{"id":666,"date":"2014-09-21T10:52:58","date_gmt":"2014-09-21T08:52:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=666"},"modified":"2014-09-21T10:52:58","modified_gmt":"2014-09-21T08:52:58","slug":"4-testlese-woche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=666","title":{"rendered":"4. TESTLESE-WOCHE"},"content":{"rendered":"<p>Habt ihr euren Morgenkaffee, das Butterbr\u00f6tchen, die Cornflakes griffbereit? Die Kinder aus dem Zimmer gescheucht? Den Kater auf den Armen? Dann kann es weitergehen mit NoN!<\/p>\n<p>Letzte Woche gab Isabel Arouk, die r\u00e4tselhafte Traumdeuterin im Hotel WARKONIA, mehr schlecht als recht Auskunft \u00fcber Canons Zustand und Verbleib. Zum Gl\u00fcck hatte Nicki noch den Hinweis aus seiner Wohnung: Einen Zettel, auf dem TITANIC stand. Und zum Gl\u00fcck gibt es Internet auf smart phones, sodass Nicki erfuhr, dass ein Restaurant dieses Namens in Berlin existiert. Dorthin brach\u00a0sie auf&#8230;<!--more--><\/p>\n<p>Aber ob sie Canon im TITANIC endlich findet, das wird in diesem Kapitel noch nicht herauskommen. Denn auf der langen Bahnfahrt versinkt Nicki in Erinnerungen. Und man erf\u00e4hrt, wie sie Canon \u00fcberhaupt kennengelernt hat.<\/p>\n<p>Ich hoffe, darauf seid ihr genauso neugierig wie auf den Fortgang der Suche, und w\u00fcnsche euch viel Spa\u00df beim Schm\u00f6kern!<\/p>\n<p>Gespannt auf eure Nachrichten:<\/p>\n<p>Jenny<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Einfall des Lichts<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man auf engstem Raum mit einer Frau lebte, die t\u00e4glich mit ihren eigenen Launen ins Gehege kam und noch dazu erziehungsberechtigt war \u2013 was f\u00fcr ein schreckliches Wort! \u2013, dann entsprach Privatsph\u00e4re einem seltenen und kostbaren Gut, das man au\u00dferhalb der vier W\u00e4nde suchen musste. Die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel waren dabei nicht unbedingt das, was einem zuerst in den Sinn kam. Aber Nicki hatte ihre Gr\u00fcnde, warum sie auf abgewetzten, Kaugummi verklebten, bierdurchtr\u00e4nkten Sitzen, eingepfercht zwischen \u00fcberforderten M\u00fcttern und scheel\u00e4ugigen Saufnasen, immer noch am besten nachdenken konnte.<\/p>\n<p>Zum einen verband sie mit der Bahn Canon. Sie hatten sich nie au\u00dferhalb eines Waggons getroffen, und mit ihm wurde jedes Sitzviereck mit Fenster ein Zuhause. Zum anderen mochte Nicki es, in Bewegung zu sein. Drau\u00dfen flog die Stadt vor\u00fcber. Sie konnte Dinge beobachten, ohne mit ihnen in Kontakt zu geraten,\u00a0[kommentierbar id=&#8221;48&#8243;]und das war gut.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Zugegeben verlor das Fahren seinen Reiz, wenn es so voll war, dass man keinen Sitzplatz mehr bekam. Darum mied sie, wenn sie konnte, bestimmte Strecken und Uhrzeiten.<\/p>\n<p>Jetzt war das nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich. Sie musste die U-Bahn quer durch die Stadt nehmen und am Zoo noch einmal umsteigen. Zwar brachen nicht mehr die gr\u00f6\u00dften Wogen von Berufst\u00e4tigen auf dem Weg in den Feierabend durch die T\u00fcren, aber es wimmelte in jedem Abteil vor Touristen, Familien, Radfahrern, Handwerkern, Betrunkenen, M\u00e4dchencliquen und still vor sich hin lesenden Einzelg\u00e4ngern. Nicki hielt sich an einer Stange fest, schloss die Augen und stellte sich vor, in einer anderen Bahn zu sein, an einem anderen Tag \u2026 an dem Tag, an dem sie Canon zum ersten Mal begegnet war.