammen. Sie duckte sich in den Schacht hinab \u2013 gerade rechtzeitig. \u00dcber ihr krachte der Kristall gegen die Mauern. Die schrammenden, schabenden Ger\u00e4usche h\u00f6rten nicht auf. Ein dumpfes Klopfen kam dazu, als w\u00fcrden Felsbrocken fallen. Der Turm erzitterte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Feuerstrahl leuchtete auf, entzog dem Speicher alle Luft und lie\u00df einen Windsto\u00df durch den Schacht rauschen. Das Dach barst. Fast w\u00e4re Nireka von den Leitersprossen gefallen, denn die W\u00e4nde wackelten, und Risse zogen sich durch den Salzstein. Bleiches Morgenlicht fiel auf sie herab. Dann wurde es dunkel, denn eine Tatze verdeckte den Schacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 7<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka hatte sich nicht geirrt. Sie hatte Klauen gesehen, hatte sie \u00fcber den Stein schrammen h\u00f6ren. Dennoch glaubte sie es nicht. Die Tatze verschwand, und ein Quadrat Himmel erschien \u00fcber Nireka. Nur f\u00fcr einen Moment. Dann schwenkte etwas Dunkles, Gl\u00e4nzendes \u00fcber sie hinweg. Etwas Geschupptes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kolossales Br\u00fcllen, das in einer Feuersbrunst endete, lie\u00df die Luft erzittern. Nireka sp\u00fcrte die Hitze der Flammen, ohne sie zu sehen. Das Dach br\u00f6ckelte weiter, w\u00e4hrend sich das Monstrum hin und her bewegte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBesen!\u201c, grollte eine Stimme, bei der sich Nireka der Magen umdrehte. Sp\u00e4testens jetzt bestand kein Zweifel mehr, dass auf der zerst\u00f6rten Turmspitze ein Drache herumtapste. Nur die Stimme eines Drachen dr\u00f6hnte, als k\u00e4me sie aus den eigenen Knochen, dem eigenen angstvollen Herzen. \u201eBeruhige dich! Wo ist Totema?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>War das, was darauf folgte, etwa ein <em>Lachen<\/em>? Nireka wusste nicht, was die Laute sonst bedeuten mochten. Sie polterten wie eine Steinlawine aus der Drachenkehle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTotema?\u201c Licht fiel auf Nireka herab, als der Drache seinen Schwanz schwenkte.<\/p>\n\n\n\n<p>So leise wie m\u00f6glich kletterte sie abw\u00e4rts. Doch es war zu sp\u00e4t. Ein Schatten fiel \u00fcber sie. Das Auge des Drachen blickte auf sie herab.<\/p>\n\n\n\n<p>Feuer gloste in seiner Kehle, als er atmete. Nireka erstarrte. Sein Auge war t\u00fcrkisblau und menschlich \u2013 so menschlich, dass sie fast glaubte, darin ein Erschrecken zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer bist du?\u201c, fragte der Drache.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie \u00f6ffnete den Mund. Aber sie brachte nichts hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerstehst du mich?\u201c Der Drache wich zur\u00fcck, um sie im herabfallenden Tageslicht besser zu betrachten. \u201eWas machst du hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNireka ist mein Name. Und wie hei\u00dft du?\u201c Noch immer klammerte sie sich an die Leitersprossen. So fest, dass ihre Kn\u00f6chel hervortraten. Bisher hatte sie nie dar\u00fcber nachgedacht, ob Drachen einen eigenen Namen besa\u00dfen, einen, der ihnen nicht von ihren Opfern verliehen worden war. Die R\u00fcckfrage war ihr reflexhaft herausgerutscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache be\u00e4ugte Nireka. \u201eWas machst du hier?\u201c, wiederholte er mit einem Nachdruck, den Nireka in jeder Zelle ihres K\u00f6rpers sp\u00fcrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin in einen Sturm geraten \u2026 und dann \u2026 war es wie ein Wunder, dass ich hier \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache schwenkte den Kopf, sodass er aus ihrem Blickfeld verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTotema!