{"id":628,"date":"2014-09-07T10:58:12","date_gmt":"2014-09-07T08:58:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=628"},"modified":"2014-09-11T18:32:51","modified_gmt":"2014-09-11T16:32:51","slug":"2-testlese-woche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=628","title":{"rendered":"2. Testlese-Woche"},"content":{"rendered":"<p>Eine Woche ist um, weiter geht &#8216;s mit dem zweiten Kapitel von NoN.\u00a0Wer das erste Kapitel bis jetzt nicht gelesen hat, kann nat\u00fcrlich weiter unten immer noch einsteigen und gleich doppelt so viel am St\u00fcck wegschm\u00f6kern. Ich lese auch die Kommentare, die erst jetzt entstehen.<\/p>\n<p>Letzten Sonntag erhielt Nicki einen beunruhigenden Anruf von Canon, woraufhin sie sich auf die Suche nach seiner Wohnung begab. Heute findet sie die Wohnung und entdeckt dabei&#8230; aber was erz\u00e4hle ich, lest selbst!<\/p>\n<p>Viel Vergn\u00fcgen w\u00fcnscht euch<\/p>\n<p>Jenny<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Die illegalen Funktionen eines Sch\u00fclerausweises<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicki musste noch eine Frau mit Kinderwagen nach dem Weg fragen und ein ganzes St\u00fcck zur\u00fccklaufen, aber dann fand sie den deutsch-libanesischen Imbiss. Die Stra\u00dfe kam ihr bekannt vor, als w\u00e4re sie schon einmal hier gewesen, so gut hatte Canon sie in seiner Zeichnung eingefangen: Zigarettenstummel wirbelten \u00fcber die dicken, glattgefahrenen Pflastersteine, ein paar B\u00e4ume lie\u00dfen ihre Zweige ersch\u00f6pft \u00fcber den Gehweg h\u00e4ngen, Graffitis erinnerten hier und da an den Frust der ans\u00e4ssigen Jugend. Und auf der rechten Seite leuchtete das Schild mit dem Schriftzug: <em>Beirut bei Ruth<\/em>. Im Schaufenster schwitzte ein Fleischspie\u00df, dahinter rotierten Brath\u00e4hnchen.<\/p>\n<p>Nicki blieb stehen, um das gegen\u00fcberliegende Haus zu betrachten. Seine Stuckverzierungen waren von Ru\u00df und Abgasen wie von einem schwarzen Flaum \u00fcberzogen, sodass die Heiterkeit der Engelsgesichter und Blumenranken in etwas D\u00fcsteres umgeschlagen war. Hier wohnte Canon also.<\/p>\n<p>Nicki versuchte sich seine Eltern vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Sie konnten ja nur melancholische, anmutige Menschen sein wie er, und doch wusste sie, dass es einen Grund geben musste, warum er so vehement \u00fcber sie schwieg. Sie machte sich auf das Schlimmste gefasst. Was auch immer das sein mochte.<\/p>\n<p>Sie \u00fcberquerte die Stra\u00dfe, lehnte sich gegen die Hauswand und betrachtete den Imbiss. Schritt f\u00fcr Schritt ging sie r\u00fcckw\u00e4rts, bis der Winkel stimmte. Dann schloss sie die Augen, rief sich die Zeichnung ins Ged\u00e4chtnis. \u00d6ffnete die Augen wieder. Wenn man zeichnet, besteht die Welt aus Linien und aus Bewegung: Das Erste ist die Ordnung, das Zweite das Chaos, das die Ordnung belebt. In ihrem Kopf zerlegte sie, was sie sah, in biegsame F\u00e4den, kletterte sie hinauf, kleidete sie in Wirklichkeit, bis sie Canons Perspektive fand.<\/p>\n<p>Sie legte den Kopf in den Nacken. In einem der beiden Fenster direkt \u00fcber ihr, im zweiten Stock \u2013 dort war seine Zeichnung entstanden.