<\/p>\n<p>Seltsam, wie die Traurigkeit manchmal, mit der Zeit, eine Bl\u00fcte entfaltet, die verwunschenen Duft \u00fcber die Vergangenheit weht. Denn als Canon in ihr Leben getreten war, hatte es sich so ziemlich am Tiefpunkt befunden, und doch versetzte sie sich inzwischen oft mit Sehnsucht dahin zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es war der 11. Februar letzten Jahres gewesen. Nicki hatte nicht schlafen k\u00f6nnen. Im Wohnzimmer, wo ihre Mutter ein <em>Date<\/em> hatte, liefen seit Stunden dieselben schnulzigen Lieder, die niemand au\u00dfer peinlichen Erwachsenen in Paarungsbereitschaft ertrug. Zweimal hatte Nicki sie schon gebeten, leiser zu sein, weil sie am Morgen in die Schule musste. Um halb f\u00fcnf hielt sie das Gegackere, Flaschengeklirre und Gitarrengequietsche nicht mehr aus. Sie zog sich an, schnappte sich den Rucksack und ging.[kommentierbar id=&#8221;49&#8243;] Ihre Mutter kriegte es nicht mal mit.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Wenn man bedachte, dass Nicki die Wohnung nie so fr\u00fch verlie\u00df, stellte ihre Begegnung mit Canon keinen Zufall dar, sondern eine \u00e4u\u00dferste Unwahrscheinlichkeit, geradezu eine Fastunm\u00f6glichkeit, und daher konnte es eigentlich nichts anderes als Schicksal sein.<\/p>\n<p>Die ganze Stadt war in Schnee gebettet. Der Schein der Stra\u00dfenlaternen breitete sich ungehindert \u00fcber das Wei\u00df aus, und ein friedliches, feenhaftes Leuchten erf\u00fcllte die N\u00e4chte. Wenn es nur nicht so bitterkalt gewesen w\u00e4re! Aus Gewohnheit stapfte Nicki zur S-Bahn, als w\u00e4re es schon Zeit, zur Schule zu fahren. Dabei stellte sie sich vor, es bliebe f\u00fcr immer Nacht \u2026 wie w\u00e4re das wohl? Ob sich ihre Augen der Dunkelheit anpassen w\u00fcrden, ob sie irgendwann wie eine Katze sehen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Am Bahnhof wartete sie bibbernd eine zwanzigmin\u00fctige Versp\u00e4tung ab, in der sie das Gef\u00fchl in ihrer Nasenspitze und ihren Zehen verlor. Die mildernde Wirkung, die der sch\u00f6ne Schnee auf ihre schlechte Laune gehabt hatte, war dadurch verflogen. Mit so fest zusammengebissenen Z\u00e4hnen, dass ihr Kiefer schmerzte, stieg sie in die eingefahrene Bahn, schmiss sich in eine leere Sitzecke und versuchte zu schlafen.<\/p>\n<p>Das funktionierte nat\u00fcrlich nicht. Sie war viel zu w\u00fctend. Und einsam. Mit Augen, die sich vor Schlafmangel wie ausgeschabt anf\u00fchlten, starrte sie aus dem Fenster, wo das Panorama ihres Schulwegs von der Dunkelheit verfremdet vor\u00fcberglitt \u2026 beobachtete, wie die Bahn durch die Haltestelle fuhr, bei der sie immer umstieg \u2026 und blieb sitzen. Die Bahn trug sie weiter, viel weiter, weg von ihrem gewohnten Leben. Sie sah Stra\u00dfen, Br\u00fccken und B\u00fcrot\u00fcrme. Wohnanlagen, Trambahnen und Autos. Kan\u00e4le. Auf schwarz glitzernden Scherben treibende Schiffe. Leuchtende Theaterh\u00e4user. Die Kuppel des Reichstags. Die Welt kam ihr vor wie ein gl\u00e4serner Palast, wo hoheitsvolle Leute an langen Tafeln speisten. Sie war ihnen zwischen die F\u00fc\u00dfe geworfen worden wie ein Knochenrest, und eigentlich w\u00e4re es allen am liebsten, sie w\u00fcrde nicht existieren. Ihr selbst \u00fcbrigens auch.<\/p>\n<p>Ein Gef\u00fchl \u00fcberkam sie, das sich wie Vernichtung anf\u00fchlte. