14. TESTLESE-WOCHE

Endlich wieder Sonntag!

Frisch aus meinem digitalen Computer-Ofen kommt hier das nächste Kapitel von NoN auf eure Bildschirm-Teller gerutscht, ähm – vergesst die Metapher, ihr wisst schon, was ich meine: LESESTOFF.

Letztes Mal erfuhr Nicki von Tallis, dass Canon im besessenen Zustand einen Mord beging. Tallis‘ Angebot, die Nacht mit ihr zu verbringen, schlug Nicki mit der Erklärung aus, eine Buchpräsentation in Deutsch halten zu müssen. Aber mal ehrlich, wer denkt an eine Buchpräsentation, wenn man

1. herausgefunden hat, dass der beste Freund ein Mörder ist und

2. ein Inkubus zusammen einen drauf machen will?

Es gibt für Nickis Verhalten also nur eine Erklärung: Irgendwas drückt ihr schwerer aufs Gemüt als all das. Und vermutlich keine Buchpräsentation. Im heutigen Kapitel kommt heraus, was.

 

Schönes Schmökern wünscht wie immer eine auf eure Kommentare gespannte

Jenny

 

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Der Schatten, der nach dem Radieren bleibt

 

Dass sie Der Glöckner von Notre Dame gelesen hatte, war keine Lüge gewesen. Aber dass sie das Buch im Deutschunterricht vorstellen sollte, stimmte nicht. Ihre Präsentation lag schon einen Monat zurück.

Sie hatte an diesem Donnerstag nur vier Schulstunden. Danach fuhr sie weder nach Hause, noch in die Staatsbibliothek, sondern Richtung Moabit. Von der U-Bahnstation aus war es noch ein kurzer Fußweg an einer vierspurigen Straße entlang, bis ein Gebäude erschien, das ganz aus dunkelgrauen Kästen und hellgrauen Gittern bestand, umgeben von einer Backsteinmauer.

Nicki ging hinein.

 

„Hallo, Papa.“ Er stand auf, als sie mit den anderen Besuchern durch die Tür kam, und sie umarmten sich mit einer Herzlichkeit, die sich falsch anfühlte und bestimmt auch so aussah. Die Begrüßungen ringsum wirkten nicht weniger befangen. Männer duckten sich unter den Küssen ihrer Mütter weg. Frauen schoben ihre Kinder vor sich her, um nicht selbst gedrückt zu werden. Obwohl verschiedene Sprachen gesprochen wurden, hätte Nicki schwören können, dass alle dieselben leeren Floskeln aufsagten.

„Wie geht es dir? Schön, dich zu sehen, Kleine.“

Er roch nach ihm selbst und nach Nikotin. Seit er hier war, wirkte seine Haut schlaffer und fühlte sich kühler an, so als hätte er durch den Kummer viel Blut verloren.

„Und wie geht es dir?“

Er atmete lange und tief durch die Zähne aus, während sie sich an den Tisch setzten. Die Schatten der Fenstergitter lagen darüber. Nicki schob die Schokoriegel und Zigaretten, die sie am Automaten gezogen hatte, in die Lichtbahnen. „Deine Dosis.“

„Ach, danke. Danke.“ Er steckte die Zigaretten gleich ein und drehte die Schokoriegel hin und her. „,Jetzt mit zwanzig Prozent mehr Erdnüssen‘. Na so was. Ich würde trotzdem alle Schokoriegel gegen ein einziges Bier tauschen.“ Er lachte und Nicki lächelte. Dass Besucher nichts von draußen indie Justizvollzugsanstalt mitbringen durften, leuchtete ihr ein, trotzdem fand sie, dass die beiden Automaten, an denen man Snacks, Getränke und Zigaretten ziehen konnte, besser bestückt sein sollten. Aber nicht mit Bier. Wenn ihr Vater trank, wurde er ziemlich emotional.

„Wie geht es deiner Mutter? Versteht ihr euch?“

„Sie hat bald wieder einen Job. In einer Boutique.“

„Ah ja. Ist ʼne feine Frau, deine Mutter.“

„Werd ich ihr ausrichten.“

„Ob das ʼne gute Idee ist? Lass mal lieber. Und wie läuft ’s im Folterheim?“

„Deutsch, Chemie und Kunst laufen super. Physik, Mathe und Englisch so lala. Bio, Erdkunde und Geschichte scheiße. Hab ich was vergessen?“

„Dann wird es wohl nicht so wichtig sein. – Sport!“

„Ja, Sport. Wir spielen gerade Basketball. Ich bin scheiße.“

„Als Mädchen musst du nicht gut sein mit Bällen.“

„Was soll das denn heißen? Papa.“ Sie wartete ab, bis er seine Verlegenheit überlacht hatte.

