26. Mai 2014

Alles, was in meinen Büchern steht, ist wahr

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Ich war gerade auf dem Weg zu einer Philosophie-Vorlesung, da blieb ich im Korridor des Universitätsgebäudes stehen und blickte lange auf den roten Linoleumboden. Links lag hinter einer Fensterfront ein Hofgarten; die Sonne tränkte die Baumkronen und ihre Schatten kribbelten und krabbelten über den Boden. Es sah aus wie Zellen unter einem Mikroskop – wie Blutkörperchen, rot und weiß, voller Eifer ihren einen, unbezweifelbaren Lebenssinn erfüllend. Ich konnte mich davon nicht lösen.

Natürlich war das Schauspiel nur ein Abbild des echten Lebens dort draußen. Was unter den Füßen der Studenten pochte wie ein riesiges, geöffnetes Herz, war nicht organisch, sondern die Bäume im Hofgarten waren es. Wie sie im Wind wiegten und Licht tranken, schufen sie dieses Schattenkunstwerk, eine Abstraktion ihrer Lebendigkeit, eine Offenbarung ihrer Seele.

Dasselbe machen Menschen. Meistens unabsichtlich, leichtfertig wie die Bäume und überwältigend für jeden, der darauf achtet. Aber manchmal tun sie es auch bewusst, nämlich in der Kunst. Wäre ich ein Baum, dann wären die bewegten Schatten auf dem Boden meine Bücher.

Die Schatten faszinierten mich viel mehr als die Bäume draußen. Ich beobachtete sie so lange, bis mir die Selbstverständlichkeit, dass auf der einen Seite der Glaswand das echte Leben sein sollte und auf der anderen nur sein Abbild, völlig abhandenkam. Es schien mir ganz gewiss, die Schatten hatten ein Eigenleben. Sie hatten sich irgendwie von ihrer Ursache gelöst und führten ihren unabhängigen Freudentanz an der Existenz auf.

Mit Kunst, mit Büchern muss es sich ebenso verhalten. Dass Figuren und ihre Geschichten von jemandem erfunden wurden, hindert sie nicht daran, zu Leben zu erwachen. Sie sind natürlich in einer anderen Dimension. Nicht in unserem Raum und unserer Zeit. Doch wir können sie beobachten und mehr sehen als den Schattenriss unserer eigenen Seele. Dieses “Mehr” ist so faszinierend, dass man mitten in einem Korridor wie angewurzelt stehen bleiben und sich heillos verspäten könnte.

Für mich ist seit heute das, was in Büchern steht, so wahr und wirklich wie unsere Welt. Wie das geht, kann ich nicht sagen. Die Entstehung von Leben bleibt ein Wunder und ist letztlich nicht zu erklären. Zwischen unserem Verstand und dem, dessen Wahrheit wir am stärksten empfinden, ist immer eine haarfeine Leere, ein leise heulender Abgrund.

geschrieben von Jenny-Mai Nuyen - Veröffentlicht in Blog

Kommentare

4 thoughts on “Alles, was in meinen Büchern steht, ist wahr

  1. Sehr schöner Blogeintrag.
    Und unbestreitbar wahr.

    Nehmen wir zum Beispiel Sherlock Holmes.
    Niemand bestreitet, dass er niemals gelebt hat.
    Und dennoch existiert er.
    Als Idee. Als Vorstellung. Als Metapher für eine bestimmte Form von Intellekt. Und als Fundus, unter anderem für immer neue Verfilmungen.
    Es mag heute Superstars wie Rihanna oder Justin Bieber geben, die populärer sind als Sherlock Holmes.
    Aber vor dreißig Jahren waren die beiden noch gar nicht geboren, während Sherlock Holmes schon Millionen von Menschen ein Begriff war.
    Und in dreißig Jahren?
    Da werden die beiden dann peinlich geworden sein. Sherlock Holmes jedoch nicht.

    Bücher sind real, egal, wie irreal ihr Inhalt ist.

    Die Frage ist nur, Jenny, ob deine Bücher wirklich deine Schatten sind, oder eher dein Licht.

    Tobias

    1. Tobias O. Meißner hier, wow!

      Wer weiß, wer in dreißig Jahren peinlich sein wird. In dreihundert Jahren ist Justin Bieber vermutlich einen ganzen Erdentag lang der absolute Hype des cosmischen Intranets, und nach Rihanna wurde eine Bazillenart auf einem unbewohnbaren Planeten benannt. Sherlock Holmes ist dann vielleicht peinlich, weil sein Name in einer neuen Sprache so klingt wie bestimmte Geschlechtsteile.

      Aber das interessiert Sherlock Holmes vermutlich nicht. Der hat in seiner Sphäre der Existenz ganz andere Sorgen. (Ich, äh, rede jetzt von der Figur, nicht den Geschlechtsteilen. Obwohl es auf die wohl auch zutrifft.)

      1. Ah, Du übst Dich im philosophischen Sophismus.
        Aber wie dort so üblich können Deine Argumente alle entkräftet werden.

        1. Dass der Name “Sherlock Holmes” in einer neuen Sprache für “Geschlechtsteile” steht, wird nicht passieren, denn der Begriff “Sherlock Holmes” war zuerst da, und das bedeutet, die neue Sprache wird – um Missverständnisse zu vermeiden – um ihn herumwachsen müssen.
        2. Dass eine Bazille nach Rihanna benannt wird, ist wahrscheinlich, aber nicht weniger peinlich.
        (Gut, hier hast Du mir freundlich zugearbeitet, Du hättest ja ein weniger peinliches Beispiel nehmen können, ihren Namen zu verewigen, zum Beispiel eine Blume nach ihr zu benennen. Aber auch das interessiert in dreißig Jahren keinen mehr. Und schon gar nicht werden in dreißig Jahren noch irgendwelche Dinge nach den Stars von gestern benannt.)
        3. Dass Justin Bieber irgendwann ein interstellarer Hype wird, funktioniert ja schon heute nicht mehr.
        Nehmen wir zum Beispiel einen Star, der vor etwa hundert Jahren biebersche Hysterie ausgelöst hat: Rudolph Valentino.
        Versuch mal, nächste Woche den großen Valentino-Hype-Tag im Internet auszurufen.
        Es wird nicht klappen, weil zu wenige Menschen heute noch einen Bezug zu ihm haben.

        Aber wie sind wir eigentlich auf diese Diskussion gekommen?
        Es ging doch um Schatten, und Bücher, und Licht, und darum, dass alles wahr ist, was geschrieben steht …

        :)
        Tobias

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