{"id":589,"date":"2014-08-31T08:56:12","date_gmt":"2014-08-31T08:56:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=589"},"modified":"2014-09-04T12:58:40","modified_gmt":"2014-09-04T10:58:40","slug":"1-testlese-woche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=589","title":{"rendered":"1. TESTLESE-WOCHE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Ich w\u00fcnsche euch einen wundersch\u00f6nen, wenn auch verregneten Sonntagmorgen!\u00a0Habt ihr eine hei\u00dfe Tasse gr\u00fcnen Tee,\u00a0einen schaumigen Cappuccino, ein Croissant in Fingerspitzenn\u00e4he? Tragt ihr gem\u00fctliche Socken, ist die Pyjamahose flauschig genug? All das ist wichtig, denn das Schm\u00f6kern\u00a0beginnt jetzt.\u00a0Wenn ich vorstellen darf: die Weltpremiere, die Vorver\u00f6ffentlichung &#8211; das unredigierte erste Kapitel von NACHT OHNE NAMEN.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Alles auf dem Manuskriptpapier-Hintergrund geh\u00f6rt zum Roman. Einige Worte oder S\u00e4tze sind blau markiert. Daneben\u00a0werdet ihr eine Sprechblase entdecken. Klickt ihr sie an, erscheint ein Kommentar von mir. Ihr k\u00f6nnt dort ebenfalls Kommentare hinterlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch am Ende des Kapitels habt ihr die M\u00f6glichkeit, mir eure Meinung,\u00a0Vorschl\u00e4ge oder Fragen\u00a0zu\u00a0schreiben. Ich bin so gespannt, was ihr zu der Geschichte sagt!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Viel Vergn\u00fcgen w\u00fcnscht euch<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jenny<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<p style=\"text-align: left;\"><!--more--><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Jenny-Mai Nuyen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">NACHT OHNE NAMEN<br \/>\n<em>Roman<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0 \u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Erster Teil<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Weil zwei zusammen<\/em><br \/>\n<em> wie Flammen und Federn<\/em><br \/>\n<em> leichter schweben<\/em><br \/>\n<em> als Luft<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0 .<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">1. Das Unwichtige wird wichtig<\/p>\n<p>Der Tag, an dem Nicki die Kanzlei der Unterwelt zum ersten Mal betrat, begann um vier Uhr morgens mit dem Klingeln des Telefons. Keiner ihrer Schulfreunde hatte je auf dem Festnetz angerufen. Und mit Canon hatte sie bisher \u00fcberhaupt noch nie telefoniert \u2013 soweit sie wusste, besa\u00df er nicht einmal ein Handy. Dennoch dachte sie an ihn, als sie die Augen aufschlug.<br \/>\nDer L\u00e4rm des Fernsehers schwappte aus dem Wohnzimmer. \u201eVerdammt, wer ist das\u201c, murrte ihre Mutter. Und in den H\u00f6rer: \u201eJa?\u201c<br \/>\nKurz darauf schrammte Nickis T\u00fcr \u00fcber den Teppich. Mit einem Klatschen, das wie eine Ohrfeige klang, bet\u00e4tigte ihre Mutter den Lichtschalter. \u201eEin Typ. Will dich sprechen.\u201c<br \/>\nDank der pl\u00f6tzlichen Helligkeit fiel es ihr nicht schwer, eine verst\u00f6rte Miene aufzusetzen. Dabei wusste sie, dass es kein anderer als Canon sein konnte, und die blo\u00dfe Vorstellung, dass er und ihre Mutter miteinander geredet hatten, verpasste ihr einen innerlichen Stromschlag.