{"id":845,"date":"2014-11-23T10:53:35","date_gmt":"2014-11-23T09:53:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=845"},"modified":"2014-12-04T17:37:45","modified_gmt":"2014-12-04T16:37:45","slug":"12-testlese-woche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/?p=845","title":{"rendered":"12. TESTLESE-WOCHE"},"content":{"rendered":"<p>H\u00fcbschen\u00a0Sonntagmorgen allerseits!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ihr das hier lest, sitze ich im Zug nach M\u00fcnchen, um mich unter anderem mit den Verlagsleuten von dtv zu treffen. (Danke, kleiner Bruder, dass du p\u00fcnktlich um 11 Uhr den Beitrag f\u00fcr mich ver\u00f6ffentlichst!)<\/p>\n<p>Was da in M\u00fcnchen ausgeheckt wird, erfahrt ihr nat\u00fcrlich in B\u00e4lde. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, was ihr dazu sagen werdet&#8230; Ach, Vergn\u00fcgen der Geheimniskr\u00e4merei!<\/p>\n<p>Nun aber zum heutigen Kapitel. \u00c4h, genau genommen ist es kein richtiges Kapitel. Eher ein Zusammenschnitt &#8211; was schlimmer klingt, als es ist!\u00a0Denn ich m\u00f6chte nur etwas hinzuf\u00fcgen, nichts wegnehmen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich hatte ja mit dtv\u00a0ausgemacht, der Testleserschaft die Passagen vorzuenthalten, die von der Pr\u00fcfung des Paktes in der Kanzlei handeln. Aber Nickis Heimweg von der Kanzlei und eine Szene mit ihrer Mutter\u00a0geh\u00f6ren streng genommen nicht dazu, obwohl sie in demselben Kapitel sind, das ich vor zwei Wochen per Video zusammenfasste. Daher stelle ich diese Passagen heute an den Anfang. Ich finde, sie sind wichtig, um Nickis Innenwelt zu verstehen. Denn heute geht es vor allem darum, wie nachvollziehbar und plausibel Nickis Gef\u00fchle, Gedanken und Handlungen sind, nachdem sie von der Unterwelt erfahren hat. Es ist immer ein Drahtseilakt, Reales mit Phantastischem so zu mischen, dass die Figuren angemessen ausrasten, ohne wirklich verr\u00fcckt zu werden. Ob das hier gelungen ist, m\u00fcsst ihr beurteilen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gespannt auf eure Meinung:<\/p>\n<p>Jenny<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">.<\/p>\n<p>Sie verlie\u00dfen die Kanzlei durch die Dreht\u00fcr, durch die sie gekommen waren. W\u00e4hrend sie immer schneller im Kreis liefen, verschwand das schmerzhaft an den Augen saugende Nichts jenseits der Scheiben, und dann stolperten sie auf den hellen Treppenabsatz vor dem Gebr\u00fcder-Grimm-Zentrum. Gegen\u00fcber zuckelte eine S-Bahn \u00fcber die Torb\u00f6gen. Nicki holte tief Luft, als m\u00fcsste sie so viel Normalit\u00e4t in sich aufnehmen, wie sie konnte. Es roch nach einer gew\u00f6hnlichen Nacht in der Stadt, nach warmen Autoreifen, gewirbeltem Staub, dem k\u00fchlen Schlafatem der Stra\u00dfenb\u00e4ume.<\/p>\n<p>Sie sank auf die Stufen. Alles schien unver\u00e4ndert. In der Ferne klangen noch immer die Parolen des Obdachlosen. Aber die Welt kam ihr gestochen scharf vor im Vergleich zu den prunkvollen, seltsam in Licht, Form und Farben flie\u00dfenden Gew\u00f6lben der Kanzlei.<\/p>\n<p>Tallis lie\u00df ihr diese Verschnaufpause. Vermutlich war er es gewohnt, dass Menschen sich so verhielten. Sie war ja bestimmt nicht die erste, die er reingelegt hatte.