„Hier drinnen bin ich ganz gut im Tischtennis geworden“, sagte er dann. „Wir spielen immer gegeneinander, so mit System. Dein Alter ist in den Top 10.“

„Wow. Wie viele sind außerhalb der Top 10?“

„Einer. Burkhard, der ist ein echter Professor. Aber im Tischtennis die ewige Nummer elf.“

„Und wie sieht ’s mit Basketball aus?“

Er lachte wieder. „Weil ich klein bin, muss ich das nicht können, so wie du.“

Er legte eine Hand auf ihre. Nicki erwiderte sein Lächeln. Das Thema Schule hatten sie jetzt hinter sich. Blieben noch das Zeichnen, Politik und das Wetter, bevor das Gespräch unweigerlich auf die Vergangenheit oder die Zukunft kam. In der Vergangenheit zu schwelgen, wirbelte jedes Mal so viele schlimme Erinnerungen in ihr auf, dass sie noch Tage später gegen Tränen ankämpfen musste. Zukunftspläne fürchtete sie aber am meisten. Was sie in sechs Jahren tun würden, schmerzte nicht nur, wenn es völlig unrealistische Träumereien waren – es erschreckte sie vor allem, wenn es durchaus möglich war. Am liebsten hätte sie ihm nichts versprochen, aber das brachte sie nicht übers Herz, wenn er sie mit den Augen eines Höhlenmenschen ansah, der das letzte Glutstück vor dem Erlöschen bewahren will.

Sie hatte ihr Handy so wie alles andere vorne abgeben müssen und die einzige Uhr im Raum hing hinter ihr, über der Tür, zu der sie sich nicht umdrehen konnte, ohne dass ihr Vater ihre Absicht erkannte. So hieß es blind durch die 45 Minuten waten.

Immerhin waren nur zwei Besuche pro Monat erlaubt.

 

Als sie wieder draußen war, schien der Tag hundert Stunden alt. Die Sonne wälzte sich durch wässrige Wolken, die Autos rasten vorüber, nichts und niemand wollte hier bleiben. Auch Nicki nicht.

Die Hände in der Pullitasche vergrabenen, machte sie sich auf den Weg zur U-Bahn. Sie schämte sich für ihre Erleichterung, das Treffen hinter sich gebracht zu haben. Sie schämte sich, keine aufrichtige Liebe für ihren Vater zu empfinden, nur dieses alles zerfressende Mitleid. Und sie schämte sich, ihm etwas vorzuspielen, einem Mann, der niemanden hatte, weil er ein Betrüger und Lügner war. Für ihn wurde sie ebenfalls zur Lügnerin, und dafür hasste sie ihn, und sie hasste sich selbst für ihre Feigheit, alle Schuld auf ihn zu schieben.

Nicki U-Bahn

Sie starrte in den U-Bahntunnel, der sich mit seiner schmutzigen Finsternis wie ein Brunnen auftat. Als die Bahn einfuhr, blieb sie im Rausch des Fahrtwindes stehen und schloss die Augen. Sie wollte etwas empfinden, das so heftig war, dass es alles andere ausradierte.

 

„Du hast doch radiert!“ Canon drückte einen Finger auf die Seite in ihrem Skizzenbuch. „Was war da? Wieso hast du’s weggemacht?“

Es war ihr viertes Treffen. Nicki kam sich immer noch nackt im Gesicht vor, weil sie sich nicht mehr schminkte, seit sie ihn kannte. Abgesehen davon fühlte sie sich in seiner Nähe aber so zu Hause, wie sie sich zu Hause nie fühlte.

„Nichts. Egal.“

„Du sollst doch nichts wegradieren.“ Sein Tadel war nicht nur ironisch. Er meinte es ernst: „Wahrscheinlich war es sogar gut, das ist das Schlimmste dran. Echt, ich kenne niemanden, der sich innerhalb von zwei, drei Zeichenstunden so verbessert.“

Das Lob ließ sie restlos verstummen. Schweigend zückten sie ihre Bleistifte und begannen zu zeichnen. Durch das leichte Ruckeln der Bahn bekamen die Skizzen eine zittrige, hastige Feinheit, die ihr gefiel. Man musste schnell und leicht arbeiten, ohne zu viel Deutlichkeit.

