26. Oktober 2014

9. TESTLESE-WOCHE

Und mit gemütlich-grauem Lesewetter geht es ins nächste Kapitel von NoN! Letzte Woche endete mit Tallis’ Offenbarung, dass er und Nicki einen Pakt geschlossen hätten. Aber wann? Wodurch? Und vor allem: mit welchen Konsequenzen? Das erzählt Tallis jetzt. Und Nickis Reise durch die Nacht geht weiter.

Viel Vergnügen bei der Begleitung wünscht wie immer:

Jenny

 

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Einen Ort finden, den es nicht gibt

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Sie saß ganz reglos, während er sich die Tränen von den Wangen wischte und pustend ausatmete.

Unser Pakt“, wiederholte sie. „Davon weiß ich nichts.“

„Doch, doch. Du hast mir die Hand gegeben. Und wir haben uns unsere Namen verraten. Ich bin von heute an verpflichtet, dich bei Lebensgefahr zu retten.“ Er kippte sich die letzten Gürkchen in den Mund. Sie hatte den Verdacht, dass er die Schale absichtlich vor das Gesicht hob, um ihren Blick abzuschirmen.

„Und habe ich auch eine Verpflichtung?“

Er kaute. „Na klar. Fließwesen und Menschen handeln miteinander.“

„Aber – was für eine Verpflichtung?“

„Du musst gar nichts tun. Du hast mir ja schon deine Einwilligung gegeben. Wann immer ich will, kann ich in dich eindringen.“ Er sah sie an, als läge die Bedeutung der Worte in ihren Augen, nicht seinen.

„Was?!“

Er zerknüllte die Serviette. „Was hab ich gesagt? Die Leute rasten immer aus.“

„Ich hab überhaupt nicht eingewilligt!“

Er zuckte die Schultern. „Du hast eingeschlagen, du hast mir deinen Namen gesagt –“

„Habe ich nicht.“ Sie verschränkte die Arme. [kommentierbar id=”27″]„Ich heiße nicht wirklich Nicki.“ [/kommentierbar]Sie registrierte, dass er mit entgleisten Gesichtszügen leider immer noch schön war, und es ärgerte sie umso mehr.

„Du heißt … wie heißt du?“

„Pfff. Versuch den Trick bei deiner Mutter.“

„Ich habe keine Mutter.“ Er kniff die Augen zusammen. Plötzlich veränderte sich etwas. Es war keine Übelkeit, kein Schwindel, aber mit einem Mal schien die Welt um Nicki zusammenzuschrumpfen.Ihr Innerstes wölbte sich nach außen … und dann war alles wieder normal. Sie blinzelte. „Was war das?“

„Ich habe dich angetestet.“ Er aß die letzte Chilischote. Sie schien ihm aber nicht mehr so zu munden wie die anderen, er nagte nachdenklich daran herum.

„Du warst gerade –?!“ Sie machte Anstalten aufzustehen, aber dann sackte sie doch nur kraftlos zurück. Alles drehte sich. Es stimmte. Er sagte die Wahrheit. Sie hatte ihn in sich gespürt. Er war ein Dämon,[kommentierbar id=”28″] und er wollte von ihr Besitz ergreifen.[/kommentierbar]

„Du sagst nur die halbe Wahrheit. Nicki ist zwar nicht dein richtiger Name, aber ein Name. Ein Teil deiner Persönlichkeit. Ich komme in dich rein, bis zu einem gewissen Grad.“

Sie wurde knallrot. „Ich bin nicht einverstanden, ich habe nie eingewilligt!“

Er seufzte. „Na gut. Dann müssen wir wohl unseren Pakt prüfen lassen. Weißt du, was für einen bürokratischen Aufwand das bedeutet?“

„Ist mir egal! Du Schwein.“

„Kein Grund, den guten Ton zu verlieren, Nicki. Du hast mich mindestens genauso ausgetrickst wie ich dich.“ Konnte das sein? War er tatsächlich eingeschnappt? Das war ja wohl das Letzte!

