20. Juni 2021

Kalt wie Schnee, hart wie Eisen

Prolog + Kapitel 1

Guten Morgen, allerseits! In acht Wochen ist es endlich so weit – mein neuer Roman erscheint. Um euch und vor allem mir die Wartezeit zu verkürzen, veröffentliche ich bis dahin jeden Sonntag ein Stückchen hier vorab. Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren oder per Mail eure Meinung sagt oder mir Löcher in den Bauch fragt; es ist für mich, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, nicht unreizvoll, ALLES über die Entstehung des Romans auszuplaudern. Ohne weitere Umschweife – hier kommt tintenfrisch der Anfang von “Kalt wie Schnee, hart wie Eisen”. Viel Vergnügen. :-)

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Denn was ist die Welt wert – ohne ein Herz, um sie zu lieben?

Achte elfische Frage der Weisheit

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Prolog

Auf Zehenspitzen spähte Kanemô aus dem Palastfenster. Ihre Nasenspitze ragte nur knapp über die Mauerkante. Sie hätte ihre Mutter bitten können, sie auf den Arm zu nehmen, aber die Königin wirkte angespannt und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. Außerdem wusste Kanemô, dass sie mit sechs Sommern eigentlich zu alt war, um noch getragen zu werden wie ein kleines Kind. Trotzdem sehnte sie sich danach, von ihrer Mutter in die Arme genommen zu werden.

Dicke Rauchschwaden drangen aus dem Eisenturm, der mitten im Palasthof in die Höhe ragte. Der Rauch wehte zu ihnen herein und kratzte Kanemô in der Kehle.

„Wer hätte gedacht, dass wir einmal schlechtere Luft haben würden als das Volk unten in der Stadt?“, murmelte eine Hofdame.

Das Gefolge der Königin hatte sich hinter Kanemô und ihrer Mutter versammelt und spähte ebenfalls durch die Fenster nach draußen.

„Es kommt ja auch nicht oft vor, dass ein Drache im Sterben liegt“, flüsterte eine andere Hofdame gedämpft durch ein Taschentuch.

Der Wind trieb den dichten Rauch draußen auseinander und Kanemô erhaschte einen Blick auf einen blassgolden geschuppten Schwanz, der aus einer der höhlenartigen Öffnungen des Eisenturms hing. Gestern hatte der Schwanz sich noch vor Schmerzen gekrümmt, heute Morgen fehlte dem Drachen selbst dafür die Kraft. Eine seiner Klauen ragte zitternd aus der Höhle wie ein Ast ohne Blätter. Längst spie das Geschöpf keine Flammen mehr, doch mit jedem rasselnden Atemzug drang Qualm aus seiner Höhle im Eisenturm, jede Menge Qualm, beißend wie Pestgestank.

Die Hofdamen stießen entsetzte Laute aus, als der Drache sich auf einmal bewegte und sein Kopf in der Öffnung sichtbar wurde. Sein gelbes Auge funkelte im Schatten. Er schien auf den Palast aus grünem Marmor hinabzublicken, dann über die Villen des Adels, die gepflegten Steinhäuser der Bürger und die nestartigen Hütten der Armen weiter unten hinweg bis zu den Feldern und Hügeln in der Ferne – auf jene Welt, in die er nie gehört hatte.

„Ist er blind?“, fragte jemand.

„Nein. Und er wird wieder gesund!“, murmelte die Königin.

Keine Hofdame wagte zu widersprechen.

Kanemô wusste, dass schon vier Drachen gestorben waren, seit ihr Vater, König Sagamenon, regierte. Niemand wusste weshalb. Der König erschuf auch keine neuen Drachen. Man sagte, ihm fehle das Talent, um diese prächtigsten aller Bestien aus dem Zauberkessel emporsteigen zu lassen. Dieser Kessel thronte auf dem höchsten Plateau des Eisenturms – ein ungeheuerliches Gefäß aus Eisen, das nicht von Menschenhand erschaffen worden war, sondern sich manifestiert hatte, als die Berge vor Jahrhunderten unter der Einwirkung von Zauberei geborsten waren. Damals war der Eisenturm erschienen, ein Pfeiler aus geschmolzenem und wieder erhärtetem Metall, krumm und um sich selbst gewunden und voller unheimlicher Hohlräume und Höhlen. Ganz oben thronte der Zauberkessel, der in den Himmel starrte wie eine leere Augenhöhle. Früher waren die Höhlen des Eisenturms voller Drachen gewesen, manche groß wie Schiffe, andere kaum von geflügelten Schlangen zu unterscheiden. Es hatte ölschwarze gegeben mit glutroten Augen, graue mit bläulichen Bäuchen und andere in allen Nuancen des Feuers, das sie spien. Doch dieser, mittelgroß und von sonnenbleicher Färbung, war der letzte Drache.

Erneut erschollen Rufe des Entsetzens. Der Drache ließ den Kopf sinken. Sein Nacken knackte, als würden Steinquader bersten, und aus dem Maul drang ein letztes Fauchen, gefolgt von einem Schwall Kriechglut, die hundert Fuß tiefer über den Hof spritzte und einen Heuwagen in Brand setzte.

„Er ist tot“, flüsterte jemand.

Kanemô blickte zu ihrer Mutter auf. Die Königin ließ sich keine Regung anmerken.

Wenig später kam der König die Treppe des Eisenturms herabgestiegen, die sich teils außen um das Gebäude wand, teils im Inneren hinabführte. Der König hatte bei der kranken Bestie gewacht, ohne zu schlafen oder zu essen. Seine Haut, sein blondes Haar, sein Bart und die Gewänder waren schwarz vor Ruß. Umso heller wirkten seine Augen und seine Zähne, entblößt in einem unheimlichen Lächeln.

Kanemô schauderte. Es gab niemanden, den sie so sehr fürchtete wie ihren Vater. Als Tochter war es ihre Pflicht, ihn zu lieben, das wusste sie, aber wann immer sie ihm vorgeführt wurde, empfand sie nichts als Angst. Sie hatte schon miterlebt, wie er seine Bestien auf Diener, Berater und sogar Ritter losgelassen hatte, nur weil diese ein falsches Wort gesagt hatten.

