{"id":1770,"date":"2021-10-20T10:26:24","date_gmt":"2021-10-20T09:26:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1770"},"modified":"2021-10-20T10:26:24","modified_gmt":"2021-10-20T09:26:24","slug":"das-zeitalter-der-drachen-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=1770","title":{"rendered":"Das Zeitalter der Drachen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center\">Kapitel 8 &#8211; 9<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Guten Morgen, liebe Vorab-Leser! Ich hoffe, ich kann euch diesen Mittwoch mit ein paar nagelneuen Kapiteln aus dem &#8220;Zeitalter der Drachen&#8221; vers\u00fc\u00dfen. Endlich ist Aylen aufgetaucht, unsere Bekannte aus dem Prolog &#8211; auch wenn sie nicht gleich wiederzuerkennen war. In den heutigen Kapiteln erfahren wir mehr \u00fcber ihre Vergangenheit. Habe ich schon erw\u00e4hnt, dass das mein Lieblingsteil des Romans ist? Ich bin gespannt, wie ihre Hintergrundgeschichte euch gefallen wird! Wie immer werden unter allen, die Kommentare hinterlassen, f\u00fcnf signierte B\u00fccher verlost. Viel Gl\u00fcck!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 8<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Kampf wirkte das Meer ruhig wie ein zerbrochener Spiegel. Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Schuppen, die den diesigen Himmel reflektierten, trieben auf den Wellen. Manche waren klein wie eine Handfl\u00e4che, andere breit wie eine T\u00fcr. Nireka sah zu, wie sie sich in alle Richtungen verteilten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch danke dir\u201c, ert\u00f6nte die tiefe, grollende Stimme des Drachen, der einmal eine Frau namens Aylen gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Kopf erschien vor dem Balkonvorsprung, und Nireka sog scharf die Luft ein. Er war gewachsen. Nein, nicht einfach nur gewachsen, sondern vier- oder f\u00fcnfmal so gro\u00df geworden wie vorher. Sein Kopf war riesig. Und seine Z\u00e4hne, durchscheinend schwarz wie der Kristall, aus dem er entstanden war, hatten nun die L\u00e4nge ihrer Arme. Nur seine Augen waren noch von derselben stillen Aufmerksamkeit erf\u00fcllt wie zuvor. Der Farbverlauf auf seiner Stirn erweckte beinah den Eindruck, als h\u00e4tte er Augenbrauen, die ihm einen nachdenklichen, fast melancholischen Ausdruck verliehen. So wie bei der Frau im Kristall. Der Frau, die vielleicht nun in diesem monstr\u00f6sen Leib steckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie konnte das sein? Nireka hatte immer geglaubt, Drachen seien ewige Wesen, die nicht geboren wurden und starben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOhne deine Hilfe w\u00e4re ich besiegt worden\u201c, fuhr die Bestie fort, ihre Stimme nun leiser, aber immer noch donnernd wie eine Lawine von Kieselsteinen. \u201eWarum bist du wirklich hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka schluckte. \u201eDer Goldene, Sabriel, war hinter mir her, weil \u2026\u201c Konnte es sein, dass der Drache es nicht wusste? Nireka wollte ihn nicht darauf aufmerksam machen, dass sie von Geisterschatten besessen war, falls er es nicht schon bemerkt hatte. So sagte sie stattdessen: \u201eIch sch\u00e4tze, du hast mir ebenso das Leben gerettet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf welcher Seite stehst du?\u201c, fragte der Drache unbeeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf welcher Seite?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn Sabriel dich \u00fcbers Meer verfolgt hat, musst du zu den Zauberern geh\u00f6ren. Aber du bist eine Frau. Ich dachte, sie nehmen keine Frauen auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe noch nie eine Zauberin oder einen Zauberer getroffen\u201c, erwiderte Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Augen des Drachen wurden schmal, als suchte er nach Gr\u00fcnden, weshalb sie l\u00fcgen w\u00fcrde. \u201eWer bist du? Warum bist du hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch war auf der Flucht vor dem Drachen, den du Sabriel genannt hast, bin in einen Sturm geraten und hier gelandet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu willst mir weismachen, du h\u00e4ttest sie zuf\u00e4llig zu meinem Turm gelotst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie?<\/em> Auch dass Drachen m\u00e4nnlich oder weiblich sein konnten, h\u00f6rte Nireka zum ersten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube\u201c, sagte der Drache ruhig, \u201edu hast meine Einladung benutzt, um Sabriel herzuf\u00fchren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eIch schw\u00f6re, nein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache ma\u00df sie mit seinem Blick. \u201eWer hat dich das Zaubern gelehrt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie z\u00f6gerte mit einer Antwort. Griff der Drache sie lediglich deshalb nicht an, weil er ihr Zauberkr\u00e4fte unterstellte? Dann kl\u00e4rte sie das Missverst\u00e4ndnis besser nicht auf. Sie schluckte. \u201eDu warst eine Zauberin, Aylen, nicht wahr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu kannst ruhig Hexe sagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wurde schwindelig. Sie musste sich gegen die geborstene Mauer lehnen, und es fiel ihr schwer zu atmen. \u201eWaren alle Drachen einmal Zauberer?\u201c, fragte sie matt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Hexen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sp\u00fcrte, wie sich ihr Magen zusammenzog. All die Drachenangriffe, die sie erlebt hatte, die Zerst\u00f6rung, die grausamen Morde, begangen von \u2026 von Frauen wie der in dem Kristall?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache musterte sie eingehend. \u201eDu hast keine Kontrolle \u00fcber die Geisterschatten in dir? Du kannst keine Zauber wirken?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNiemand hat Kontrolle \u00fcber Geisterschatten\u201c, sagte Nireka. \u201eEs gibt schon lange keine Zauberer mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache starrte sie an. \u201eWie lange?