<br \/>\nBe\u00e4ugt von ihrer Mutter, tappte sie in den Flur. Das Telefon lag auf der Vitrine neben Einkaufsquittungen und aufgerissenen Briefen, uralten Fahrradschlossschl\u00fcsseln und einem \u00fcberquellenden Aschenbecher.<br \/>\n[kommentierbar id=&#8221;2&#8243;]Sie r\u00e4usperte sich. \u201eHallo?\u201c[\/kommentierbar]<br \/>\n\u201eNicki. Tut mir leid, dass ich anrufe.\u201c Seine Stimme klang anders als in echt, irgendwie tiefer, erwachsener.<br \/>\nNicki warf einen Blick \u00fcber die Schulter. Ihre Mutter hatte sich wieder auf die Couch zur\u00fcckgezogen, doch der Fernseher war leiser gestellt. Nicki lie\u00df sich in die Jacken an der Garderobe sinken, um das Gespr\u00e4ch dadurch zu d\u00e4mpfen. \u201eWoher hast du unsere Nummer?\u201c<br \/>\n\u201eStand im Telefonbuch.\u201c<br \/>\n\u201eAha.\u201c Sie taumelte ihren Gedanken nach. \u201eWoher kennst du meinen Nachnamen?\u201c<br \/>\n\u201eIch kenn auch deinen richtigen Vornamen.\u201c<br \/>\n\u201eSchei\u00dfe.\u201c<br \/>\n\u201eF\u00fcr den kann niemand was.\u201c<br \/>\nEine Weile schwiegen sie. Nicki fummelte am Rei\u00dfverschluss eines Herrenanoraks, der dort hing, seit sie eingezogen war.<br \/>\n\u201eIch \u2026 werde morgen nicht kommen k\u00f6nnen. Also, heute.\u201c<br \/>\nSie versuchte gelassen zu klingen. \u201eOkay.\u201c<br \/>\n\u201eN\u00e4chstes Mal vielleicht auch nicht.\u201c<br \/>\nAls er nicht weiter erkl\u00e4rte, nahm sie ihren Mut zusammen. \u201eAber danach wieder?\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht. Vielleicht auch nicht.\u201c<br \/>\nVielleicht auch nicht. Ihr war, als w\u00fcrde etwas aus ihr herausschweben. Ihre Wirbels\u00e4ule. Das, was ihr Halt gab. \u201eWarum?\u201c<br \/>\n\u201eDu musst mir glauben, dass &#8230; Es ist\u2026 Es tut mir leid.\u201c<br \/>\nJetzt begriff sie, warum er so anders klang. Hatte er geweint? \u201eSag mir, was los ist.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, das ganze Blut \u2026 Kann sein, dass die was in den Nachrichten bringen. Egal, was du h\u00f6rst, es gibt eine andere Erkl\u00e4rung. Ich hab es nicht getan, du musst mir glauben \u2013\u201c<br \/>\n\u201eWas getan?\u201c<br \/>\n\u201e&#8230; muss rauskriegen, was er will. Ich kann nicht einfach warten, bis er es wieder tut, ich kann nicht bleiben, verstehst du?\u201c<br \/>\n\u201eNein. Wer?\u201c<br \/>\n\u201eIst ja auch egal\u201c, nuschelte er. \u201eIch wollte nur \u2026 also, morgen \u2026 kann ich nicht kommen. Ich wollte, dass du es wei\u00dft. Was du mir bedeutet hast.\u201c<br \/>\n\u201eWas meinst du?\u201c<br \/>\n\u201eBitte \u2026 entschuldige.\u201c<br \/>\n\u201eCanon!\u201c<br \/>\nSie h\u00f6rte ein Klicken in der Leitung, dann piepte das Telefon und erlosch. Er hatte aufgelegt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Anruf.