<\/p>\n<p>Sie ging zur T\u00fcr und studierte die Klingelschilder. Vorder- und Hinterhaus hatten f\u00fcnf Stockwerke mit jeweils drei Wohnungen. Im zweiten Stock des Vorderhauses wohnten:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Rosenthal\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Henkel \/ Kohlbruch \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00d6zcan<\/p>\n<p>Sie betrachtete die Namen, als k\u00f6nnte sie im richtigen Canon wiedererkennen, wenn sie sich nur konzentrierte. Aber dass er \u00fcberhaupt einen Nachnamen hatte, verwirrte sie irgendwie. Bisher hatte sie ihn nur jenseits aller Normen erlebt. Sie bohrte ihren Finger auf Rosenthal.<\/p>\n<p>Mehrere Sekunden vergingen. Dann drang eine kr\u00e4chzende Frauenstimme aus der Fernsprechanlage: \u201eJa? Bitte?\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00c4h, ist \u2026 Canon da?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin eine Freundin von \u2026\u201c Sie r\u00e4usperte sich. \u201eWir gehen in dieselbe Klasse!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, danke.\u201c Die Verbindung starb weg.<\/p>\n<p>Nicki atmete durch. Entweder er wohnte mit einer senilen Oma zusammen, oder die Frau hatte nichts mit ihm zu tun. Dann hie\u00df er Henkel oder Kohlbruch. Hatte seine Mutter einen neuen Freund? Oder lebte er bei seinem Vater und dessen Freundin? Wie herum es auch sein mochte, es kam ihr gleich wahrscheinlicher vor als dass er aus einer intakten Familie stammte.<\/p>\n<p>Sie klingelte bei Henkel\/Kohlbruch.<\/p>\n<p>Und klingelte noch einmal, als nichts geschah.<\/p>\n<p>Sie wollte schon ein drittes Mal klingeln, da drang blechernes Hundegebell aus dem Lautsprecher, gefolgt von einer unendlich m\u00fcden Frauenstimme: \u201eJa?\u201c<\/p>\n<p>Diese Frau schien zumindest jung zu sein. Sehr jung.<\/p>\n<p>\u201eIst Canon da? Ich bin eine Mitsch\u00fclerin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer? Hier wohnt kein Sch\u00fcler.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh. Ein Junge mit langen braunen Haaren? Siebzehn Jahre alt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr noch mal nervt, kipp ich \u2019nen Topf kochendes Wasser vom Balkon, kapiert?\u201c Bevor Nicki etwas erwidern konnte, wurde der H\u00f6rer aufgeknallt.<\/p>\n<p>Nicki fing sich. Er hie\u00df also auch nicht Henkel oder Kohlbruch. Aber \u00d6zcan? Dann war Canon ja t\u00fcrkischer Abstammung.<\/p>\n<p>Sie blickte zu den B\u00e4umen, deren Bl\u00e4tter silbrig winkten, als wollten sie die Farbe des Himmels nachahmen. Sie kam sich so dumm vor. Sie wusste nichts \u00fcber den Menschen, der ihr auf der Welt am meisten bedeutete!<\/p>\n<p>In ihrer Erinnerung suchte sie sein Gesicht nach Anzeichen seiner Herkunft ab. Die lange, nach vorne geschwungene Nase. Der Mund, der immer ein kleines Schnauben ausstie\u00df, wenn er l\u00e4chelte. Wenn man in seine Augen sah, die glatt und dunkel wie Weltraumtropfen unter den Brauen lagen, gebettet in mitleidvolle Schatten, dann hatte man das Gef\u00fchl, in etwas sehr Tiefes, sehr Weiches zu sinken. Jedenfalls ging es ihr so.<\/p>\n<p>Vielleicht kamen seine Eltern aus der T\u00fcrkei. Nickis Mutter hatte russische Wurzeln, und das hatte sie ihm auch nie erz\u00e4hlt.\u00a0[kommentierbar id=&#8221;7&#8243;]Weil es egal war.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Sie klingelte bei \u00d6zcan.<\/p>\n<p>Sie klingelte viermal. Niemand meldete sich. Schlie\u00dflich klingelte sie nochmal bei der alten Dame.<\/p>\n<p>\u201eJa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWerbung! K\u00f6nnen Sie mich an die Briefk\u00e4sten lassen?\u201c<\/p>\n<p>Die T\u00fcr summte.<\/p>\n<p>\u201eDanke!