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie letzte Aufzeichnung von magischem Wirken ist ungef\u00e4hr dreihundertsechzig Jahre alt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache fuhr zur\u00fcck, als w\u00e4re er geschlagen worden. Sein Kopf verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile trat Nireka auf den Vorsprung hinaus und sp\u00e4hte hinab. Der Drache hielt sich am Turm fest, den Blick zum Horizont gerichtet, wo das Meer mit den Wolken verschmolz. Seine Klauen waren fester in die Mauer gekrallt, als n\u00f6tig gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso haben die Drachen gewonnen\u201c, stellte er fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war keine Frage. Nireka musste nicht antworten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAus allen drei Zauberbergen wurden die Drachen befreit?\u201c, fragte er dann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube, ja. Es gibt viele Drachen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eViele? Wie viele?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa, wo ich herkomme, haben wir in den letzten f\u00fcnfzig Jahren vierzehn gez\u00e4hlt. Fr\u00fcher gab es viel mehr, aber daf\u00fcr waren sie kleiner.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVierzehn\u201c, wiederholte der Drache mit Panik in der Stimme. \u201eDas kann nicht sein. In den Bergen waren neun gefangen. Wie kann es vierzehn geben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka dachte nach. \u201eSie m\u00fcssen entstanden sein. So wie du.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache schwieg, den Blick zum Horizont gerichtet. Nireka sah, dass seine Brust sich schnell hob und senkte, und aus seinen N\u00fcstern drangen Rauchwolken. Schlie\u00dflich fragte er: \u201eWer herrscht in Peyra?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka erinnerte sich, den Namen einmal irgendwo gelesen zu haben. Ein K\u00f6nigshof der Menschen hatte so gehei\u00dfen. \u201eSoweit ich wei\u00df, gibt es kein Peyra mehr. Es gibt \u00fcberhaupt keine K\u00f6nigreiche mehr. Nur die sieben Untergrundfestungen der Zwerge auf den Inseln\u201c, sagte sie. \u201eIn den Gebirgen gibt es Menschend\u00f6rfer. Die Elfen reisen als Nomaden, so wie fr\u00fcher, habe ich geh\u00f6rt. Nur um Tahar\u2019Marid gibt es gr\u00f6\u00dfere Siedlungen an der Oberfl\u00e4che, die sich nicht verstecken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTahar\u2019Marid\u201c, wiederholte der Drache geistesabwesend. \u201eWenn es keine Zauberer gibt, wer dient dann den Drachen als Quelle?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka z\u00f6gerte. \u201eIch wei\u00df nicht, was du meinst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast dich mir als Quelle zur Verf\u00fcgung gestellt.\u201c Er klang ungeduldig. \u201eAls wir Sabriel besiegt haben. Darum dachte ich, du seist eine Hexe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er musste den Moment meinen, als Nireka sich seltsam von ihm ge\u00f6ffnet gef\u00fchlt hatte. Dann war es also nicht nur Einbildung gewesen \u2013 er hatte irgendwie ihre Geisterschatten benutzt, um st\u00e4rker zu werden als der goldene Drache.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie erhalten sich die anderen Drachen am Leben?\u201c, erkundigte sich der Schwarzt\u00fcrkise.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka schluckte und sah ihn an. \u201eDie Drachen fressen uns\u201c, sagte sie leise.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache erwiderte ihren Blick aus seinen gro\u00dfen, t\u00fcrkisblauen Augen, ohne etwas zu sagen. Nireka musste gegen den Drang ank\u00e4mpfen, zur\u00fcckzuweichen. Wenn er sie t\u00f6ten wollte, konnte er es so oder so tun, ob sie sich zu verstecken versuchte oder nicht. Er senkte den Kopf und verschwand aus ihrem Gesichtsfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich sp\u00e4hte Nireka nach drau\u00dfen. Der Drache war noch da, zusammengekauert am Fu\u00dfe des Turms wie ein H\u00e4ufchen Elend. Ein f\u00fcnf Tonnen schweres H\u00e4ufchen Elend. In diesem Moment glaubte Nireka wieder Aylen, die Frau im Kristall, an der ermatteten Haltung und der grimmigen Mimik zu erkennen &#8211; sofern bei seiner Schuppenmusterung von Mimik die Rede sein konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas war nicht, was wir wollten. Nicht, was wir erwartet hatten\u201c, murmelte der Drache. \u201eWir hatten es gut gemeint.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer \u201a<em>wir<\/em>\u2018?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTotema und ich.\u201c Als er aufblickte, lag blanke Verzweiflung in seinen Augen. \u201eIch bereue nicht, die Erzmagier gest\u00fcrzt zu haben. Aber wir h\u00e4tten den Drachen nicht trauen d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nirekas Verstand raste, ohne dass sie etwas begriff. \u201eDu hast die Erzmagier gest\u00fcrzt?\u201c, wiederholte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo ist es. Mein Name lautet Aylen.\u201c Der Drache richtete sich wieder auf und sah ihr in die Augen. \u201eIch habe die Herrschaft der Erzmagier beendet und die Drachen aus den Zauberbergen befreit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Meereswind fegte Nireka ins Gesicht, und s\u00e4mtliche H\u00e4rchen an ihrem K\u00f6rper stellten sich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat die Welt mich vergessen?\u201c, fragte der Drache. \u201eNun, vielleicht ist es besser so.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein.\u201c Nireka schlug das Herz bis zum Hals. \u201eDie Geschichte kennt jeder. Der Erzmagier des Elfenvolkes wurde von seiner Geliebten dazu verleitet, die Bestien zu befreien. Warst \u2026 du diese Geliebte?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache legte die spitzen Ohren an. \u201e<em>Das<\/em> ist die Geschichte, die man sich erz\u00e4hlt? Was erz\u00e4hlt man sich genau \u00fcber mich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka schluckte. \u201eDass die Geliebte des Erzmagiers eifers\u00fcchtig war, weil er nie Zeit f\u00fcr sie hatte, und verlangte, dass er die Welt ins Chaos st\u00fcrzt, um ihr seine Liebe zu beweisen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache stie\u00df Rauchwolken durch die N\u00fcstern aus. \u201eEifers\u00fcchtig\u201c, wiederholte er fauchend. \u201eEifers\u00fcchtig? Nicht neidisch? Oder gierig? Das sind doch die anderen beiden Eigenschaften, die eine einflussreiche Frau kennzeichnen. Wie konnte man sich blo\u00df auf Eifersucht festlegen? Oh, dreihundertsechzig Jahre, und die Welt ist keinen Deut besser geworden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann ist die Geschichte nicht wahr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein!