{"id":783,"date":"2014-10-26T11:54:49","date_gmt":"2014-10-26T09:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=783"},"modified":"2014-10-26T11:54:49","modified_gmt":"2014-10-26T09:54:49","slug":"9-testlese-woche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=783","title":{"rendered":"9. TESTLESE-WOCHE"},"content":{"rendered":"<p>Und mit gem\u00fctlich-grauem Lesewetter geht es ins\u00a0n\u00e4chste Kapitel von\u00a0NoN! Letzte Woche endete mit Tallis&#8217; Offenbarung, dass er und Nicki einen Pakt geschlossen h\u00e4tten. Aber wann? Wodurch? Und vor allem: mit welchen Konsequenzen? Das erz\u00e4hlt Tallis jetzt. Und Nickis Reise durch die Nacht geht weiter.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Viel Vergn\u00fcgen bei der Begleitung w\u00fcnscht wie immer:<\/p>\n<p>Jenny<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center; padding-left: 60px;\">Einen Ort finden, den es nicht gibt<\/p>\n<p style=\"text-align: right; padding-left: 60px;\">.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Sie sa\u00df ganz reglos, w\u00e4hrend er sich die Tr\u00e4nen von den Wangen wischte und pustend ausatmete.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201e<em>Unser<\/em> Pakt\u201c, wiederholte sie. \u201eDavon wei\u00df ich nichts.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDoch, doch. Du hast mir die Hand gegeben. Und wir haben uns unsere Namen verraten. Ich bin von heute an verpflichtet, <em>dich bei Lebensgefahr zu retten<\/em>.\u201c Er kippte sich die letzten G\u00fcrkchen in den Mund. Sie hatte den Verdacht, dass er die Schale absichtlich vor das Gesicht hob, um ihren Blick abzuschirmen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eUnd habe ich auch eine Verpflichtung?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Er kaute. \u201eNa klar. Flie\u00dfwesen und Menschen <em>handeln<\/em> miteinander.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eAber \u2013 was f\u00fcr eine Verpflichtung?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDu musst gar nichts tun. Du hast mir ja schon deine Einwilligung gegeben. Wann immer ich will, kann ich in dich eindringen.\u201c Er sah sie an, als l\u00e4ge die Bedeutung der Worte in ihren Augen, nicht seinen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eWas?!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Er zerkn\u00fcllte die Serviette. \u201eWas hab ich gesagt? Die Leute rasten immer aus.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eIch hab \u00fcberhaupt nicht eingewilligt!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Er zuckte die Schultern. \u201eDu hast eingeschlagen, du hast mir deinen Namen gesagt \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eHabe ich nicht.\u201c Sie verschr\u00e4nkte die Arme. [kommentierbar id=&#8221;27&#8243;]\u201eIch hei\u00dfe nicht wirklich Nicki.\u201c [\/kommentierbar]Sie registrierte, dass er mit entgleisten Gesichtsz\u00fcgen leider immer noch sch\u00f6n war, und es \u00e4rgerte sie umso mehr.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDu hei\u00dft \u2026 wie hei\u00dft du?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201ePfff. Versuch den Trick bei deiner Mutter.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eIch habe keine Mutter.\u201c Er kniff die Augen zusammen. Pl\u00f6tzlich ver\u00e4nderte sich etwas. Es war keine \u00dcbelkeit, kein Schwindel, aber mit einem Mal schien die Welt um Nicki zusammenzuschrumpfen.Ihr Innerstes w\u00f6lbte sich nach au\u00dfen &#8230; und dann war alles wieder normal. Sie blinzelte. \u201eWas war das?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eIch habe dich angetestet.\u201c Er a\u00df die letzte Chilischote. Sie schien ihm aber nicht mehr so zu munden wie die anderen, er nagte nachdenklich daran herum.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDu warst gerade \u2013?!\u201c Sie machte Anstalten aufzustehen, aber dann sackte sie doch nur kraftlos zur\u00fcck. Alles drehte sich. Es stimmte. Er sagte die Wahrheit.<em> Sie hatte ihn in sich gesp\u00fcrt.<\/em> Er war ein D\u00e4mon,[kommentierbar id=&#8221;28&#8243;] und er wollte von ihr Besitz ergreifen.