\u201c Damit war sie im Treppenhaus. Durch das Tor zum Hinterhof wucherte so viel Efeu, dass kaum Licht hindurchdrang. Die schwarzwei\u00dfen Bodenfliesen hatten Risse und auch die kunstvollen Schnitzereien im Treppengel\u00e4nder waren stellenweise abgesplittert. In dieser Mischung aus Vertr\u00e4umtheit und Verwahrlosung erkannte Nicki Canons Geschmack wieder. Er passte hierher.<\/p>\n<p>Sie erklomm die knarzenden Stufen und roch jenen eigent\u00fcmlichen Atem, den alte Geb\u00e4ude mit der Zeit ausd\u00fcnsten: Eine Mischung aus Eint\u00f6pfen, W\u00e4sche und Schimmel, Zigaretten, Gas und Essig, Hundehaar, Fieber und Windeln str\u00f6mte aus den W\u00e4nden wie die Alltagsseele s\u00e4mtlicher Mieter, die in den vergangenen hundert Jahren hier gelebt hatten. Der Plattenbau, in dem Nicki nun wohnte, war viel neuer und roch haupts\u00e4chlich nach dem Gummiboden mit dem Steinmuster.<\/p>\n<p>Als sie im zweiten Stock ankam, begann hinter einer T\u00fcr ein Hund zu bellen. Dort wohnten also Henkel\/Kohlbruch. Sie verharrte auf dem Treppenabsatz, bis ein harscher Ruf erscholl und der Hund mit scharrenden Krallen von der T\u00fcr weglief.<\/p>\n<p>Nicki stellte sich vor, wo die beiden Fenster liegen mussten, von denen aus die Zeichnung entstanden war. Es konnte nicht die Wohnung rechts sein. Aus der mittleren war das Gebell gekommen. Also mussten die \u00d6zcans links wohnen.<\/p>\n<p>Sie klopfte und lauschte. Nichts regte sich hinter der T\u00fcr. Was jetzt? Sie lehnte sich an das Gel\u00e4nder und sp\u00e4hte nach unten. Irgendwo schepperte Geschirr. Ein Baby weinte. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00fcrde schon jemand heimkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ihrem Rucksack fand sie eine Schokowaffel, die in der Packung zerbr\u00f6selt war, die a\u00df sie zum Abendessen. Dann holte sie ihr Biologiebuch heraus und versuchte sich den Stoff der letzten Stunde einzupr\u00e4gen. Allm\u00e4hlich wurde das Licht zu funzelig zum Lesen. Sie dr\u00fcckte auf den Lichtschalter, doch die speckige gelbe Lampe an der Decke erlosch immer nach ein paar Minuten wieder. Schlie\u00dflich gab sie das Lesen auf.<\/p>\n<p>Sie wollte aber auch keine Musik h\u00f6ren, weil sie dann nicht mitbekam, wenn jemand durch das Treppenhaus stieg. Also wartete sie einfach, w\u00e4hrend es immer dunkler wurde.<\/p>\n<p>Canon \u2026 Vielleicht war ja gar nichts passiert. Vielleicht war er gestern auf einer Party gewesen, hatte sich betrunken und am Telefon Bl\u00f6dsinn geredet. Unwillk\u00fcrlich sch\u00fcttelte sie den Kopf. Bei jedem anderen h\u00e4tte das eine plausible M\u00f6glichkeit dargestellt, aber nicht bei Canon. Auch wenn sie nicht so schn\u00f6de Sachen wusste wie den Namen auf seiner Geburtsurkunde, <em>kannte<\/em> Nicki ihn. Er ging nicht auf Partys, er betrank sich nicht, und schon gar nicht rief er sie mitten in der Nacht zu Hause an, wenn er keinen wirklich wichtigen Grund hatte.<\/p>\n<p>Und da wurde ihr klar, was sein Anruf bedeutete. Er hatte es ja l\u00e4ngst gesagt. Er hatte sie angerufen, um sich zu verabschieden \u2013 f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Nur warum? Solange sie keine Antwort bekam, wollte sie an einen Irrtum glauben, an eine andere L\u00f6sung, irgendwas.<\/p>\n<p>Aus Gewohnheit zog sie den Tintenroller aus ihrem Skizzenbuch, obwohl sie nicht vorhatte zu zeichnen. Stattdessen lie\u00df sie ihn \u00fcber ihre Finger tanzen und wartete. Und wartete. Bilder von Canon, wie er blutend in der Wohnung lag, nur ein paar Meter von ihr entfernt, best\u00fcrmten sie in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Warten-vor-der-Wohnung.