<\/p>\n<p>Als sie die M\u00fctze aufzog und sich erhob, schlug er vor, etwas essen zu gehen, aber Nicki winkte ab. Ein Blick auf ihr Handy verriet ihr, dass Mitternacht gerade verstrichen war. Sie f\u00fchlte sich, als w\u00e4re sie zwei Tage lang wach gewesen. Vielleicht stimmte das ja auch. Wer wusste schon, wo die Wahrheit geblieben war. Jedenfalls wollte sie in ihr Bett.<\/p>\n<p>Tallis begleitete sie nach Hause. Sie erhob keine Einw\u00e4nde, im Gegenteil, sie war sogar ein wenig erleichtert. Wenn sie jetzt alleine blieb, bestand die Gefahr, dass sie am Erlebten zu zweifeln begann und sich f\u00fcr verr\u00fcckt hielt \u2013 und vor Panik tats\u00e4chlich verr\u00fcckt wurde.<\/p>\n<p>Als sie umstiegen, wollte Tallis ihr den Rucksack abnehmen. Ein kurzes, albernes Wortgefecht entstand, dann gab er auf. Schweigend gingen sie Stra\u00dfen entlang, vorbei an Plattenbauten, verlassenen Spielpl\u00e4tzen und Tramgleisen. Die Laternen links und rechts warfen ihr surrendes Licht wie Netze aus, durch die ihre Schatten mal langgezogen, mal zusammengeschrumpft schl\u00fcpften.<\/p>\n<p>Der geteerte Weg erschien, der zu dem Hochhaus f\u00fchrte, in dem Nicki wohnte. Sie verlangsamte ihren Schritt, verhinderte aber nicht, dass Tallis ihr bis zur T\u00fcr folgte. Die Lampe \u00fcber dem Eingang leuchtete auf, als sie sich n\u00e4herten. Nicki holte ihren Schl\u00fcsselbund hervor.<\/p>\n<p>\u201eAlso\u201c, sagte sie. Und merkte, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie sich von ihm verabschieden sollte.<\/p>\n<p>Er sah ihr in die Augen. Sein Gesicht war so ebenm\u00e4\u00dfig wie eine Maske. \u201eDu hast mir immer noch nicht gesagt, wer Canon ist. Beim n\u00e4chsten Mal.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHm.\u201c Vielleicht lag es an der Dunkelheit und Stille, dass sie sich pl\u00f6tzlich wieder vor ihm f\u00fcrchtete. Ungeschickt sperrte sie auf und ging nach drinnen. Als die T\u00fcr zu fiel, drehte sie sich noch einmal um. Doch er war verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Aufzug.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-847\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Aufzug-494x500.jpg\" alt=\"Im Aufzug\" width=\"635\" height=\"643\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Aufzug-494x500.jpg 494w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Im-Aufzug-1012x1024.jpg 1012w\" sizes=\"(max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u201eEstella?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich bin \u2019s.\u201c Nicki schloss die Wohnungst\u00fcr hinter sich, schl\u00fcpfte aus den Schuhen, stopfte ihre M\u00fctze in die Pullovertasche und trabte in ihr Zimmer.<\/p>\n<p>Ihre Mutter lehnte sich in den T\u00fcrrahmen und sah zu, wie sie den Rucksack fallenlie\u00df und sich auf dem Bett ausstreckte. Nicki tat, als w\u00e4hnte sie sich unbeobachtet.<\/p>\n<p>\u201eEr ist doch nicht [kommentierbar id=&#8221;40&#8243;]sehr viel \u00e4lter als du[\/kommentierbar]. Oder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer?\u201c, fragte Nicki in dem angestrengten, z\u00e4hen Tonfall, den sie in Gegenwart ihrer Mutter immer bekam, ob sie wollte oder nicht.