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-598 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Anruf.jpg\" alt=\"Anruf\" width=\"298\" height=\"734\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Anruf.jpg 2250w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Anruf-203x500.jpg 203w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Anruf-416x1024.jpg 416w\" sizes=\"(max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dienstag, sechs Uhr morgens an der S-Bahnstation Berlin-Neuk\u00f6lln: Hier war er immer zu ihr in die Ringbahn gestiegen. Ins letzte Abteil. In ihre kleine, fl\u00fcchtige Welt\u00a0[kommentierbar id=&#8221;3&#8243;]zwischen Nacht und Schule.[\/kommentierbar]<br \/>\nMenschen harrten am Bahnsteig aus, die m\u00fcden, wei\u00df rasierten, mitleidlos geschminkten Gesichter eingeklemmt zwischen noch nassen Haaren, Kopfh\u00f6rern und dampfenden Kaffeebechern. Keiner sah gl\u00fccklicher aus als ein Bison, das in der Steppe den Winter abwartet. Nicki kannte manche vom Sehen. Oder besser gesagt vom Abmalen.<br \/>\nDenn sie trug Bilder von den Leuten in ihrem Skizzenbuch unterm Arm wie Geheimnisse, die ihr anvertraut worden waren. So befremdlich Nicki die Menschen sonst auch fand, auf dem Papier wurden sie Vertraute: Ihre langen Blicke ins Nichts sponnen die Fragen, die sie am Leben hielten. Die Falten von Stirn und Mund erz\u00e4hlten von Entscheidungen, die sie bis hierher gef\u00fchrt hatten. An ihrer Haltung, ihren zu F\u00e4usten geballten H\u00e4nden, ihren geneigten K\u00f6pfen oder nerv\u00f6s wippenden F\u00fc\u00dfen konnte ein Bleistift die Gef\u00fchle aufsp\u00fcren, die ihren Charakter bestimmten. Innerlich gr\u00fc\u00dfte Nicki die Bekannten aus ihrem Skizzenbuch, w\u00e4hrend sie ihren Blick \u00fcber die unzusammenh\u00e4ngende Gruppe schweifen lie\u00df.<br \/>\nDoch das Gesicht, das sie am h\u00e4ufigsten gezeichnet hatte, fehlte.<br \/>\nDie S-Bahn fuhr ein. Jacken raschelten an Jacken, als die Menge sich durch die T\u00fcren bewegte, und der Bahnsteig leerte sich. Nicki folgte den Ausgestiegenen mit dem Blick die Rolltreppen hinab \u2013 unerm\u00fcdlich schwappten die Stufen zur\u00fcck nach oben, ohne Canon mitzubringen.<br \/>\nAllm\u00e4hlich f\u00fcllte sich der Bahnsteig wieder. Die wenigen, die Nicki jetzt noch erkannte, wirkten gehetzt, weil sie ihre \u00fcbliche Verbindung verpasst hatten. Nach einigen Minuten kam die n\u00e4chste Bahn. Und immer noch kein Canon.<br \/>\nNicki hievte sich auf das Eisengel\u00e4nder an der Rolltreppe, verhakte die F\u00fc\u00dfe an den Stangen und \u00f6ffnete ihr Skizzenbuch. Wenn sie schon wartete, konnte sie dabei auch \u00fcben. Aber es gelang ihr nicht, den Blick l\u00e4nger als ein paar Sekunden auf jemanden zu konzentrieren, dann hielt sie schon wieder Ausschau nach Canon. Die Umrisse, die sie auf die leere Seite setzte, f\u00fcllten sich mit nichts.<br \/>\nSie wartete, so lange sie konnte. Dann stieg sie in die Bahn, fuhr zur Schule und musste rennen, um eine knappe Viertelstunde zu sp\u00e4t zu Englisch zu kommen. Eine Lehrerin, die die Vertretung machte, fragte sie nach ihrem Namen. W\u00e4hrend die Frau die Klasse zu b\u00e4ndigen versuchte, zog Nicki ihre Kopfh\u00f6rer unter dem Kapuzenpulli durch, steckte sie in die Ohren, lie\u00df die letzte Playlist laufen, die Canon ihr zusammengestellt hatte, und dachte nach.