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck l\u00f6ste sie sich auf. Da fanden ihre Finger in der Jackentasche einen roten Edding, den sie aus dem Klassenzimmer hatte mitgehen lassen. Sie zog die Kappe ab, beugte sich vor und malte schlangenartige Monster und Frauen, die sich aus Flammen dem Fenster entgegen wanden. Sie dachte \u00fcberhaupt nicht nach, was sie da tat. Zeichnen war etwas, an das sie sich immer klammern konnte, so wie ihre Mutter an Zigaretten: Es machte die Situation nicht besser,\u00a0[kommentierbar id=&#8221;50&#8243;]aber es lenkte davon ab.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>Irgendwann h\u00f6rte sie Schritte, ohne sonderlich darauf zu achten. Erst als die Schritte innehielten, wurde ihr klar, dass sie nicht alleine war: Zwei Sicherheitsbeamte in voller Montur hatten sich vor ihr aufgebaut.<\/p>\n<p>\u201eWas soll das denn?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu spinnst wohl\u201c, polterte der andere. \u201eDas ist Sachbesch\u00e4digung!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAusweis!\u201c<\/p>\n<p>Die Bahn hielt. Nicki rutschte fast vom Sitz. Sie sah die T\u00fcr, den Bahnsteig dahinter, \u00fcberlegte, ob sie, wenn sie nur ihre Schockstarre \u00fcberwinden konnte \u2026<\/p>\n<p>\u201eDen Ausweis!\u201c<\/p>\n<p>Die T\u00fcren blinkten. Mit einem langgezogenen Jaulen setzte die Bahn sich wieder in Bewegung, nahm Geschwindigkeit auf. Der Bahnsteig verwischte.<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigung?\u201c<\/p>\n<p>Die Sicherheitsm\u00e4nner drehten sich um.<\/p>\n<p>Eine Ecke weiter sa\u00df ein Mann, nein, ein Junge. Er wirkte \u00e4lter, weil er ein Cordjackett trug, einen ausgebeulten, schwarzen Strickpullover und ein Hemd. Als er sich erhob, schob er eine Schieberm\u00fctze aus der Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Als-sie-ihn-das-erste-Mal-sah.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-672\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Als-sie-ihn-das-erste-Mal-sah-300x500.jpg\" alt=\"Als sie ihn das erste Mal sah\" width=\"300\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Als-sie-ihn-das-erste-Mal-sah-300x500.jpg 300w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Als-sie-ihn-das-erste-Mal-sah-615x1024.jpg 615w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den Moment, in dem sie Canon zum ersten Mal sah, hatte Nicki inzwischen so oft in Gedanken abgespult, dass er wie ein ausgeblichener, \u00fcberbelichteter Film fast nur noch aus Vorstellungen in Zeitlupe bestand. Wie sein l\u00e4ngliches Gesicht erschienen war. Seine Hand an der M\u00fctze, als w\u00fcrde er salutieren. Seine Augen, in denen eine geheimnisvolle Traurigkeit schimmerte wie Zucker, der sich in Kaffee aufl\u00f6st. Vielleicht hatte sie gesp\u00fcrt, wie wichtig er werden w\u00fcrde, und ihn vom ersten Moment an gemocht, aber die Erinnerung an ihre Gef\u00fchle war durch das h\u00e4ufige Wiederbeleben und Vergr\u00f6\u00dfern fadenscheinig geworden. Vermutlich hatte sie erstmal dieselbe Mischung aus Peinlichkeit und Misstrauen empfunden, die sie gegen\u00fcber allen Jungen\u00a0[kommentierbar id=&#8221;51&#8243;]in ihrem Alter empfand.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigung, ich habe hier dieses Ticket und ich bin nicht sicher, ob es das richtige ist.\u201c Er kam auf die Sicherheitsm\u00e4nner zu.<\/p>\n<p>\u201eWo wollen Sie denn hin?\u201c, fragte der eine, w\u00e4hrend der andere Nicki im Auge behielt.<\/p>\n<p>\u201eNirgendwo bestimmtes. Ich wollte nur einmal um den Stadtkern von Berlin fahren. Das hier ist doch die Ringbahn, oder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein. Das ist \u2026\u201c Der Mann verstummte, als er den Zettel sah, den Canon ihm hinhielt. Dann tippte er seinen Kollegen an. \u201eDer will uns verarschen.