Zu allem Unheil spürte sie, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Sie hatte Angst. Sie verstand nichts mehr. Ahnungen kochten über. Etwas Grauenvolles war im Gange und sie tappte blind darin herum. Canon war wahrscheinlich auch irgendwo da drinnen verloren.

„Hey, nicht doch. Aber Nicki. Kunigunde.“

„Halt die Klappe“, murmelte sie und wischte sich ungeduldig über die Augen. Ein paar Sekunden tat er ihr den Gefallen.

„Ich finde, wir sollten das Ganze so schnell wie möglich klären. Dann sehen wir ja, wer wen ausgetrickst hat.“ Er versuchte aufmunternd zu lächeln.

Furcht durchrann sie. Wenn er wirklich ein dämonisches Wesen war, was konnte sie gegen ihn ausrichten? Er konnte ja der Teufel sein. Sie musterte sein perfektes Gesicht und schauderte.

„Komm.“ Er bezahlte das Essen mit einem zerknitterten Geldschein, an dem Popcorn zu kleben schien, dann fasste er Nicki am Arm und bugsierte sie hinaus auf die Straße.

Nicki hatte das Gefühl, die Nacht müsste schon viele Stunden alt sein, doch als sie einen Blick auf ihr Handy warf, war es erst kurz vor elf. Sie rief ihre Mutter an und erklärte verstört, dass sie noch etwas Wichtiges zu tun hätte, aber mit der Schule sei alles in Ordnung. Ihre Mutter glaubte ihr meistens nicht, wenn sie die Wahrheit sagte, aber diesmal beließ sie es bei dem Hinweis, sie sollte Cornflakes auf dem Heimweg kaufen. Als Nicki das Handy in ihre Pullovertasche zurückschob, stellte sie sich das Gespräch vor, das sie mit ihrer Mutter geführt hätte, wäre sie interessierter gewesen: „Was hast du denn so Wichtiges zu tun, liebes Kind?“ „Ach, ein Inkubus hat mich aus einer Drogenhöhle gerettet, jetzt gehört ihm mein Körper, aber der Pakt hat ein paar Unstimmigkeiten, die müssen wir noch aus dem Weg räumen.“ „Ach so. Ich hoffe, du hast etwas Warmes zu Abend gegessen?“ [kommentierbar id=”29″]„Ja, Mutter, der Inkubus hat mich eingeladen.“[/kommentierbar]

Tallis wollte wieder, dass sie sich bei ihm unterhakte, aber sie riss ihre Hand los. Während sie durch die belebten Straßen gingen, irrte Nickis Blick auf der Suche nach Hilfe durch die Bars und Restaurants. Alles war voller Menschen, die redeten. Nie war ihr aufgefallen, wie vollgestopft die Welt mit Worten war. Die Luft zitterte buchstäblich davon. Sie sah niemanden, der nicht in ein Gespräch verwickelt war oder eine Speisekarte las oder eine Zeitung, ein Buch, etwas auf dem Handy. Andere hörten Musik und formten mit den Lippen lautlos den Text. Nicki hatte immer geglaubt, die Welt sei voller Bilder, aber jetzt sah sie ihr Buchstabenskelett. Sogar diese Erkenntnis bestand aus Worten! Ob sie überhaupt denken konnte ohne Worte? Und fühlen, wenn sie die Gefühle nicht benennen konnte? Wie viel blieb von ihr übrig, wenn sie die Sprache wegnahm? Ihr Körper. Obwohl, wenn es das Wort ‚Körper‘ nicht mehr gäbe, gäbe es streng genommen ja nicht einmal mehr den. Nur noch ein undefiniertes, irgendwas empfindendes Ding inmitten lauter Dinge.

Diese Überlegungen zerrten wie Flämmchen ins Unbekannte, und Nicki spürte, dass sie Ruhe und Zeit brauchte, um ihnen zu folgen. Jetzt musste sie erstmal ihre Gedanken zu Tallis ordnen. Sie beobachtete sein Spiegelbild in den Schaufenstern. Er machte nicht den Eindruck, zu wissen, wo es langging, sondern hielt sich einen halben Schritt hinter Nicki, die Hände in den Manteltaschen.