<br \/>\nSo durcheinander hatte sie ihn noch nie erlebt. Seine Stimme \u2026 war erst ganz dunkel gewesen und dann unter dem Druck der Verzweiflung aufgebrochen. Irgendwas von Blut hatte er gesagt. Was war passiert?<br \/>\n\u201eBei allen wichtigen Dingen des Lebens kann man nie wissen, nur vermuten\u201c, hatte Canon mal gesagt. Und dann hatte er langsam ihre Frage wiederholt, die sie eigentlich scherzhaft gemeint hatte, oder zumindest scherzhaft hatte klingen lassen, denn im Grunde hoffte sie nicht mehr auf eine Antwort: \u201e[kommentierbar id=&#8221;4&#8243;]<em>Warum bin ich auf der Welt?<\/em> Dazu m\u00fcsste man erstmal wissen, was die Welt ist. Und vor allem, was das ist: <em>Ich.<\/em>\u201c[\/kommentierbar]<br \/>\nJa, wer war Canon? Sie wusste fast nichts Konkretes \u00fcber ihn, dabei war er wohl das, was andere als ihren besten Freund bezeichnet h\u00e4tten. Es war ihr immer irgendwie taktlos vorgekommen, nachzuhaken, auf welche Schule er ging, welchen Namen seine Eltern ihm gegeben hatten und \u00fcberhaupt, welche Umst\u00e4nde sein Leben beherrschten, f\u00fcr die er nichts konnte. Sie selbst war ja auch froh gewesen, dass er in der Hinsicht nicht nachbohrte. Sie waren sich immer ohne den ganzen Ballast begegnet, frei, einfach als sie selbst.<br \/>\nJetzt hatte sie das Gef\u00fchl, dass diese Freiheit ihre Freundschaft nicht bedeutungsvoller gemacht hatte, sondern br\u00fcchiger, und das tat weh.<br \/>\nIn der gro\u00dfen Pause blieb sie im Klassenzimmer sitzen und h\u00f6rte Musik, als l\u00e4ge darin alles verschl\u00fcsselt, was es \u00fcber Canon zu wissen gab. Ein bisschen stimmte das ja auch. Nur wie sie ihn erreichen konnte, verriet ihr keins der Lieder.<br \/>\nIn Gedanken ging sie seine Zeichnungen durch: Erst die, die sie am meisten beeindruckt hatten. Portraits von einem sich k\u00e4mmenden Obdachlosen. Von einer Frau, die am Telefon weinte. Von einem eingeschlafenen Rentnerp\u00e4rchen. Dann rief sie sich auch alle anderen Zeichnungen ins Ged\u00e4chtnis, an die sie sich noch erinnern konnte. Vielleicht lag hier der Schl\u00fcssel \u2026 Ein Schatten fiel \u00fcber sie.<br \/>\nVor ihr stand Tim aus der Fraktion der Uniformierten, die sich stets um einheitliche Schuhe, Jacken und Frisuren bem\u00fchten. Er war krebsrot.<br \/>\nNicki zog einen Kopfh\u00f6rer raus.<br \/>\n\u201e\u00c4h, Entschuldigung? Also, das sind unsere belegten Br\u00f6tchen hier\u201c \u2013 er hob die Hand, um ihr den Turm aus Br\u00f6tchen zu zeigen \u2013, \u201eund du kriegst eins, ja? Der, von dem du dir das Br\u00f6tchen ausgesucht hast, dem zeigst du deine Titten.\u201c<br \/>\nIm Hintergrund sah Nicki seine prustenden Freunde: Der Sch\u00f6nling Fabian, Severin, dessen gr\u00f6\u00dfter Witz war, sich selbst f\u00fcr witzig zu halten, und ein Kerl namens Alexander, von dem sie nichts wusste, au\u00dfer, dass er offenbar dringend dazugeh\u00f6ren wollte.<br \/>\nSie musterte Tim. Er versuchte zu grinsen, als w\u00fcsste er nicht, wie erb\u00e4rmlich er war. \u201eDu machst so was doch.\u201c<br \/>\nSie steckte ihr Skizzenbuch ein, warf ihren Rucksack \u00fcber die Schulter und nahm die vier Br\u00f6tchen aus Tims H\u00e4nden. Er lie\u00df es geschehen, beinah ehrf\u00fcrchtig, als w\u00e4ren es Gaben an eine Gottheit.