{"id":369,"date":"2012-11-19T06:07:51","date_gmt":"2012-11-19T06:07:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=369"},"modified":"2012-11-19T07:00:23","modified_gmt":"2012-11-19T07:00:23","slug":"das-marchen-vom-wind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=369","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom Wind"},"content":{"rendered":"<p>Heute morgen bin ich mit der Idee und der Melodie dieser Geschichte aufgewacht, ich habe sie so aufgeschrieben, wie sie mir aus dem Schlaf kam:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der gro\u00dfen Stadt kam ein Sohn zur Welt<\/p>\n<p>Sohn von Eltern so reich, wie es wenige schaffen<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlten sich wichtig, denn es war so viel Geld<\/p>\n<p>So viel Geld kam von den \u00d6lgesch\u00e4ften.<\/p>\n<p>Der Sohn wuchs auf bei bezahlten Leuten<\/p>\n<p>Bei M\u00fcttern und Lehrern und Fahrern zuhauf<\/p>\n<p>Seltener sah er die Eltern und Kinder<\/p>\n<p>Auf die nicht dasselbe Schicksal zutraf.<\/p>\n<p>Mit elf oder zw\u00f6lf begann er zu schreiben<\/p>\n<p>Denn Schreiben bek\u00e4mpft die Einsamkeit<\/p>\n<p>Und er schrieb \u00fcber gro\u00dfe Abenteuerreisen<\/p>\n<p>Mit Menschen, die er liebte, und die es nicht gab.<\/p>\n<p>Er schrieb eines Nachts am offenen Fenster<\/p>\n<p>Er schrieb und schrieb und schlief dabei ein.<\/p>\n<p>Ein frecher Wind stahl sich durch das Fenster<\/p>\n<p>Und blies die Seiten, zwei, f\u00fcnf, zw\u00f6lf, hinaus.<\/p>\n<p>In der ersten Stunde des neuen Tages<\/p>\n<p>Es war noch zu fr\u00fch f\u00fcr Sonnenlicht,<\/p>\n<p>da kam ein M\u00e4dchen m\u00fcde des Weges<\/p>\n<p>ein M\u00e4dchen, so arm, dass es gew\u00f6hnlich ist.<\/p>\n<p>Im D\u00e4mmerlicht sah sie die blassen Papiere<\/p>\n<p>Und staunte nicht schlecht, als sie da las<\/p>\n<p>Von Kriegern und Zaubern und magischen Tieren<\/p>\n<p>In charmant gekrakelter Jungenschrift.<\/p>\n<p>Sie blickte hinauf zum offenen Fenster<\/p>\n<p>Und sah den Jungen schlafend am Tisch.<\/p>\n<p>Da ging ihr ein Windsto\u00df warm durch die Seele<\/p>\n<p>Der schlafende Junge, ihr schien er so h\u00fcbsch.<\/p>\n<p>Sie versuchte vergeblich, ihn wach zu rufen<\/p>\n<p>Und hatte im Grunde auch gar keine Zeit<\/p>\n<p>Da legte sie die Papiere behutsam<\/p>\n<p>Durchs Eisengitter ins Rosenbeet.<\/p>\n<p>Auf die letzte Seite hatte sie nach kurzem Z\u00f6gern<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich noch zwei S\u00e4tze notiert:<\/p>\n<p><em>Deine Geschichte ist wirklich wundersch\u00f6n!<\/em><\/p>\n<p><em>Zu gern w\u00fcrd ich wissen, wie es weitergeht.<\/em><\/p>\n<p>Der Jung erwachte zu sp\u00e4ter Stunde<\/p>\n<p>Und erschrak, als er merkte, dass etwas fehlt<\/p>\n<p>Man muss sich vorstellen, wie er sich wunderte,<\/p>\n<p>als er die Bl\u00e4tter im Rosenbeet fand<\/p>\n<p>mit der kleinen Notiz in schwungvollen Lettern<\/p>\n<p>eindeutig geschrieben von M\u00e4dchenhand.<\/p>\n<p>Schicksal!, dachte er, das war mehr als das Wetter<\/p>\n<p>Dieser Wind hat mein Leben letzte Nacht bestimmt.<\/p>\n<p>Vor Aufregung schwindelig schrieb er weiter<\/p>\n<p>Und flocht seine Neugier ins Geschehen mit ein<\/p>\n<p>Und legte die Bl\u00e4tter ins Rosenbeet nieder<\/p>\n<p>Und wartete ab, bis der Morgen kam.<\/p>\n<p>In der ersten Stunde des neuen Tages<\/p>\n<p>Lief das M\u00e4dchen die Stra\u00dfe hinauf<\/p>\n<p>Sie war schon ersch\u00f6pft vom langen Schulmarsch<\/p>\n<p>Und m\u00fcde von Arbeit und wenig Schlaf.<\/p>\n<p>Doch sie freute sich sehr \u00fcber die Papiere<\/p>\n<p>Und griff sie sich durch den Eisenzaun<\/p>\n<p>Und verschlang die Geschichte mit gro\u00dfer Freude<\/p>\n<p>Und blickte schlie\u00dflich zum Fenster hinauf.<\/p>\n<p>Der Junge stand dort, wie vom Donner ger\u00fchrt<\/p>\n<p>Und hatte sie die ganze Zeit gesehn.