<\/p>\n<p>Ihre Mutter schnalzte mit der Zunge. Dann ging sie, nur um einen Moment sp\u00e4ter mit einer Zigarette wieder aufzutauchen. Sie zog einen Fu\u00df aus ihrem Hausschuh, stemmte ihn gegen den T\u00fcrrahmen und betrachtete ihre Zehenn\u00e4gel. \u201eDer Typ, der hier nachts angerufen hat. Der klang viel zu h\u00f6flich f\u00fcr einen, der noch zur Schule geht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo alt wie ich.\u201c<\/p>\n<p>Eine Weile schwiegen sie, existierten einfach nebeneinander her wie zwei M\u00f6belst\u00fccke. Nicki sp\u00fcrte, wie ihre Gleichg\u00fcltigkeit sich von ihrem Gesicht \u00fcber ihren K\u00f6rper, von ihren Gedanken \u00fcber ihr Herz ausbreitete, aber dabei auch immer d\u00fcnner wurde. Darunter lauerten Gef\u00fchle, die zu stark waren, um sie zuzulassen: Eine kindische Sehnsucht, ihre Mutter zu umarmen, sich ihr anzuvertrauen, endlich verstanden zu werden und sie zu verstehen, als w\u00e4re sie nur ihre Mutter und nicht dar\u00fcber hinaus ein Mensch, mit dem Nicki absolut nichts gemeinsam hatte. Es war eine gef\u00e4hrliche, eine tr\u00fcgerische Sehnsucht. Still lag sie da.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ging ihre Mutter, um die Asche von der Zigarette zu tippen. \u201eDu machst schon keinen Schei\u00df. Hast ja gesehen, wie es schiefgehen kann.\u201c Sie murmelte noch mehr, w\u00e4hrend sie ins Wohnzimmer verschwand, und kurz darauf wurde die Lautst\u00e4rke des Fernsehers aufgedreht.<\/p>\n<p>Nicki gab der T\u00fcr einen Sto\u00df, damit sie zuging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4umte von ihrem Vater.<\/p>\n<p>Seine Wohnung, sie n\u00e4chtelang allein, er verschwunden, Fruchtfliegen in der K\u00fcche. Nicht ans Telefon gehen, niemandem die T\u00fcr \u00f6ffnen. Dann seine Wiederkehr, wer wei\u00df von wo, hat er schlechte Laune? Nein, gute! Alles ist gut. Gut gelaufen die Gesch\u00e4fte. Aber seine Aufgedrehtheit bedr\u00fcckt sie auch, schmeckt immer ein bisschen nach Sch\u00e4bigkeit, nach Scham, Mitleid. Das Mitleid ist am schlimmsten. Es w\u00e4chst dichter um sie, je \u00e4lter sie wird. Staubfussel ziehen einen Teppich durch die Wohnung.<\/p>\n<p>\u201eEstella. Mein Sternchen. Meine Prinzessin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBitte nenn mich nicht so. Ich hei\u00dfe Nicki.\u201c<\/p>\n<p>Ihr Vater schrumpft in sich zusammen, eine alternde Hauth\u00fclle voll Zigarettenrauch und glimmender Hoffnung. Sie streckt die Hand nach ihm aus \u2013 etwas bohrt sich hinein, verwandelt sich, befl\u00fcgelt von ihrem Schmerz, in Finger, die ihre umschlie\u00dfen. Es ist der D\u00e4mon: Jucitell Tallis. Seine klaren, tiefen Augen saugen an ihrem Blick wie das flirrende Nichts jenseits der Kanzlei.<\/p>\n<p>\u201eDu bist [kommentierbar id=&#8221;41&#8243;]eine Frau[\/kommentierbar]\u201c, sagt er. Sein L\u00e4cheln ist brutal, voller Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie schrak aus dem Schlaf, die rechte Hand vor sich ausgestreckt. Ihr Herz schlug schwer wie ein Gong durch ihre Brust.<\/p>\n<p>Panisch schwang sie die Beine aus dem Bett, knipste das Licht an und hielt die Augen ge\u00f6ffnet, als k\u00f6nnte die Helligkeit den Traum von ihrer Netzhaut brennen. Sie meinte ein Kribbeln in ihrer Handfl\u00e4che zu sp\u00fcren, eine Art Phantomschmerz.