Nicki konzentrierte sich auf eine Frau mit Dackel auf dem Schoß, Canon auf einen Mann, der mit dem Rücken zu ihnen stand und sich an einer Stange festhielt.

Als er fertig war, hörte auch Nicki auf, um seine Zeichnung zu bewundern. Der Mann auf dem Papier hatte etwas Ängstliches, Angespanntes; als wäre sein Gesicht ein schreckliches Geheimnis, das er vor dem Betrachter verbergen wollte.

Canon beobachtete, wie Nicki das Bild studierte. Sie fand, sein Talent war zu offensichtlich, als dass sie es hätte ansprechen müssen.

„Ich will dich malen“, sagte er dann. Ehe Nicki etwas entgegnen konnte, war er auf den Sitzplatz gegenüber gewechselt und starrte sie über den Rand seines Skizzenbuches hinweg an.

„Nein“, protestierte sie halbherzig und zupfte an ihrem Pony.

„Nicht“, murmelte er. „Bleib genau so.“

Sie atmete tief durch und versuchte sich wieder auf ihre eigene Zeichnung zu konzentrieren. Doch die Frau mit dem Dackel war ausgestiegen, ohne dass sie es bemerkt hätte. Unsicher fuhr sie mit dem Bleistift die Spuren des Bildes nach, das sie letzte Nacht gezeichnet und wieder wegradiert hatte.

„Schau meine Nase nicht so genau an“, sagte sie.

„Ich schau auf deinen Mund.“

Für eine Weile wagte sie nicht zu sprechen. Aus Respekt vor seiner Kunst vielleicht. Oder weil sie ihn beobachten konnte, während sein Blick aufmerksam an ihren Lippen hing. Dann schlug sie eine neue Seite in ihrem Skizzenbuch auf.

Sie umriss seine Gestalt. Den geduckten Kopf, die vorgebeugten Schultern. Nein, nicht so – ein bisschen breiter. Er war ja ein Mann. Sie korrigierte ihre Linien und hoffte, dass ihr Gesicht nicht so rot war, wie es sich anfühlte.

„Auf welche Schule gehst du eigentlich?“, fragte sie, in der Hoffnung, ihn dadurch etwas von sich abzulenken.

„Nicht bewegen“, sagte er nur, sah ihr kurz in die Augen und lächelte entschuldigend.

Canon zeichnen

Sie zeichneten. Nicki erforschte sein Gesicht, während der Bleistift über das Papier raunte. So gingen die Schatten seiner Augen also in die Kontur seiner Nase über … Aus dem Kopf hatte sie das nicht mehr gewusst. Verdammt, dass sie so glühte! Am liebsten hätte sie ihr Gesicht gegen die kalte Fensterscheibe gedrückt.

Er musterte seine Zeichnung. Machte mit zusammengekniffenen Augen ein paar letzte Striche.

„Nicht bewegen!“, mahnte sie.

Er gehorchte und regte sich nicht, bis auch sie ihr Buch senkte. „Okay“, seufzte sie. „Lass sehen.“

Er kritzelte noch ein wenig, dann beugte er sich tiefer über die Seite und schrieb etwas. Ein Gefühl der Panik kochte in ihr hoch, so als könnte er etwas Schlimmes schreiben, auf das sie dann zu reagieren gezwungen war. Wortlos reichte er Nicki sein Buch.

Sie sah sich selbst an. Ihr gezeichnetes Ich wirkte fast noch peinlicher berührt als ihr echtes. Denn Canon hatte sie viel hübscher gemacht, als sie in Wirklichkeit war. Ihre Haare, die einfach buschig waren, schienen auf dem Papier fein gesponnen, ihr Gesicht saß in den verspielten Kringeln und Wellen wie etwas Zartes, Leuchtendes. Misstrauen und ein winziges bisschen Frechheit rangen in ihren Augen um die Vorherrschaft. Darunter stand in seiner schlaufenreichen, engen Schrift das Datum, seine Signatur und Nicki.

„Schmeichelhaft“, murmelte sie mit gerunzelter Stirn.

„Du magst es nicht.“

Sie versuchte zu lachen, aber es kam nur ein abfälliges Geräusch dabei heraus. „Doch. Wäre schön, wenn ich so aussehen würde.“

Er starrte sie an. „Du siehst so aus.“

„Ein bisschen erinnere ich mich da drauf an meine Mutter. Gruselig.“ Sie unterdrückte ein Schaudern, aber es entging ihm nicht.

