Kleines Selbstmördergedicht

Weil jede Abbildung zugleich schöpferisch ist, deshalb bietet die Literatur Raum für Erfahrungen, die in der Realität zu kurz kommen (sexy Lovestory) oder nicht vorkommen dürfen (Selbstmord). Letzteres war hier mein Versuch: das Hässliche oder Böse in der Glasphiole der Sprache zu versiegeln, die, wenn kunstfertig geschliffen, das Unerträgliche ästhetisch macht.

 

26b

 

Du steigst aufs Fensterbrett. Dein Schritt

hebt dich dem Himmel näher: Große Kuppel

Leere, unvorstellbar finster hinterm blauen Bleich

des Sonnensterns. Du weißt, das Nähern

ist vergebens, Mühen gen unendlich.

Nur verlöschen, das ist möglich: zärtlich, wenn du willst,

holt es dich weg. Wie abgeschöpft. Vollständig.

Nach so langem Streben nach dem höhnisch

fernen Oben bleibt als Antwort jetzt ein leichtes,

rasches – hastig, mach es! – Unten.

 

Wie immer: teilt eure Gedichte mit der Kommentarfunktion! (Gern auch sexy Lovestory.)

19 Comments

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19 Responses to Kleines Selbstmördergedicht

  1. Lara

    Ich habe tatsächlich erst kürzlich ein Selbstmördergedicht geschrieben – also, einen Teil davon. Es soll mal ein Konzeptgedicht zu Shakespeares Ophelia und Julia werden („Ophelia and Juliet (or a poem lamenting the tragic nonexistence of nightingales in Scandinavia)“). Hier die deutsche und englische Version eines der bisherigen Kernstücke:

    But
    what was there to be done
    when Ophelia preferred to taste poison
    to forget her role
    but the apothecary would only sell on prescription
    and her psychoanalyst would only prescribe to
    private patient princesses
    but
    she could only find waste weeds
    in her back yard
    with at best symbolic value
    and, accidentally, a pond
    without a
    child safety net.

    Doch
    was war schon zu machen
    wenn Ophelia lieber Gift nehmen wollte, um aus der Rolle zu fallen
    aber der Apotheker nur auf Rezept verkaufte
    und ihr Psychoanalytiker
    nur an Privatpatientprinzessinnen verschrieb
    und sie nur unnützes Unkraut
    mit bestenfalls Symbolwert
    in ihrem Garten vorfand
    aber zufällig einen Teich ohne
    Kindersicherung.


    Und noch zwei unglaublich lebensbejahende Notizbuchaphorismen, nicht meine besten, aber weil´s zum Thema passt:

    „Er wollte sie alle erschießen.
    Und mit sich anfangen.“

    „Wurde auf zu vielen Ebenen gearbeitet, stürzten Zeichenprogramme bisweilen ab oder hängten sich auf. Gleiches galt für Menschen.“
    (oder wahlweise „Waren zu viele Ebenen aktiv, hängten sich Zeichenprogramme bisweilen auf. Gleiches galt für Menschen.“)

    Ich hätte auch noch ein sehr gewagtes Gedicht (bzw. einen Auszug aus einem gedichtartigen Etwas), das aber gute 4 Seiten lang ist, käme mir daher sehr dreist vor, das jetzt auch noch zu posten ^^ Also je nachdem wie groß deine Neugier auf literarisches Futter ist, kann ich es jetzt herzeigen, (wenn ich mich traue :D – und die Formatierung des Blogs Visual Poetry zulässt), oder es für einen späteren Zeitpunkt aufheben. :)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Erstmal: starkes Gedicht, das deutsche Ende ist durch das „aber“ ganz anders als das englische. Ist das Absicht?
      Den ersten Aphorismus finde ich besonders cool! Wenn das nicht deine besten sind, würde ich gerne deine besten sehen. :) (Als vorläufigen Ersatz für „vierseitige, gedichtartige Erwasse“…)

  2. R.

    Gefällt mir gut, dein Gedicht – es hat so einen Rhythmus an sich, das die Schwere und doch Flüchtigkeit solch eines Moments gut einfängt. Überhaupt, es ist immer eine tolle Aktion und Inspiration hier ein paar Zeilen Kreativität untereinander auszutauschen.
    Habe zu diesem Anlass in meinem etwas älteren Schreibwirrwarr gegraben:

    Unterwasserecho

    für jeden, der gerade jetzt verloren geht:

    schwarzes Feuer zwischen den Sternen

    lässt weißen Rauch

    in kalte Kiemenlungen dringen.