<\/p>\n<p>Lange betrachtete sie ihre Hand. Mit dieser Hand zeichnete sie, schrieb und a\u00df sie und putzte sich die Z\u00e4hne; die Hand setzte ihren Willen \u00f6fter um als alles andere an ihr. Sie reichte, um einen Pakt zu besiegeln. Sie zur <em>Dom\u00e4ne<\/em> eines fremden Wesens zu machen.<\/p>\n<p>Wie auf der Flucht vor diesen Gedanken griff sie nach ihrem Handy. Kurz vor sieben. Zeit, sich auf den Weg zu machen. Nach dem Umzug zu ihrer Mutter hatte sie auf derselben Schule bleiben wollen, das hie\u00df S-Bahnfahren jeden Morgen.<\/p>\n<p>Sie duschte, zog sich die M\u00fctze \u00fcber die noch feuchten Haare, packte ihr Schulzeug und klemmte sich das letzte Schokocroissant aus der Packung in den Mund, ohne ihre Mutter zu wecken. Auf dem Weg zur S-Bahn atmete sie tief die frische Luft ein und betrachtete den Himmel, die H\u00e4user, die Kr\u00e4hen auf den M\u00fcllcontainern. Nichts wirkte ungew\u00f6hnlich. Die ersten welken Bl\u00e4tter l\u00f6sten sich von den B\u00e4umen und taumelten vor ihren F\u00fc\u00dfen her.<\/p>\n<p>Auch sie f\u00fchlte sich nicht anders als sonst. Es war wie Geburtstag haben: Man wusste, dass man nicht mehr so war wie gestern, aber au\u00dfer dem Datum auf einem Ausweis wies nichts darauf hin.<\/p>\n<p>Sie stieg in die Bahn, legte ihr Skizzenbuch auf den Scho\u00df und blickte doch nur aus dem Fenster. Sie sah ihre Reflektion fl\u00fcchtig durch das Mosaik aus Geb\u00e4uden, Autos und Bahnh\u00f6fen flirren wie einen Geist, der sie \u00fcberallhin begleitete. Wie einen D\u00e4mon.<\/p>\n<p>Was genau war ein Inkubus eigentlich? Sie z\u00fcckte ihr Handy, um es zu recherchieren. Auf Wikipedia \u00fcberflog sie die kleine Schrift. <em>Nachtaktiver Alb (Elf), der sich mit einer schlafenden Frau<\/em><em> \u2026 [kommentierbar id=&#8221;42&#8243;]Sie las nicht weiter[\/kommentierbar]<\/em>, sondern steckte das Handy wieder ein und bl\u00e4tterte mit zitternden Fingern durch ihr Skizzenbuch.<\/p>\n<p>Sie zeichnete die alte Dame, die vor ihr sa\u00df, und dann noch einen Mann mit Fahrrad im Gang. Das Fahrrad sah unbeholfen aus, aber die Hand des Mannes gelang ihr. Als sie ausstieg, traf sie Anne-Marie und Daria am Gleis und sie gingen gemeinsam zur Schule.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich in der ersten Stunde schrieben sie einen Test in Erdkunde, den Nicki ordentlich in den Sand setzte. Sie verstand kaum die Fragen. Auch in den folgenden Stunden kam ihr der Stoff realit\u00e4tsfremd, geradezu absurd vor. Am liebsten w\u00e4re sie ausgesprungen und h\u00e4tte gebr\u00fcllt, dass es, verdammt noch mal, eine Unterwelt gab \u2013 dass in diesem Moment D\u00e4monen von Menschen Besitz ergriffen. Und hier wurde in aller Seelenruhe der Unterschied zwischen Gedichten der Romantik und Gedichten des Sturm und Drang besprochen!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ihr keiner geglaubt, es sei denn, er begriff diesen Wahnsinn schon viel l\u00e4nger als sie. Und wie k\u00f6nnte derjenige dann noch still auf seinem Platz sitzen? Niemand war in der Lage, ein so gro\u00dfes Geheimnis langfristig mit sich herumzuschleppen. Irgendwann schnappte man \u00fcber. Doch platzte es aus einem heraus, w\u00fcrden die anderen einen f\u00fcr verr\u00fcckt halten. Einen anderen Ausweg sah Nicki nicht.