Als sie eine Weile so herumgeirrt waren, drehte Nicki sich entnervt zu ihm um. „Wo müssen wir denn hin?“

„Das musst du entscheiden. Die Kanzlei taucht nicht einfach so auf. Carpe Diem – nutze die Fantasie.“

„Das heißt ‚nutze den Tag‘.“

„Echt? Tage sind doch völlig überbewertet. Bist du sicher, dass es ‚nutze den Tag‘ heißt?“

Sie ballte die Fäuste. „Ich soll uns an einen Ort bringen, den es nicht gibt, ohne zu wissen, wie man hinkommt. Richtig soweit?“

„Genau. Wenn der Mensch weniger weiß, dann handelt er intuitiv. Aber du möchtest ja alles verstehen. Also, die Kanzlei ist kein Teil dieser Welt. Sie befindet sich genau zwischen Welt und Unterwelt. Sie ist der Verbindungsort. Deshalb wird die Kanzlei dir, sobald wir sie betreten, so real vorkommen wie unsere jetzige Umgebung. Was für Unterhaltskosten das bedeutet, kann ich dir gar nicht sagen. Jedenfalls, den Zugang musst du schon selbst bezahlen, und zwar mit deiner Realität. Erachte es als Wegzoll.“

„Was heißt das?“

„Es heißt, du konzentrierst dich darauf, die Kanzlei zu finden. Du musst kreative Willenskraft aufbringen. So, wie du uns vorher aus der Klokabine gebracht hast.“

„Ich wusste nicht, dass ich das war.“ Sie blinzelte. „Wie habe ich das gemacht?“

„Du hast dir vorgestellt, wo der Fluchtweg sein könnte. Und dann hast du dafür bezahlt, dass er auch real wurde.“

„Wie bezahlt?“

„Na, mit Vorstellungskraft, mit Realität. Du hast ein wenig Realität dafür geopfert. Ich erkläre dir das gerne ausführlich, wenn wir weitergehen.“ Er fasste sie am Ellenbogen. Nicki war zu sehr in Gedanken, um ihn abzuschütteln, und trottete mit.

„Also, ich kann alles real machen, wenn ich es mir wünsche? Dann könnten doch alle Menschen, keine Ahnung, zaubern!“

„Das tun sie auch“, sagte er sehr ernst. „Die ganze Zeit passieren Dinge, weil Menschen sie sich vorgestellt haben. Allerdings ist ihr Einfluss längst nicht stark genug, um komplexe Realitäten zu verändern, an denen die Vorstellungskraft unendlich vieler Wesen gewirkt hat. Vorhin, bei unserer Flucht, war es möglich, weil Frau La Psies Boudoir ohnehin nur ein Gemisch aus Realität und Fließendem Wort ist. Die Dinge dort sind nicht alle fest in dieser Welt verankert, deshalb konntest du sie leicht verändern. Und so ist es auch mit dem Weg in die Kanzlei: Er existiert nicht materiell, bevor du ihn nicht materialisierst. Deswegen kannst du auch selbst bestimmen, wo er anfängt und wo er endet.“

Wie?“

„Du weißt doch, was eine Kanzlei ist? Lass dich von deinen Vorstellungen leiten.“

„Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Wie soll denn …“

„Zimtschnecke?“ Er zog tatsächlich eine zerdrückte, angeknabberte Zimtschnecke aus seinem Mantel. Das war also das ‚Parfum‘, das sie vorhin wahrgenommen hatte.

„Nein, danke.“

Er nahm ein paar Bissen, dann steckte er das Gebäck wieder ein und wischte sich [kommentierbar id=”30″]die Krümel vom Kragen.[/kommentierbar]

Tallis mit Zimtschnecke

Nicki hatte eine Grundschulfreundin gehabt, deren Mutter Anwältin gewesen war. Einmal hatte sie sie in ihre Kanzlei mitgenommen. Sie erinnerte sich an Metallschränke voller Ordner und einen kühlen Warteraum, wo die Kaffeemaschine und der Kopierer ihre warmen Gerüche ausdünsteten wie ewig wartende Klienten. Schwer vorstellbar, dass ein solcher Ort die magische Verbindung zur Unterwelt sein sollte.