    Tiefste See und schwereloser

    Herzschlag

    krönt mich zum namenlosen Heiligtum,

    Kreatur.

    Und jeder Schritt, wie sich langsam

    auf den Grund des Ozeans

    niederzusenken

    am Puls der Zeit.

    • Jenny-Mai Nuyen

      Wow, cooles Gedicht! Man stolpert durch die Bilder und landet immer in einem noch faszinierenderen Rätsel. Irgendwie hat das was Klaustrophobisches und zugleich Grenzenloses, seltsame Paukenschläge. Ich finde auch sehr gut, dass es so reduziert und schlaglichartig ist: Ich weiß gar nicht, was ich zitieren soll, alles scheint gleichermaßen wichtig. So sollte Lyrik sein.

  3. Lara

    Mir gefällt die Doppeldeutigkeit von „Himmel“ in deinem Gedicht – nein, eigentlich Dreifachbedeutung; zum einen der astronomische Himmel (der blaue, der aber subjektiv-depressiv als verdunkelt wahrgenommen wird), der Himmel als eine Metapher für das Schöne, Gute auf Erden, das Lebenswerte im Leben, das unerreichbar ist („das Nähern/ist vergebens“), sowie der Himmel verstanden als Jenseits (hier ist das Nähern durchs Steigen aufs Fensterbrett nicht vergeblich, im Gegenteil) – gut gewähltes, vielschichtiges Bild (der Selbstmord durch Sturz aus dem Fenster), das auf mehreren Ebenen funktioniert, da es die Beweggründe des literarischen Du sowohl auf psychischer als auch auf äußerer, physischer Ebene illustriert.
    Die Wortwahl in den letzten Zeilen klingt, passend zu deiner Beschreibung des Sterbens, so zärtlich, angefangen von „verlöschen“.
    „holt es dich weg. Wie abgeschöpft. Vollständig.“ Also das ist einfach schön, toller Rhythmus mit den vielen Punkten und der Steigerung ins Absolute am Ende. „holt es dich weg“ lässt den Selbstmordgedanken passiv klingen, wie der natürliche Tod, der einen holen kommt, und daher sehr sanft. (Und „abgeschöpft“ erinnert an „erschöpft“ und an das Gegenteil von „Schöpfung“. Aber auch abgesehen von diesen Assoziationen finde ich das Bild des Schöpflöffels, der etwas (Müdes, sich nur noch treiben Lassendes) von einer Wasseroberfläche, äh, schöpft – es gibt kein Synonym, oder? :D -, sehr berührend.) Das höhnisch ferne Oben. „höhnisch“ wie „Höhe“. Sehr konsequent durchgezogen, die Doppeldeutigkeit. :)
    Ein zärtliches Wegholen, ein leichtes Unten – ich mag den impliziten Kontrast, den man zum folgenden nicht besonders zärtlichen Aufschlag und zur Schwerkraft, die die Leichtigkeit für das literarische Du erst ermöglicht, ziehen kann. (Auch wenn ich Selbstmord vielmehr mit einem Gefühl allumfassender Schwere assoziiere, in dem für Zärtlichkeit kein Raum mehr ist).
    (Ich glaube, eine Gedichtanalyse sollte nicht länger sein als das Gedicht selbst. Uppsi ^^)

    In letzter Zeit habe ich immer mehr den Eindruck, dass Sprache das, was sie kann, ihr Maximum an Schönheit, gerade dann erreicht, wenn der Inhalt besonders düster, hässlich und böse ist. (Es könnte aber auch eine Verallgemeinerung persönlicher Präferenzen sein :D)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Hallo Lara!

      Ach, Gedichtanalysen können ruhig zehnmal so lang sein wie das Gedicht. Sofern es ein Gedicht von mir ist und die Analyse so hochklassig und schmeichelhaft ist wie deine. ^^
      Willst du nicht auch was von dir herzeigen? Ich wette, da verbergen sich noch die ein oder anderen lyrischen Wagnisse. *.*

