Keine Lust auf Schreiben – soll man sich zwingen?

Schreiben sollen und nicht wollen: Das Phänomen betrifft nicht nur Schriftsteller, die damit ihr Leben finanzieren. Ich erinnere mich, wie ich als Teenager voller Vorfreude aus der Schule kam, um mich an den Computer zu setzen, das Dokument mit meiner Geschichte zu öffnen und – keine Lust zu haben, da weiterzuschreiben, wo ich zuletzt aufgehört hatte. Was tat ich in solchen Momenten? Ok, Mahjong spielen. Was tut die reifere, von Schreibkrisen und finanziellen Sorgen geschüttelte gestählte Jenny?

Ich muss die Arbeit an einem Text immer mit einer Liebesbeziehung vergleichen: Man tänzelt zum vereinbarten Ort, um die geliebte Person zu treffen, und sobald man sich gegenübersteht, ist das Wetter irgendwie umgeschlagen, die Atmosphäre drückt, man fühlt sich von einer Kleinigkeit gekränkt, das Gespräch kreiselt auf Unannehmlichkeiten zu, man erinnert sich an diesen Selbsttest im Internet, der einem einen Vaterkomplex attestiert hat, und jetzt will man weinen, einfach aus Selbstmitleid weinen oder rauchen oder … usw. usf. In dieser Situation stellt sich nun wie beim Schreiben die Frage, ob man sich zum Weitermachen zwingen soll oder der Laune nachgeben und vorerst die Flucht ergreifen. Ist Zwang bei einer Sache, die doch aus Leidenschaft geschieht, überhaupt sinnvoll?

Nun ja, schon: wenn man einen Abgabetermin hat und das Geld dringend braucht. Aber das ist ein unangenehmer Grund, den sich Berufsschreiber ungern eingestehen. Denn das Buch soll ja ein Werk echter Passion sein, die sich dann hoffentlich auf den Leser überträgt. Man will ein Kunstwerk erzeugen, kein Produkt. Es soll ja auch die Liebe sein und keine Zweckbeziehung. (Hoffe ich mal.) Doch wenn man der Laune nachgibt und sich nicht zum Guten zwingt, droht die Gefahr, dass man sich von der Geschichte oder der Person distanziert – vielleicht für immer. Obwohl ich ein chronischer Zuendeschreiber bin, habe auch ich mindestens sechs, sieben Viertelromane, die wie Golems mit fehlenden Gliedmaßen in meinen Schreibtischschubladen ausharren. (Einen unerschrockenen Blick in, auf und unter meinen Schreibtisch gibt es hier.)

Damit habe ich meine Antwort schon vorweggenommen. Ich denke, man sollte sich nicht zwingen, etwas zu schreiben, auf das man keine Lust hat. Man sollte aber auch keinen Launen nachgeben, die vielleicht vom Wetter oder den wirren Träumen letzter Nacht oder einem total bedeutungslosen Internet-Selbsttest verursacht sind. (Pff, Vaterkomplex, mein Daddy sieht das anders.) Der goldene Weg führt wie so oft im Zickzack durch die Mitte. Wenn ich an einem Tag keine Lust auf meinen Roman habe, dann gebe ich mir Zeit, um einen neuen Zugang zu finden. In dieser Zeit versuche ich aber, etwas anderes zu schreiben. Irgendwas will immer Worte finden, sei das nun ein Gedichtversuch, eine kleine Betrachtung, ein Kommentar unter einem Onlineartikel oder ein Blog-Eintrag wie dieser. (Soviel dazu, wie es heute um meinen Roman und mich bestellt ist.)

Hm, ich habe das Schreiben ja als Analogie für Liebesbeziehungen gedacht.Wie kriege ich das jetzt mit den Ansprüchen der Treue vereint? Ich würde sagen … ja, wenn man die geliebte Person gerade nicht so wertschätzen kann, wie man eigentlich möchte, sollte man sich ein Weilchen auf was anderes Liebenswertes konzentrieren. Manche haben ja nette Familien. Oder Haustiere. Oder erfundene Menschen, über die man Geschichten schreibt…

3 Comments

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3 Responses to Keine Lust auf Schreiben – soll man sich zwingen?

  1. Luc

    Interessante Überlegungen!