\u201c, polterte der Drache. Er schnaubte noch mehr Rauch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie war es wirklich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer w\u00fcrde einer Hexe schon glauben?\u201c, grollte der Drache. Ihm schien selbst aufzufallen, dass ihn jetzt wohl niemand mehr als Hexe wahrnehmen w\u00fcrde. Kurzerhand wandte er sich ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka sah, wie er \u00fcber die Wellen wankte und weiter drau\u00dfen ins Wasser hinabglitt. Eine lange Zeit blieb er verschwunden \u2013 oder sie. Was auch immer Aylen nun war. Wieso hatte die Hexe sich \u00fcberhaupt verwandelt? Was konnte jemanden dazu treiben, ein Monster werden zu wollen? Nireka fr\u00f6stelte und schlang die Arme um ihren Oberk\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Drache wieder aus dem Wasser glitt, schien er an etwas herumzukratzen. Mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln kam er h\u00fcpfend zum Turm zur\u00fcck. Er schob eine Tatze durch die Balkon\u00f6ffnung herein und legte drei Fische vor Nireka ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst hungrig sein\u201c, sagte er, zog mit einer Klaue einen Holzstuhl zu sich und lie\u00df ihn in Flammen aufgehen, wobei er aufpasste, seinen Atem nicht zu nah an Nireka herankommen zu lassen. Dann schob er den brennenden Stuhl in den Kamin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, stammelte Nireka. Sie bemerkte, dass die Fische sogar schon ausgenommen waren. Er musste seine Klauen wie ein Messer benutzt haben. Unter dem erwartungsvollen Blick des Drachen steckte sie die Fische auf den eisernen Sch\u00fcrhaken, der beim Kamin hing, und schob ihn in die N\u00e4he des Feuers. Wenn ihr jemand vor einem Tag gesagt h\u00e4tte, dass ein Drache ihr Fische fangen w\u00fcrde, h\u00e4tte sie nicht einmal aus H\u00f6flichkeit gel\u00e4chelt. Aber schlie\u00dflich war nichts mehr wie vor einem Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst du wissen, was wirklich passiert ist?\u201c, fragte der Drache.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka musste nicht gro\u00dfartig nachdenken. Ihr Leben lang hatte sie dar\u00fcber ger\u00e4tselt, was damals wohl geschehen war. Sie z\u00f6gerte nur, weil sie nicht verstand, was der Drache davon haben sollte, ihr seine Geheimnisse preiszugeben. Aber ihr fiel nichts ein, was er im Schilde f\u00fchren k\u00f6nnte. Also nickte sie. \u201eIch w\u00e4re dir dankbar, wenn du es mir erz\u00e4hltest.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Drache zog die Lefzen hoch und entbl\u00f6\u00dfte seine schwarztransparenten, armlangen Rei\u00dfz\u00e4hne. Es dauerte einen Moment, ehe Nireka begriff, dass es ein Grinsen war.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nicht erz\u00e4hlen. Zeigen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nireka wich zur\u00fcck. \u201eWas war das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich kommuniziere mit dir<\/em>, wisperte eine klanglose Stimme in ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Nireka hielt den Atem an, als der Drache die Geisterschatten in ihr durchflutete und Raum einnahm, wo sie nicht geahnt hatte, dass es \u00fcberhaupt Raum gab. Und er bot ihr umgekehrt an, auch in ihn einzutreten. Sie sp\u00fcrte es so deutlich, als w\u00e4re eine T\u00fcr vor ihr aufgetaucht. Er nahm sie bei der Hand und f\u00fchrte sie hindurch zu sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Hand \u2026 Sie wusste, wie sie sich <em>anf\u00fchlte<\/em>. Klein und warm und trocken. Wie die Fingern\u00e4gel sich von der etwas dunkleren, silbrigen Haut abhoben. Nireka schloss die Augen, weil die Sinneseindr\u00fccke von innen sie vollkommen einnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Woge der Vertrautheit \u00fcberkam sie. Ihre Grenzen erzitterten und schmolzen vor W\u00e4rme, sodass sie nicht mehr sagen konnte, wer sie war und wer die andere Frau. Der Drachenleib wurde ihrer, gro\u00df und m\u00e4chtig, au\u00dfen schwer wie Eisen und innen hohl und leicht wie ein sternloser Himmel. Doch wer Nireka an der Hand hielt, war die Erinnerung an einen anderen, viel kleineren K\u00f6rper. Aylen war ein Halbblut gewesen, Tochter von Menschen und Grauen Elfen. Wie merkw\u00fcrdig, dass es eine so gro\u00dfe Rolle gespielt hatte, wo es doch kaum mehr als ihr Aussehen betraf.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Selten reichen Blicke unter die Oberfl\u00e4che der Dinge,<\/em> sagte Aylen.<em> Aber du kannst in die Tiefe meiner Zeit schauen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Tiefe?<\/em>, fragte Nireka.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da flogen wie Laub im Wind Erinnerungen auf, und Nireka streckte sich nach einer aus und sah \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Kapitel 9<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen kam in der Abendd\u00e4mmerung, als die Sonne untergegangen war und die Himmelsglut zu metallischem Glanz abk\u00fchlte. Die Grauen Elfen hatten gerade ihr Lager f\u00fcr die Nacht im Windschutz einer Felsgruppe aufgeschlagen, als sie die junge Frau sahen. Sie wunderten sich, dass keiner ihrer Wolfshunde bellte. Aufgeregt rannten die Kinder zusammen, und ein paar Jugendliche, hungrig auf Heldentaten, schwangen sich sogar auf Pferde, um den Stamm mit ihren wei\u00dfen Pfeilen und B\u00f6gen gegen die Fremde zu verteidigen. Doch Aylen wirkt nicht bedrohlich, wie sie so gelassenen Schrittes durch die Steppe kam, bewaffnet mit nichts als einem seltsamen Stab \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Grauen Elfen erkannten, dass der Stab ein Besen war, den sie l\u00e4ssig \u00fcber der Schulter trug, begannen sie zu lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre staubigen, an den S\u00e4umen zerschlissenen M\u00e4nnerkleider verrieten, wie lange sie schon auf Wanderschaft war. An ihrer silbrig schimmernden Haut, ihrer schmalen, hohen Nase und den hellen Augen lie\u00df sich