<\/p>\n<p>Weil sie immer in die Aktivit\u00e4ten ihres Vaters eingeweiht gewesen war, kannte sie zumindest das Gef\u00fchl, einen unsichtbaren Raum des Schweigens zwischen sich und ihren Mitmenschen bewahren zu m\u00fcssen. Die besch\u00e4mende, argw\u00f6hnische Einsamkeit ihrer Kindheit erfasste sie wieder, aber hundertmal st\u00e4rker. Diesmal ging es nicht nur um ihren Vater, sondern um die ganze Welt.<\/p>\n<p>In der Pause h\u00e4ngte sie sich an Anne-Marie, Becky und Daria, weil sie Angst vor dem Alleinsein hatte. Becky und Daria w\u00e4rmten alte Klatschgeschichten so lustig auf, dass niemand Nickis Stimmung bemerkte. Nicki verga\u00df sogar f\u00fcr eine Weile selbst ihre Stimmung und lachte mit. Obwohl sie mit Becky und Daria nicht mehr so gut befreundet war wie fr\u00fcher, erinnerte sie sich jetzt wieder daran, wie viel Spa\u00df man mit ihnen haben konnte.<\/p>\n<p>Als der Unterricht fortgesetzt wurde, mischten sich in die guten Erinnerungen jedoch gleich wieder jene d\u00fcsteren Gr\u00fcnde, warum Nicki vor zwei Jahren fast all ihre Freundschaften gekappt hatte. Ihr Leben war damals auf den Kopf gestellt worden. Anfangs reagierte sie, wie man es von ihr erwartete: indem sie auf Partys ging und sich betrank. Eins f\u00fchrte zum anderen. Fehltritte bewirkten, dass sie sich selbst v\u00f6llig fremd wurde. Auch ihre Freunde kamen ihr bald wie Fremde vor. Dann war Canon erschienen. Seit sie wusste, dass es ihn gab, wusste sie, wer sie selbst sein wollte. Aber nun war er verschwunden.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl der Einsamkeit steigerte sich ins Unermessliche. Wie ger\u00e4dert vor Anspannung fuhr nach der letzten Stunde in die Staatsbibliothek, um ihre Hausaufgaben zu machen. Das hatte sie sich letztes Jahr so angew\u00f6hnt, weil sie hier besser lernen konnte als in der Wohnung ihrer Mutter. Au\u00dferdem hatte Canon einmal gesagt, dass er oft in \u00f6ffentlichen Bibliotheken rumhing, aber [kommentierbar id=&#8221;43&#8243;]sie hatte ihn nie zuf\u00e4llig getroffen.[\/kommentierbar]<\/p>\n<p>M\u00fchsam ging sie Erdkunde durch. Kein einziges Wort blieb h\u00e4ngen. Aber Chemie klappte. Es machte sogar ein bisschen Spa\u00df&#8230; jedenfalls hatte sie zum ersten Mal an diesem Tag das Gef\u00fchl, es sei nicht v\u00f6llig unsinnig, sich damit zu befassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Bibliothek.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-848\" src=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Bibliothek-500x347.jpg\" alt=\"Bibliothek\" width=\"712\" height=\"494\" srcset=\"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Bibliothek-500x347.jpg 500w, http:\/\/www.jennymainuyen.de\/uploads\/Bibliothek-1024x711.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 712px) 100vw, 712px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sie kaufte sich einen Salat und einen Schokopudding in der Cafeteria, doch schon nach drei Bissen verlor sie den Appetit. Sie konnte nicht einfach so tun, als w\u00e4re alles normal. L\u00fcgen umgaben sie. Oder zumindest Halbwahrheiten. Das ganze Geb\u00e4ude war voller B\u00fccher, die fehlerhafte Informationen \u00fcber die Welt enthielten.<\/p>\n<p>Wie viele Menschen wussten davon? Jeder Tausendste? Jeder Hunderttausendste? Egal wie wenige es waren \u2013 es musste eine M\u00f6glichkeit geben, mit ihnen in Kontakt zu treten. Ansonsten w\u00fcrde sie den Verstand verlieren.