<\/p>\n<p>Nie hatte er solche W\u00e4rme versp\u00fcrt<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen da unten, es war so sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Sie hob die Hand und winkte ihm sch\u00fcchtern<\/p>\n<p>Und er sp\u00fcrte blass, wie er dasselbe tat<\/p>\n<p>Dann schrieb sie ihm erneut eine Nachricht<\/p>\n<p>Auf die freie R\u00fcckseite des letzten Blatts:<\/p>\n<p><em>Bitte schreib weiter, bitte schreib mir wieder!<\/em><\/p>\n<p>Der Junge las das sicher hundertmal<\/p>\n<p>Zwischendurch, beim Schreiben, f\u00fcr sie am Schreiben<\/p>\n<p>Und \u00fcber sie schreibend, in M\u00e4rchengestalt.<\/p>\n<p>So kam es, dass er ihr jeden Morgen<\/p>\n<p>Die Fortsetzung seiner Geschichte gab<\/p>\n<p>Und es brauchte nicht lange, da ging es um Liebe<\/p>\n<p>In dem M\u00e4rchen und ihrer Gegenwart.<\/p>\n<p>Drei Jahre blieb es so zwischen beiden<\/p>\n<p>Und sie liebten sich heimlich und wussten es<\/p>\n<p>Und warteten still aufs Erwachsenwerden<\/p>\n<p>Um endlich frei und zusammen zu sein.<\/p>\n<p>Doch das M\u00e4dchen war arm, man darf nicht vergessen!<\/p>\n<p>Zu arm, um weiter zur Schule zu gehn<\/p>\n<p>Die Eltern baten sie, Geld zu verdienen<\/p>\n<p>Der Hunger drohte, man kam nicht umhin.<\/p>\n<p>Sie war nun beteiligt als Arbeiterin<\/p>\n<p>Am m\u00e4chtigen, wichtigen \u00d6lgesch\u00e4ft<\/p>\n<p>Und verbrachte t\u00e4glich zw\u00f6lf Stunden<\/p>\n<p>An Maschinen und f\u00fchlte sich wie in Haft.<\/p>\n<p>Nur einmal die Woche war es ihr m\u00f6glich<\/p>\n<p>Die Bl\u00e4tter zu heben aus dem Rosenbeet<\/p>\n<p>Mit schwarz gewordenen, traurigen H\u00e4nden<\/p>\n<p>Und sie murmelte das M\u00e4rchen wie ein Gebet.<\/p>\n<p>Der Junge litt mehr als das M\u00e4dchen<\/p>\n<p>An ihrer Armut, als er sie sah<\/p>\n<p>Und er wusste, dass alles in seiner Umgebung<\/p>\n<p>Mit ihrem Leben bezahlt worden war.<\/p>\n<p>Aus Wut und Verzweiflung schrieb er Artikel<\/p>\n<p>An die Nachrichtenbl\u00e4tter der gro\u00dfen Stadt<\/p>\n<p>Und nannte die Verbrechen des Reichtumschaffens<\/p>\n<p>Die es dem M\u00e4dchen und vielen antat.<\/p>\n<p>Seine Eltern erschraken, als sie\u2019s merkten<\/p>\n<p>Sie hatten nicht gewusst, dass ihr Sohn schrieb<\/p>\n<p>Und hatten nicht gewusst, was ihr Sohn dachte<\/p>\n<p>Und es versetzte sie in Rage, dass er nicht war wie sie.<\/p>\n<p>Da zwangen sie ihn, die Geschichte zu zeigen.<\/p>\n<p>Und ohne zu lesen, riss der Vater sie klein<\/p>\n<p>In aberhundert Fetzen wie wei\u00dfe Schneeflocken<\/p>\n<p>Schneeflocken mit schwarzen Tr\u00e4nen darin.<\/p>\n<p>Allein sa\u00df der Junge im Schnipselhaufen<\/p>\n<p>Und weinte bitter um das M\u00e4dchen und sich<\/p>\n<p>Und all die Geschichten von ihm und dem M\u00e4dchen<\/p>\n<p>Zerst\u00f6rt auf Papier, unm\u00f6glich in echt.<\/p>\n<p>Er schlief schlie\u00dflich ein, ersch\u00f6pft vom Weinen<\/p>\n<p>Und sp\u00fcrte nicht, dass ein Wind eindrang<\/p>\n<p>Klammheimlich drang er durch das Fenster<\/p>\n<p>Und nahm die Schnipsel in Empfang.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen, als es die Arbeit verlie\u00df,<\/p>\n<p>fr\u00f6stelte in der fr\u00fchen Winternacht.<\/p>\n<p>Da t\u00e4nzelten hell in den Laternenschein<\/p>\n<p>Schnipsel aus Papier, von warmen Winden gebracht.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen sp\u00fcrte ihr Herz zerbrechen<\/p>\n<p>Als sie die Schrift vor sich tanzen sah<\/p>\n<p>Und Arbeiter, die ihren Heimweg teilten<\/p>\n<p>Sagten sp\u00e4ter, dass sie wahnsinnig war.<\/p>\n<p>Denn das M\u00e4dchen tanzte mit den Flocken<\/p>\n<p>Und fing den Schnee, als sei er ein Schatz<\/p>\n<p>Und f\u00e4rbte ihn mit schmutzigen H\u00e4nden<\/p>\n<p>Und Tr\u00e4nen und rief: \u201eDas war von seinem M\u00e4rchen mein Lieblingssatz!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen bin ich mit der Idee und der Melodie dieser Geschichte aufgewacht, ich habe sie so aufgeschrieben, wie sie mir aus dem Schlaf kam: &nbsp; In der gro\u00dfen Stadt kam ein Sohn zur Welt Sohn von Eltern so reich, wie es wenige schaffen Sie f\u00fchlten sich wichtig, denn es war so viel Geld So viel Geld kam von den \u00d6lgesch\u00e4ften. 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