\u201c<\/p>\n<p>Canon l\u00e4chelte Nicki an. Er hatte ihnen einen gefalteten Zettel mit einem schlafenden Schwein drauf gegeben.<\/p>\n<p>\u201eIst heute Tag der Jugend oder was?\u201c Der Mann zerkn\u00fcllte die Zeichnung. \u201eIhr kommt beide mit zur Polizei!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas hat sie eigentlich verbrochen?\u201c, fragte Canon seelenruhig.<\/p>\n<p>\u201eDas nennt man Sachbesch\u00e4digung, du \u2026\u201c Der Mann verstummte mitten im Satz. Sein Kollege und auch Nicki folgten seinem Blick \u2013 und entdeckten nichts.<\/p>\n<p>Die roten Zeichnungen waren weg.<\/p>\n<p>Einfach verschwunden! Nicki klappte der Mund auf.<\/p>\n<p>Alle schwiegen. Die Bahn rumpelte im n\u00e4chsten Bahnhof ein. Canon taumelte ein wenig und hielt sich an einer Stange fest.<\/p>\n<p>\u201eBei der wackeligen Beleuchtung kann man sich irren\u201c, murmelte er. \u201eIch hab zum Beispiel immer so ein Flimmern vor Augen, wenn ich zu lange in die Lichtr\u00f6hren gucke.\u201c<\/p>\n<p>Die Sicherheitsm\u00e4nner starrten ihn an, dann in die Lichtr\u00f6hren an der Decke. Sie blinzelten. Einer von ihnen beugte sich \u00fcber Nicki, um die blitzblanke Stelle ganz genau zu untersuchen. Murmelnd wischte er mit der Hand dar\u00fcber.<\/p>\n<p>\u201eJedenfalls scheint das Ganze ein Missverst\u00e4ndnis gewesen zu sein. Darf ich?\u201c Canon dr\u00e4ngte sich an den M\u00e4nnern vorbei und setzte sich auf den Platz gegen\u00fcber von Nicki. Dann hob er die Hand zum Abschied. \u201eAngenehme Schicht w\u00fcnsch ich noch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOhne Ticket ist die Fahrt f\u00fcr euch hier beendet.\u201c<\/p>\n<p>Bed\u00e4chtig zog Canon seinen Geldbeutel aus einer Innentasche des Jacketts. Dann \u00fcberreichte er den M\u00e4nnern ein f\u00fcr den gesamten Februar g\u00fcltiges Monatsticket.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollten sie auch Nickis Ticket sehen und dann trotz allem noch ihre Ausweise. Danach blieb ihnen aber nicht mehr viel \u00fcbrig, als abzuziehen. Schweren Schrittes entfernten sie sich und stiegen bei der n\u00e4chsten Haltestelle um.<\/p>\n<p>Nun sa\u00dfen Nicki und der Junge sich allein gegen\u00fcber. Sie dachte schmerzlich an die Wimperntusche und den Kajal in ihrer vorderen Rucksacktasche, denn sie war normalerweise nie ungeschminkt vor Menschen ihres Alters. Sie f\u00fchlte sich unansehnlich und \u00e4rgerte sich gleichzeitig \u00fcber ihre Eitelkeit, wo doch andere Dinge viel wichtiger waren: Aus den Augenwinkeln bemerkte sie n\u00e4mlich jetzt wieder die Zeichnungen. Aber sie wagte nicht genau hinzusehen. Sie f\u00fcrchtete, verr\u00fcckt zu sein.<\/p>\n<p>\u201eWie \u2026\u201c<\/p>\n<p>Er schob sich die M\u00fctze zurecht und faltete die H\u00e4nde zwischen den langen Beinen. \u201eEin einfacher Zaubertrick. Hat was mit Suggestion und dem Einfall des Lichts zu tun. Wenn ich dir verraten w\u00fcrde, wie es funktioniert, w\u00fcrdest du es nicht verstehen \u2013 Fachbegriffe und so. Mit dem n\u00f6tigen Hintergrundwissen w\u00e4rst du gar nicht beeindruckt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Zaubertrick.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie gesagt. Nichts Besonderes.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu k\u00f6nntest im Fernsehen auftreten.