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-538\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Warten-vor-der-Wohnung-471x500.jpg\" alt=\"Warten vor der Wohnung\" width=\"375\" height=\"398\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Warten-vor-der-Wohnung-471x500.jpg 471w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Warten-vor-der-Wohnung-966x1024.jpg 966w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sie hielt eine halbe Stunde durch, die ihr l\u00e4nger vorkam als der ganze Vormittag in der Schule. Dann steckte sie den Stift wieder ein und stand auf, zog ihren Sch\u00fclerausweis aus dem Geldbeutel und schob ihn in den Spalt zwischen T\u00fcr und Rahmen. Der Puls pochte ihr laut durch die Schl\u00e4fen. Es w\u00fcrde nur funktionieren, wenn nicht abgeschlossen war. Fast hoffte sie, es w\u00e4re abgeschlossen. Langsam lie\u00df sie die Karte nach unten gleiten. Als sie den Widerstand des Schlosses sp\u00fcrte, zog sie die Klinke zu sich heran. Sanft dr\u00fcckte sie die Karte nach unten.\u00a0[kommentierbar id=&#8221;8&#8243;]Sie rutschte ab.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Nerv\u00f6s wischte sie \u00fcber die Kanten der Karte. So hatte ihr Vater es doch gemacht. Damals. Wie er gegrinst hatte. Wie sehr sie gewollt hatte, dass er stolz auf sie war \u2026 Sie sch\u00fcttelte die Erinnerung ab. An ihren Vater zu denken, half selten weiter.<\/p>\n<p>Sie versuchte es noch einmal.<\/p>\n<p>Beim dritten Mal sp\u00fcrte sie, wie das Schnappschloss nachgab. Ein winziges Klickger\u00e4usch erklang. Die T\u00fcr lie\u00df sich wie von Zauberhand nach innen aufschieben.<\/p>\n<p>Nicki wagte nicht zu atmen. Vor ihr lag ein winziger Flur, von dem[kommentierbar id=&#8221;9&#8243;] links eine Badezimmert\u00fcr abzweigte[\/kommentierbar].<\/p>\n<p>\u201eHallo?\u201c Sie erwartete keine Antwort, wollte aber auch nicht einfach so eintreten wie eine Einbrecherin. Obwohl sie das genau genommen war. Sie hievte ihren Rucksack auf eine Schulter und machte einen Schritt in die Wohnung.<\/p>\n<p>Es roch nach Canon. Oder vielmehr schien hier der Ursprung der Ger\u00fcche zu sein, die sie mit ihm verband: vom Sonnenlicht gebleichte Holzdielen, das Papier frisch gedruckter Comicalben, gekochte Nudeln mit Butter und noch etwas anderes, Vertraulicheres. Der milde Duft seiner Haut und seines Atems. Auch wenn Nicki sich nie getraut h\u00e4tte, <em>Duft<\/em> dazu zu sagen.<\/p>\n<p>Auf dem Holzfu\u00dfboden lagen ein paar Plastikflaschen, Taschent\u00fccher und Socken verstreut. Sie ging weiter, dorthin, wo noch Tageslicht war.<\/p>\n<p>Der Flur m\u00fcndete in ein Zimmer mit zwei hohen Fenstern, einer K\u00fcchenzeile, einer Matratze auf dem Boden, einem niedrigen Regal voller Kleidung und B\u00fccherstapeln.<\/p>\n<p>Es waren ziemlich viele B\u00fccherstapel. Sie wuchsen wie bunte Pilze aus s\u00e4mtlichen freien Fl\u00e4chen und dienten hier und da einer verkrusteten Sch\u00fcssel als Untersatz. Nicki erkannte ein paar der Graphic Novels wieder, die er ihr mit der Zeit ausgeliehen hatte: <em>Der Boxer<\/em> von Reinhard Kleist, <em>Jenseits<\/em> von Kerasco\u00ebt \u2026 und Manga, mit denen er sie zu japanischen Comics bekehrt hatte.<\/p>\n<p>\u201eIst doch Trash\u201c, hatte sie gesagt, als er ihr eines Tages <em>Shinanogawa<\/em> von dem Zeichner Kazuo Kamimura in die Hand dr\u00fcckte.<\/p>\n<p>\u201eLies es erst, dann sag mir, was du dar\u00fcber denkst.