Erst schien er enttäuscht. Dann änderte sich etwas in seinem Blick und er lächelte, als hätte sie ihm ein Geheimnis offenbart, das auch er mit sich herumtrug. Nicki spürte die Wärme dieses Lächelns auf der Haut.

„Darf ich mein Portrait auch sehen?“

Sie zeigte es ihm. „‘tschuldigung, deine Nase ist in echt nicht so eingedrückt. Wenn ich einen Radiergummi hätte …“

Er kniff die Augen zusammen, hielt die Zeichnung näher und weiter von sich weg.

„Was?“, fragte sie. „Sieht dein Vater so aus?“

Er reichte ihr das Buch mit zerstreuter Miene zurück. „Dann würde ich dich ausnahmsweise bitten, es wegzuradieren.“

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17 Comments

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17 Responses to 14. TESTLESE-WOCHE

  1. Luc

    Canons Andeutung auf seinen eigenen Vater kam jetzt etwas überraschend, denn eigentlich hat er bis jetzt noch nie etwas persönliches von sich preis gegeben. Eigentlich habe ich ihn bis jetzt noch nie so wirklich als normalen Menschen empfunden, sondern im Grunde als Wesen, das fast noch geheimnisvoller als der Inkubus ist ;-)

    Trotzdem bleibt er immer noch sehr sympathisch. Gefällt mir gut, wie positiv er an fast alles herangeht: immer aufbaunende Worte für Niki, Lob ihrer Kunst (oder zumindest sehr konstruktive Kritik).

    Freue mich schon aufs nächste Kapitel!

    • Jenny-Mai Nuyen

      Ja, Canon gehört definitiv zu denen, die ihre Geheimnisse hüten, aber über seine Eltern wird er noch auspacken. Das Kapitel, in dem das passiert, war mir eins der liebsten zu schreiben. Aber es kommt erst Anfang des 2. Teils, also nicht mehr im Rahmen der Testlese-Aktion … leider. Ich hätte ja sehr gern eure Reaktionen darauf mitgekriegt.
      Es soll aber eine Leserunde bei Erscheinen des Romans geben, und ich würde mich freuen, ein paar von euch dort wiederzusehen! Danach muss ich mir noch überlegen, womit ich unsere Sonntage ersetze. Hab mich ja schon ziemlich dran gewöhnt … :/

  2. ooohhh, ich lieebbeee den moment, in dem er ihr entschuldigend zulächelt. musste ich gleich mehrmals lesen!
    und ein neues geheimnis, eines über canon – fantastisch!

    apropos geheimnis : ich freue mich sehr über ein paar auflösungen was den vater angeht, allerdings muss ich gestehen, dass ich mir die beziehung der beiden anders vorgestellt hatte. natürlich ist nickis verhalten und ihre scham in dieser situation verständlich, aber in den passagen über ihre gemeinsame vergangenheit hatte ich immer das gefühl, dass nicki ihren vater mit einer art argwöhnischen begeisterung betrachtet, dass sie ihm einerseits nachstrebt, seiner freihet und verruchtheit, aber sich andererseits auch über die möglichen folgen im klaren ist und sich deshalb nie richtig für eine seite entscheiden konnte. doch immerhin hat sie von ihm gelernt ein schloss zu öffnen und hat bis zu seiner einbuchtung freiwillig bei ihm gelebt, was ja trotz der schlechten beziehung zu ihrer mutter erstaunlich ist, wenn sie sich jetzt so für die fehler ihres vaters schämt. wobei sie am bahnsteig ja hauptsächlich von mitleid sprach, was ja auch bedeuten könnte, dass es ihr leid tut, dass er gefasst wurde und sie immer noch irgendwie zu ihm aufsieht….

    was die metapher angeht, die mit dem höhlenmensch, da muss ich sagen, dass ich sie nicht unbedingt passen fand. der gedanke ist schön, aber das bild ist in dieser szene irgendwie zu groß, zu einnehmend. es lenkt irgendwie mehr von der bedrücktheit der beiden ab, als ihr stärker ausdruck zu verleihen. ich bewundere dein talent, gefühle und momente so zu beschreiben, dass man sie zu erleben glaubt, sehr, doch hier solltest du das magische und künstlerische vielleicht etwas zurückhalten, um dem kalten, benommenen und irgendwie leeren der situation platz zu verleihen.

    ansonsten wieder ein fantastischen kapitel mit ganz viel hintergrundwissen, dass dennoch neue fragen aufwirft , unzählige andeutungen macht und weitläufige gedankenflüsse zulässt – dass ist ja meine lieblingsbeschäftigung

    also, ich bin sehr gespannt auf die nächsten seiten, die hoffentlich ebeso voll sind mit wissen und glauben

    schöne woche und genieße dein kaminfeuer (wenn du einen kleinen tannen-duftbaum danebenhängst wirkt es vielleicht realer)
    rica

    • Jenny-Mai Nuyen

      Hallo Rica!