\u201c Ihr Kopf raste. Warum sagte sie von allen Dingen ausgerechnet das Bl\u00f6deste?<\/p>\n<p>Der Junge schien auch nicht besonders angetan von der Idee. \u201eIn einer Talentshow? Ich steh nicht so auf Selbsterniedrigung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch meine ja nur. Danke.\u201c<\/p>\n<p>Er sah sie an. Dann betrachtete er die Zeichnungen. \u201eDu bist gut.\u201c<\/p>\n<p>Endlich traute sie sich, wieder hinzusehen. Sie wollte ihn auch nicht die ganze Zeit anstarren. Tats\u00e4chlich war alles wieder da. Leuchtend rot. Wie auch immer er das durch Suggestion hatte verschwinden lassen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, was mir am besten gef\u00e4llt?\u201c Er beugte sich vor und deutete auf den Fu\u00df einer Hy\u00e4nenfrau, der biegsam aus den Flammen ragte. \u201eDieser Fu\u00df da. Der bewegt sich richtig. Da hast du Leben eingefangen.\u201c<\/p>\n<p>Nicki hatte den Verdacht, zu err\u00f6ten. Sie suchte ihre Reflektion in der Scheibe und bemerkte dabei, dass es bereits hell geworden war. Der Himmel wuchs zu zarten rosafarbenen und cremegelben Schichten auf, dazwischen glomm Sonnenlicht. Wie eine Torte mit Kerzen sah es aus.<\/p>\n<p>\u201eDu hast Ahnung vom Zeichnen?\u201c<\/p>\n<p>Er lehnte sich wieder zur\u00fcck und reckte sich ein wenig. \u201eJa, ich bin Kunstmaler.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas auch noch.\u201c<\/p>\n<p>Ein scheues L\u00e4cheln wischte seinen Stolz wieder weg.<\/p>\n<p>\u201eWie alt bist du?\u201c, fragte Nicki.<\/p>\n<p>\u201eIst doch egal.\u201c Er schwieg einen Moment. \u201eDu?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn einem Monat f\u00fcnfzehn.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch werde dieses Jahr siebzehn. Aber wie gesagt, ich finde Alter egal. Manche Menschen sind mit f\u00fcnfzehn toll, und auf einmal werden sie totale Idioten. Andere stecken in ihrem Schneckenhaus fest, bis sie drei\u00dfig oder so sind, und pl\u00f6tzlich \u00e4ndern sie ihr Leben. Wenn man Leute nach ihrem Alter beurteilt, landet man nur bei Vorurteilen.\u201c<\/p>\n<p>Nicki war so sehr seiner Meinung, dass sie einfach nichts sagte. Also fuhren sie eine halbe Station schweigend.<\/p>\n<p>\u201eDas hier ist aber nicht unbedingt das Beste, was ich je gezeichnet habe\u201c, sagte Nicki.<\/p>\n<p>\u201eHast du noch was andres dabei?\u201c<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegte. In ihrem Rucksack war noch eine Franz\u00f6sischhausaufgabe, deren R\u00fcckseite sie vollgekritzelt hatte. Sie kramte sie hervor.<\/p>\n<p>Canon zeigte auf Details, die er besonders gelungen fand und die ihr so gar nicht aufgefallen waren. Noch nie hatte jemand sich mit ihren Skizzen befasst wie er. Ihre Mitsch\u00fcler hatten sie gelobt und bewundert, das schon. Aber wirklich drauf eingegangen war noch keiner.<\/p>\n<p>Und es hatte sie auch noch niemand kritisiert wie er.<\/p>\n<p>\u201eDu malst wirklich ganz sch\u00f6n lange Oberk\u00f6rper. Schau mal hier \u2013 der Typ da sieht ja aus[kommentierbar id=&#8221;52&#8243;] wie ein ausgerollter Teig!\u201c[\/kommentierbar]<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Andere-Geschichten.Zwerge.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-671\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Andere-Geschichten.Zwerge-327x500.jpg\" alt=\"Andere Geschichten.Zwerge\" width=\"327\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Andere-Geschichten.Zwerge-327x500.jpg 327w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Andere-Geschichten.Zwerge-669x1024.jpg 669w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Andere-Geschichten.Zwerge.jpg 747w\" sizes=\"(max-width: 327px) 100vw, 327px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nicki gl\u00fchten die Ohren.