<\/p>\n<p>Ihre Gedanken kehrten zu Canon zur\u00fcck. Dass er derjenige war, der sie verstehen und ihre Einsamkeit aufheben konnte, war wenigstens nichts Neues.<\/p>\n<p>Als sie sich auf den Heimweg machte, wurde es bereits dunkel. Die Bahn leerte sich, je n\u00e4her sie ihrer Haltestelle kam, und als sie eine Vierersitzecke f\u00fcr sich allein hatte, stellte sich fast ein Gef\u00fchl von Heimat ein. Canon \u2026 Jetzt, in diesem Augenblick, war er da drau\u00dfen \u2026 und vielleicht in Gefahr. Sie hatte ihm so viel zu sagen, mehr zu sagen denn je. Bei der Vorstellung, vielleicht nie wieder Gelegenheit dazu zu haben, wurde ihr Herz schwer und immer schwerer, bis es sich zu gro\u00df f\u00fcr den Rippenk\u00e4fig anf\u00fchlte. Ein Beben erf\u00fcllte sie. Es tat weh.<\/p>\n<p>Sie stieg aus wie eine Schlafwandlerin. War ihr die Welt gestern Nacht nach dem Kanzleibesuch noch gestochen scharf vorgekommen, versank sie jetzt in unwirklichen Schleiern. Sie kam am Supermarkt vorbei. Obwohl sie ein paar Sachen h\u00e4tte einkaufen m\u00fcssen, brachte sie es nicht \u00fcber sich, hineinzugehen. Vielleicht <em>konnte<\/em> sie gar nicht mehr hineingehen. Sie geh\u00f6rte nicht mehr hierher.<\/p>\n<p>Vor ihrer Wohnsiedlung sah sie einen jungen schwarzen Mann, der an einem parkenden Auto kauerte. Erst glaubte sie, er versuchte das Schloss zu knacken, dann begriff sie, dass er sich im Seitenspiegel zurecht machte. Leise Schmatzger\u00e4usche waren zu h\u00f6ren, da er an seinen Z\u00e4hnen pulte.<\/p>\n<p>Sie schlich an ihm vorbei.<\/p>\n<p>\u201eMusstest du etwa nachsitzen? Du unartiges M\u00e4dchen.\u201c<\/p>\n<p>Sie fuhr herum. Der junge Mann lehnte jetzt l\u00e4ssig am Auto und pr\u00e4sentierte ein blendend wei\u00dfes L\u00e4cheln. Er hatte sehr ebenm\u00e4\u00dfige Z\u00fcge, eine anmutige, knochige Nase und so dichte Wimpern wie eine Puppe. Nicki erkannte etwas an ihm wieder, das tiefer lag als jede \u00c4u\u00dferlichkeit \u2013 es war seine Mimik, seine Haltung. Vielleicht auch die Kombination aus Schal und elegantem Mantel.<\/p>\n<p>\u201e<em>Tallis<\/em>?\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00fcbschen\u00a0Sonntagmorgen allerseits! W\u00e4hrend ihr das hier lest, sitze ich im Zug nach M\u00fcnchen, um mich unter anderem mit den Verlagsleuten von dtv zu treffen. (Danke, kleiner Bruder, dass du p\u00fcnktlich um 11 Uhr den Beitrag f\u00fcr mich ver\u00f6ffentlichst!) Was da in M\u00fcnchen ausgeheckt wird, erfahrt ihr nat\u00fcrlich in B\u00e4lde. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, was ihr dazu sagen werdet&#8230; Ach, Vergn\u00fcgen der Geheimniskr\u00e4merei! Nun aber zum heutigen Kapitel. \u00c4h, genau genommen ist es kein richtiges Kapitel. Eher ein Zusammenschnitt &#8211; was schlimmer klingt, als es ist!\u00a0Denn ich m\u00f6chte nur etwas hinzuf\u00fcgen, nichts wegnehmen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=845"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":864,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions\/864"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.jennymainuyen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}