Eine Weile liefen sie vergeblich durch die Stadt. Dann tauchte ein U-Bahnhof auf und Nicki schlug vor, die Bahn zu nehmen.

„Muss das sein?“, murmelte Tallis.

„Geschwindigkeit hilft mir beim Nachdenken.“

Sie stiegen ein, ohne zu gucken, in welche Richtung es ging. Das gelbe Licht, die säuerliche Luft, die zerkratzten Fenster, alles beruhigte Nicki durch die Vertrautheit. Sie ließ den Blick über die Leute schweifen, machte sich im Kopf Skizzen und dachte an Canon … Wahrscheinlich wusste er das, was sie heute Nacht erfahren hatte, schon seit langem. Dass er ihr so viel verheimlicht hatte, verletzte sie, auch wenn er bestimmt seine Gründe gehabt hatte.

Nicki versuchte diese Gedanken zu verdrängen und sich sämtliche Kanzleien ins Gedächtnis zu rufen, die sie aus dem Fernsehen kannte. Aber bei jedem Ruckeln der Bahn musste sie daran denken, wie sie durch die Lüfte geschwebt waren, und ein Teil von ihr weigerte sich noch immer beharrlich, das zu akzeptieren.

„Wie viele Menschen wissen von euch?“, fragte sie Tallis.

„Natürlich nur die, mit denen wir Pakte schließen“, wisperte er. Seit sie in die U-Bahn gestiegen waren, schien ihm schlecht geworden zu sein. Er kauerte mit verschränkten Armen auf dem Sitz und atmete auffällig nah an ihr, als wollte er sie beschnuppern. „Es gab mal eine Zeit, da wurden Leute auf Scheiterhaufen verbrannt, weil sie mit uns paktierten. Ist nie salonfähig geworden, sich zu uns zu bekennen.“

„Verstehe.“ Sie rückte von ihm weg. „Alle Politiker und reichen Leute verdanken euch dann wohl eine Menge.“

„Aber nein, das ist eher die Ausnahme. Wir fühlen uns zu Realität hingezogen. Zu Menschen mit Herzenswünschen und Selbsterkenntnis. Du strahlst sehr viel davon aus. Darum wollten dich ja Frau La Psie und ihre Gäste unbedingt haben.“ Er schien es als Kompliment zu meinen, aber Nicki fühlte sich dabei wie ein Stück Fleisch.

„Die Leute, die nach Macht und Reichtum streben, glauben meistens nur, etwas zu wollen, und überlagern mit diesen Scheinwünschen ihr Potential, eigenständige Wünsche zu entwickeln. Sie spiegeln etwas, während andere aus sich selbst heraus leuchten. Würde es dir was ausmachen, beim nächsten Halt auszusteigen? Die elektrische Aura hier drinnen macht mich fertig. Ganz zu schweigen von dem Maurerdekolleté auf neun Uhr.“

Sie verließen die Bahn und wanderten Richtung Ausgang. Sie waren an einer großen, vornehmen Einkaufsstraße: Schaufenster säumten ihren Weg, in denen Kleidungsstücke, Küchengeschirr und Schmuck wie Grabschätze aufgebahrt waren.

„Warum waren die Leute alle so jung bei Frau La Psie?“

„Wir bevorzugen junge Leute vor allem deshalb, weil sie nicht so austicken wie Erwachsene, wenn sie von uns erfahren. Außerdem machen junge Körper mehr Spaß.“

Sie nickte verbittert. Bestimmt gab es noch einen dritten Grund, warum sie lieber mit Kindern und Jugendlichen paktierten: Sie konnten sich nicht zur Wehr setzen wie Erwachsene. Aber das verschwieg der Dämon natürlich.

Die Boutiquen und Luxuskaufhäuser wichen bald den üblichen Filialen, die man auf jeder Einkaufsmeile der Welt fand. Bei einer Unterführung, wo es zur S-Bahn ging, tigerte ein Obdachloser auf und ab, einen Hohlraum in den steten Strom der Passanten malend. Zotteliges Haar hing ihm über den nackten Rücken, sodass er Nicki an einen Indianerhäuptling mit Federschmuck erinnerte. Ihre Blicke trafen sich.