<\/p>\n<p>Als er merkte, dass sie sich nicht am\u00fcsierte, r\u00e4usperte er sich. \u201eDu zeichnest immer aus dem Kopf?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, klar.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDachte ich mir. Um sich zu verbessern, muss man Abmalen. Wenn man nicht lernt zu gucken, und zwar immer wieder, ist man in seinen eigenen Vorstellungen gefangen. Dann malst du f\u00fcr den Rest deines Lebens zu lange Oberk\u00f6rper.\u201c Er grinste wieder. \u201eWas nat\u00fcrlich nicht schlimm w\u00e4re. Es gibt ja Leute, die seltsame Proportionen haben. Die sind dann dein Fachgebiet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLustig\u201c, bemerkte sie sarkastisch und kaute auf ihrer Unterlippe. \u201eEs ist doch teuer, Leute abzumalen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs kostet gar nichts. Schau dich um.\u201c<\/p>\n<p>Sie schauten den Gang hoch und runter. Inzwischen waren sie nicht mehr allein: Die Leute mit den miesesten Jobs, die am fr\u00fchesten aufstehen mussten, und die Leute, die \u00fcberhaupt keinen Job hatten, d\u00f6sten hier und da verteilt vor sich hin.<\/p>\n<p>\u201eDie darf man doch nicht einfach abmalen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso? Die bei\u00dfen nicht. Solange sie nichts merken jedenfalls nicht. Wie der da vorne.\u201c<\/p>\n<p>Das stimmte. Der Mann, auf den er wies, hatte n\u00e4mlich nur den Mund offen, die Augen waren zu.<\/p>\n<p>\u201eDu malst die Leute ab, w\u00e4hrend sie schlafen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNur deshalb fahre ich Bahn.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHast du was dabei?\u201c<\/p>\n<p>Seufzend gl\u00e4ttete er den Zettel, den er den Sicherheitsm\u00e4nnern gezeigt hatte, und hielt ihn ihr hin. \u201eF\u00fcr mehr war keine Zeit. Das war das erste, was ich in mein neues Skizzenbuch zeichnen konnte, und ich musste es gleich wieder rausrei\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Sie betrachtete das Schwein. Ein Lachen brach aus ihr hervor, das sie selbst \u00fcberraschte, denn sie lachte in letzter Zeit nicht oft. Es versank auch gleich wieder in ihrer Brust, schwelte dort aber kribbelnd weiter.<\/p>\n<p>\u201eWenn du willst, k\u00f6nnen wir ja gleich jetzt zeichnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hab nur liniertes Papier, wenn das \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas geht auf keinen Fall. Und Papier aus meinem Skizzenbuch rei\u00dfe ich auch nur in \u00e4u\u00dfersten Notf\u00e4llen, tut mir leid.\u201c Wieder faltete er die H\u00e4nde zwischen den Beinen, tippte die Daumen aneinander. \u201eIch fahre zweimal die Woche zwischen f\u00fcnf und sieben Uhr mit der Bahn rum. Da sind die interessantesten Gesichter unterwegs. Und vor allem sind sie noch so schl\u00e4frig, dass sie sich wenig bewegen. Du kannst ja mal mitkommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u00dcbermorgen?\u201c<\/p>\n<p>Er strahlte ein bisschen. \u201e\u00dcbermorgen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo treffen wir uns?