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDu sagst nur die halbe Wahrheit. Nicki ist zwar nicht dein richtiger Name, aber <em>ein<\/em> Name. Ein Teil deiner Pers\u00f6nlichkeit. Ich komme in dich rein, bis zu einem gewissen Grad.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Sie wurde knallrot. \u201eIch bin nicht einverstanden, ich habe nie eingewilligt!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Er seufzte. \u201eNa gut. Dann m\u00fcssen wir wohl unseren Pakt pr\u00fcfen lassen. Wei\u00dft du, was f\u00fcr einen b\u00fcrokratischen Aufwand das bedeutet?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eIst mir egal! Du Schwein.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eKein Grund, den guten Ton zu verlieren, <em>Nicki<\/em>. Du hast mich mindestens genauso ausgetrickst wie ich dich.\u201c Konnte das sein? War er tats\u00e4chlich <em>eingeschnappt<\/em>? Das war ja wohl das Letzte!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Zu allem Unheil sp\u00fcrte sie, wie ihr Tr\u00e4nen in die Augen schossen. Sie hatte Angst. Sie verstand nichts mehr. Ahnungen kochten \u00fcber. Etwas Grauenvolles war im Gange und sie tappte blind darin herum. Canon war wahrscheinlich auch irgendwo da drinnen verloren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eHey, nicht doch. Aber Nicki. Kunigunde.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eHalt die Klappe\u201c, murmelte sie und wischte sich ungeduldig \u00fcber die Augen. Ein paar Sekunden tat er ihr den Gefallen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eIch finde, wir sollten das Ganze so schnell wie m\u00f6glich kl\u00e4ren. Dann sehen wir ja, wer wen ausgetrickst hat.\u201c Er versuchte aufmunternd zu l\u00e4cheln.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Furcht durchrann sie. Wenn er wirklich ein d\u00e4monisches Wesen war, was konnte sie gegen ihn ausrichten? Er konnte ja der Teufel sein. Sie musterte sein perfektes Gesicht und schauderte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eKomm.\u201c Er bezahlte das Essen mit einem zerknitterten Geldschein, an dem Popcorn zu kleben schien, dann fasste er Nicki am Arm und bugsierte sie hinaus auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Nicki hatte das Gef\u00fchl, die Nacht m\u00fcsste schon viele Stunden alt sein, doch als sie einen Blick auf ihr Handy warf, war es erst kurz vor elf. Sie rief ihre Mutter an und erkl\u00e4rte verst\u00f6rt, dass sie noch etwas Wichtiges zu tun h\u00e4tte, aber mit der Schule sei alles in Ordnung. Ihre Mutter glaubte ihr meistens nicht, wenn sie die Wahrheit sagte, aber diesmal belie\u00df sie es bei dem Hinweis, sie sollte Cornflakes auf dem Heimweg kaufen. Als Nicki das Handy in ihre Pullovertasche zur\u00fcckschob, stellte sie sich das Gespr\u00e4ch vor, das sie mit ihrer Mutter gef\u00fchrt h\u00e4tte, w\u00e4re sie interessierter gewesen: <em>\u201eWas hast du denn so Wichtiges zu tun, liebes Kind?\u201c \u201eAch, ein Inkubus hat mich aus einer Drogenh\u00f6hle gerettet, jetzt geh\u00f6rt ihm mein K\u00f6rper, aber der Pakt hat ein paar Unstimmigkeiten, die m\u00fcssen wir noch aus dem Weg r\u00e4umen.\u201c \u201eAch so. Ich hoffe, du hast etwas Warmes zu Abend gegessen?\u201c\u00a0[kommentierbar id=&#8221;29&#8243;]\u201eJa, Mutter, der Inkubus hat mich eingeladen.\u201c[\/kommentierbar]<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Tallis wollte wieder, dass sie sich bei ihm unterhakte, aber sie riss ihre Hand los. W\u00e4hrend sie durch die belebten Stra\u00dfen gingen, irrte Nickis Blick auf der Suche nach Hilfe durch die Bars und Restaurants. Alles war voller Menschen, die redeten. Nie war ihr aufgefallen, wie vollgestopft die Welt mit Worten war. Die Luft zitterte buchst\u00e4blich davon. Sie sah niemanden, der nicht in ein Gespr\u00e4ch verwickelt war oder eine Speisekarte las oder eine Zeitung, ein Buch, etwas auf dem Handy. Andere h\u00f6rten Musik und formten mit den Lippen lautlos den Text. Nicki hatte immer geglaubt, die Welt sei voller Bilder, aber jetzt sah sie ihr Buchstabenskelett. Sogar diese Erkenntnis bestand aus Worten! Ob sie \u00fcberhaupt denken konnte ohne Worte? Und f\u00fchlen, wenn sie die Gef\u00fchle nicht benennen konnte? Wie viel blieb von ihr \u00fcbrig, wenn sie die Sprache wegnahm? Ihr K\u00f6rper. Obwohl, wenn es das Wort \u201aK\u00f6rper\u2018 nicht mehr g\u00e4be, g\u00e4be es streng genommen ja nicht einmal mehr den. Nur noch ein undefiniertes, irgendwas empfindendes Ding inmitten lauter Dinge.