Ihr Lehrmeister hatte ihr erzählt, dass es früher schon hin und wieder Könige gegeben hatte, die keine Drachen aus dem Zauberkessel steigen lassen konnten, sodass man sie nicht mit dem ehrwürdigen Titel Drachenmacher angeredet hatte. Aber Bestien wurden von Vater zu Sohn vererbt. In der gesamten Geschichte Ivenhalls war es jedoch noch nie vorgekommen, dass ein König ganz ohne Drachen herrschte. Die Drachen waren es, die Ivenhall unbesiegbar machten.

„Bringt mir Weihrauch und Salpeter, Weidenwurzeln und Quecksilber!“, rief der König seinen Gefolgsleuten zu, die unten im Hof versammelt waren. „Ich werde einen Drachen erschaffen!“

Keiner seiner Untertanen ließ sich irgendwelche Zweifel anmerken. Man brachte die gewünschten Zutaten dem König, der beladen mit den Ingredienzen hinauf zum Zauberkessel stieg. Kanemô hörte den Wind, der sich in dem riesigen Kessel verfing und mit aberhundert Stimmen heulte. Der König hob die Arme und goss die Ingredienzen in das mächtige Gefäß. Nebel wallte über den Rand des Turms und hüllte ihn ein, sodass weder der Kessel noch der König mehr zu sehen war.

Kanemô, die Königin und ihre Hofdamen verließen die Fenster, um sich an das längst kalt gewordene Frühstück zu setzen. Sie aßen nur wenig und widmeten sich dann ihren Stickarbeiten, vertieft in sorgenvolles Schweigen. Der Tod des Drachen war ein schwerer Schlag für Ivenhall.

Kanemô wollte ihre Mutter aufmuntern und traute sich zu sagen: „Vielleicht kehrt Vater ja mit einem neuen Drachen wieder.“ Aber ihre Mutter blickte sie mit so harten Augen an, dass Kanemô danach lieber den Mund hielt.

Dann, am späten Nachmittag, verstummte der Wind im Kessel. Ein Knistern schien die Luft zu erfüllen. Alle Edelfrauen liefen wieder an die Fenster. Noch immer wallte Nebel vom Eisenturm herab, aber er schien sich zu lichten. Ein Schatten hoch oben auf dem Eisenturm wurde sichtbar. Doch es war kein Drache. Es war eine Werkatze.

Die Bestie hatte Ähnlichkeit mit einem Löwen, war jedoch groß wie ein Pferd und besaß ein beunruhigend menschliches Antlitz. Einen Moment lang schien sie Kanemô direkt anzustarren. Ein stiller Hass loderte in ihrem Blick und verriet, dass sie nicht freiwillig in diese Welt gekommen war.

Die Werkatze neigte den Kopf. König Sagamenon war hinter ihr aufgetaucht, griff in ihre Mähne und zog sich auf ihren Rücken. Auch der König starrte voller Hass auf den Palast, als sei es die Schuld der Königin – die Schuld seiner kleinen Tochter –, dass er wieder keinen Drachen hatte erschaffen können.

In den kommenden Tagen schöpfte der König wieder und wieder aus dem Zauberkessel und verschwand länger im Nebel, als es für einen Menschen gut sein konnte. Aber nie brachte er einen Drachen hervor. Nur Werkatzen, langbeinige Einhörner mit säbelkrummen spitzen Zähnen und ein Rogstier folgten ihm aus dem Nebel wie Gespenster seines Zorns. Kam er mit seiner Bestie den Eisenturm herab, zitterten die Hofleute. Früher hatten kleinste Fehltritte seiner Untergebenen gereicht und er hatte die Bestien auf sie gehetzt. Jetzt bedurfte es oft nicht einmal mehr eines Anlasses.

Dann verschwand die Königin.

Kanemô erwachte eines Morgens allein und eine schreckliche Vorahnung ballt sich wie ein Klumpen in ihrem Magen zusammen. Bisher hatte sie immer mitbekommen, wenn ihre Mutter aufstand.

Die Königin entstammte dem Geschlecht der Hohen Elfen von Madgar Yhs. Man sagte den Elfen nach, dass sie sich lautlos bewegen konnten, wenn sie es wollten. Und so war es wohl auch. Es gab keinen Abschiedsbrief. Keinen Hinweis, wohin oder warum sie gegangen war.

König Sagamenon verkündete, dass seine Gemahlin eine Verschwörerin gewesen sei und die letzten Drachen von Ivenhall im Auftrag von Madgar Yhs vergiftet habe. Mit dieser Begründung erklärte der König den Elfen den Krieg, und alle Elfen, ob Hohe Elfen oder Nachtelfen, ob in Madgar Yhs geboren oder in den Reichen der Menschen, wurden verfolgt und getötet.

Kanemô wurde mitten in der Nacht aus dem Palast geschafft, an einen geheimen Ort verbannt und vergessen.

Sie aber vergaß nicht.

*

*

Teil eins: Königstochter

*

1.

Über den gewundenen Pfad entlang der Küste stieg ein Wanderer zum Mondtempel herauf. Er hatte sich die Kapuze ins Gesicht gezogen, um sich gegen die Gischt zu schützen, die an den Klippen emporsprühte, sein Umhang flatterte im Wind und gelegentlich leuchtete ein Wams mit Goldsäumen darunter hervor. Seine Beine steckten in Seidenstrümpfen und er trug Schuhe mit Goldschnallen und Absätzen, eher gemacht für Tänze auf Marmorböden als für Fußmärsche durch das nördliche Hochland.

Kanemô hielt in ihrer Arbeit am Webstuhl inne, als sie ihn durch das Fenster des Höhlenzimmers entdeckte. Es geschah nicht oft, dass sie Besuch bekamen. Wenn doch, waren es meistens Frauen aus den Fischerdörfern oder dem umliegenden Hochland, die den Segen für ein krankes Kind erbaten. Dieser Besucher wirkte nicht wie jemand aus der Gegend.

„Was gibt es zu sehen?“, fragte Silan, eine der zwölf Priesterinnen des Tempels.

Bevor Kanemô antworten konnte, hatte sich die Priesterin erhoben und spähte aus dem Fenster, wobei sie den Kopf nach allen Seiten reckte. Silan, deren Haar schon ergraut war, hatte nicht mehr die besten Augen, vor allem zu dieser Jahreszeit, da es früh dunkel wurde und der Nebel bereits nach Frost schmeckte.