„Guck doch!“, rief er. „Guck doch mal weiter! Ein Leben, die Liebe zu zweit, Dreifaltigkeit zum Anbeten, aber alle schielen nur auf die Moneten!“

Nicki bog nach rechts in eine Gasse, als er mit schlenkernden Armen auf sie zukam. Tallis war dicht hinter ihr. Der Boden begann zu vibrieren, als eine S-Bahn schräg über ihnen vorbeirollte.

Nicki spürte, wie Tallis eine Hand auf ihren Rücken legte, und sie folgte seinem Blick: Vor ihnen lag ein hohes, aus Dutzenden Fenstern leuchtendes Steingebäude, umkränzt von einer Treppe.

[kommentierbar id=”31″]„Ich glaube, du hast sie gefunden.“[/kommentierbar]

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Steingebäude

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Kommentare

8 thoughts on “9. TESTLESE-WOCHE

  1. Ich entschuldige mich lieber jetzt schon, sollte mein Beitrag zu lang werden. Dieses Risiko geht man halt ein, wann man es versäumt hat, der Geschichte in den letzten 9 Wochen zu folgen und stattdessen lieber alles an einem Tag, in einem Schub liest und dann auch noch seinen Senf dazu geben will!
    Jenny, ich finde dich so wunderbar und ich bin wirklich begeistert von Nacht ohne Namen, auch wenn ich ehrlich gesagt, wahrscheinlich genau wie Nicki, momentan noch nicht ganz durchsteige.
    Ich weiß noch, dass ich dich vor einer gefühlten Ewigkeit mal bei einer Lesung von Noir in Kreuzberg getroffen habe und wie grundlos nervös ich gewesen bin. Denn du strahlst einfach so eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus, dass man sich bei dir vom ersten Moment an wohlfühlt und dir gerne für immer zuhören würde. Ein ähnliches Gefühl empfinde ich auch immer, wenn ich deine Texte lese!
    Ich befinde mich grad in einer ziemlich doofen FSJ-Situation in Frankreich, kenne keinen, spreche die Sprache kaum und merke langsam, dass es mir enorm viel abverlangt, jeden Tag motiviert zu bleiben, wenn ich z.B. in meiner Einsatzstelle 7 Stunden dumm rumsitze und nichts mache.
    Die Geschichte um Nickis Suche nach Canon hat mich deshalb ganz besonders gefesselt. Ich kann es nicht richtig in Worte fassen, aber ich fühle mich ein bisschen, als würde ich in die Rolle von Nicki schlüpfen, wenn ich mich auf die Suche nach meiner Motivation (die dann ja logischer Weise den Namen Canon trägt) begebe haha! Obwohl die Situation relativ ausweglos scheint und ihr nur bizarre Menschen und Wesenheiten begegnen, deren Worte und Taten Nicki teilweise überhaupt nicht nachvollziehen kann, bleibt sie trotzdem entschlossen und lässt sich nicht von ihrem Weg abbringen. Ich glaube, den gleichen Ehrgeiz würde ich auch gerne entwickeln. (:

    Die Kanzlei sieht mir sehr nach dem J&W Grimm-Zentrum aus und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das eher gut oder schlecht finde. Vielleicht bin auch schon einfach zu oft an diesem Ort (falls er es denn wirklich ist ;D) gewesen und kann ihn deshalb als nichts anderes, als das, was er nun mal ist empfinden. Ich warte gespannt auf den nächsten Abschnitt!
    – Keshia

