{"id":467,"date":"2014-04-09T11:59:43","date_gmt":"2014-04-09T11:59:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=467"},"modified":"2014-04-09T12:16:55","modified_gmt":"2014-04-09T12:16:55","slug":"anti-schreibtipp-tipps","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=467","title":{"rendered":"Anti-Schreibtipp-Tipps"},"content":{"rendered":"<p>Oft werde ich gefragt, ob ich Tipps zum Schreiben habe. Mein erster Impuls ist immer, \u201eNein!\u201c zu antworten. Warum? Nicht aus Unh\u00f6flichkeit. Auch nicht aus Faulheit. Na gut, ein bisschen aus Faulheit. Und ich m\u00f6chte behaupten, auch Ahnungslosigkeit ist nicht der Grund. Die ruppige Antwort will ich daher erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Als ich mit meiner ersten Geschichte anfing, wollte ich von Ratgebern \u00fcberhaupt nichts wissen. Einerseits aus Stolz, andererseits aus Angst, all meine Fehler aufgezeigt zu bekommen. Dieses Selbstvertrauen aus Trotz ging mit viel Selbstkritik einher, sodass ich mir angew\u00f6hnte, jede fertiggestellte Geschichte als Generalprobe abzuwinken \u2013 die n\u00e4chste w\u00fcrde das ganz gro\u00dfe Werk werden. Ich probierte in den sieben \u201eRomanen\u201c, mit denen ich vor meiner ersten Ver\u00f6ffentlichung die Schublade f\u00fctterte, alles aus, was sich sp\u00e4ter als Fehler oder kluger Kniff entpuppen sollte, und erarbeitete mir \u00fcber hunderte von Seiten ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie ich meine Geschichten am besten webe.<\/p>\n<p>Dann wurde \u201eNijura\u201c, mein erster Roman, ver\u00f6ffentlicht. Und es kamen Reaktionen. Ich war jetzt nicht mehr allein am Schreiben, sondern die Verlage, die Leser guckten mir bei jedem Wort \u00fcber die Schulter. Nat\u00fcrlich nicht buchst\u00e4blich \u2013 schlie\u00dflich wart ihr mit eurem eigenen Leben besch\u00e4ftigt \u2013, aber ich f\u00fchlte mich so als ob. Schriftsteller sind oft empfindliche Eigenbr\u00f6tler, wenn sie die Aufmerksamkeit zu nah an sich ranlassen, k\u00f6nnen sie in Schockstarre verfallen. Lauter Meinungen vermischten sich mit meiner, sodass ich nach ein paar Jahren \u00fcberhaupt nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte \u2013 daf\u00fcr hatte ich einen riesigen Strau\u00df W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse zusammengetragen, die andere an meine B\u00fccher hatten oder auch nur in meiner Vorstellung haben k\u00f6nnten. Es war eine langsame, schleichende Schreibkrise. Und pl\u00f6tzlich kam mir die Eitelkeit, die mir s\u00e4mtliche Tipps und Ratschl\u00e4ge von au\u00dferhalb verbot, wie eine Falle vor.<\/p>\n<p>Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hab trotzdem nie einen Schreibratgeber gelesen. Ich wei\u00df nichts \u00fcber plot lines, ab welcher Seite der Protagonist welche Motivation artikuliert haben muss, welche Kunstgriffe f\u00fcr die Hochliteratur absolut verboten sind oder was es sonst noch an guten und schlechten Regeln gibt. Ich m\u00f6chte \u00fcberhaupt nicht so technisch \u00fcber Kunst nachdenken. Oft genug habe ich aus meiner Unwissenheit und Naivit\u00e4t die besten Ideen gesch\u00f6pft. Und ihr merkt schon, das klingt jetzt doch irgendwie wie ein Tipp. Deshalb Schluss mit dem Herumdrucksen \u2013 wenn ich euch schon davon \u00fcberzeugt habe, dass Richtlinien st\u00f6ren, wo es um Freiheit und Ausdruck geht, dann h\u00f6rt auf, das hier zu lesen. Geht und schreibt, ihr k\u00f6nnt es l\u00e4ngst! Allen anderen werde ich jetzt verraten, an welchen Erkenntnissen ich mich aus der Schreibkrise herausgezogen habe. Zur Verteidigung meiner Inkonsequenz kann ich nur sagen, dass ihr davon nichts befolgen solltet, was euch nicht spontan einleuchtet und ihr wahrscheinlich ohnehin schon macht. Deshalb ist der erste Tipp:<\/p>\n<ol>\n<li>Halte dich nicht an Regeln. Wiederholungen sind schlechter Stil? Jede Figur muss eine Wandlung durchlaufen? Man muss sich f\u00fcr eine Perspektive entscheiden? Pfeif drauf. Wirklich. Au\u00dfer nat\u00fcrlich auf deine eigenen Regeln. Diese, handverlesen und wohl durchdacht, erfordern deine absolute Treue, nur dann k\u00f6nnen dir auch andere auf den unkonventionellen Pfaden folgen, die du einschl\u00e4gst.