erkennen, dass sie von den sesshaften Grauen Elfen aus Lepenthe abstammte, die sich seit Generationen mit den Menschen dort vermischt hatten \u2013 ein Halbblut. Die Grauen Elfen, die noch an der alten Lebensweise ihres Volkes festhielten, verachteten die Bauern von Lepenthe zwar daf\u00fcr, dass sie sich ein Leben lang an Felder und Obstwiesen ketteten wie die Menschen, aber es hatte nie Krieg zwischen ihnen gegeben. Im Gro\u00dfen und Ganzen ging man sich h\u00f6flich aus dem Weg. Darum war es umso \u00fcberraschender, eine Sesshafte so weit von zu Hause entfernt zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einigem Abstand blieb Aylen stehen und st\u00fctzte sich auf ihren Besen. Die Hunde liefen nerv\u00f6s herum, aber auch jetzt bellte keiner, fast so, als h\u00e4tten sie ihre Stimmen verloren. Das schwache Licht der D\u00e4mmerung schien sich um die Fremde zu verdichten, w\u00e4hrend das von Felsformationen durchsetzte Grasland in Dunkelheit versank.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen lie\u00df den Blick \u00fcber das Lager schweifen, und als sie sich der Aufmerksamkeit der Leute sicher war, verneigte sie sich vor ihnen, wobei sie den Besen elegant hinter sich schwang.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSollen wir sie einladen?\u201c, fragten sich die Grauen Elfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie ist ein Halbblut aus Lepenthe, was will sie bei uns?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Wanderer ist ein Wanderer \u2013 sie soll ihre Geschichte erz\u00e4hlen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hat eine B\u00e4uerin schon Spannendes zu erz\u00e4hlen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie konnten nicht ahnen, dass Aylen l\u00e4ngst unter ihnen war und alles mitanh\u00f6rte. Die Fremde, die die Leute im Abendlicht sahen, war nur ein Spiegelbild \u2013 ein Werk von Zauberei. Die echte Aylen hatte sich unbemerkt als Schatten ins Lager geschlichen, sichtbar, aber \u00fcbersehen, denn sie wollte herausfinden, ob sie hier willkommen war oder lieber weiterzog. Sie konnte nicht vorsichtig genug sein nach dem, was sie erlebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute schienen unschl\u00fcssig, ob ihre Gesellschaft eine warme Mahlzeit wert war, aber sie \u00fcberlegten nicht, ihr etwas anzutun. Aylen bewegte die Finger wie Flammen und lie\u00df sie aus H\u00fcfth\u00f6he bis \u00fcber ihren Kopf steigen. Ihr Spiegelbild richtete sich auf und lie\u00df den Besen los. Doch statt umzukippen, schwebte der Besen in der Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wind lie\u00df das Reisig des Besens erzittern. Langsam begann er sich im Kreis zu drehen. Als die Grauen Elfen ihre Stimmen wiederfanden und aufgeregt zu reden begannen, griff Aylens Spiegelbild wieder nach dem Besen, doch der ruckte in die H\u00f6he \u2013 und zog Alyen mit. Die Grauen Elfen schnappten nach Luft. Eine Handbreit schwebte sie nun \u00fcber dem trockenen Steppengras. Dann ging sie um den Besen herum, ohne dass ihre F\u00fc\u00dfe die Erde ber\u00fchrten, begann zu h\u00fcpfen und ein wenig um ihn zu tanzen. Im Schatten l\u00e4chelte Aylen, und ihr Spiegelbild im Licht l\u00e4chelte mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grauen Elfen stie\u00dfen Laute des Erstaunens aus. \u201eEine Hexe!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen \u00e4rgerte sich \u00fcber die abf\u00e4llige Bezeichnung, denn sie war eine <em>Zauberin<\/em>. Doch sie h\u00f6rte mehr Begeisterung als Verachtung oder Furcht aus den Stimmen heraus, und das war ein gutes Zeichen. Sie beschloss, zu bleiben. Zusammen mit einem Pulk aus Neugierigen lief sie ihrem Spiegelbild entgegen. Als sie es umzingelten, trat sie ins Licht und wurde eins mit der Illusion, die nun wieder auf dem Boden aufzukommen schien und den Besen gegen ihre Schulter lehnte. Niemand sah, wie das Spiegelbild mit der wirklichen Frau verschmolz. Alle bestaunten den Besen, dessen Reisig sich wie kleine, d\u00fcnne Arme streckte und reckte und H\u00e4nde sch\u00fcttelte. Doch einige empfanden das Bed\u00fcrfnis, zu blinzeln, so als h\u00e4tte die Abendbrise ihnen etwas von dem grauen Sand in die Augen geweht, der manchmal von der W\u00fcste Uyela Utur bis ins Hochland wehte. \u2013 Und tats\u00e4chlich waren die kurzen, dunklen Locken und die Falten der Kleidung der Fremden voller grauem Sand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Besen lebt!\u201c Die Kinder riefen alle durcheinander. \u201eKann man auf ihm reiten? Kommst du vom Zauberberg der Menschen? Hast du deine Ausbildung beim Erzmagier dort gemacht? L\u00e4sst du uns auf deinem Besen fliegen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch komme vom Berg Gothak\u201c, best\u00e4tigte Aylen. \u201eAber der Erzmagier ist nicht mein Meister. Er ist mein Feind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das sorgte f\u00fcr verbl\u00fcffte Stille. Doch mit ihrem Besen hatte sie die Herzen der Leute erobert. Sie nahmen sie an den H\u00e4nden, f\u00fchrten sie an das Lagerfeuer, in das noch Holz nachgelegt wurde, und umsorgten sie wie einen Ehrengast.<\/p>\n\n\n\n<p>Dankend nahm sie einen Becher hei\u00dfen, mit Lavendel aromatisierten Honigwein entgegen. Er schmeckte k\u00f6stlich nach all den Wochen, in denen Aylen nichts als das ungesalzene Fleisch von selbst erlegten Tieren gegessen hatte. Eine h\u00fcbsche Frau stellte ein Tablett vor ihr ab, beladen mit klebrigen K\u00fcchlein aus Rahm, Mandeln, getrockneten Aprikosen und dem dunkelroten, fast schwarzen Honig der Erdbienen, die es nur hier in der Hochebene gab. Ausgehungert, wie Aylen war, schob sie sich ein K\u00fcchlein ganz in den Mund. Die Graue Elfe l\u00e4chelte sie an, wei\u00dfe Z\u00e4hne in einem silbrig schimmernden Gesicht. Sch\u00f6ne Frauen machten Aylen immer ein wenig befangen, darum senkte sie den Blick und tat, als m\u00fcsste sie sich Honig von den Fingern lecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4lterer Mann zog ihr schwatzend die Schuhe und den Umhang aus, um die Risse und L\u00f6cher zu flicken, und zwei junge M\u00e4dchen gaben ihr Gew\u00e4nder, w\u00e4hrend eine wei\u00dfhaarige Frau ihre vor Schmutz starrenden Kleider zum Waschen fortbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBrauchst du noch etwas? Willst du ein Bad nehmen?