\u201c, rief er so laut, dass der Turm bebte. Dann entfaltete er seine schwarzen Schwingen und sprang.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sch\u00fctzte sich mit einem Arm vor dem Schutt, der herabregnete. Dann kletterte sie hoch und blickte der Bestie nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war der kleinste Drache, den sie je gesehen hatte \u2013 etwa so massig wie vier Pferde. Sein schwarzes Schuppenkleid schillerte silbrig in der Sonne, und die Musterungen an Stirn, R\u00fccken und Bauch gingen in dasselbe T\u00fcrkis wie seine Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trudelte mit flatternden Fl\u00fcgeln durch die Luft. Ein kolossales Platschen erscholl, und Wasser spritzte etwa f\u00fcnfzig Meter entfernt auf. Der Drache war ins Meer gest\u00fcrzt. Ein Feuerball explodierte. Mit einem Ger\u00e4usch, das wohl als nichts anderes als ein Schrei bezeichnet werden konnte, kam der Drache wieder an die Oberfl\u00e4che. Strampelnd und Feuer spuckend kraxelte er auf die gl\u00e4sernen Wellen, auf denen schon Nireka herumgetaumelt war, und machte einen Buckel wie eine nass gewordene Katze. Wieder spie er Feuer in die Luft, so als wollte er seinem Unmut Ausdruck verleihen. Doch dann tat er etwas, was Nireka nie erwartet h\u00e4tte. Er legte die Fl\u00fcgel an, reckte sich \u2013 und tauchte kopf\u00fcber wieder in die Wellen, die keinen Widerstand leisteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Wasser sah sie Feuerstreifen an seinem schmalen, wie f\u00fcr das Element geschaffenen Leib entlangwehen. Er tauchte um die versunkene Burg herum, sodass Nireka noch mehr halb zerfallene Geb\u00e4ude, Mauern und sogar einen kleinen Hof unter Wasser erkennen konnte, die f\u00fcr Sekunden im Feuer aufschimmerten. Schlie\u00dflich tauchte der Drache wieder auf, schnaubte und hustete und lie\u00df sich auf dem R\u00fccken treiben. Nireka sch\u00fcttelte fassungslos den Kopf. Dass sie nach allem, was an diesem Tag geschehen war, immer noch in der Lage sein w\u00fcrde, zu staunen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile kletterte der Drache wieder auf das sagenhaft feste Wasser und trocknete sich, indem er Flammen an seinem K\u00f6rper entlangpustete. Dann streckte er sich und flatterte mit den Fl\u00fcgeln, wie um zu pr\u00fcfen, auf welche Weisen er sich bewegen konnte. Einmal war Nireka sicher, dass er einen Blick zu ihr hochwarf, und duckte sich. Er spreizte die Fl\u00fcgel und sprang in die Luft. Obwohl er wie wild flatterte, kam er nur ein paar Meter hoch. Unsanft landete er auf den festen Wellen, schlitterte knurrend auf und ab und stolperte \u00fcber seine eigenen Klauen. Fast h\u00e4tte Nireka gelacht, so komisch sah es aus. Dann hatte er den Turm erreicht und kletterte daran herauf wie an einem Baumstamm. Ein bedenkliches Knacken lief durch das Geb\u00e4ude. Der Drache kletterte mutwillig den Turm weiter empor. Er schien zufrieden damit, wie seine Klauen sich in den Salzstein gruben und wie sein Schwanz, um das Gleichgewicht zu halten, hin und her schwang. Immer wieder hielt er inne, um sich selbst zu begutachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka beschloss, dass es Zeit war, zu verschwinden. Sie kletterte die Leitersprossen hinab, krabbelte aus dem Kamin und wollte gerade durch das Turmzimmer laufen, um sich unten auf der Treppe zu verstecken, als der Drache seinen Kopf durch die klaffende Balkon\u00f6ffnung schob.