„Er sieht wie ein hoher Herr aus“, kam Kanemô ihr zur Hilfe. „Aber warum ist er zu Fuß und nicht zu Pferd?“

Silan warf ihr einen mahnenden Blick zu. Sie wusste wohl, was Kanemô dachte: dass es ein königlicher Gesandter sein könnte.

„Ihr bleibt hier und arbeitet weiter“, befahl die Priesterin Kanemô und den beiden anderen Novizinnen Perasia und Letanna, die ebenfalls vor einem Webstuhl saßen und die Hälse reckten, um nach draußen zu blicken. Sie waren etwas jünger als Kanemô, Töchter des Kleinadels vom Hochland, die nicht verheiratet werden konnten und darum den Mysterien des Mondes geweiht worden waren. Sie schienen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – vielleicht, weil sie so jung hergebracht worden waren und kaum etwas anderes kannten. Dasselbe traf auf Kanemô zu, aber sie konnte sich nicht damit abfinden.

Ihr Herz schlug ihr bis in die Magengrube, als sie den Besucher zwischen den Säulen des Tempels verschwinden sah. Vielleicht war er tatsächlich ein Bote des Königs von Ivenhall? Welche Kunde mochte er bringen? Derzeit gab es viele Gerüchte … Sie drangen selbst bis hierher, an die unwirtlichen Küsten des Nordmeeres: geraunte Worte zwischen Wolllieferungen, Klagen einer betenden Mutter, die Lieder vorbeiziehender Schafshirten – sie alle brachten Kunde, dass die Territorien gegen das Reich rebellierten. Selbst aus dieser Gegend hier, so hieß es, waren junge Männer aufgebrochen, um sich den Rebellen anzuschließen.

Mehr aus Gewohnheit als aus Gehorsam widmete Kanemô sich wieder ihrer Arbeit. Sie ließ das Schiffchen zwischen den aufgespannten Fäden hindurchtauchen, auf und ab, auf und ab, tagaus, tagein – seit sie sechs Jahre zählte. Und nun war sie eine junge Frau. Eine junge Frau … als ob das hier etwas bedeuten würde! Die Götter wussten es, manchmal vergaß sie schon, wer sie war. Manchmal war sie wirklich nur eine Novizin des Mondtempels, nichts als ein weiteres blasses Gesicht in der langen Abfolge blasser Gesichter, die in den Steinhallen ihr Leben wegatmeten. Aber wann immer ein Besucher kam, der ein königlicher Gesandter sein könnte, lichtete sich der Staub der Stunden, und sie erinnerte sich, dass sie einst, in einem anderen Leben, die erstgeborene Tochter König Sagamenons gewesen war, Prinzessin von Ivenhall. Weggesperrt von ihrem Vater, nachdem ihre Mutter verschwunden war.

Es klang für sie beinah schon wie ein Märchen.

Dann aber hielt sich Kanemô doch nicht an den Befehl der Priesterin Silan. Nach einem Moment gab sie vor, den Abort aufsuchen zu müssen, und verließ die Kammer.

„Lass dich nicht erwischen!“, rief Letanna ihr leise nach, der man nichts vormachen konnte.

Kanemô schnitt eine Grimasse, salutierte aber, wie um den Befehl der Novizin entgegenzunehmen.

Der Tempel war vor Jahrhunderten in die Felsen gehauen worden. Es gab viele Säulengänge und wenige Türen und jedes Geräusch hallte weit. Deshalb hatte Kanemô gelernt, sich lautlos zu bewegen. Ihre Röcke und den violetten leichten Wollschleier einer Novizin gerafft, schlich sie eine Treppe hinab, durch einen Flur und schob sich dort in eine Nische im Gestein, von der aus sie zu der von Salz weiß verkrusteten Eingangshalle spähen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Die Eingangshalle war jetzt trocken, denn es herrschte Ebbe. Bei Flut spülte das Meer herein. An einem der beiden Altäre, deren Flammen nie verlöschen durften, hatten sich vier Priesterinnen versammelt. Sie waren schwarz verschleiert, wie es sich vor Fremden geziemte. Nur ihre mit Silbergeschmeiden geschmückten Hände waren entblößt. Doch Kanemô erkannte sie alle an ihrer Haltung. Silan war unter ihnen und außerdem die alte Hohepriesterin Madurahan.

Der Besucher nahm die Kapuze ab und verbeugte sich vor den Frauen. Sein Oberkörper wirkte kräftig, aber ungewöhnlich kurz; überhaupt war er klein, kaum größer als ein zwölfjähriges Kind, trotz der geschwungenen Absätze seiner Samtschuhe, die die Spuren einer langen Wanderschaft zeigten. Er hatte kinnlanges, farblos wirkendes Haar, das ihm in feinen, feuchten Strähnen am Schädel klebte. Kanemô hätte sein Alter nicht schätzen können, denn er war hässlich – anders konnte sein breites, kinnloses Gesicht mit den wulstigen Lippen und schweren, merkwürdig hervortretenden Augen nicht genannt werden. Schönheit mochte welken, Hässlichkeit verwandelte sich mit der Zeit auf unvorhersehbare Weise, verschwamm und verdichtete sich und blieb doch immer, was sie war. So wirkte der Mann weder jung noch alt.

Er begann zu reden, doch der Wind fegte durch die Halle und löschte die Worte für Kanemô aus. Schließlich wies die Hohepriesterin Madurahan in die Richtung des Kaminzimmers, in der sie üblicherweise Gespräche führte, und der Mann und die Priesterinnen setzten sich in Bewegung.

Kanemô folgte ihnen durch die Halle. Am Ende eines gekrümmten Flurs schimmerte Licht durch die Ritzen der Steintür. Kanemô musste direkt davortreten, um etwas zu hören, denn auch hier heulte der Wind wie überall im Tempel.

