{"id":394,"date":"2013-07-21T14:58:50","date_gmt":"2013-07-21T14:58:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=394"},"modified":"2013-07-21T14:58:50","modified_gmt":"2013-07-21T14:58:50","slug":"erinnerung-aus-dem-spatwinter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=394","title":{"rendered":"Erinnerung aus dem Sp\u00e4twinter"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/32.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-392\" alt=\"Erinnerung\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/32-750x1024.jpg\" width=\"640\" height=\"873\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/32-750x1024.jpg 750w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/32-366x500.jpg 366w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/32-40x55.jpg 40w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus dem Notizbuch, Februar 2013:<\/p>\n<p>Ich stand am Bahnsteig und wartete die 7 oder 8 Minuten auf\u00a0meine U-Bahn, da fiel mein Blick zuf\u00e4llig zu Boden, w\u00e4hrend ich (aus keinem Grund, an den ich mich erinnern kann) einen Schritt r\u00fcckw\u00e4rts machte. Da, auf dem Asphalt, waren die dunklen Abdr\u00fccke meiner Schuhe. Drau\u00dfen war feiner Schneeregen gefallen, mehr Regen als Schnee, ein gefiederter Schlafregen. Er hatte sich an meine Schuhe geheftet, um meinen Schritten eine Spur zu geben.<\/p>\n<p>Ich ging r\u00fcckw\u00e4rts nach rechts und betrachtete die blassschwarzen Abdr\u00fccke, die von meiner Vergangenheit blieben, dann ging ich zur\u00fcck zum Ausgangspunkt und r\u00fcckw\u00e4rts nach links, sodass mein Ursprungsabdruck zwei Schwingen hatte. Das alles geschah in dem halben Bewusstsein, mit dem man sich sinn- und zweckfreien Dingen widmet, wenn man auf etwas wartet. Aber das menschliche Verhalten ist ja ein Spiegelkabinett; es reflektiert immer das Erleben, das von oben einf\u00e4llt, oder das Empfinden, das von unten hinaufglost. Zumindest l\u00e4sst unsere Lust am Interpretieren uns das glauben \u2013 wir finden gerne Muster, Zusammenh\u00e4nge und Erkl\u00e4rungen f\u00fcr alles.<\/p>\n<p>Egal ob die Symmetrie zwischen Erleben und Verhalten nun wahr ist oder nur Wahrnehmung, als ich den gefl\u00fcgelten Doppelfleck meines Standpunkts sah, fiel mir auf, dass er ein Symbol f\u00fcr die Natur von Gef\u00fchlen ist: Sie hinterlassen dunkle Fu\u00dfspuren in der Zeit, und um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sie zu gewinnen, muss man seine Perspektive immer wieder \u00e4ndern, sich immer weiter entfernen. Das Erkennen, das sich selbst fortsetzt, hinterl\u00e4sst eine F\u00e4hrte, w\u00e4chst zu Fl\u00fcgeln aus, tr\u00e4gt zuletzt den schwereren Leib des wirklich Empfundenen durch den Innenraum des Lebens. Verblassen muss trotzdem alles. Irgendwann. Wenn die Erinnerung keine bleibende Gestalt hat, was ist Erinnerung dann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Notizbuch, Februar 2013: Ich stand am Bahnsteig und wartete die 7 oder 8 Minuten auf\u00a0meine U-Bahn, da fiel mein Blick zuf\u00e4llig zu Boden, w\u00e4hrend ich (aus keinem Grund, an den ich mich erinnern kann) einen Schritt r\u00fcckw\u00e4rts machte. Da, auf dem Asphalt, waren die dunklen Abdr\u00fccke meiner Schuhe. Drau\u00dfen war feiner Schneeregen gefallen, mehr Regen als Schnee, ein gefiederter Schlafregen. Er hatte sich an meine Schuhe geheftet, um meinen Schritten eine Spur zu geben. Ich ging r\u00fcckw\u00e4rts nach rechts und betrachtete die blassschwarzen Abdr\u00fccke, die von meiner Vergangenheit blieben, dann ging ich zur\u00fcck zum Ausgangspunkt und r\u00fcckw\u00e4rts nach links, sodass mein Ursprungsabdruck zwei Schwingen hatte. 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