<\/p>\n\n\n\n<p>Glut leuchtete in seiner Schnauze auf. Im warmen Schimmer sahen sie einander an. Seine Augen waren so menschlich, dass Nireka eine G\u00e4nsehaut bekam. Sie konnte nicht anders, als sich diese Augen im Gesicht der Frau vorzustellen, die sie im Ei erblickt hatte. Aylen. Gab es eine andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr das, was sie beobachtet hatte, als dass der Drache aus dem Kristall, aus der Frau entstanden war?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache wandte den Blick von ihr ab, um sich im Raum umzusehen. Die verstaubten Regale, die zerfallenen M\u00f6bel mussten auch ihm Aufschluss dar\u00fcber geben, dass viel Zeit vergangen war. Schlie\u00dflich fixierte er wieder Nireka. Nichts Bedrohliches war in seinem Blick. Aber auch sonst keine Regung, die sie deuten konnte. Sie schluckte so laut, dass er es h\u00f6ren musste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe dich gesehen\u201c, sagte sie in der Hoffnung, dass sie ihn irgendwie in ein Gespr\u00e4ch verwickeln und davon abhalten konnte, sie zu fressen. \u201eBevor du geschl\u00fcpft bist. Im Ei. Du warst ein \u2026 eine Frau?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er schob sich mit dem halben K\u00f6rper in den Raum und streckte die Klaue nach ihr aus. Gerade weil es so langsam geschah, f\u00fchlte Nireka sich wie gel\u00e4hmt vor Schreck. Erst als er sie fast erreicht hatte, stolperte sie zur\u00fcck und stie\u00df gegen die Wand. Sie sp\u00fcrte Schwei\u00df \u00fcber ihrer Lippe brennen. Der Drache hielt inne, betrachtete sie pr\u00fcfend; dann ber\u00fchrte er mit seiner Klaue ihren Arm und hob ihn h\u00f6her. Er begutachtete den magischen Schriftzug auf ihrer Haut. Als der Drache ihr anschlie\u00dfend einen Blick zuwarf, glaubte sie ein F\u00fcnkchen Schalk in seinen Augen zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder erbebte der Turm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache schrie auf, warf den Kopf herum und verschwand in einem Regen aus Schutt. Nireka lief zur Balkon\u00f6ffnung, um zu sehen, was geschehen war. Rings um den Turm war das Wasser nicht mehr zu sehen. Etwas Riesiges, Goldbraunes schlitterte \u00fcber die gl\u00e4sernen Fluten. Nireka erstarrte. Der Goldene war gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte den kleinen Drachen im Nacken gepackt. Fl\u00fcgel und Schw\u00e4nze sch\u00e4umten das Wasser auf, ohne einzusinken. Nireka hatte davon geh\u00f6rt, dass Drachen nichts und niemanden so sehr hassten wie ihre eigenen Artgenossen. <em>Nur ein Drache kann einen Drachen besiegen<\/em>, besagte ein Sprichwort. Es war klar, welcher in diesem Fall als Sieger hervorgehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur war der Goldene alt, erfahren und mindestens zehnmal so gro\u00df wie der kleine Drache, der gerade erst geschl\u00fcpft war \u2013 er hatte auch den \u00dcberraschungseffekt auf seiner Seite. Der kleine Schwarzt\u00fcrkise begriff wahrscheinlich gar nicht, was geschah. Er schlug um sich, aber der Goldene hielt ihn weiter im Nacken gepackt, um ihm die Kehle zu zerbei\u00dfen oder um ihn zu ertr\u00e4nken. Lange konnte es nicht mehr dauern. Und dann w\u00e4re Nireka allein mit dem Goldenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Schwarzt\u00fcrkise sah auf, und ihre Blicke trafen sich. <em>Nireka<\/em>, \u00e4chzte der Drache.