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Diese \u00dcberlegungen zerrten wie Fl\u00e4mmchen ins Unbekannte, und Nicki sp\u00fcrte, dass sie Ruhe und Zeit brauchte, um ihnen zu folgen. Jetzt musste sie erstmal ihre Gedanken zu Tallis ordnen. Sie beobachtete sein Spiegelbild in den Schaufenstern. Er machte nicht den Eindruck, zu wissen, wo es langging, sondern hielt sich einen halben Schritt hinter Nicki, die H\u00e4nde in den Manteltaschen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Als sie eine Weile so herumgeirrt waren, drehte Nicki sich entnervt zu ihm um. \u201eWo m\u00fcssen wir denn hin?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDas musst du entscheiden. Die Kanzlei taucht nicht einfach so auf. Carpe Diem \u2013 nutze die Fantasie.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDas hei\u00dft \u201anutze den Tag\u2018.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eEcht? Tage sind doch v\u00f6llig \u00fcberbewertet. Bist du sicher, dass es \u201anutze den Tag\u2018 hei\u00dft?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Sie ballte die F\u00e4uste. \u201eIch soll uns an einen Ort bringen, den es nicht gibt, ohne zu wissen, wie man hinkommt. Richtig soweit?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eGenau. Wenn der Mensch weniger wei\u00df, dann handelt er intuitiv. Aber du m\u00f6chtest ja alles verstehen. Also, die Kanzlei ist kein Teil dieser Welt. Sie befindet sich genau zwischen Welt und Unterwelt. Sie ist der Verbindungsort. Deshalb wird die Kanzlei dir, sobald wir sie betreten, so real vorkommen wie unsere jetzige Umgebung. Was f\u00fcr Unterhaltskosten das bedeutet, kann ich dir gar nicht sagen. Jedenfalls, den Zugang musst du schon selbst bezahlen, und zwar mit deiner Realit\u00e4t. Erachte es als Wegzoll.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eWas <em>hei\u00dft<\/em> das?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eEs hei\u00dft, du konzentrierst dich darauf, die Kanzlei zu finden. Du musst kreative Willenskraft aufbringen. So, wie du uns vorher aus der Klokabine gebracht hast.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eIch wusste nicht, dass ich das war.\u201c Sie blinzelte. \u201eWie habe ich das gemacht?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDu hast dir vorgestellt, wo der Fluchtweg sein k\u00f6nnte. Und dann hast du daf\u00fcr bezahlt, dass er auch real wurde.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eWie bezahlt?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eNa, mit Vorstellungskraft, mit Realit\u00e4t. Du hast ein wenig Realit\u00e4t daf\u00fcr geopfert. Ich erkl\u00e4re dir das gerne ausf\u00fchrlich, wenn wir weitergehen.\u201c Er fasste sie am Ellenbogen. Nicki war zu sehr in Gedanken, um ihn abzusch\u00fctteln, und trottete mit.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eAlso, ich kann alles real machen, wenn ich es mir w\u00fcnsche? Dann k\u00f6nnten doch alle Menschen, keine Ahnung, zaubern!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDas tun sie auch\u201c, sagte er sehr ernst. \u201eDie ganze Zeit passieren Dinge, weil Menschen sie sich vorgestellt haben. Allerdings ist ihr Einfluss l\u00e4ngst nicht stark genug, um komplexe Realit\u00e4ten zu ver\u00e4ndern, an denen die Vorstellungskraft unendlich vieler Wesen gewirkt hat. Vorhin, bei unserer Flucht, war es m\u00f6glich, weil Frau La Psies Boudoir ohnehin nur ein Gemisch aus Realit\u00e4t und Flie\u00dfendem Wort ist. Die Dinge dort sind nicht alle fest in dieser Welt verankert, deshalb konntest du sie leicht ver\u00e4ndern. Und so ist es auch mit dem Weg in die Kanzlei: Er existiert nicht materiell, bevor du ihn nicht materialisierst. Deswegen kannst du auch selbst bestimmen, wo er anf\u00e4ngt und wo er endet.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201e<em>Wie<\/em>?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDu wei\u00dft doch, was eine Kanzlei ist? Lass dich von deinen Vorstellungen leiten.