\u201c, fragten die Grauen Elfen freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte sich noch am Morgen im eisigen Flusswasser gewaschen, aber eine Sache w\u00fcnschte sie sich wirklich seit langem. Sie fuhr sich \u00fcber den Kopf. \u201eW\u00fcrde mir jemand den Gefallen tun, mir die Haare abzurasieren? Sie sind viel zu lang.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das sorgte f\u00fcr allgemeine Erheiterung. Aylen hatte sich den Kopf geschoren, als sie ihr Dorf in Lepenthe verlassen hatte, doch inzwischen war ihr wieder ein welliger, dunkelbrauner Teppich in den Nacken gewachsen. Bei den Grauen Elfen hier trugen die Frauen ihr Haar, das die Farbe von Silber und Gold hatte, in langen Z\u00f6pfen, und nur die M\u00e4nner lie\u00dfen sich Muster ins Schl\u00e4fenhaar rasieren. Mehrere Elfen traten vor, um ihr diesen Dienst zu erweisen. Sie w\u00e4hlte eine Hochschwangere, die ihr Talent, Haare zu schneiden, so laut und blumig anpries, dass sie die Anwesenden damit zum Lachen brachte. Sie plapperte fast unentwegt, w\u00e4hrend sie Aylen Schlangenmuster auf den Kopf rasierte \u2013 angeblich waren Schlangen die Schutztiere von Reisenden, die allein unterwegs waren wie sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen wusste nat\u00fcrlich, dass die Leute sich in der Hoffnung um sie scharten, dass sie ihnen helfen w\u00fcrde. Nicht umsonst versuchten vor allem Alte, Kranke und Schwangere, ihr Gutes angedeihen zu lassen. Sie schenkten ihr Essen, Kleidungsst\u00fccke, Armb\u00e4nder mit winzigen Gl\u00f6ckchen daran und allerhand andere Dinge, die ungeeignet waren, um sie auf ihrer Reise mitzunehmen, sodass sie sie freundlich ablehnen musste. Sie konnte ohnehin niemandem helfen, denn sie war keine ausgebildete Zauberin und verstand nichts von Heilungen. Aber wem sie in die Augen sah, den konnte sie f\u00fcr eine Weile \u00fcberzeugen, keinen Schmerz und keine Sorge mehr zu empfinden. Die Dankbarkeit der Leute, die sich f\u00fcr geheilt und gesegnet hielten, war ihr ein wenig unangenehm, und da man dies mit Bescheidenheit verwechselte, stieg sie noch im Ansehen der Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen umringten die Kinder Aylens st\u00e4ndigen Begleiter, der sich bereitwillig streicheln lie\u00df und gelegentlich ein Kind mit seinem Reisig kitzelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWieso hast du einen Besen dabei, wenn du gar kein Zelt hast, das gefegt werden muss?\u201c, wollte ein Junge wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGute Frage\u201c, lobte Aylen. \u201eAber es ist kein Besen. Es ist ein Stab. Ein Zauberstab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bei genauerer Betrachtung konnte man sehen, dass das Reisig nicht am Stiel angebunden war, sondern daraus hervorwucherte. Die Kinder reckten die K\u00f6pfe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSieht trotzdem aus wie ein Besen\u201c, gluckste der Junge. Die anderen gaben ihm recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher hatte es Aylen uns\u00e4glich ge\u00e4rgert, wenn man ihren Stab als Besen bezeichnet hatte. <em>Nur eine Hexe mit einem Besen. <\/em>Aber jetzt rang sie sich zu einem L\u00e4cheln durch, denn die Kinder meinten es nicht b\u00f6se. \u201eNun. Wie so oft in der Zauberei tr\u00fcgt der Schein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFegt er von selbst?\u201c, fragte ein M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eW\u00e4re es ein Zauberbesen, w\u00e4re er jetzt im Dienst eines F\u00fcrsten und w\u00fcrde die Gem\u00e4cher einer feinen Dame sauber halten. Aber da ich meinen Stab nicht absichtlich erschaffen habe, ist er f\u00fcr jegliche Art von Arbeit zu \u2026 eigenwillig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWozu ist der dann gut?\u201c, fragte der Junge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch f\u00fcrchte, zu gar nichts. Was daran liegt, dass ein Teil meiner Seele in diesem Holz steckt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen erwartete, dass jetzt die Frage nach dem Fliegen kommen w\u00fcrde, so wie immer, doch der Junge betrachtete nur ehrf\u00fcrchtig den Besen. \u201eWie hei\u00dft er?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen biss sich in die Backe. \u201eAlso, ich nenne ihn meistens \u2026 Besen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBesen\u201c, wiederholten die Kinder respektvoll im Chor, und Aylen musste grinsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das letzte Tageslicht verblasst war und das Lagerfeuer gelb und fr\u00f6hlich flackerte, entlockten ein paar Musiker ihren Trommeln und Rasseln die Rhythmen, f\u00fcr die die Grauen Elfen ber\u00fchmt waren \u2013 aber nicht wild und laut, wie man es von ihnen kannte, sondern langsam und leise, so wie Pferde, die sich aufmerksam dazugesellten, um zu begleiten, was auch immer die Zauberin erz\u00e4hlen mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>In gro\u00dfen Kesseln wurde Eintopf gekocht. Bis er fertig war, bereiteten ein paar \u00e4ltere Frauen d\u00fcnne Streifen Ziegenfleisch und Fladenbrote auf Steinplatten zu, die sofort mit Wiesenkr\u00e4utern verzehrt werden konnten. Aylen a\u00df hei\u00dfhungrig davon. Fast stiegen ihr Tr\u00e4nen in die Augen, weil es so gut schmeckte und weil ihr klar wurde, wie sehr sie es vermisst hatte, ein Mahl mit anderen zu teilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der alten Frauen, die das Brot backten, forderte sie auf: \u201eSage uns, was dich herf\u00fchrt, Tochter von Lepenthe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als K\u00f6chin am Feuer stand ihr das Recht zu, Befehle zu erteilen, und so nickte Aylen. Alle warteten darauf, dass sie sprach. Neben ihr begann Besen wie mit F\u00fc\u00dfen im sandigen Boden zu scharren. Das Zauberding hatte die l\u00e4stige Angewohnheit, Gef\u00fchle zum Ausdruck zu bringen, die Aylen nicht vor sich selbst zugeben wollte und erst recht nicht vor anderen. Ihr einziger Trost bestand darin, dass die meisten Leute nicht gleich darauf kamen, dass Besen ihr Innenleben spiegelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht habt ihr davon geh\u00f6rt, dass alle sieben Jahre die Erzmagier der drei Zauberberge Lehrlinge annehmen\u201c, begann sie. \u201eMan muss daf\u00fcr einen Zauberberg erklimmen. Wer es schafft, der hat sich als w\u00fcrdig erwiesen und wird in die Geheimnisse der Zauberkunst eingeweiht, um sein Talent zu schulen. Jedenfalls lautet so das Versprechen der Erzmagier. Ich habe auf dieses Versprechen vertraut. Und ich habe es geschafft. Ich war auf dem Gipfel von Gothak, beim Erzmagier der Menschen jenseits der W\u00fcste.