\u201c<\/p>\n<p>Sie hatte es nicht nur gelesen \u2013 sie hatte sich zwei Tage lang regelrecht verloren in den kunstvollen Tuschezeichnungen. Danach wusste sie nicht mehr, woher ihre schlechte Meinung \u00fcber Manga eigentlich gekommen war. Vermutlich ein Vorurteil, das sie irgendwo aufgeschnappt und einfach \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Als sie sich nun umsah, entdeckte sie weitere B\u00e4nde in der Unordnung, die sie wie alte Freunde willkommen zu hei\u00dfen schienen:\u00a0[kommentierbar id=&#8221;10&#8243;]<em>The Book of Human Insects<\/em> von Osamu Tezuka. <em>Forget-me-not<\/em> von Kenji Tsuruta. Und <em>Naru Taru<\/em> von Mohiro Kitoh.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Erst als ihr Blick auf die Matratze mit der zerw\u00fchlten Decke und dem karierten Etwas fiel, das eine Boxershorts sein musste, \u00fcberkam sie wieder das mulmige Gef\u00fchl, unrechtm\u00e4\u00dfig hier zu sein. Sie sah sich um. Es gab keine weiteren Zimmert\u00fcren. Was das bedeutete, sickerte ihr erst allm\u00e4hlich ins Bewusstsein.<\/p>\n<p>Canon wohnte allein.<\/p>\n<p>Wo waren dann seine Eltern? Sie wusste, dass er erst siebzehn war, denn zumindest seinen Geburtstag hatte er ihr verraten. Er war auf den Tag genau ein Jahr und vier Monate \u00e4lter als sie.<\/p>\n<p>Zwischen den B\u00fcchern entdeckte sie einen Laptop, der schon einige Schrammen und Dellen hatte. Auf dem Fensterbrett standen Gl\u00e4ser voller Pinsel und Aquarellfarbk\u00e4sten. Grobe Kohlezeichnungen lehnten an der Heizung. Die meisten waren so gro\u00df, dass er sie nie mitgebracht hatte, deshalb kannte Nicki sie nicht. Vorsichtig bl\u00e4tterte sie durch die vorderen. Sie zeigten unheimliche, gegeneinander k\u00e4mpfende oder sich umklammernde Gestalten. Da war auch ein Selbstportrait, das ihr beinah Angst einjagte. Canon hatte sein Gesicht als wei\u00dfen Fleck dargestellt, der durch Schatten wehte. Seine Augen starrten sie geradewegs an, mit der blanken Hoffnungslosigkeit eines Todgeweihten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Selbstportrait.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-632 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Selbstportrait-414x500.jpg\" alt=\"Selbstportrait\" width=\"340\" height=\"411\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Selbstportrait-414x500.jpg 414w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Selbstportrait-849x1024.jpg 849w\" sizes=\"(max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wehmut ergriff Nicki. Sie kannte keinen K\u00fcnstler, dessen Werke sie so ber\u00fchren konnten. Bei Canons Bildern hatte sie immer das Gef\u00fchl, in Tr\u00e4ume abzudriften oder in einen Strudel gerissen zu werden, auf dessen Grund eine umgekehrte Wirklichkeit lag.\u00a0[kommentierbar id=&#8221;11&#8243;]Sie waren finster und m\u00e4chtig und wundersch\u00f6n.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Sie ging an der K\u00fcchenzeile vorbei, die daf\u00fcr, dass hier ein Junge allein wohnte, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ordentlich war: Das schmutzige Geschirr stapelte sich immerhin in der Sp\u00fcle. Er hatte sogar einen Scheuerschwamm und ein Geschirrtuch. Hier stand er also an einsamen Abenden und wusch ab \u2026 na ja, oder auch nicht.<\/p>\n<p>Nicki kehrte in den Flur zur\u00fcck und knipste das Licht im Bad an. Ihre Pupillen zogen sich zusammen.<\/p>\n<p>Auf dem Boden lagen Kleidungsst\u00fccke, ein Handtuch \u2013 voller Blut. Canons kragenloses Hemd, zerkn\u00fcllt unter der Sp\u00fcle. Seine graue Jeans. Geronnene Blutspuren durchzogen auch das Waschbecken, als h\u00e4tte er sich hastig gewaschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Bad.