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDas ergibt \u00fcberhaupt keinen Sinn. Wie soll denn &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eZimtschnecke?\u201c Er zog tats\u00e4chlich eine zerdr\u00fcckte, angeknabberte Zimtschnecke aus seinem Mantel. Das war also das \u201aParfum\u2018, das sie vorhin wahrgenommen hatte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eNein, danke.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Er nahm ein paar Bissen, dann steckte er das Geb\u00e4ck wieder ein und wischte sich\u00a0[kommentierbar id=&#8221;30&#8243;]die Kr\u00fcmel vom Kragen.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p style=\"text-align: center; padding-left: 60px;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Tallis-mit-Zimtschnecke.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-784\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Tallis-mit-Zimtschnecke-439x500.jpg\" alt=\"Tallis mit Zimtschnecke\" width=\"511\" height=\"582\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Tallis-mit-Zimtschnecke-439x500.jpg 439w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Tallis-mit-Zimtschnecke-899x1024.jpg 899w\" sizes=\"(max-width: 511px) 100vw, 511px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Nicki hatte eine Grundschulfreundin gehabt, deren Mutter Anw\u00e4ltin gewesen war. Einmal hatte sie sie in ihre Kanzlei mitgenommen. Sie erinnerte sich an Metallschr\u00e4nke voller Ordner und einen k\u00fchlen Warteraum, wo die Kaffeemaschine und der Kopierer ihre warmen Ger\u00fcche ausd\u00fcnsteten wie ewig wartende Klienten. Schwer vorstellbar, dass ein solcher Ort die magische Verbindung zur Unterwelt sein sollte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Eine Weile liefen sie vergeblich durch die Stadt. Dann tauchte ein U-Bahnhof auf und Nicki schlug vor, die Bahn zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eMuss das sein?\u201c, murmelte Tallis.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eGeschwindigkeit hilft mir beim Nachdenken.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Sie stiegen ein, ohne zu gucken, in welche Richtung es ging. Das gelbe Licht, die s\u00e4uerliche Luft, die zerkratzten Fenster, alles beruhigte Nicki durch die Vertrautheit. Sie lie\u00df den Blick \u00fcber die Leute schweifen, machte sich im Kopf Skizzen und dachte an Canon \u2026 Wahrscheinlich wusste er das, was sie heute Nacht erfahren hatte, schon seit langem. Dass er ihr so viel verheimlicht hatte, verletzte sie, auch wenn er bestimmt seine Gr\u00fcnde gehabt hatte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Nicki versuchte diese Gedanken zu verdr\u00e4ngen und sich s\u00e4mtliche Kanzleien ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, die sie aus dem Fernsehen kannte. Aber bei jedem Ruckeln der Bahn musste sie daran denken, wie sie durch die L\u00fcfte geschwebt waren, und ein Teil von ihr weigerte sich noch immer beharrlich, das zu akzeptieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eWie viele Menschen wissen von euch?\u201c, fragte sie Tallis.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eNat\u00fcrlich nur die, mit denen wir Pakte schlie\u00dfen\u201c, wisperte er. Seit sie in die U-Bahn gestiegen waren, schien ihm schlecht geworden zu sein. Er kauerte mit verschr\u00e4nkten Armen auf dem Sitz und atmete auff\u00e4llig nah an ihr, als wollte er sie beschnuppern. \u201eEs gab mal eine Zeit, da wurden Leute auf Scheiterhaufen verbrannt, weil sie mit uns paktierten. Ist nie salonf\u00e4hig geworden, sich zu uns zu bekennen.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eVerstehe.\u201c Sie r\u00fcckte von ihm weg. \u201eAlle Politiker und reichen Leute verdanken euch dann wohl eine Menge.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eAber nein, das ist eher die Ausnahme. Wir f\u00fchlen uns zu <em>Realit\u00e4t<\/em> hingezogen. Zu Menschen mit Herzensw\u00fcnschen und Selbsterkenntnis. Du strahlst sehr viel davon aus. Darum wollten dich ja Frau La Psie und ihre G\u00e4ste unbedingt haben.\u201c Er schien es als Kompliment zu meinen, aber Nicki f\u00fchlte sich dabei wie ein St\u00fcck Fleisch.