<\/li>\n<li>Schreib, was dir Spa\u00df macht. Klingt ganz leicht, oder? Aber dieses Gebot ist wirklich am schwierigsten einzuhalten, jedenfalls f\u00fcr mich. Denn ich verwechsle oft das, was mir Spa\u00df macht, mit dem, was mich stolz machen oder bestimmte Leute beeindrucken k\u00f6nnte. Schrecklich, aber ich muss es offen gestehen. Um zu schreiben, was wirklich von Herzen kommt, geh\u00f6rt eine ordentliche Portion Selbstvertrauen. Es gibt Zeiten, in denen mir das fehlt. Dann hilft eigentlich nur: Dar\u00fcber schreiben, <i>wie<\/i> es einem fehlt. So findet man heimlich in sein eigenes Herz zur\u00fcck.<\/li>\n<li>Wisse, f\u00fcr wen du schreibst. Diesen Tipp habe ich oft unfreiwillig geh\u00f6rt, meistens von ausgefuchsten Leuten, die Zielgruppen und Verkaufszahlen im Blick haben. Mich pers\u00f6nlich hat es immer gehemmt, mir eine \u201aMasse\u2018 vorzustellen, die statistisch so und so viel liest und dies und das von einem Buch erwartet. Gibt es diese Masse wirklich? Ich habe immer nur Leser kennengelernt, die dieselbe Sehnsucht nach Sch\u00f6nheit und Wahrheit hatten wie ich, wenn ich ein Buch in die Hand nehme oder an anderen Quellen der Kunst Erfrischung suche. Zu wissen, f\u00fcr wen man schreibt, bedeutet gleichzeitig, die Frage zu verwerfen. Denn man schreibt so oder so f\u00fcr Menschen. Oder \u201eBewusstseinsformen\u201c, wenn einem Aliens oder Gott das liebenswertere Publikum sind. Jedenfalls schreibt man f\u00fcr jemanden, der dasselbe denken und empfinden soll wie man selbst (und vielleicht sogar man selbst ist).<\/li>\n<li>Hab keine Angst vor Fehlern. Lass dich inspirieren, aber nie einsch\u00fcchtern. Alle Menschen straucheln durch das Dickicht der Zeit, ein gro\u00dfer Haufen verwirrter, faszinierender Tierchen. Was dir in einem Moment richtig erschien, ist dir im n\u00e4chsten vielleicht schon peinlich, aber es gab immerhin diesen einen Moment, in dem du dich dazu entschieden hast \u2013 und bestimmt nicht ohne Grund. Deine vergangenen Ichs verdienen einen Platz in der Realit\u00e4t, also widerstehe dem Drang, sie zu vernichten.<\/li>\n<li>Pflege deine Tagtr\u00e4ume. Und zwar hemmungslos. Erschreckende Fantasien, b\u00f6se Gedanken, der ultimative Kitsch \u2013 wenn es in dir steckt, hat es seine Daseinsberechtigung. Alles darf geschrieben werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das sind meine pers\u00f6nlichen Regeln. Sie klingen mehr nach Selbstakzeptanz als nach Schreibhandwerk, weil ich eben dort meine Schw\u00e4chen sehe. Aber vielleicht ist das ja alles Humbug, immerhin bleibe ich nicht von Blockaden verschont. Wenn ihr Ratschl\u00e4ge habt, die euch (und euren Lesern) das Erlebnis vers\u00fc\u00dfen oder die ihr mir nach der Lekt\u00fcre meiner B\u00fccher schon immer mal empfehlen wolltet, dann schreibt sie mir doch als Kommentar. Ich bin sehr neugierig, wie ihr das mit eurer Literatur macht. Im Grunde stricken wir ja alle an demselben H\u00fctchen f\u00fcr die Menschheit!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/uhrzimmer.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-470\" alt=\"uhrzimmer\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/uhrzimmer-990x1024.jpg\" width=\"500\" height=\"517\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/uhrzimmer-990x1024.jpg 990w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/uhrzimmer-483x500.jpg 483w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft werde ich gefragt, ob ich Tipps zum Schreiben habe. Mein erster Impuls ist immer, \u201eNein!\u201c zu antworten. Warum? Nicht aus Unh\u00f6flichkeit. Auch nicht aus Faulheit. Na gut, ein bisschen aus Faulheit. Und ich m\u00f6chte behaupten, auch Ahnungslosigkeit ist nicht der Grund. Die ruppige Antwort will ich daher erkl\u00e4ren. 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