<br \/>\nDann ging sie an den Jungen vorbei, warf die drei mit Wurst belegten Br\u00f6tchen in Severins offenen Rucksack und biss in das mit Mozzarella und Tomaten hinein. Schlie\u00dflich war sie Vegetarierin. Und sie hatte nicht gefr\u00fchst\u00fcckt.<br \/>\nDie Jungen kriegten sich nicht mehr ein vor Lachen.<br \/>\n\u201eDas war mein Br\u00f6tchen \u2013\u00a0[kommentierbar id=&#8221;5&#8243;]ey, das war meins!\u201c, rief Alexander ihr hinterher.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Rest des Schultags zog sich unertr\u00e4glich lang hin, aber Schw\u00e4nzen kam nicht infrage. Nicki sah das so: Schule war zu 30 Prozent Bildung, zu 70 Prozent reine Inhaftierung, weil die Gesellschaft Angst vor frei rumlaufenden Jugendlichen hatte. Der einzige Weg, diese Ungerechtigkeit zu ertragen, bestand darin, seine W\u00fcrde zu wahren. Sie sa\u00df ihre Stunden in der ruhigen Gewissheit ab, dass eine passiv-aggressive Anklage aus ihrem Gehorsam sprach.<br \/>\nAnne-Marie, die in Mathe lustlos neben ihr herumlungerte, sch\u00fcttelte blo\u00df den Kopf, als sie ihr das erkl\u00e4rte. \u201eKeiner geht nachher zu Physik! Wie lang ist es her, dass du mit Daria und Becky was unternommen hast? Und wir zwei waren auch schon ewig nicht mehr shoppen.\u201c<br \/>\n\u201eIst ja egal, welchen Prinzipien man treu ist\u201c, wandte Nicki ein. \u201eHauptsache, man ist ihnen treu.\u201c<br \/>\n\u201eDu bist so ein Streber geworden. Mathe und Physik nacheinander ist unmenschlich, das ist mein Prinzip.\u201c<br \/>\nAm Nachmittag stand Nicki am Bahnsteig, fertig zur Auslieferung an die Elternh\u00e4user wie der Rest, nur dass sie nicht heimfahren w\u00fcrde. Sie w\u00fcrde auch nicht zum Shoppen mit Anne-Marie, Becky und Daria nachkommen.<br \/>\nSie stieg in Berlin-Neuk\u00f6lln aus. Irgendjemand winkte ihr durch das Fenster, vielleicht Pille von den Gruftis, der sie neuerdings immer gr\u00fc\u00dfte \u2013 als Nicki sich halb umwandte, sah sie nur noch ihre eigene Reflektion, die davonwischte. Ihr Spiegelbild verwunderte sie immer wieder. Schwarze Haare, feine Augenbrauen, flache Nase mit Knubbelspitze \u2026 Das M\u00e4dchen, das angeblich sie war, kam ihr immer wie eine entfernte Bekannte vor, von der sie nicht mehr wusste, ob sie ihr sympathisch war oder nicht. W\u00e4hrend sie die Rolltreppe nach unten in die Bahnhofshalle nahm, strich sie sich den herauswachsenden Pony hinter die Ohren, damit er nicht wie ein Croissant \u00fcber ihrer Stirn hing.<br \/>\nPunks lagerten zwischen einem Zeitungsstand, einer B\u00e4ckerei, einem t\u00fcrkischen Obstladen und dem Ausgang. Nicki ging in den Obstladen.<br \/>\nEin Mann zwischen f\u00fcnfundzwanzig und vierzig lehnte hinter dem Tresen und spielte ein Spiel auf seinem Handy, das blubbernde Ger\u00e4usche von sich gab.<br \/>\n\u201eHi\u201c, sagte Nicki.<br \/>\n\u201eB\u2019tsch\u00f6n\u201c, murmelte der Mann, ohne auch nur den Blick zu heben.<br \/>\n\u201eWissen Sie, wo hier das Beirut bei Ruth ist?\u201c<br \/>\n\u201eWie bitte?\u201c<br \/>\nNicki \u00f6ffnete ihr Skizzenbuch und schrieb es auf. Dann umrahmte sie die Worte. \u201eIch suche diesen Imbiss. Muss hier in der N\u00e4he sein.