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eDie Leute, die nach Macht und Reichtum streben, glauben meistens nur, etwas zu wollen, und \u00fcberlagern mit diesen Scheinw\u00fcnschen ihr Potential, eigenst\u00e4ndige W\u00fcnsche zu entwickeln. Sie spiegeln etwas, w\u00e4hrend andere aus sich selbst heraus leuchten. W\u00fcrde es dir was ausmachen, beim n\u00e4chsten Halt auszusteigen? Die elektrische Aura hier drinnen macht mich fertig. Ganz zu schweigen von dem Maurerdekollet\u00e9 auf neun Uhr.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Sie verlie\u00dfen die Bahn und wanderten Richtung Ausgang. Sie waren an einer gro\u00dfen, vornehmen Einkaufsstra\u00dfe: Schaufenster s\u00e4umten ihren Weg, in denen Kleidungsst\u00fccke, K\u00fcchengeschirr und Schmuck wie Grabsch\u00e4tze aufgebahrt waren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eWarum waren die Leute alle so jung bei Frau La Psie?\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eWir bevorzugen junge Leute vor allem deshalb, weil sie nicht so austicken wie Erwachsene, wenn sie von uns erfahren. Au\u00dferdem machen junge K\u00f6rper mehr Spa\u00df.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Sie nickte verbittert. Bestimmt gab es noch einen dritten Grund, warum sie lieber mit Kindern und Jugendlichen paktierten: Sie konnten sich nicht zur Wehr setzen wie Erwachsene. Aber das verschwieg der D\u00e4mon nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Die Boutiquen und Luxuskaufh\u00e4user wichen bald den \u00fcblichen Filialen, die man auf jeder Einkaufsmeile der Welt fand. Bei einer Unterf\u00fchrung, wo es zur S-Bahn ging, tigerte ein Obdachloser auf und ab, einen Hohlraum in den steten Strom der Passanten malend. Zotteliges Haar hing ihm \u00fcber den nackten R\u00fccken, sodass er Nicki an einen Indianerh\u00e4uptling mit Federschmuck erinnerte. Ihre Blicke trafen sich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201eGuck doch!\u201c, rief er. \u201eGuck doch mal weiter! Ein Leben, die Liebe zu zweit, Dreifaltigkeit zum Anbeten, aber alle schielen nur auf die Moneten!\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Nicki bog nach rechts in eine Gasse, als er mit schlenkernden Armen auf sie zukam. Tallis war dicht hinter ihr. Der Boden begann zu vibrieren, als eine S-Bahn schr\u00e4g \u00fcber ihnen vorbeirollte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Nicki sp\u00fcrte, wie Tallis eine Hand auf ihren R\u00fccken legte, und sie folgte seinem Blick: Vor ihnen lag ein hohes, aus Dutzenden Fenstern leuchtendes Steingeb\u00e4ude, umkr\u00e4nzt von einer Treppe.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">[kommentierbar id=&#8221;31&#8243;]\u201eIch glaube, du hast sie gefunden.\u201c[\/kommentierbar]<\/p>\n<p style=\"text-align: right; padding-left: 60px;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center; padding-left: 60px;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Steingeb\u00e4ude.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-789\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Steingeb\u00e4ude-500x333.jpg\" alt=\"Steingeb\u00e4ude\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Steingeb\u00e4ude-500x333.jpg 500w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Steingeb\u00e4ude.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right; padding-left: 60px;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: right; padding-left: 60px;\">.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und mit gem\u00fctlich-grauem Lesewetter geht es ins\u00a0n\u00e4chste Kapitel von\u00a0NoN! Letzte Woche endete mit Tallis&#8217; Offenbarung, dass er und Nicki einen Pakt geschlossen h\u00e4tten. Aber wann? Wodurch? Und vor allem: mit welchen Konsequenzen? Das erz\u00e4hlt Tallis jetzt. Und Nickis Reise durch die Nacht geht weiter.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/783"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=783"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/783\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":797,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/783\/revisions\/797"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=783"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}