      Ich denke auch, dass die Schönheit der Sprache gerade da besonders sichtbar wird, wo der Inhalt alles andere ist. Nicht, weil das Schöne und Gute sich nicht ebenso kunstvoll schildern ließe, sondern weil dort Form und Inhalt verschmelzen und keinen Kontrast mehr darstellen wie beim Hässlichen. (Obwohl es vielleicht gar nicht so hilfreich ist, bei einer so verschmolzenen Sache wie der Literatur „Form“ und „Inhalt“ zu trennen. Besser wäre wohl, von den widersprüchlichen Empfindungen des Lesers zu reden, die ausgelöst werden von der Schönheit wahrer, brillanter Formulierungen und schmerzlicher Vorstellungen zugleich.)
      Jedenfalls geht uns das Dramatische, Dunkle und Traurige irgendwie immer leichter an als das Schöne, Gute und Einfache, da hast du Recht. Ein Gedanke von Nietzsche, den ich absolut nachvollziehen kann, ist, dass Identität und Individualität erst durch Schmerz gestiftet werden: Wo die eigenen Grenzen sind und die äußere Welt, das Widerständige dir begegnet, brennt die Angst dir einen Umriss. Wir fürchten die Grenzen und brauchen sie zugleich, um wirklich da zu sein. (Ich muss dazu sagen, dass ich Nietzsche nie richtig gelesen habe, weil mir der Zynismus und Atheismus vom Hörensagen reißerisch und abstoßend vorkam. Aber mittlerweile habe ich genug Erbauliches aus den Jahrhunderten davor kennengelernt, dass ich mich dem Ganzen mal stellen sollte. Quasi als Kontakt mit meiner Grenze.) :)

  4. Lissa

    Hier eine kleine Gedichtsequenz, die während meiner Türkeireise entstanden ist:

    Anatolische Wildnis

    I.
    Sonnenschimmer
    im Meer
    zwischen Brotscheiben
    und Quallenleibern
    gefangen? oder frei?

    Berge wie schlafende Giganten
    weit hinten im blauen
    Schatten der Welt

    und unter den Wolken
    du und ich
    eingewebt in den Atem der Sonne

    brennende Flammen
    gegen die Dunkelheit

    II.
    Nasen und Stirnen
    gegen das weiße
    Licht der Sonne
    glänzend
    gegen die Wellenspitzen
    schimmernd

    grün dazwischen
    eingekeilt in
    Stein und Autobahn
    bewacht von
    krachenden Häusertürmen
    schweigend

    im Licht des Meeres
    bebend

    III.
    Du und ich
    im Licht der Autobahn
    gehend

    Sonnenstapfen auf unseren
    Schultern unsere Füßen
    kühles Wasser in unseren
    Augen unseren Mündern

    deine Sprache meine Fragen auf
    deine Antworten

    Warum fragst du nicht?
    Unsere Augen gebadet im
    weißen Licht der Sonne des Mondes

    Schimmernd
    frei und gezeichnet
    atmend

    • Jenny-Mai Nuyen

      Was für ein cooles Gedicht. Lauter außergewöhnliche Formulierungen und überraschende Sinneseindrücke funkeln darin.

      „zwischen Brotscheiben/ und Quallenleibern“ die Frage nach der eigenen Freiheit zu stellen, scheint willkürlich und leuchtet trotzdem ein, sodass die ganze Atmosphäre eines Strandtages fühlbar wird, eine Nähe zur eigenen Natur und zur beobachteten, große Ferne und dadurch umso dichtere Intimität mit den eigenen Empfindungen.
      „eingewebt in den Atem der Sonne“ ist richtig toll. Man sieht die Lichtwellen unter Wasser, die an Fäden erinnern, und spürt die Hitze wie einen Stoff auf der Haut und die Nähe zum Du, die unentrinnbar ist, gesichert.
      Und dann kommt schon, etwas unvermittelt, aber gekonnt verdreht, die Dunkelheit: Während draußen der Tag gleißt, und zwar noch eine ganze Strophe lang, sind die Personen schon innerlich der Nacht zugewandt. Hier wird es dann auch noch einmal sehr atmosphärisch: „Sonnenstapfen auf unseren Schultern“ ist eine grandiose Formulierung, weil es die Bilder des Strandes, der Fußabdrücke im Sand, weiterjongliert. „Kühles Wasser in unseren / Augen unseren Mündern“ ist auch schön, ruft all diese Gefühle wach. „Warum fragst du nicht?“ gefällt mir ebenfalls, es verrät ganz viel über die zwei, die offenbar nicht gleich aufeinander reagieren und dennoch (oder gerade deshalb) in einer Harmonie der Verschiedenheit aufgehen, wie Sonne und Mond dann auch eine Zeile später implizieren.

      Sehr beeindruckt:
      Jenny

      P.S. Trauriger Zufall, dass wir dein Türkeigedicht ausgerechnet an einem Tag lesen, an dem die Türkei wieder mit dem Terror zu kämpfen hat.