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nur das Feuer knackte, und die Instrumente t\u00e4nzelten und trabten ihrer Stimme nach. Ansonsten herrschte Schweigen. Die Grauen Elfen wussten, wie aberwitzig es war, den Berg Gothak erklimmen zu wollen. Der h\u00f6chste Berg des S\u00fcdens erhob sich am Rand der W\u00fcste Uyela Utur aus einem Gewirr schroffer Klippen, deren Schluchten so tief waren, dass man das Wasser auf ihrem Grund nicht sehen, sondern nur als leises Echo h\u00f6ren konnte. Sein Gipfel bohrte sich schneewei\u00df und spitz wie ein Wolfszahn in den Himmel. Man musste schon verr\u00fcckt sein, um dort hinaufzuwollen. Oder ein Zauberer.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle sieben Jahre versammelten sich junge M\u00e4nner aus dem Menschenvolk am Fu\u00df des Berges Gothak. Man nannte sie Kr\u00e4hen, weil sie oft lauthals \u00fcber ihre ehrgeizigen Ziele krakeelten und eher ungeschickt auf den H\u00e4ngen des Berges herumkraxelten. Die meisten sah man nie wieder, verschluckt von irgendeiner dunklen Schlucht oder den d\u00e4monischen Kr\u00e4ften, die den Zauberberg umwehten. Manche kamen auch halb verhungert durch die W\u00fcste und das Hochland, weil sie die Schande nicht ertrugen, als Versager in ihre Heimat zur\u00fcckzukehren. Nur selten kam einer als Delegierter auf dem Weg zum Erzmagier der Elfen oder zum K\u00f6nigshof der Elfen durch die Hochebene \u2013 \u00e4lter, ernster, angetan mit den grauen und wei\u00dfen Gew\u00e4ndern und dem spitz zulaufenden Filzhut eines Zauberers. Diese erfolgreichen Sch\u00fcler nannte man Adler. Denn sie hatten es geschafft, zum Gipfel zu fliegen. Oder jedenfalls glaubten die einfachen Leute, dass sie geflogen waren. Anders lie\u00df sich kaum erkl\u00e4ren, wie sie die Spitze erreicht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Aylen hatte sich dar\u00fcber den Kopf zerbrochen, wie sie es anstellen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe alle Gefahren \u00fcberstanden, alle Pr\u00fcfungen gemeistert\u201c, fuhr sie leise fort und hielt Besen fest, als wolle sie sich an ihn anlehnen. In Wahrheit unterdr\u00fcckte sie, dass er stolz auf und ab h\u00fcpfte. \u201eIch habe bewiesen, dass in mir Talent steckt, das es verdient, ausgebildet und gef\u00f6rdert zu werden. Ich betrat die Halle, die in die hohle Bergspitze gehauen ist. Dort erwartete mich der Erzmagier Salemandra. Er schien nicht erfreut, mich zu sehen, und ich begriff, warum. Bei ihm waren bereits zwei junge M\u00e4nner, die ich w\u00e4hrend meiner Reise mehrfach getroffen hatte. Ich wusste, dass sie kein magisches Talent besa\u00dfen, nur t\u00f6richten Hochmut. Und doch hatten sie es wundersamer Weise auf den Gipfel geschafft, w\u00e4hrend ich andere M\u00e4nner mit mehr Talent hatte sterben sehen. Es gab nur eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr: Einer der beiden neuen Lehrlinge war der Sohn des Zauberers, der dem K\u00f6nig der Menschen in Peyra dient, der andere war ein Neffe Salemandras.\u201c Sie hielt einen Moment inne, \u00fcberw\u00e4ltigt von Bitterkeit. \u201eEs war beschlossene Sache, dass diese hochgeborenen S\u00f6hne Salemandras Lehrlinge werden w\u00fcrden, schon bevor sie aufgebrochen sind. Salemandra hat all die Zeit seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber sie gehalten \u2013 dieselbe Hand, die uns andere zu t\u00f6ten versucht hat. Es gefiel ihm nicht, dass ich noch lebte. Also holte er zu einer Attacke aus, um mich zu erledigen. Doch ich entkam. Und hier bin ich also.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar die Instrumente waren verstummt. Nur das Lagerfeuer prasselte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen blickte auf. Alle hingen gebannt an ihren Lippen. Sie grinste. \u201eBevor ich floh, habe ich aber noch von dem Wasser getrunken, mit dem der Erzmagier seine Lehrlinge empf\u00e4ngt. Ich fand, das hatte ich mir verdient.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ihre Zuh\u00f6rer l\u00e4chelten verbl\u00fcfft bei der Vorstellung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war nicht irgendein Wasser. Es schmeckte salzig und \u2026 danach f\u00fchlte ich mich \u2026 anders.\u201c Aylen unterdr\u00fcckte ein Schaudern. Lauter fuhr sie fort: \u201eDie drei Erzmagier der Menschen, Elfen und Zwerge behaupten seit alten Zeiten, dass sie in den Bergen Gothak, Faysah und Tahar\u2018Marid Drachen bewachen, die ansonsten \u00fcber die V\u00f6lker herfallen w\u00fcrden. Daf\u00fcr verehren wir die Erzmagier und alle Zauberer, die bei ihnen in die Lehre gegangen sind. Wie genau sie die Drachen bewachen, wissen nur die Erzmagier selbst. Und auch, ob es wirklich Drachen sind\u201c, sagte Aylen langsam. \u201eIch habe jedenfalls keine Drachen gesehen. Sondern Frauen, gefangen im Gestein. Ihre Tr\u00e4nen tropften in den Kelch. Ich wusste nicht, was ich trank, doch danach erf\u00fcllte mich eine so starke, neue Zauberkraft, dass ich die Herkunft des Salzwassers auf der Oberfl\u00e4che gespiegelt sah. Ich dachte immer, Zauberkraft sei etwas, womit man geboren wird. Aber die Erzmagier und ihre Lehrlinge gewinnen Zauberkraft aus den Tr\u00e4nen dieser geheimnisvollen Gefangenen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen sp\u00fcrte, dass sie unglaubw\u00fcrdig klang. Denn wer wollte schon etwas so Schreckliches glauben? Sie bem\u00fchte sich um eine heitere Miene und verschr\u00e4nkte die H\u00e4nde um Besen, der leicht vibrierte. \u201eNun, ich werde noch herausfinden, was es mit diesen Frauen und der Macht der Erzmagier genau auf sich hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie das?