{"id":497,"date":"2014-05-26T18:51:24","date_gmt":"2014-05-26T18:51:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=497"},"modified":"2014-05-26T19:07:01","modified_gmt":"2014-05-26T19:07:01","slug":"alles-was-in-meinen-buechern-steht-ist-wahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=497","title":{"rendered":"Alles, was in meinen B\u00fcchern steht, ist wahr"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/20140526_120602.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-499 aligncenter\" alt=\"20140526_120602\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/20140526_120602-1024x768.jpg\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/20140526_120602-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/20140526_120602-500x375.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich war gerade auf dem Weg zu einer Philosophie-Vorlesung, da blieb ich im Korridor des Universit\u00e4tsgeb\u00e4udes stehen und blickte lange auf den roten Linoleumboden. Links lag hinter einer Fensterfront ein Hofgarten; die Sonne tr\u00e4nkte die Baumkronen und ihre Schatten kribbelten und krabbelten \u00fcber den Boden. Es sah aus wie Zellen unter einem Mikroskop \u2013 wie Blutk\u00f6rperchen, rot und wei\u00df, voller Eifer ihren einen, unbezweifelbaren Lebenssinn erf\u00fcllend. Ich konnte mich davon nicht l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war das Schauspiel nur ein Abbild des echten Lebens dort drau\u00dfen. Was unter den F\u00fc\u00dfen der Studenten pochte wie ein riesiges, ge\u00f6ffnetes Herz, war nicht organisch, sondern die B\u00e4ume im Hofgarten waren es. Wie sie im Wind wiegten und Licht tranken, schufen sie dieses Schattenkunstwerk, eine Abstraktion ihrer Lebendigkeit, eine Offenbarung ihrer Seele.<\/p>\n<p>Dasselbe machen Menschen. Meistens unabsichtlich, leichtfertig wie die B\u00e4ume und \u00fcberw\u00e4ltigend f\u00fcr jeden, der darauf achtet. Aber manchmal tun sie es auch bewusst, n\u00e4mlich in der Kunst. W\u00e4re ich ein Baum, dann w\u00e4ren die bewegten Schatten auf dem Boden meine B\u00fccher.<\/p>\n<p>Die Schatten faszinierten mich viel mehr als die B\u00e4ume drau\u00dfen. Ich beobachtete sie so lange, bis mir die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass auf der einen Seite der Glaswand das echte Leben sein sollte und auf der anderen nur sein Abbild, v\u00f6llig abhandenkam. Es schien mir ganz gewiss, die Schatten hatten ein Eigenleben. Sie hatten sich irgendwie von ihrer Ursache gel\u00f6st und f\u00fchrten ihren unabh\u00e4ngigen Freudentanz an der Existenz auf.<\/p>\n<p>Mit Kunst, mit B\u00fcchern muss es sich ebenso verhalten. Dass Figuren und ihre Geschichten von jemandem erfunden wurden, hindert sie nicht daran, zu Leben zu erwachen. Sie sind nat\u00fcrlich in einer anderen Dimension. Nicht in unserem Raum und unserer Zeit. Doch wir k\u00f6nnen sie beobachten und mehr sehen als den Schattenriss unserer eigenen Seele. Dieses &#8220;Mehr&#8221; ist so faszinierend, dass man mitten in einem Korridor wie angewurzelt stehen bleiben und sich heillos versp\u00e4ten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist seit heute das, was in B\u00fcchern steht, so wahr und wirklich wie unsere Welt. Wie das geht, kann ich nicht sagen. Die Entstehung von Leben bleibt ein Wunder und ist letztlich nicht zu erkl\u00e4ren. Zwischen unserem Verstand und dem, dessen Wahrheit wir am st\u00e4rksten empfinden, ist immer eine haarfeine Leere, ein leise heulender Abgrund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war gerade auf dem Weg zu einer Philosophie-Vorlesung, da blieb ich im Korridor des Universit\u00e4tsgeb\u00e4udes stehen und blickte lange auf den roten Linoleumboden. Links lag hinter einer Fensterfront ein Hofgarten; die Sonne tr\u00e4nkte die Baumkronen und ihre Schatten kribbelten und krabbelten \u00fcber den Boden. 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