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte sie ihn wirklich gerade ihren Namen sagen h\u00f6ren? Nireka sp\u00fcrte einen k\u00fchlen Luftzug in sich, so als st\u00fcnde ihr Herz offen. Schatten und Lichter flirrten \u00fcber ihre Haut. Geisterschatten. Etwas regte sich in ihr, das nicht sie war. Etwas, das sich an ihr bediente. <em>Aylen<\/em>. Nireka war zu verbl\u00fcfft \u00fcber diese neue Empfindung, um sich zu wehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Drache b\u00e4umte sich mit unerwarteter Kraft auf und peitschte dem Goldenen mit seinem Schwanz ins Auge. Der Goldene lie\u00df ihn los und strauchelte. Schon sprang der kleine Drache ihm an die Kehle. Er riss den Kopf zur\u00fcck, und das Ger\u00e4usch rei\u00dfender Schuppen hallte \u00fcber das Meer. Eine Feuers\u00e4ule schoss aus der klaffenden Wunde. Dann st\u00fcrzte der Goldene zuckend auf die gl\u00e4sernen Wogen und versuchte sich zu fangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSabriel\u201c, stie\u00df der kleine Schwarzt\u00fcrkise aus, als er ihn zum ersten Mal wirklich sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Goldene w\u00fcrgte und fauchte. \u201eWoher kennst du meinen Namen? Wer bist du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo ist Totema?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTotema\u201c, wiederholte der Goldene und begann zu lachen, wobei Rauch und Feuer aus seiner Wunde drangen. \u201eKomm her, ich erz\u00e4hle dir von Totema.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der goldene Drache, der offenbar Sabriel hie\u00df, schlug mit den Klauen nach dem kleinen Schwarzt\u00fcrkisen. Doch Sabriel wirkte nun schwerf\u00e4llig, seine Bewegungen unkoordiniert, und der Schwarzt\u00fcrkise wich ihm mit Leichtigkeit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSabriel!\u201c, rief er erneut. \u201eBei deinem Namen banne ich dich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sabriel gab Laute von sich, die beinah wie Worte klangen, aber keine waren. So als h\u00e4tte er vergessen, wie man sprach \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sp\u00fcrte wieder den k\u00fchlen Luftzug in sich. Sie wusste, dass der schwarz-t\u00fcrkisblaue Drache ihn verursachte. Die Frau aus dem Kristall. Aylen. Wie war das m\u00f6glich?<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich schlug der Schwarzt\u00fcrkise seine Z\u00e4hne erneut in die Kehle des anderen. Diesmal lie\u00df er dabei Flammen aus seinem Maul lodern. Sie fra\u00dfen sich wie eine wei\u00dfe Klinge aus Licht durch Sabriels Nacken. Noch nie hatte Nireka einen Drachen bluten sehen. Eine dicke, schwarze Fl\u00fcssigkeit schwappte hervor, als Sabriels Kopf zur Seite knickte. Der Schwarzt\u00fcrkise \u2013 Aylen \u2013 st\u00fcrzte sich auf das Blut. Er umklammerte den offenen Hals wie einen Baum, leckte und trank.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wich zur\u00fcck. Auf den Wellen trieb ein gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer werdender \u00f6liger Teppich. Aber auch wenn sie nicht mehr als das sah, <em>h\u00f6rte<\/em> sie, wie der kleine Drache den gro\u00dfen fra\u00df. Ob sie wollte oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Goldene, ein unsterbliches Gesch\u00f6pf, war tot. Und sie lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem halb versunkenen Turm mitten im Meer, mit einem Drachen, der in der Vergangenheit eine Hexe gewesen war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 6 &#8211; 7 Guten Abend, liebe Vorab-Leser! Der letzte Abschnitt h\u00f6rte mit einem fiesen Cliff-Hanger auf, aber jetzt geht es umgehend weiter, und Nireka steht eine recht unerwartete Begegnung bevor. Habe ich schon einmal erw\u00e4hnt, dass ich mich sehr, sehr auf das Erscheinen einer weiteren Hauptfigur freue? Ich hoffe, ihr werdet sie m\u00f6gen! So sehr, wie man sie eben m\u00f6gen kann &#8230; Hehehe. Viel Spa\u00df beim Schm\u00f6kern! * * * Kapitel 6 Schlohwei\u00df war der Turm. Das Wasser sp\u00fclte durch die unteren Fenster, und Seetang hing aus ihnen hervor wie zerfetzte Vorh\u00e4nge. Ein pl\u00f6tzlicher Aufprall lie\u00df Nireka zusammenfahren. Das Boot schrammte \u00fcber etwas hinweg. 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