    Klammern wir einmal das Thema der Leidenschaft aus, und sehen das Schreiben einfach „nur“ als Beruf. Dann bleibt immer noch das Problem, dass du einen Job hast, der dir keine regelmäßigen Arbeitszeiten aufzwingt. Ähnlich wie ein Student, der eine These schreiben muss, ein Komponist der eine Orchestrierung zu erledigen hat, ein Freischaffender, der sein Kleinunternehmen führt, oder auch ein Lehrer, der noch viel zu verbessern hat. Auch auf anstehende Haushaltsarbeiten trifft das natürlich zu. Frei zu organisiernde, von fixen Zeiten unabhängige Arbeit, ist ein großer Luxus: du KANNST einfach an einem Tag, an dem du unmotiviert bist, besonders schönes Wetter ist, ein besonders tolles Event lockt, du ein spannendes Buch weiterlesen willst oder du einfach müde bist die Arbeit liegen lassen.

    Dabei gibt es aber drei Probleme: erstens, je länger du das tust, wird der Arbeitsberg nicht geringer, und der Termindruck wächst. Zweitens, und das ist schlimmer: du weißt das. Während du es nicht tust, hast du dauernd ein schlechtes Gewissen, so dass du nicht WIRKLICH abschalten kannst, während du nicht arbeitest. Und drittens: je länger du wartest, je unmotivierter wirst du, wieder anzufangen, weil du weißt, dass du dann wieder diesen großen Arbeitsberg vorfinden wirst.

    Mein Ratschlag: Man gönne sich qualitativ hochwertige Auszeiten, in denen man versucht, KEIN schlechtes Gewissen zu haben. Man darf das, das ist Ok, und wenn man es schon tut, dann soll man es auch richtig genießen, ohne auf das Engelchen auf der linken Schulter zu hören.

    Gleichzeitig darf man aber auch nach einer Weile den Moment nicht verpassen, dem Teufelchen auf der rechten Schulter wieder den Maulkorb zu verpassen, und mit neuer Energie zur Arbeit zurück zu kehren, bevor einem der Arbeitsberg als unüberwindbar erscheint.

    Wie so vieles im Leben, gilt auch hier das Yin und Yang Prinzip: man muss das richtige Gleichgewicht zwischen Recht auf Faulheit und Pflichtgefühl finden. Aber am besten nicht gleichzeitig, sondern in guter Exklusivität, damit sie sich nicht gegenseitig stören.

    So, sind dir jetzt auch zwei Dunge aufgefallen?

    Erstens, dass ich diesen Kommentar eigentlich für mich selbst schrieb. Dein Blog-Eintrag erreichte mich genau zu einem Moment, in dem ich eher unmotiviert auf dem Sofa rumlag, und mich vor noch zu erledigender Arbeit drückte, obwohl ich auch mein Faulenzen schon längst nicht mehr richtig genoss. Deshalb habe ich stattdessen jetzt diesen Kommentar geschrieben, genau wie du vorhin den Beitrag. Ich habe aber das Gefühl, dass mir diese Selbst-Therapie jetzt wirklich gut tat, und ich jetzt wirklich bereit bin, ein wenig zu arbeiten. Und DANN werde ich wieder ein bisschen Netflix genießen. Mit gutem Gewissen! Also danke für den (unbeabsichtigten) Schubs.

    Und zweitens, dass ich das Teufelchen auf die rechte Schulter setzte, obwohl mein erster Instikt zur linken tendierte, ich mir dann aber sagte: unkonventionell ist besser ;-)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Hallo Luc!
      Dein Kommentar wiederum hat mich jetzt im genau richtigen Moment erwischt. Ich sitze nämlich gerade am Computer in der Uni-Bibliothek rum und war drauf und dran, Quiz-Duell zu spielen … aber das wäre ein Faulenzen gewesen, das mich gar nicht entspannt hätte, im Gegenteil. Ich hätte bloß ein immer drückenderes schlechtes Gewissen bekommen. Deshalb mache ich mich jetzt an die Arbeit und setze mir eine Pause in zwei Stunden. (Ok, 1.5 Stunden. Oder wann immer ich es nicht mehr aushalte. Ich bin schließlich mein eigener Herr, zum Teufel. Hmm. Oder doch ein Quizz-Duell? Nein, nein! Freiheit ist doch nach Kant die Freiheit zur Einhaltung der Pflichten!) :D
      Hast du denn noch Netflix genießen können?

      • Luc

        Jein, ein Freund hat vorgeschlagen ins Kino zu gehen. Kommt ja auf das gleiche raus. Gearbeitet hatte ich zwar weniger als ich mir vorgenommen hatte, aber genug um im Kino doch noch ein gutes Gewissen zu haben. :-)

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