    1. Liebe Keshia,
      ich glaub, ich erinnere mich an unsere Begegnung im Otherland. Da waren zwei Schwestern, von denen eine auch schrieb, und ein Mädchen mit dunklen Haaren und ohne Begleitung. Bei einer der drei hab ich deinen Namen ins Buch geschrieben, welche war das denn? :) Jedenfalls freue ich mich, dass wir uns hier wieder “treffen”!
      Oh Mann, diese FSJ-Situation klingt echt nicht angenehm. Mit 12 kam ich auf eine englischsprachige Schule, daher weiß ich, wie frustrierend so eine Sprachbarriere sein kann. Bei dir kommt auch noch dazu, dass du in einem anderen Land bist. Würde es dir helfen, wenn ich sage, dass du mit 18, 19 in dem Alter bist, das für Einsamkeit prädestiniert ist? Ich behaupte das mal, weil ich nach der Schulzeit meteoritenmäßig einsam war. Ich musste weg von zu Hause, aber wusste nicht, wohin. Überall war Fremde. Und in der Fremde war ich zu verklemmt und zu misstrauisch, um zu irgendwem Nähe aufzubauen. Ich hab mich gefühlt wie die magische Rose unter der Glaskuppel in der Disneyverfilmung von “Die Schöne und das Biest” – meine Jugend welkte unberührt und tränenglitzernd vor Sentimentalität dahin.
      Das Gute daran ist, ich bin stärker geworden. Nein, stimmt gar nicht. Ich hab mich in Fluchtwelten versenkt. Und die Fluchtwelten waren teilweise ziemlich cool. Manchmal auch dumm und gefährlich. Aber im großen und ganzen hab ich dadurch dann doch was erlebt und mich irgendwie entwickelt. Das wird dir vermutlich auch so gehen. Momentan sitzt du rum und hast das Gefühl, nur Zeit zu verlieren, aber scheinbar nebensächliche Eindrücke werden lange nachwirken, und bei der nächsten Wendung, die dein Leben nimmt, blickst du zurück und hast das Gefühl, diese Zeit tupfte einen leuchtenden Farbklecks ins Gesamtbild.
      Hoffentlich kann dir NoN als eine der besseren Fluchtwelten dienen. Mit dem Gebäude hast du übrigens recht, es ist das Grimm-Zentrum. Ich habe mich früher öfter mit Freunden dort getroffen, die für ihr Staatsexamen lernten, während ich an einem Roman schrieb. Magisch geht es da wirklich nicht zu, obwohl ich mir immer gern die schicken Studenten angeguckt habe. In NoN geht es aber nicht wirklich ins Grimm-Zentrum rein…
      Keshia, ich wünsch dir viel Vergnügen beim Lesen, vor allem aber viel Durchhaltevermögen in Frankreich!
      Jenny

  2. Ich weiß auch nicht, ich hätte mir die Kanzlei irgendwie… Gothischer vorgestellt (Was nicht zuletzt an deinem Bild von der Weltenkonstellation liegt, was, wenn ich mich recht erinnere, irgendwelche frühgotischen Spitzbögen beinhaltet)
    Trotzdem liebe ich dieses Kapitel. Und Tallis. Der ist einfach genial. Ich bin quasi kurz davor Canon aufzugeben, wäre da nicht der Fakt das er bei ihrem letzten Telefonat geweint hat, und ich habe einfach eine Schwäche für weinende typen *schmacht*

    1. Was die Moderne, bzw. Gotik Kanzlei angeht: Abwarten… ;)
      Weinende Typen: Da bin ich ganz deiner Meinung. Ein bisschen Leid steht Männern gut ^^