\u201c, fragte die Brotb\u00e4ckerin und reichte ihr noch einen Fladen, in den sie Fleisch und gehacktes Gr\u00fcn gewickelt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin auf dem Weg zum Berg Faysah, um Lehrling des Erzmagiers der Elfen zu werden\u201c, erwiderte Aylen leichthin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute sahen sich gro\u00df an. Aylen empfand ein Kribbeln vor Genugtuung, w\u00e4hrend sie das Brot in wenigen Bissen vertilgte. Sie war es gewohnt, mit ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr Staunen zu sorgen, manchmal auch f\u00fcr Kopfsch\u00fctteln, und wenn sie ehrlich war, genoss sie diese Momente mehr als alles andere. Sie war eine Tochter von Bauern gemischten Bluts; in ihrem Dorf hatte es noch nie jemanden gegeben, der aufgebrochen war, um ein Zauberer zu werden, ganz zu schweigen von einer Zauberin. Soweit sie wusste, war noch nie eine Frau der Zunft der Zauberer beigetreten. Frauen mit magischem Talent galten als Hexen und wurden f\u00fcr ihren Mangel an Wissen verachtet, bis man ihre Hilfe brauchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch zu Hause hatten die Leute verbl\u00fcfft geschwiegen, als sie ihnen von ihrem Vorhaben erz\u00e4hlt hatte. Oder sich \u00fcber sie lustig gemacht. <em>Du mit deinem Besen, der nicht fegen kann? Dich w\u00fcrden sie nicht mal als Dienstmagd behalten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie w\u00fcrde nicht zulassen, dass diese Neider und Sp\u00f6tter recht behielten. Allein deshalb w\u00fcrde sie sich beim Erzmagier der Elfen bewerben, weit im Westen, auf dem Berg Faysah. Immerhin floss in ihr, wie in allen Elfen von Lepenthe, auch menschliches Blut. Und wenn man sie in Faysah ebenfalls nicht annahm, dann w\u00fcrde sie sich beim Erzmagier der Zwerge auf Tahar\u2019Marid bewerben. Und wenn selbst der sie nicht annahm \u2026 nun, dann w\u00fcrde sie sich etwas anderes einfallen lassen. Aber sie w\u00fcrde die Geheimnisse der Zauberei ergr\u00fcnden. Sie w\u00fcrde die gr\u00f6\u00dfte Zauberin aller Zeiten werden. Diese Gewissheit erf\u00fcllte sie wie eine Flut, brachte ihre Knie zum Zittern und lie\u00df sie die F\u00e4uste ballen. <em>Aylen, merkt euch diesen Namen! <\/em>Das wollte sie den Leuten am Lagerfeuer sagen. Aber sie musste sich gedulden. Ihre Taten w\u00fcrden f\u00fcr sie sprechen, wenn die Zeit gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bem\u00fchte sich wieder um ein L\u00e4cheln und strich das Reisig glatt, das Besen angeberisch spreizte. \u201eEure K\u00f6chinnen sind wirklich gut, das muss man wohl sagen. Gibt es noch Honigk\u00fcchlein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tablett tauchte zwischen den Leuten auf, und man reichte es bis zu ihr weiter, wobei es sich merklich leerte. W\u00e4hrend sie dem Tablett mit ihrem Blick folgte, hielt sie aus den Augenwinkeln nach der h\u00fcbschen Frau Ausschau, aber sie entdeckte sie nirgends. Die Vorstellung, sie k\u00f6nnte gegangen sein \u2013 mitten in ihrer Erz\u00e4hlung? \u2013, war kr\u00e4nkend und best\u00e4tigte sie in dem Vorurteil, dass sch\u00f6ne Frauen sich von ihr eingesch\u00fcchtert f\u00fchlten und sie nicht mochten. Sie schob sich ein K\u00fcchlein in den Mund und wischte die Honigreste vom Tablett mit dem Finger auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie hast du es geschafft, Gothak zu besteigen?\u201c, fragte eine K\u00f6chin, die am Kessel stand.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch k\u00f6nnte nicht erkl\u00e4ren, wie ich zaubere, selbst wenn ich wollte\u201c, sagte Aylen ausweichend, erwiderte den Blick der alten Frau aber fest. Blicke waren m\u00e4chtiger als Worte &#8211; an sie erinnerte man sich besser als an Gesagtes. Die Alte w\u00fcrde sp\u00e4ter das Gef\u00fchl haben, eine Antwort erhalten, sie aber nicht ganz verstanden zu haben. \u201eSoweit ich wei\u00df, hat jeder Zauberer seine eigene Art zu zaubern, und ein anderer k\u00f6nnte meine nicht nachahmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist deine Art zu zaubern?\u201c, fragte jemand aus der Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war die h\u00fcbsche Frau. Der Flammenschein spiegelte sich auf ihren hohen Wangenknochen und in ihren goldenen Augen, die so gelassen blickten, als k\u00f6nnte Aylen sie mit nichts \u00fcberraschen. Das weckte umso mehr den Wunsch in ihr, es doch zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch tanze\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu tanzt?\u201c, fragte die Graue Elfe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch tanze.\u201c Sie konnte regelrecht auf den Stirnen der Leute sehen, wie sie es sich vorzustellen versuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZeig\u201c, forderte die Elfe sie auf, setzte eine Fl\u00f6te an die Lippen, die an einer Schnur um ihren Hals hing, und begann zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile blieb Aylen sitzen und lauschte ihrer Musik. Es war eine fr\u00f6hliche, aber k\u00fchle Melodie, die beinah etwas Lauerndes hatte. So wie ein Tag im April, der sonnig werden oder in Regen umschlagen konnte. So wie Neugier, die sich noch nicht zwischen Zuneigung und Abneigung entschieden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie das Wesen des Liedes erf\u00fchlt hatte, erhob Aylen sich und ging ein St\u00fcck vom Feuer weg. Besen folgte ihr in Schlangenlinien. Sie betrachtete den zuckenden Schatten, den der Flammenschein ihr an die F\u00fc\u00dfe heftete, und konzentrierte sich auf das Wesen der Melodie, die Wahrheit im rhythmischen Atem der Fl\u00f6tenspielerin, die Klang wurde, Aylens Ohren erf\u00fcllte, ihre Brust. Ihre F\u00fc\u00dfe. Den Schatten daran.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Weil alles alles spiegeln will.