\u201c<br \/>\nEin tr\u00f6tendes Ger\u00e4usch drang aus dem Handy. Der Mann legte es zur Seite, zog das Skizzenbuch zu sich heran \u2013 Nicki beobachtete unwohl seine schmutzigen Finger auf dem Papier \u2013, und atmete aus. \u201eBeirut bei Ruth. Libanesisch und Curry Wurst, ja? Links raus, hundert Meter, dann rechts rein. Nochmal hundert Meter und links. Dann siehst du\u2019s schon.\u201c<br \/>\n\u201eDanke.\u201c Sie klemmte sich das Buch wieder unter den Arm, wich zwei tobenden Hunden und ihren Besitzern aus und trat ins Freie.<br \/>\nAutos verstopften die Stra\u00dfe. Dazwischen liefen Passanten ungeachtet der Ampeln umher. Schwere Wolken krochen \u00fcber die D\u00e4cher und pressten die Luft zusammen, sodass sie unter ihrem Gewicht einen k\u00fchlen Schwei\u00df abzusondern schien.<br \/>\nNicki konnte sich Wege nicht gut merken. Ihr Orientierungssinn war so schwach ausgepr\u00e4gt, dass sie sich schon auf ihren allt\u00e4glichen Routen zwischen Schule und Wohnung verlaufen hatte, wenn sie nur kurz tagtr\u00e4umte. Auch jetzt war sie nicht mehr sicher, ob die Richtung, die sie einschlug, tats\u00e4chlich die war, die der Mann im Laden gemeint hatte. Falls nicht, w\u00fcrde sie einfach noch jemanden fragen. Es konnte ja nicht mehrere Imbissbuden geben,[kommentierbar id=&#8221;6&#8243;] die Beirut bei Ruth hie\u00dfen.[\/kommentierbar]<br \/>\nDieser Name, \u00fcber den sie einst gelacht hatte, war jetzt ihre einzige Hoffnung.<br \/>\nEs war einige Monate her, da hatte sie Canons neuste Zeichnungen durchgebl\u00e4ttert und bei einer innegehalten, deren Atmosph\u00e4re sie besonders ber\u00fchrte. Sie zeigte eine Stra\u00dfe von schr\u00e4g oben, umrahmt von d\u00fcrren B\u00e4umen und einem Himmel, der \u00e4hnlich d\u00fcster war wie heute. Kinder, deren bewegte Glieder fast nur angedeutet waren, spielten Fangen. Ihre Schatten schimmerten als rasche Kritzel auf dem vom Regen feuchten Pflaster. Aus einem ge\u00f6ffneten Fenster guckte ihnen ein fetter, unbekleideter Mann nach. Darunter prangte das Schild eines Restaurants, dessen origineller Name gerade noch zu entziffern war.<br \/>\n\u201eDer D\u00f6nerladen hei\u00dft wirklich so. Der ist direkt gegen\u00fcber von unserer Wohnung\u201c, hatte Canon gesagt.<br \/>\nGegen\u00fcber von unserer Wohnung. Es war, wie gesagt, ihre einzige Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/S-Bahn-Neuk\u00f6lln.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-603\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/S-Bahn-Neuk\u00f6lln-332x500.jpg\" alt=\"S-Bahn Neuk\u00f6lln\" width=\"332\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/S-Bahn-Neuk\u00f6lln-332x500.jpg 332w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/S-Bahn-Neuk\u00f6lln-681x1024.jpg 681w\" sizes=\"(max-width: 332px) 100vw, 332px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich w\u00fcnsche euch einen wundersch\u00f6nen, wenn auch verregneten Sonntagmorgen!\u00a0Habt ihr eine hei\u00dfe Tasse gr\u00fcnen Tee,\u00a0einen schaumigen Cappuccino, ein Croissant in Fingerspitzenn\u00e4he? Tragt ihr gem\u00fctliche Socken, ist die Pyjamahose flauschig genug? 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