19. November 2012

Das Märchen vom Wind

Heute morgen bin ich mit der Idee und der Melodie dieser Geschichte aufgewacht, ich habe sie so aufgeschrieben, wie sie mir aus dem Schlaf kam:

 

In der großen Stadt kam ein Sohn zur Welt

Sohn von Eltern so reich, wie es wenige schaffen

Sie fühlten sich wichtig, denn es war so viel Geld

So viel Geld kam von den Ölgeschäften.

Der Sohn wuchs auf bei bezahlten Leuten

Bei Müttern und Lehrern und Fahrern zuhauf

Seltener sah er die Eltern und Kinder

Auf die nicht dasselbe Schicksal zutraf.

Mit elf oder zwölf begann er zu schreiben

Denn Schreiben bekämpft die Einsamkeit

Und er schrieb über große Abenteuerreisen

Mit Menschen, die er liebte, und die es nicht gab.

Er schrieb eines Nachts am offenen Fenster

Er schrieb und schrieb und schlief dabei ein.

Ein frecher Wind stahl sich durch das Fenster

Und blies die Seiten, zwei, fünf, zwölf, hinaus.

In der ersten Stunde des neuen Tages

Es war noch zu früh für Sonnenlicht,

da kam ein Mädchen müde des Weges

ein Mädchen, so arm, dass es gewöhnlich ist.

Im Dämmerlicht sah sie die blassen Papiere

Und staunte nicht schlecht, als sie da las

Von Kriegern und Zaubern und magischen Tieren

In charmant gekrakelter Jungenschrift.

Sie blickte hinauf zum offenen Fenster

Und sah den Jungen schlafend am Tisch.

Da ging ihr ein Windstoß warm durch die Seele

Der schlafende Junge, ihr schien er so hübsch.

Sie versuchte vergeblich, ihn wach zu rufen

Und hatte im Grunde auch gar keine Zeit

Da legte sie die Papiere behutsam

Durchs Eisengitter ins Rosenbeet.

Auf die letzte Seite hatte sie nach kurzem Zögern

Schließlich noch zwei Sätze notiert:

Deine Geschichte ist wirklich wunderschön!

Zu gern würd ich wissen, wie es weitergeht.

Der Jung erwachte zu später Stunde

Und erschrak, als er merkte, dass etwas fehlt

Man muss sich vorstellen, wie er sich wunderte,

als er die Blätter im Rosenbeet fand

mit der kleinen Notiz in schwungvollen Lettern

eindeutig geschrieben von Mädchenhand.

Schicksal!, dachte er, das war mehr als das Wetter

Dieser Wind hat mein Leben letzte Nacht bestimmt.

Vor Aufregung schwindelig schrieb er weiter

Und flocht seine Neugier ins Geschehen mit ein

Und legte die Blätter ins Rosenbeet nieder

Und wartete ab, bis der Morgen kam.

In der ersten Stunde des neuen Tages

Lief das Mädchen die Straße hinauf

Sie war schon erschöpft vom langen Schulmarsch

Und müde von Arbeit und wenig Schlaf.

Doch sie freute sich sehr über die Papiere

Und griff sie sich durch den Eisenzaun

Und verschlang die Geschichte mit großer Freude

Und blickte schließlich zum Fenster hinauf.

Der Junge stand dort, wie vom Donner gerührt

Und hatte sie die ganze Zeit gesehn.

Nie hatte er solche Wärme verspürt

Das Mädchen da unten, es war so schön.

Sie hob die Hand und winkte ihm schüchtern

Und er spürte blass, wie er dasselbe tat

Dann schrieb sie ihm erneut eine Nachricht

Auf die freie Rückseite des letzten Blatts:

Bitte schreib weiter, bitte schreib mir wieder!

Der Junge las das sicher hundertmal

Zwischendurch, beim Schreiben, für sie am Schreiben

Und über sie schreibend, in Märchengestalt.

So kam es, dass er ihr jeden Morgen

Die Fortsetzung seiner Geschichte gab

Und es brauchte nicht lange, da ging es um Liebe

In dem Märchen und ihrer Gegenwart.

Drei Jahre blieb es so zwischen beiden

Und sie liebten sich heimlich und wussten es

Und warteten still aufs Erwachsenwerden

Um endlich frei und zusammen zu sein.

Doch das Mädchen war arm, man darf nicht vergessen!

Zu arm, um weiter zur Schule zu gehn

Die Eltern baten sie, Geld zu verdienen

Der Hunger drohte, man kam nicht umhin.