  3. Neun Wochen? Wirklich? Seit neun Wochen läuft dieses Projekt und ich schaffe es tatsächlich erst jetzt, etwas dazu zu schreiben? Irgendetwas stimmt doch nicht mit mir… Aber immerhin schaffe ich es überhaupt noch.
    Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich die Idee genial finde, das alles hier zu veröffentlichen. Oder zumindest etwas. Das ist ein toller Weg, die Wartezeit zu überbrücken, für uns und so wie du es immer klingen lässt für dich auch. (Obwohl ich es irgendwie wahnsinnig schwer finde, dieses Bild aus meinem Kopf zu vertreiben, von einem Autoren, der vor seinem Computer sitzt, Fanpost liest und böse vor sich hin kichert, weil das Buch schon längst fertig ist, die Leser aber noch ewig warten müssen. Vielleicht trifft das doch nur auf deutsche Übersetzer zu…)
    Und dann die Geschichte… Ich muss gestehen, ich habe erst zwei Bücher von dir gelesen, Nocturna und Nijura, beide in diesem Jahr, und war von beiden begeistert. Das hier ist ziemlich anders, aber auf keinen Fall auf eine schechte Art. Eigentlich war ich dabei, mich etwas von Fantasy-Romanen zu entfernen, als ich über Nocturna gestolpert bin, ich fand es schon etwas schwierig, mich in komplett neue Welten reinzudenken. Da war es mir lieber, wenn diese Elemente in unseren Alltag eingewoben wurden. Genau das habe ich jetzt vor mir. Und irgendwie kommt es mir alles vor wie ein Déjà-vu. Keineswegs blöd, gut, irgendwie vertraut. Nicht nur dass die Geschichte in Berlin spielt, die Hauptperson zeichnet und fährt öfters den Ring durch, wobei sie Personen skizziert (ein Plan, den ich schon vor Monaten einmal geschmiedet habe, um Körperhaltung und Posen zu üben, aber noch nie umgesetzt habe, weil es mir immer an Zeit fehlt, ich schaffe es ja nicht einmal, Kommentare zu NoN zu verfassen). Und dann hatte ich auch noch irgendwann einmal diese Idee mit Geistern, die deinen Körper besitzen, nachdem du einen Pakt mit ihnen abgeschlossen hast… Auch wenn es eher eine kitschige Liebesgeschichte geworden wäre, er besessen und sie stets alles dafür gebend ihn zu retten. Irgendwo sollte ich sogar noch den hochdramatischen Prolog haben… Meine Idee war jedenfalls längst nicht so ausgereift wie diese Geschichte hier und hätte mich vermutlich selbst nur zum Lachen gebracht, hätte ich sie hinterher noch einmal gelesen. Aber dennoch, die Grundidee war erstaunlich ähnlich…
    Nun, weiter, was mich schon immer fasziniert hat, war dein Schreibstil. Mir fehlten immer Dialoge, am besten schnelle nach dem Beispiel von Derek Landy, aber eigentlich hätten sie nie gepasst, dein Schreibstil war (und ist immer noch, ich habe keine Ahnung, was dieses Präteritum dort zu suchen hat) schön und langsam. Umso faszinierender finde ich es, dass es dir nun gelingt, beides zu vereinen, einerseits immer noch die Umgebung und Stimmung zu beschreiben und andererseits Tallis und Nicki einen Dialog führen lassen kannst, ohne dass beide immer Reden halten, die wiederum mit Reden beantwortet werden, auf die Reden folgen und so weiter.
    Und letztendlich habe ich noch einen Kritikpunkt: die Zeit. Ich weiß selbst, dass man beim Schreiben schnell die Zeit vergisst und damit meine ich nicht nur die eigene, sondern auch (und vor allem, da diese noch sehr viel öfter bemerkt werden wird) die in der Geschichte. So geht Nicki tatsächlich an ein und demselben Tag in die Schule, zu Canon nach Hause, ins Hotel, zu Frau La Psie und schließlich in die Kanzlei. Ziemlich viele Ereignisse für einen Tag, erst recht, da sie ja auch noch zu den Orten gelangen muss, sie manchmal sogar noch auftauchen lassen muss. Ich weiß nicht, irgendwie denke ich, das sind auch genug Ereignisse für zwei Tage.
    Oh, eine wichtige Sache noch: wenn man die Sprache wegnimmt, denke ich nicht, dass alles aufhören würde zu existieren. Für eine Schriftstellerin machen Worte vermutlich mehr aus als für irgendeinen anderen Menschen, aber dennoch könnte ich mir eine Welt ohne Worte durchaus vorstellen. Sie wäre eintöniger, keine Frage, aber dennoch denkbar. Bloß weil man kein Wort für den Körper hat, hält das ihn keineswegs vom Existieren ab. Und gerade wenn ein Buch Nacht ohne Namen heißt, finde ich, sollte das einleuchtend sein. Schließlich hieße das Buch nicht so, gäbe es die Nacht nicht, und trotzdem gibt es kein Wort für sie, sie hat keinen Namen.
    Du merkst, das hier ist mehr eine allgemeine Kritik als der konkrete Hinweis darauf, etwas zu ändern, aber ich hoffe, sie hilft dir auch weiter. Es hat lange gedauert, sie auf meinem Handy zu tippen…
    Ich freue mich sehr aufs nächste Kapitel!
    Deine Jojo