„… unvorbereitet, weil es so etwas noch nie gegeben hat. Wer hätte je einen Aufstand von Bauern erwartet, der zum Erfolg führt“, sagte der Mann. Er hatte eine erstaunlich tiefe, aber gequetscht wirkende Stimme, als könne die Luft nicht ganz aus seinen Lungen entweichen. Kanemô hörte ihn schlürfen. Die Priesterinnen hatten ihm offenbar einen wärmenden Trunk gereicht. Endlich fuhr er fort: „Aber es waren nicht nur Bauern. An ihrer Seite haben Elfen von Madgar Yhs gekämpft. Sie haben aus den wilden Horden Soldaten gemacht. Sie haben ein Heer zusammengestellt und einen Eroberungsplan geschmiedet. So wurde das Großreich eingenommen.“

„Also war es gar kein Krieg von Menschen gegen Menschen, sondern ein Eroberungszug der Hohen Elfen?“, fragte die Hohepriesterin Madurahan so ruhig zurück, als unterhielten sie sich über das Wetter.

„Beides“, antwortete der Mann. Er seufzte. „Das Resultat ist jedenfalls dasselbe. Ivenhall ist an die Barbaren gefallen. Unser König, seine Söhne und Ritter sind tot. Es war reines Glück, dass ich aus dem Palast entkommen konnte, ehe die Rebellen auch mich niederstreckten.“

Kanemô wankte. Ivenhall ist an die Barbaren gefallen. Unser König … tot. Und seine Söhne … Sie hatte nicht gewusst, dass sie Halbbrüder gehabt hatte. Sie mussten jünger als zehn gewesen sein. Und nun waren sie tot.

Kanemô hätte an den Fingern einer Hand abzählen können, wie oft in ihrem Leben sie ihrem Vater begegnet war. Es fiel ihr schwer, um einen Mann zu trauern, den sie kaum gekannt und vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Doch ihr schauderte bei der Vorstellung, dass König Sagamenon, direkter Nachkomme von Ivendir dem Großen, dem Zerbrecher der Berge und erstem Zauberkönig von Ivenhall, von Aufständischen besiegt worden war. Sie sah ihren Vater in seiner Königshalle auf dem Thron sitzen, prachtvoll im Licht der bunten Glasfenster und dem funkelnden Zierwerk aus Kristall, Silber und Gold, umgeben von seinen Rittern, zu seinen Füßen drei Werkatzen mit goldenem Fell und grünen Augen und hinter sich, im Schatten, ein schlummernder Drache. Sagamenon mochte selbst nie einen Drachen erschaffen haben, aber ihr war er dennoch mächtig vorgekommen. Sie konnte nicht glauben, dass der König, der Bestien aus dem Zauberkessel steigen ließ, der über das Leben und den Tod seiner Untertanen bestimmte und der sie, seine Tochter, mit einem Wort aus der Verbannung im abgeschiedenen Mondtempel hätte zurückholen können, besiegt worden war.

Besiegt von Bauern … und dem Elfenvolk.

„Wissen die Rebellen, dass die Prinzessin hier ist?“, fragte die Hohepriesterin.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es herausfinden. Der Anführer der Rebellen genießt zwar die Unterstützung einiger Fürsten, aber die übrigen bekriegen ihn. Er wird sich erinnern, dass derjenige, der die Prinzessin ehelicht, nach dem Gesetz rechtmäßiger König von Ivenhall ist. So könnte er die Fürstentümer ohne Krieg unter sich vereinen. Und noch viel wichtiger: Der Prinzessin und allen Kindern, die sie gebiert, würden die Bestien gehorchen, die die Könige von Ivenhall bisher unbesiegbar machten …“

Draußen schien das aufgewühlte Meer heftiger gegen die Felswände des Tempels zu krachen, aber das konnte Kanemô nicht darüber hinwegtäuschen, was sie gehört hatte.

„Ich dachte, die Rebellen wollen das Königreich zerstören?“, sagte Madurahan ungerührt. „Haben sie nicht für die Unabhängigkeit der Territorien gekämpft? Wieso sollte der Rebellenführer jetzt König werden wollen?“

Der Mann lachte. Es klang wie das Unken einer Kröte. „Eine Rebellion hört nicht auf, nur weil sie ihr Ziel erreicht hat – im Gegenteil. Die Territorien mögen zwar für ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, aber tatsächlich sind sie unter ihrem Rebellenführer geeinter denn je. Er wird den Thron besteigen. Das ist so sicher wie der Wechsel der Jahreszeiten. – Wo wir von Jahreszeiten sprechen: Könnte ich noch eine Tasse Eurer köstlichen Wintermilch bekommen? Ich habe tagelang im Freien geschlafen mit nichts als meinem Umhang. Es ist ein Wunder, dass ich nicht erfroren bin.“

„Ihr hattet Glück, dass es in diesem Herbst wenig Regen gibt“, sagte Silan.

Eine Weile hörte Kanemô nichts als Schlürfen.

„Wohin wollt Ihr die Prinzessin bringen?“, fragte die Hohepriesterin.

„Es ist besser, wenn Ihr das nicht wisst.“

Das Klirren von Armreifen erklang. Madurahan musste näher an den Mann herangetreten sein. „Wir Priesterinnen bewahren die Mysterien des Mondes. Da werden wir die Geheimnisse von Sterblichen wohl ebenfalls für uns behalten können.“ Leiser fuhr sie fort: „Ich habe das Mädchen zehn Jahre lang gehütet, ohne dass ihr ein Haar gekrümmt wurde. Ohne dass irgendjemand darauf gekommen wäre, dass sie hier ist. Ich habe dem König von Ivenhall einen Schwur geleistet, den ich halten werde, auch wenn der König tot ist.“ Sie hielt inne und wieder klapperte ihr Schmuck. „Der Brief sieht echt aus. Ich erkenne die Handschrift und das Siegel des Königs. Ich werde Euch die Prinzessin überantworten wie befohlen. Aber Ihr werdet mir sagen, wohin sie gebracht wird.“

Schweigen. Schließlich erwiderte der Gesandte: „König Sagamenon hat mich beauftragt, die Prinzessin zu Fürst Korigan zu bringen. Die Festung von Ofeha ist noch nie eingenommen worden, und wenn einer der Söhne Korigans die Prinzessin ehelicht, könnte die königliche Linie von Ivenhall bewahrt werden. Leider ist es im Moment unmöglich, Ofeha zu erreichen. Die Festung wird von den Rebellen und den Hohen Elfen belagert. Bis es einen sicheren Weg gibt, die Prinzessin nach Ofeha zu bringen, wird sie in einem Versteck in den Sümpfen bleiben.“

Kanemô schloss die Augen. Dass sie den Mondtempel endlich, endlich doch noch verlassen würde … nur um in ein Versteck in den Sümpfen gebracht zu werden!