Sie war nun beteiligt als Arbeiterin

Am mächtigen, wichtigen Ölgeschäft

Und verbrachte täglich zwölf Stunden

An Maschinen und fühlte sich wie in Haft.

Nur einmal die Woche war es ihr möglich

Die Blätter zu heben aus dem Rosenbeet

Mit schwarz gewordenen, traurigen Händen

Und sie murmelte das Märchen wie ein Gebet.

Der Junge litt mehr als das Mädchen

An ihrer Armut, als er sie sah

Und er wusste, dass alles in seiner Umgebung

Mit ihrem Leben bezahlt worden war.

Aus Wut und Verzweiflung schrieb er Artikel

An die Nachrichtenblätter der großen Stadt

Und nannte die Verbrechen des Reichtumschaffens

Die es dem Mädchen und vielen antat.

Seine Eltern erschraken, als sie’s merkten

Sie hatten nicht gewusst, dass ihr Sohn schrieb

Und hatten nicht gewusst, was ihr Sohn dachte

Und es versetzte sie in Rage, dass er nicht war wie sie.

Da zwangen sie ihn, die Geschichte zu zeigen.

Und ohne zu lesen, riss der Vater sie klein

In aberhundert Fetzen wie weiße Schneeflocken

Schneeflocken mit schwarzen Tränen darin.

Allein saß der Junge im Schnipselhaufen

Und weinte bitter um das Mädchen und sich

Und all die Geschichten von ihm und dem Mädchen

Zerstört auf Papier, unmöglich in echt.

Er schlief schließlich ein, erschöpft vom Weinen

Und spürte nicht, dass ein Wind eindrang

Klammheimlich drang er durch das Fenster

Und nahm die Schnipsel in Empfang.

Das Mädchen, als es die Arbeit verließ,

fröstelte in der frühen Winternacht.

Da tänzelten hell in den Laternenschein

Schnipsel aus Papier, von warmen Winden gebracht.

Das Mädchen spürte ihr Herz zerbrechen

Als sie die Schrift vor sich tanzen sah

Und Arbeiter, die ihren Heimweg teilten

Sagten später, dass sie wahnsinnig war.

Denn das Mädchen tanzte mit den Flocken

Und fing den Schnee, als sei er ein Schatz

Und färbte ihn mit schmutzigen Händen

Und Tränen und rief: „Das war von seinem Märchen mein Lieblingssatz!“

geschrieben von Jenny-Mai Nuyen - Veröffentlicht in Blog

Kommentare

3 thoughts on “Das Märchen vom Wind

  1. Hey,
    deine Kurzgeschichte ist echt wunderschön. Wenn auch traurig.
    Es ist schade das sie nicht einmal persönlich miteinander geredet haben. Damit sie gewusst hätten wie ihre Stimmen klingen. Aber auf eine Art und Weise ist ihr Verhältnis noch viel persönlicher durch das Märchen, nicht wahr?
    Ich wünschte mir, das auch meine Träume bei mir bleiben würden. Doch in den meisten Fällen entfliehen sie mir noch bevor ich die Augen aufschlug, und ich bleibe mit nichts mehr als einer verwirrenden Gefühlswolke zurück.
    Aus ihr heraus schreibe ich auch manchmal, oder zeichne. Doch ich hab es nichtmal geschafft eine Geschichte zuende zu bringen. Sie alle stoppen mittendrin, oder sogar noch am Anfang. Ich hab das Gefühl das die Personen dann nicht mehr weiter können. Es wirkt als seien sie plötzlich gestorben, wie durch einen Windstoß. Ohne groß weitere Zeichen das sie jemals da gewesen sind wehen sie davon und hinterlassen nur eine Ahnung von Existenz.
    Ich hoffe ich langweile dich nicht, wenn du’s überhaupt liest heißt das. Ich nehme an ich wollte dies nur mal aufschreiben.
    Ganz liebe Grüße und mit Vorfreude auf ein weiteres Buch von dir,
    Sophie Lilian

    P.S.: Ist es ok das ich dich die ganze Zeit geduzt habe? Kam mir irgendwie falsch vor “sie” zu schreiben… Mein Lieblingsbuch ist übrigens “Das Drachentor” ;)

  2. Ohhhhh ♥ was für eine wunderschöne Geschichte.. sehr traurig, aber wunderschön! Wow… Solche Dinge möchte ich auch mal träumen, und dann nicht vergessen, sondern wie du niederschreiben!

    Chapeau Miss Nuyen ♥ wunderbar! Und nochmal danke für das signierte “Noir” :-)

    Liebe Lesegrüße
    Sandra

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