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch steig immer in Neuk\u00f6lln ein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas liegt auf meinem Schulweg. Dann werde ich schon drin sitzen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIm letzten Abteil?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLeg dir ein Skizzenbuch zu. Sch\u00f6nes, dickes Papier, ohne Linien nat\u00fcrlich. Dann brauchst du zwei Bleistifte mit verschiedenen H\u00e4rtegraden, vielleicht einen Tintenroller.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd einen Radiergummi.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuf keinen Fall einen Radiergummi! Aus Fehlern lernt man, deshalb niemals die Fehler beseitigen.\u201c<\/p>\n<p>Sie zuckte die Schultern. \u201eFehler beseitigen ist doch gut.\u201c<\/p>\n<p>Er schmunzelte, dabei hatte sie gar nicht versucht, lustig zu sein. Aber er steckte sie damit an.<\/p>\n<p>Sie redeten noch \u00fcber dies und das, lauter hochinteressante Dinge, an die sie sich sp\u00e4ter \u00fcberhaupt nicht mehr erinnern konnte. Schlie\u00dflich musste sie zur Schule. Er fuhr bis zu ihrer Haltestelle mit. Erst als sie sich verabschiedet hatten und sie auf sehr leichten, fast schwerelosen F\u00fc\u00dfen zum Hauptgeb\u00e4ude eilte, fiel ihr im Schneetreiben ihrer Gedanken auf, dass sie ihn gar nicht gefragt hatte, wie er hie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicki \u00f6ffnete die Augen, als die Bahn hielt. Hier musste sie aussteigen. Sie zw\u00e4ngte sich an warmen K\u00f6rpern vorbei auf den Bahnsteig und nahm die Rolltreppe ins Freie. Milde blaue Dunkelheit w\u00f6lbte sich \u00fcber ihr. Neben der Stra\u00dfe verlief ein Kanal. Gerade trieb eine F\u00e4hre mit Lichterketten vor\u00fcber. Es sah nur zauberhaft aus, solange man nicht genau hinguckte \u2013 dann entdeckte man gelangweilte Leute auf Plastikst\u00fchlen, die Sektgl\u00e4ser oder Handys vor der Brust hielten.<\/p>\n<p>Sie setzte sich in Bewegung. Nur ein paar hundert Meter weiter leuchtete es durch die Weiden am Ufer. Im N\u00e4herkommen erkannte Nicki die wei\u00dflich gelben Buchstaben, die senkrecht an der Hauswand hingen:<\/p>\n<p>T<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>T<\/p>\n<p>A<\/p>\n<p>N<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>C<\/p>\n<p>Ihr war, als schwebte Musik in der Luft. Das Zittern eines Instruments, das sie nicht beim Namen kannte. Vielleicht bildete sie es sich auch nur ein, und was sie h\u00f6rte, waren ihre vibrierenden Nerven. Nachdem sie ein paar Autos vorbeigelassen hatte, \u00fcberquerte sie die Stra\u00dfe und eine Br\u00fccke. Dann betrat sie das Restaurant.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habt ihr euren Morgenkaffee, das Butterbr\u00f6tchen, die Cornflakes griffbereit? Die Kinder aus dem Zimmer gescheucht? Den Kater auf den Armen? Dann kann es weitergehen mit NoN! Letzte Woche gab Isabel Arouk, die r\u00e4tselhafte Traumdeuterin im Hotel WARKONIA, mehr schlecht als recht Auskunft \u00fcber Canons Zustand und Verbleib. Zum Gl\u00fcck hatte Nicki noch den Hinweis aus seiner Wohnung: Einen Zettel, auf dem TITANIC stand. Und zum Gl\u00fcck gibt es Internet auf smart phones, sodass Nicki erfuhr, dass ein Restaurant dieses Namens in Berlin existiert. Dorthin brach\u00a0sie auf&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/666"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=666"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":678,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/666\/revisions\/678"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}