„Wie viel Zeit bleibt, bis die Rebellen hier auftauchen?“, fragte Madurahan.

„Gar keine. Sosehr ich mich nach einem Bett sehne, ich kann nicht verantworten, auch nur eine einzige Nacht zu bleiben. Ich bin froh, dass die Rebellen nicht schon vor mir hier eingetroffen sind“, sagte der Gesandte.

Kanemô wich zurück. Gleich würde sich die Tür öffnen … Sie drehte sich um und eilte ins Höhlenzimmer, wo Perasia und Letanna mit Neugier auf sie warteten.

„Und?“, fragte Perasia, die jüngere der beiden. „Wer ist der Mann?“

„Was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen“, bemerkte Letanna.

Kanemô konnte nichts erwidern. Sie konnte kaum schlucken. Sie sank vor ihren Webstuhl und betrachtete die Fäden. Starrte auf die Leere dazwischen, die sie nicht mehr ausfüllen würde. Jetzt nicht mehr.

„Was ist denn los?“, bohrte Perasia nach, stand auf und fasste sie an der Schulter.

Da trat auch schon Silan ein, den Schleier zurückgeschlagen. Mit einem einzigen Blick schien sie zu begreifen, was los war. Ihr Ausdruck wirkte jedoch nicht so sehr erzürnt als vielmehr besorgt.

„Komm, mein Kind“, sagte sie.

Kanemô wollte sich von Perasia und Letanna verabschieden, sie wenigstens ein letztes Mal ansehen, aber Tränen ließen alles verschwimmen. Perasias Hand glitt von ihrer Schulter und Kanemô folgte der Priesterin ohne ein Wort.

Der Gesandte war nicht mehr im Kaminzimmer, als Kanemô eintrat – nur die Hohepriesterin saß am Feuer, ihr von schweren Entscheidungen zerfurchtes Gesicht entblößt, da sie unter sich waren.

„Sie hat gelauscht und weiß schon alles“, sagte Silan.

Kanemô machte sich nicht die Mühe, es abzustreiten.

Die Hohepriesterin nickte. Es würde keine Bestrafung geben – nie wieder.

„Setz dich zu mir“, sagte Madurahan.

Kanemô nahm auf einem der mit Schafsfell bespannten Stühle Platz. Sie sahen sich an. Nahmen im Stillen Abschied voneinander.

„Ich habe dich, wie jede unserer Novizinnen, gelehrt zu vergessen, wer du vor dem Eintritt in unsere Schwesternschaft warst.“ Madurahans schwarze Augen schienen nicht in Kanemô zu forschen, wie sonst so oft. Sie wirkten weit und tief wie das Meer, wenn es in einer ruhigen Nacht den Himmel spiegelte. „Zu vergessen, ist eine höhere Kunst, als sich Dinge zu merken. Doch wie eine Welle, die ankommt und sich wieder zurückzieht, sind Vergessen und Erinnern Bewegungen ein und derselben Weisheit. Du hast in deinen jungen Jahren bereits zwei Leben gelebt, Kanemô, mein Kind. Und ein drittes wird folgen. So wollen es die Götter. Vergiss, was nötig ist, und erinnere dich, wenn die Zeit reif ist. Und dann denke daran, dass alles, was geschieht, nur eine Bewegung ein und desselben Herzens ist, das in deiner Brust schlägt.“

Kanemô fielen Tränen aus den Augen und versickerten zwischen ihren Fäusten im Schoß. „Was wird aus Euch, wenn …?“

Madurahan lachte – tiefe, brummige Laute, die ihre Brust zum Beben brachten. „Aus uns wird, was die Götter für uns vorgesehen haben. Ängstlich zu sein, ist die Wurzel des Bösen, die man sich ausreißen muss.“

Mit einem Schlag auf die Armlehnen erhob sich die Hohepriesterin, öffnete eine Schatulle auf dem Kaminsims und legte den Inhalt in Kanemôs Hände. Es war das goldene Diadem, das Kanemô beim Eintritt in den Tempel getragen hatte. Es passte ihr bestimmt nicht mehr, aber die Saphire und Rubine und der goldene Drachenkopf, das Wappentier des Hauses Ivenhall, glänzten prachtvoll wie eh und je.

„Reiß dir die Angst aus!“, mahnte Madurahan. „Du musst Mut haben. Immerhin fließt in dir das Blut von Drachenmachern.“

geschrieben von Jenny-Mai Nuyen - Veröffentlicht in Blog

Kommentare

24 thoughts on “Kalt wie Schnee, hart wie Eisen

  1. Whoa! Wie konnte mir das entgehen? Jetzt erst bin ich wieder einmal auf deinen Blog gestoßen und sehe, wie viel ich schon wieder verpasst habe. Nun weiß ich zumindest, wie ich mir nächste Woche die Zeit vertreiben werde.
    Ich war wohl nicht die einzige hier, die sich in alte Zeiten zurückversetzt gefühlt hat … es ist wirklich ein bisschen wie heimkommen. :-)
    Der Kessel hat bei mir direkt Fragen aufgeworfen. Warum kann nicht jeder etwas daraus erschaffen? Woran liegt es, dass der König keine Drachen schaffen kann? Hängt es mit den Drachen selbst zusammen – oder mit ihm? Liegt es am “Schöpfer”, vielleicht an seiner Einstellung, seinem Wesen? Spannend!
    Beeindruckt war ich davon, wie plastisch der Tempel und seine Bewohnerinnen beschrieben waren. Obwohl wir nur ganz kurz an diesem Ort verweilen durften, konnte ich mir alles dort sehr genau vorstellen. Die Hohepriesterin fand ich sympathisch und ich hoffe, dass Kanemô mit ihren Befürchtungen Unrecht behält.
    Ich bin sehr gespannt auf den weiteren Verlauf der Geschichte und freue mich schon darauf, das Buch im Herbst in den Händen zu halten! :-)

    1. Liebe Marlene,
      es freut mich, dass du noch hierher gefunden hast! Und nächste Woche werden ja 5 Bücher verlost, vielleicht musst du also gar nicht lange warten. Und selbst wenn du nicht gewinnst, der Roman ist vor ein paar Tagen schon erschienen.
      Im Herbst kommt dann noch ein anderer Roman raus … über Drachen. Zu dem wird es auch wieder eine Vorab-Leseaktion hier auf dem Blog geben (mit Verlosung!)