    1. Hallo Jojo!
      Macht doch gar nichts, dass du bisher still mitgelesen hast – mit dem Riesenkommentar ist ja jetzt alles nachgeholt ^^
      Zum Zeichnen in der Bahn: Das nehme ich mir auch viel öfter vor als ich es tatsächlich tue, leider. Aber mach doch bei der Verlosung mit, dann können wir im Januar (oder war es Februar?) gemeinsam um den Ring kurven und skizzieren!
      Zu deiner Idee: Es passiert erstaunlich oft, dass mehrere Leute einen ähnlichen Einfall haben. Ich bin immer erstaunt, was für unterschiedliche Umsetzungen dann dabei herauskommen. Von daher: Stampf deine Version mal nicht gleich in den Boden! Was auch immer du schreibst, du hast einen guten Grund dazu, nämlich deinen ganz persönlichen Geschmack. Was die Ausgereiftheit betrifft: Ich mache zwar immer einen Detailplan, bevor ich loslege, aber erst beim Schreiben entwickelt sich die Geschichte richtig. Das wäre bei dir bestimmt auch so. Also, einfach loslegen! :)
      Zur Welt ohne Worte: Natürlich gäbe es die noch. Wir haben ja auch Grund zur Annahme, dass es Dinosaurier gab, bevor es uns und die Sprache gab. Aber auf einer anderen Realitätsebene, nämlich der geistigen – der Welt der Fließwesen -, existieren weder Dinosaurier, noch Körper, noch Nächte ohne ihre Begriffe. Man kann nichts denken ohne Worte. Höchstens vage empfinden. Ob die Nacht in “Nacht ohne Namen” existiert, ist gerade die Frage … so wie das “Nichts” nur begrifflich existiert, aber in der Dingwelt keinen Gegenstand hat. Dazu kommt im Roman noch mehr!
      Zur Zeitlichkeit: Dass Nicki so viel an einem Tag erlebt, war schon beabsichtigt. Ich hab mir sogar einen Stundenplan gemacht, damit es nicht zu früh oder spät dunkel wird. Ursprünglich sollte sogar der ganze Roman in einer Nacht spielen. Aber ich hab mich doch dagegen entschieden, denn sonst hätte die Hälfte der Geschichte in Rückblicken stattfinden müssen, und das hätte nicht gepasst.
      Wow, und dann hast du den ganzen Kommentar auch noch auf dem Handy getippt? Ich krieg ja schon bei sms Rheuma. Meine Fingerbeeren sind einfach zu dick. Jesus. Das macht deine Nachricht gleich noch eindrucksvoller ^^

  4. Auf die Kanzlei freue ich mich schon wahnsinnig. Eigentlich finde ich die Idee brilliant, den Streit um den Pakt wie ein Rechtsstreit im realen Leben abzuhandeln. Bin schon gespannt, was du dir da so ausgedacht hast. Ob sowohl Nicki als auch Tallis ein Verteidiger zur Seite gestellt werden wird? Wer wird richten, und wie? Wird vielleicht ein Kompromiss ausgehandelt?

    Auf jeden Fall bin ich auch sehr begeistert von Nicki. Sie lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Schön, dass ihr die Idee gekommen ist, dass Nick ja nicht ihr “echter” Name ist.

    Interessant auch, dass Tallis die U-Bahn nicht mag. Das macht ihn irgendwie… menschlicher? ;-)

  5. Hallo Jenny,
    ein wunderbares Kapitel. Ich warte sehnsüchtig auf das Buch.
    Es ist grandios, die Wartezeit als Testleser verbringen zu dürfen.
    Vielen dank dafür und eine schöne Woche
    Laurence

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