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie begann zu tanzen. Langsam erst, sodass man von au\u00dfen kaum sehen konnte, dass ihr K\u00f6rper den Rhythmus in sich aufnahm. Sie ging in die Knie und lie\u00df die Melodie ihre Arme tragen. Sie war nicht besonders grazil. Ihre Gliedma\u00dfen waren kurz, selbst f\u00fcr eine Elfe mit Menschenblut. Sie hatte den Willen ihrer Knochen, zu wachsen, bei einem unvorsichtigen Zauber mit f\u00fcnfzehn Jahren verloren und war seitdem nicht gr\u00f6\u00dfer geworden. Aber es ging nicht um Anmut, sondern um Wahrheit. Sie malte der Musik ein Spiegelbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war leichter gesagt als getan, aber auch leichter empfunden als erkl\u00e4rt. Spiegelbilder waren ein vollkommenes Ja und Nein zugleich; ein Ja, weil sie imitierten, und ein Nein, weil sie genau verkehrt herum waren, das Gegenteil jeder Sache. Aylen hatte das in einem Geistesblitz als Kind begriffen, und all ihre Zauberei beruhte auf diesem Wissen, das spontan und ohne Lehrer zu ihr gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie musste ihr Ja und Nein mit Bedacht w\u00e4hlen, immer im Wechsel. Ihre Handgelenke kreisten, ihre Finger spreizten sich. Sie drehte sich und hopste im Rhythmus von einem Fu\u00df auf den anderen, und Besen h\u00fcpfte ihr nach. <em>Eine Kr\u00e4he, das sieht die Fl\u00f6tenspielerin in mir. Eine Angeberin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aylen zeigte ihr, was sie sehen wollte. Und als sie ein Spiegelbild ihrer Erwartung geworden war, konnte Aylen sie ver\u00e4ndern. Sie richtete sich auf, \u00f6ffnete die Arme, \u00f6ffnete die Melodie mit, die gr\u00f6\u00dfer und w\u00e4rmer zu werden schien, und legte den Kopf zur\u00fcck. Ihr Schatten schien einen krummen Schnabel zu bekommen. Sie \u00f6ffnete die H\u00e4nde. Ihrem Schatten wuchsen Schwingen mit langen Federn. Und dann l\u00f6ste sich ihr Schatten von ihren F\u00fc\u00dfen und segelte um das Lagerfeuer herum, \u00fcber die staunenden Leute und \u00fcber die Zeltw\u00e4nde hinweg, und Besen flog in einem hohen Bogen hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen wollte ihren Schatten gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer werden lassen, aber dadurch wurde er schwerer zu erkennen, und die Musik h\u00f6rte beinah auf, Musik zu sein, so langgezogen waren jetzt die T\u00f6ne. Also kam sie auf eine andere Idee, um die Menge gefangen zu halten: Der Hals des Adlers wuchs in die L\u00e4nge, hinter seinen Klauen rollte sich ein Schwanz aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine Schlange!\u201c, stie\u00df jemand aus. \u201eEine gefl\u00fcgelte Schlange!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen bewegte die H\u00e4nde vor dem Gesicht. Die Schattenschlange \u00f6ffnete ihr Maul und pr\u00e4sentierte lange Giftz\u00e4hne. Dann verwandelte sich ihr Profil in Aylens; ihr runder, kahler Kopf, ihr scharf geschnittenes Kinn wurden sichtbar. Die Leute sprangen auf und klatschten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen hatte nie davon geh\u00f6rt, dass ein Zauberer das Tanzen benutzte wie sie, um Zauber zu wirken, und vielleicht war sie tats\u00e4chlich die Einzige in ganz Tana, die das konnte. Sie l\u00e4chelte. Nun, da sie von dem Tr\u00e4nenwasser aus Gothak getrunken hatte, konnte sie es sogar besser denn je. Wie leicht ihr dieses Kunstst\u00fcck gefallen war! Fr\u00fcher h\u00e4tte sie sich zuerst in Trance tanzen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie \u00fcberlegte gerade, in welches Tier sie ihren Schatten als n\u00e4chstes verwandeln sollte, als die Fl\u00f6tenmusik erstarb. Die Menge jubelte. Aylen sah, wie die Spielerin aufstand und ging. Hatte sie etwa gerade die Augen verdreht?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nur eine Hexe, die Zaubertricks braucht, um sich beliebt zu machen. <\/em>Aylen schluckte und musste sich mit M\u00fche daran erinnern, dass nicht alle so feindselig waren. Vielleicht hatte die Graue Elfe einen ganz anderen Grund gehabt zu gehen. Und selbst wenn nicht \u2013 Aylen k\u00fcmmerte sich schon lange nicht mehr darum, was andere \u00fcber sie dachten. Mit ein paar raschen Handbewegungen zog sie ihren Schatten in drei Teile; einer wuchs ihr wieder an die F\u00fc\u00dfe, die anderen beiden behielten den Umriss einer Schlange und eines Adlers und harrten zuckend auf der n\u00e4chsten Zeltwand aus. Kinder rannten hin, um sie zu bestaunen und ihre eigenen Schatten mit ihnen verschmelzen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist eine echte Zauberin, obwohl du nicht bei einem Erzmagier in der Lehre warst\u201c, sagte ein h\u00fcnenhafter Mann voll Ehrfurcht. \u201eIch hoffe, du bekommst in Gothak die Anerkennung, die dir zusteht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aylen verneigte sich vor dem Mann. \u201eWenn ich in Gothak aufgenommen werde, komme ich danach wieder. Und dann kann ich euch eure Gastfreundschaft mit mehr danken als mit Spielereien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen gaben die Leute Aylen ein B\u00fcndel mit Essen, dem berauschenden vergorenen Saft von Dornr\u00fcbchen und eine kr\u00e4ftige, sanftm\u00fctige Stute mit grauem Fell, schwarzer M\u00e4hne und schwarzen Fesseln. Mit ihr w\u00fcrde Aylen die Hochebene doppelt so schnell durchqueren und den Schergen des Erzmagiers von Gothak vielleicht entkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verabschiedete sich herzlich von den Leuten und versprach noch einmal, wiederzukehren, wenn sie ihre Ziele erreicht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Adler und die Schlange aus Schatten schwebten noch f\u00fcr einige Tage neben den Grauen Elfen her, ehe sie sich im Wind zerstreuten wie W\u00fcstensand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 8 &#8211; 9 Guten Morgen, liebe Vorab-Leser! Ich hoffe, ich kann euch diesen Mittwoch mit ein paar nagelneuen Kapiteln aus dem &#8220;Zeitalter der Drachen&#8221; vers\u00fc\u00dfen. Endlich ist Aylen aufgetaucht, unsere Bekannte aus dem Prolog &#8211; auch wenn sie nicht gleich wiederzuerkennen war. In den heutigen Kapiteln erfahren wir mehr \u00fcber ihre Vergangenheit. Habe ich schon erw\u00e4hnt, dass das mein Lieblingsteil des Romans ist? Ich bin gespannt, wie ihre Hintergrundgeschichte euch gefallen wird! Wie immer werden unter allen, die Kommentare hinterlassen, f\u00fcnf signierte B\u00fccher verlost. Viel Gl\u00fcck! * * * Kapitel 8 Nach dem Kampf wirkte das Meer ruhig wie ein zerbrochener Spiegel. Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Schuppen,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1770"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1770"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1770\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1772,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1770\/revisions\/1772"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1770"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}