      :)

  2. Jetzt bin ich auch mal hier gelandet und habe in den Zeilen des neuen Romanes gestöbert. Wie immer finde ich, dass dein Schreibstil einen sofort in den Bann zieht. Man ist irgendwie “mitten drin”. Drachen sind zudem meine liebsten Fabelwesen, weshalb mich die Geschichte thematisch besonders anspricht. Dann noch in Kombi mit Elfen – perfekt!!

    Den Auftakt der Geschichte finde ich super spannend, fast schon dramatisch irgendwie, und auch emotional. Suuuper viel Potenzial, was sich da in den kommenden Kapiteln entwickeln kann. Auf Kanemôs Reise bin ich sehr gespannt und werde direkt weiter lesen! :D Die Neugierde ist auf jeden Fall geweckt.

  3. Yes. Diese Sonntags-Kapitel bringen schöne Erinnerungen an Nacht ohne Namen. Dieses gemeinsame Entdecken einer Welt, gemeinsam mit anderen Entdeckern und ihrem Schöpfer (also dir), das hatte schon was. Diesmal ist das Buch aber schon druckreif, oder? Feedback wird also nicht einfließen. Ist aber auch unwichtig. Das Spannende war eigentlich nicht das Verbessern (was überhaupt nie nötig war) sondern das gemeinsame Erleben.

    Ich weiß, dass es auch Foren gibt, die das bei fertigen Büchern organisieren wollen. Aber als extrem langsamer Leser verpasse ich da immer den Anschluss. In solch kleinen Häppchen geht das besser ;-)

    Nun zum Inhalt: Wow, fängt schon mal richtig vielversprechend an. Eine ganz neue Welt, mit ganz eigenen Regeln. Und vielen spannenden Fragen: werden im Kessel die Figuren erst erschaffen? Oder nur hergebracht? Dass sie nicht ganz freiwillig da sind, und dem König auch nicht ganz freiwillig dienen, te diere ich zu zweiterem…

    Auf Kanemôs Entwicklung bin ich wirklich sehr gespannt. Besonders die „ohne Herz“ Idee (und damit ist sicher nicht die physische Blutpumpe gemeint), finde ich faszinierend. Ein Mensch ohne Emotionen. Muss der schlecht sein? Nicht unbedingt. Kann er sogar besser sein, da nicht von Emotionen verwirrt? Naja, auch nicht unbedingt. Da sind im Grunde viele Wege denkbar. Das wird auf jeden Fall interessant!

    P.S.. Ich hatte dir mal ein sehr langes Feedback zum letzten Roman via Facebook Messanger geschickt, aber ich glaube, den hast du vermutlich nie erhalten, oder?

    1. Hallo Luc!

      Ehmmmmm … Jetzt ist offenbar der Moment gekommen, in dem ich gestehen muss, dass ich praktisch NIE auf Facebook bin und mein Postfach dort seit JAHREN ignoriere. Ich weiß wirklich nicht, wie Leute es schaffen, nach Facebook süchtig zu werden. Ich hab’s echt versucht. Aber ich finde es überfordernd und unübersichtlich und krieg Schnappatmung. Also nein, ich habe dein langes Feedback nie gelesen. Zu welchem Roman war es denn? Tut mir leid, dass es so sang- und klanglos im Nichts versandet ist. Ok, ich raffe mich auf und schau nach!

      1. Ach, kein Stress, du kannst das auch einfach hier nachlesen, wenn du willst: https://www.amazon.de/gp/customer-reviews/R3JZIPEDOTRW14/

        Auf welche Art und Weise würdest du denn z.B. später ein Feedback vorziehen, wenn ich irgendwann in ferner Zukunft “Kalt wie Schnee, hart wie Eisen” durch habe? Via E-Mail an post@jennymainuyen.de?

        Oder lieber gar nicht? Denn das Feedback wird dann vermutlich eh zu einem Zeitpunkt kommen, wo du schon an deinem nächsten Buch tüftelst und dieses Buch gar nicht mehr magst ;-)

  4. Ich finde toll, dass Du, Jenny, jede Woche ein Kapitel veröffentlichen willst. Habe schon darauf gewartet und extra darauf geachtet, dass ich es nicht verpasse.
    Der Prolog und das erste Kapitel klingen schon mal seeeehr viel versprechend.
    Mein Interesse liegt im Moment bei Kanemó (da bin ich sicherlich nicht alleine…;) ), da sie nicht ein zu ordnen ist und auf mich ein bisschen wie ein Antiheld wirkt- also in der Buchbeschreibung sowie laut dem Titel- das ist natürlich meine Vermutung, dass der Titel auf ihren Charakter/ Konflikt/ Schicksal hinweist. Wiederum im ersten Kapitel bzw. Prolog wirkt sie ängstlich, vorsichtig und emotional. Das könnte in alle Richtungen gehen- von Dramasuchende oder hoffnungslose Kriegerin.
    Ich bin gespannt und freue mich, Dein Buch bald in Händen zu halten.
    Alles Liebe und danke für Deine phantastischem Welten!
    Lieben Gruß aus Wien
    Angela von der Wiese

    1. Liebe Angela,

      ich freue mich, dass du mitliest! Und hach, darf ich jetzt spoilern oder muss ich mich zurückhalten? Vorsichtig gesagt: Deine Vorahnung, was Kanemô betrifft, ist wahrscheinlich nicht ganz unrichtig. :) Ich wollte an ihr nachverfolgen, wie schmerzliche Umstände jemanden zu einer schlechten Entscheidung bringen können, und ob es möglich ist, diese schlechte Entscheidung irgendwann wieder rückgängig zu machen, selbst wenn sie wirklich fatal war – und wenn ja, wie. Puh, ich habe mich sehr bemüht, diesen Spoiler so abstrakt wie möglich zu halten!
      :D Ich bin gespannt, was du zu den nächsten Abschnitten sagst, und ob es dir weiterhin gefallen wird!