      • Lissa

        Heyhey :)
        So viel Lob *ebenfalls rot werd*
        Hach, es ist doch immer wieder toll zu lesen, wie du dieses ganze… Zeug, was da so intuitiv aus meinem Gehirn raussprudelt so schön ordnen und analysieren kannst! Da verstehe ich es selbst gleich viel besser. Die Verbindung vom Du/Ich zu Sonne/Mond muss ich mir jetzt erstmal auf der Zunge zergehen lassen…

        Ja, das ist wirklich schlimm. Ich mache mir ziemlich Sorgen um meine Austauschpartnerin… Und die Tatsache, dass ich vor einer Woche selbst noch an dem Flughafen stand, an dem nun alles in die Luft fliegt… Das gibt einem das Gefühl, als wäre das alles unheimlich nah (und trotzdem überhauptnicht fassbar).
        Falls du Lust hast, noch mehr Türkeieindrücke zu lesen, kannst du gerne mal bei unserer Schülerzeitung reinschauen, da dümpelt noch ein träumerisch-ausschweifender Artikel von mir rum ^^ http://www.wrs-berlin.de/schulerzeitung
        Übrigens werde ich wahrscheinlich tatsächlich an der FU studieren, vielleicht sehen wir uns dann mal! :))

        • Jenny-Mai Nuyen

          „Träumerisch-ausschweifender Artikel“? Ja, das ist doch was für mich! Gleich mal gucken. Cool, dass du zur FU kommen willst! Na klar sehen wir uns dort.

        • Jenny-Mai Nuyen

          So, gelesen! Klingt nach einer wirklich interessanten Reise und einem gelungenen Austauschprojekt. Gute Idee, ein Plakat mit Vorurteilen zu basteln, um das Eis zu brechen, hihi. Der Bericht sprüht vor schönen Detail-Impressionen. Da kriegt sogar ein Reisemuffel wie ich ein bisschen Fernweh…

          • Lissa

            Das witzige war, dass wir solche Plakate schon in Berlin gebastelt hatten – unsere Austauschschüler haben uns diesen Programmpunkt ganz einfach nachgemacht. Es wurde dann aber doch sehr interessant, weil in den türkischen Zeitschriften ganz andere Bilder zu finden waren und folglich ganz andere Schwerpunkte gesetzt wurden…
            Freut mich, dass ich dir die Verlockungen der Türkei schmackhaft machen konnte ;)
            Unsere nächste gedruckte Zeitung kommt in ein paar Wochen raus – freufreu- , wenn du magst schick ich dir gerne eine zu oder bringe sie dir mal in der FU vorbei :P

  5. Lissa

    Ein wirklich tolles Gedicht!!! (!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!) Wunderschön! Eines der besten, die ich je gelesen habe! Kommt direkt an die Wand über meinem Schreibtisch, neben „Alles“ von Antonia Keinz. ;) Die Zeichnung finde ich übrigens auch sehr spannend, da muss ich noch eine Weile drüber nachgrübeln…

    • Jenny-Mai Nuyen

      Och, voll die Ehre. *rotwerd*
      Antonia Keinz habe ich noch nie gehört. Mal Google befragen … ok! Ja, „Alles“ rauscht einem buchstäblich durch die Zellen. Es ist mutig und richtig, so emotional zu schreiben, wirklich ein Gedicht, das man sich aufhängen kann. Und ich bin sehr froh, dass es den Optimismus auf deiner Wand garantiert!

      • Lissa

        Na klaro, da wird immer Schön das Gleichgewicht gehalten ;)
        „Alles“ ist wirklich eines meiner absoluten Favoriten! Ich würde dir dazu (falls du ihn noch nicht kennst) den Film „POEM – Ich setzten den Fuß in die Luft und sie trug“ ans Herz legen, die Gedichtverfilmungen darin sind der absolute Hammer! Einige gibt es auch bei Youtube, „Alles“ ist leider nicht dabei… :/

  6. Lissa

    Ach! DER taucht auf. Na toll :D

  7. Lissa

    Nanu? Mein Kommentar taucht nicht auf…

    • Jenny-Mai Nuyen

      Jetzt! Ich musste ihn komischerweise erst genehmigen. Vermutlich wegen irgendwelcher Sonderzeichen. (Oder wollte i… äh, wordpress eifersüchtig verhindern, dass dein Gedicht erscheint?)

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