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-631\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Bad-275x500.jpg\" alt=\"Im Bad\" width=\"275\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Bad-275x500.jpg 275w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Bad-564x1024.jpg 564w\" sizes=\"(max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wie im Traum taumelte sie zur Haust\u00fcr. Sie wollte hier raus, wollte die Polizei rufen \u2013 als sie schon ihr Handy in der Hand hielt und zitternd die Tasten suchte, versuchte sie sich zu beruhigen und atmete tief durch. Nichts \u00fcberst\u00fcrzen. Wie sollte sie der Polizei erkl\u00e4ren, wie sie reingekommen war? Und \u00fcberhaupt, h\u00e4tte Canon die Polizei gewollt, h\u00e4tte er sie selbst informieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie senkte das Handy. Kehrte zum Bad zur\u00fcck und zwang sich, genau hinzusehen. Das Blut auf den Kleidern war dunkel, nicht mehr ganz frisch. Wenigstens waren keine Spritzer an den W\u00e4nden, also war, was auch immer passiert war, vermutlich nicht hier passiert. Sie ging in die Knie, zog das vollgeblutete Handtuch ein St\u00fcck heran. Da war ein Emblem eingestickt. Ein blaues W mit drei Sternen. Darunter stand kaum leserlich im Frottee: <em>Warkonia<\/em>.<\/p>\n<p>Sie lie\u00df das Handtuch los, erhob sich und schritt mit weichen Knien durch das Wohnzimmer. Nach kurzem Z\u00f6gern schnappte sie sich den Laptop und machte ihn an. Als sie aufgefordert wurde, das Passwort einzugeben, dr\u00fcckte sie einfach Enter. Falsch. Was f\u00fcr ein Passwort k\u00f6nnte er haben? Sie lehnte die Stirn gegen ihre Hand. Vielleicht ging sie zu weit &#8230; In seine Wohnung einzubrechen und seinen Computer zu durchsuchen ging <em>definitiv<\/em> zu weit. Das grinsende Gesicht ihres Vaters blitzte vor ihr auf, stolz, wie sehr seine Tochter nach ihm geraten war. Sie schloss den Laptop wieder.<\/p>\n<p>Da sah sie einen Zettel, halb zerkn\u00fcllt und mit dunklen Fingerabdr\u00fccken \u00fcbers\u00e4t, der unter der Matratze hervorlugte. Sie strich ihn glatt. In Canons schlaufenreicher Handschrift stand darauf geschrieben:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>TITANIC<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Frau La Psie<\/em><\/p>\n<p>Und noch etwas war auf dem Zettel. Das blaue Emblem des <em>Hotel Warkonia<\/em>.<\/p>\n<p>Mit einer Adresse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Woche ist um, weiter geht &#8216;s mit dem zweiten Kapitel von NoN.\u00a0Wer das erste Kapitel bis jetzt nicht gelesen hat, kann nat\u00fcrlich weiter unten immer noch einsteigen und gleich doppelt so viel am St\u00fcck wegschm\u00f6kern. Ich lese auch die Kommentare, die erst jetzt entstehen. Letzten Sonntag erhielt Nicki einen beunruhigenden Anruf von Canon, woraufhin sie sich auf die Suche nach seiner Wohnung begab. Heute findet sie die Wohnung und entdeckt dabei&#8230; aber was erz\u00e4hle ich, lest selbst! Viel Vergn\u00fcgen w\u00fcnscht euch Jenny<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/628"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=628"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/628\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":640,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/628\/revisions\/640"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=628"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}