  5. Toll :) Ich bin wirklich gespannt wie es weitergeht. Ich habe schon seit ein paar Wochen das Bedürfnis mal wieder ein fantastischeres Buch zu lesen und die Leseprobe hat mich direkt wieder um ein paar Jahre zurück versetzt, als ich deine Bücher verschlungen habe.
    Ich fand den Blick der Prinzessin auf ihren Vater sehr faszinierend geschrieben. Und es interessiert mich sehr, was mit der Mutter geschehen ist und warum sie verschwunden ist. Außerdem möchte ich natürlich unbedingt herausfinden, ob noch weitere Wesen aus dem Kessel steigen werden und ob wieder neue Drachen beschworen werden können. Ich finde die Idee sehr spannend, dass die Drachen nicht einfach schon in dieser Welt leben, sondern von Menschen in sie geholt werden. Das bildet für mich einen interessanten Gegensatz dazu, dass sie in vielen Fantasy Büchern diese weisen alten Wesen sind, die seit jeher da waren und denen von den Menschen der Lebensraum gestohlen wird. Hier werden sie ja (so wie ich das verstanden habe) aus einer anderen Welt geholt, um den Königen zu dienen. Das ist ein Ansatz, den ich so noch nicht gelesen habe und der mich darum auch sehr fasziniert.
    Ich freue mich auf jeden Fall darauf bald das ganze Buch zu lesen!

    1. Das freut mich! Und ja, ich wollte mit dem Kessel und den Bestien eigentlich nur veranschaulichen, was der menschliche Geist in die Welt bringen kann – und wie diese Bestien vererbt werden. Alles ein bisschen psychoanalytisch aufgeladen, fürchte ich ^^
      Aber nach langer Zeit zu Fantasy zurückzukehren kenne ich, das ist ein ganz besonderes Gefühl des Heimkommens.

  6. Liebe Jenny,

    Auch mich weht ein back to the roots feeling an, was ich sehr begrüße. Ich habe dich schließlich so kennen und lieben gelernt! Ich mag die Welt voller mystischer Wesen sehr sehr gerne. Heimisch ist auch ein Wort, dass mir sofort in den Sinn gekommen ist.
    Das erste Kapitel empfand ich als sehr griffig und es macht hungrig. Hungrig auf die Geheimnisse, die sich hinter den Seiten verbergen. Ich freu mich auf nächste Woche!

    1. Hallo “Lizzy”! :)
      Schön, dich wieder zu lesen. Ich bin auch gespannt, wie die Geschichte dir im weiteren Verlauf noch gefallen wird!

  7. Ohhh haaa! Gänsehaut!
    Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, aber mein Gefühl sagt mir: Das hat sich angefühlt wie nach Hause kommen <3 Die Zeilen haben mich irgendwie direkt in meine Jugend versetzt, als ich Ihre Bücher für mich entdeckt habe. Ihren Schreibstil würde ich immer schon als roh und philosophisch beschreiben. Nichts wird beschönigt und jedes Wort hat einen ganz bestimmten Stelle an der es seine Wirkung entfalten kann.
    Dazu gibt es dann auch endlich wieder Drachen! Seit ein paar Monaten schon habe ich unheimliche Lust, wieder mal eine Geschichte mit Drachen zu lesen und ich hoffe, dass noch ein paar neue Drachen dazu kommen werden. Generell ist es ein spannender Ansatz, dass diese "magischen Wesen" von jemanden erschaffen werden müssen. Der Satz der mir am meisten im Gedächtnis blieb war: "Auch der König starrte voller Hass auf den Palast, als sei es die Schuld der Königin – die Schuld seiner kleinen Tochter –, dass er wieder keinen Drachen hatte erschaffen können." Gerade mit dieser Betonung auf Kanemô, frage ich mich was ihr Geheimnis ist. Es steckt auf jeden Fall viel mehr dahinter! Ich fand auch den Ton sehr schön, im Prolog waren die Beschreibungen noch recht kindlich und einfach während man im ersten Kapitel gemerkt hat wie sie zu einer jungen Frau wurde. Aber am meisten interessiert es mich wie sich ihre Perspektive anhört sobald sie ihr Herz verloren hat!
    Ich bin schon fürchterlich gespannt darauf wie es weiter geht 💕

    1. Liebe Kathrin,
      danke für dein liebes Feedback! Ja, Kanemô nach dem Verlust ihres Herzens war eine echte Herausforderung. Eine Hauptfigur, die nichts empfindet, ist nicht leicht zu beschreiben. Das war ein echtes Wagnis – und in gewisser Weise auch eine Zumutung an die Leser. Aber ich hoffe, dass es funktioniert …
      Ich bin gespannt, was du von der herzlosen Kanemô halten wirst!

  8. Bin sehr gespannt auf die nächsten Kapitel/Leseproben, dieses Kapitel + die Beschreibung des Buches macht auf mich bisher den Eindruck als erwartet uns ein Drachentor/Nijura Mix bei dem Kanemô etwas wie Ardhes x Arane wirkt, freue mich sehr darauf:)

    Habe seit Feenlicht keines der Bücher mehr gelesen (hatte damit aber nichts zutun), aber immer wieder den Blog verfolgt und das erste Kapitel fühlt sich schon wieder „heimisch“ an.

    1. Das freut mich! Und ja, vom Gefühl her war dieser Roman tatsächlich eine Rückkehr in meine Jugend, die Ähnlichkeit zu Nijura und Drachentor ist also nicht zu bestreiten ^^

  9. Okay, wow! Viel mehr fällt mir im ersten Moment nicht ein, um meinen ersten Eindruck darzulegen. Dieser Anfang einer mit Sicherheit ereignisreichen Reise voller Wendepunkte erinnert mich doch sehr an deine ersten Romane. Und das finde ich ausgesprochen gut.
    Ich weiß noch, wie ich damals über deinen ersten Roman förmlich gestolpert und ihn aus einem glücklichen Impuls heraus gekauft habe. Solche Erinnerungen werden gerade wieder geweckt und dafür danke ich dir!

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich eigentlich kein Freund von Drachengeschichten bin. Aber dein Ansatz spricht mich als „Philosophen“ an. Die Idee, dass Drachen von Menschen gemachte Bestien sind, finde ich rundheraus genial. Meine Fantasie wird angeregt, ich frage mich nun so einige Dinge, auf die ich hoffentlich im Verlauf der Geschichte noch nähere Antworten oder Anregungen für eigene Gedanken erhalte:
    – Woher kommt der gewundene Kessel? Es wird von einer Zauberei gesprochen, die die Berge borsten ließ: Woher kam auch diese und warum ließ sie den Kessel sich in der Welt materialisieren? Man bekommt den Eindruck, dass es sich dabei um eine Art Tür oder Tor handelt, für die oder für das man durch die Vermischung bestimmter Ingredienzien den Schlüssel erhält. An zwei Stellen gibt es Hinweise darauf, dass diese Wesen entweder in einer anderen Welt leben oder aber eigentlich überhaupt nie hätten existieren dürfen (Ich finde die erste Variante um einiges romantischer, da sie einen Dualismus anspricht, der mir in diesem Fall sehr gut gefällt). Über den Drachen wird gesagt, dass er mit seinem gelben Auge „auf jene Welt [blickt], in die er nie gehört hatte.“ Bei der Werkatze wird es noch deutlicher, wenn gesagt wird, „dass sie nicht freiwillig in diese Welt gekommen war.“
    – Eine zweite Frage, die mich umtreibt, ist der Umstand, dass alle geschaffenen Bestien – sofern ich es richtig verstanden habe – allein dem Königsgeschlecht gehorchen. Das muss bedeuten, dass diese Familie es als erste (oder einzige?) irgendwie hinbekommen haben muss, den Kessel zu verwenden. Aber wie können die Bestien dann wissen, wer königlichen Geblüts ist (Sind sie womöglich nur deswegen überhaupt königlich?).

    Zum Schluss möchte ich noch kurz mein Gefallen an der Figur der Hohepriesterin Madurahan zum Ausdruck bringen: Dir ist es auf wunderbare Weise gelungen, in ihre Worte wirklich so viel Weisheit zu legen – eben genau so, wie man es sich vorstellt! Mein Lieblingssatz von ihr, da er mich persönlich (leider) zu sehr anspricht, ist schlicht: „Ängstlich zu sein, ist die Wurzel des Bösen, die man sich ausreißen muss.“

    1. Lieber Kevin,
      danke für deine lange Rückmeldung!
      Zum Kessel: Die Tatsache, dass Dinge existieren – und auch auf mindestens zwei verschiedenen Ebenen, die wir wahrnehmen, der geistigen und der körperlichen – ist das Wunder, das im Kern jedes philosophischen Staunens liegt, oder? Der Kessel stand für mich für die Schöpferkraft, die wir alle haben, ohne dass es je dieselbe wäre. Jeder kann sozusagen aus seinem eigenen Gefäß (oder Portal?) seine Bestien ziehen, und oft werden diese Schöpferkräfte (oder Dämonen) vererbt. Vor allem um die vererbten Bestien und vererbten Schöpfergaben ging es mir in dieser Geschichte.
      Zu Drachen: Ich muss gestehen, dass ich auch nicht per se auf Drachen abfahre! Aber irgendwie komme ich immer wieder zu ihnen zurück, weil sie für so vieles stehen können. In diesem Jahr kommt sogar noch ein weiterer Drachenroman von mir raus … In dem stehen die Drachen für die Tech-Giganten unserer Zeit, Amazon und Google und Facebook. :D
      Und was Madurahan da rät, muss ich mir leider auch viel zu oft in Erinnerung rufen…

      1. Liebe Jenny,

        ja, Drachen üben eine geheimnisvolle Faszination aus – wie kaum ein anderes Fabelwesen. Als Kind war ich immer sehr angetan von einer Drachengeschichte, die sich um einen inaktiven Vulkan in meiner Heimatstadt dreht. Leider bekomme ich die Geschichte nicht mehr zusammen.

        Was mich neben dem Abtauchen in deine Welten jedes Mal aufs Neue begeistert, sind die vielen vorrangig philosophischen Gedanken, die ich aus deinen Geschichten ziehen kann.
        In deiner Beschreibung kommt dem Kessel eine metaphorische Bedeutung zu, die sich auf nahezu jedes einzelne Leben beziehen lässt. Ich verstehe diesen Ansatz jetzt so, dass wir selbst in einem gewissen Rahmen Herr darüber sind, was wir mit unseren Veranlagungen anfangen können. Der Begriff „Dämon“ hat dabei natürlich eine sehr negative Konnotation, gleichwohl ein Dämon zunächst rein etymologisch lediglich ein Geist ist.

        Gespannt bin ich nun darauf, wie mein philosophisches Staunen weiter angeregt wird – und wie sich die „Dämonen“ weiter auf das Leben von Kanemô auswirken werden.

        (Dein anderer Drachen-Roman klingt jetzt natürlich ebenso spannend! Habe ich schon erwähnt, dass ich viel zu neugierig bin?)

        1. :D Ich muss gestehen, dass mich die Drachen im anderen Drachenroman sogar noch mehr interessiert haben und mehr Bedeutung haben als hier. Mist, darf ich das zugeben? Es ist jedenfalls so. “Kalt wie Schnee..:” fühlte sich mehr wie eine psychologische Rückschau an, der andere Drachenroman ist irgendwie älter und gegenwärtiger, vielleicht auch weniger psychologisch als politisch im weitesten Sinne. Na ja, der Roman heißt auch “Das Zeitalter der Drachen”, also die unsterblichen Überwesen sind Programm ^^

          1. Du darfst natürlich gerne immer alles zugeben. Vom ersten Eindruck spricht mich das Psychologische ja immer mehr an, weil ich mich aus politischen Diskursen gerne so weit wie möglich raushalte; aber dann habe ich jetzt ja einen Grund, mich damit anzufreunden. ;-)

            1. Geht mir genauso! Deshalb darf ich das ja eigentlich gar nicht so offen hinschreiben. Bücher mit politischer Intention sind meistens grässlich, oder besser gesagt, Bücher von Autoren, die über politische Intentionen reden, sind meistens grässlich. Aber ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass “Zeitalter der Drachen” für mich mehr ein Spaßprojekt war als eine verlängerte Unihausarbeit, deshalb habe ich Hoffnung, dass das Buch lesbar ist. ^^

              1. Da sind wir uns auf jeden Fall einig!

                Und zum anderen: Das Buch wird auf jeden Fall lesbar sein. Wäre es nicht der Fall, hättest du es nicht geschrieben. Solange du Spaß beim Schreiben hattest, wird es mit Sicherheit gut geworden sein.

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