      „Weitläufige Gedankenflüsse“ sind in der Tat eine legitime Lieblingsbeschäftigung. Ich stelle mir da den Amazonas mit Abertausend Verzweigungen vor, in denen es bunte, viel zu schnelle Fische und gefährliche, mit Gift lähmende Schlangen gibt und manchmal ’ne plumpsende Kokosnuss … äh, Erkenntnis.

      Deine Argumentation bezüglich der Höhlenmensch-Metapher klingt leider einleuchtend. Ein Fremdkörper ist sie schon, aber ich mag sie so gern … ich möchte sie behalten wie eine Goldkette, die vielleicht nicht zum Kleid passt. Möchte sich noch jemand zu Wort melden und für oder gegen die Metapher stimmen? Ansonsten werde ich mal meine Lektorin fragen, ob ihr noch ein guter Grund einfällt, die Metapher zu behalten.

      Danke dir für dein scharfes Auge!

      • Anh Thu

        Ich finde die Metapher eigentlich wirklich toll. Da strichen mir glatt eiskalte Finger am Nacken entlang.
        Dass sie zu viel Platz einnimmt, stimmt schon, in dem Fall ist das aber in Ordnung. Die Metapher passt zu der drückenden Stimmung, Verzweiflung des Vaters, die er wegen seiner einzigen Tochter verspürt und die genauso groß ist, wie der verzweifelte Überlebenstrieb eines Höhlenmenschen. Wenn sie die Stimmung nicht noch verstärkt. Und vervollständigt. Auch wenn Nicki und ihr Vater Probleme haben, liebt er sie ja trotzdem. Hoffnung wird hier reflektiert, im Kampf gegen Verlust.
        In dem Glutstück könnte man außerdem Nicki erkennen, die einzige Lichtquelle des Vaters, diejenige die sein Überleben sichert.

        • Jenny-Mai Nuyen

          Jetzt hab ich eine Stimme dafür (yay!) und eine dagegen. Wenn sich nicht noch jemand meldet, lass ich meine Lektorin entscheiden.

    • Jenny-Mai Nuyen

      P.S. Ein Tannenduftbaum! :D Da bringst du mich auf eine Idee. Wenn ich’s richtig weihnachtlich brauche, steig ich einfach in ein Berliner Taxi.

  3. Anh Thu

    Hallo Jenny,
    da es gestern zeitlich etwas knapp bei mir war (Deutsch Klausur stand heute an und ich wollte mich wenigstens ein bisschen darauf vorbereiten), folgt erst heute meine Bewertung – nein, meine Gedanken zu diesem Kapitel.
    Die Überschrift ist sowohl passend, als auch ein kleines Kunstwerk für sich. Die Doppeldeutigkeit, die sich darin verbirgt, kann man zunächst nur vermuten, hat man das Kapitel allerdings gelesen, ist man sich seiner anfänglichen Mutmaßung sicher. Wirklich sehr, sehr toll!
    Mein einziges Manko für dieses ansonsten (wie immer) gelungene Kapitel: Ich habe am Anfang das Gefühl, dass etwas gekürzt wurde. Das letzte Mal verblieben wir mit einem dümmlichen Lächeln und dem „Naaaw, ist der süß“ – Gedanken (also zumindest wars bei mir so :D), weil Tallis nach mehrmaligen erfolglosen Überredungsversuchen nicht mit Nicki den Abend verbringen konnte, am Ende jedoch vor ihrer Haustür stand, um sich den ‚Glöckner von Notre Dame‘ zu borgen. Was wahrscheinlich nur ein Vorwand war, damit er nochmal prüfen kann, ob Nicki nicht doch noch ihre Meinung ändert. Und wenn ich mich nicht vollkommen irre, dann weiß, Nicki, dass Tallis weiß, dass sie keine Buchbesprechung am nächsten Tag hat, denn dann hätte sie ihm das Buch nicht geliehen, da sie es selber brauchen würde. Eine Buchbesprechung ohne zugehöriges Buch wäre ja mal lustig. Dann hätte er sogar zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Vielleicht interpretiere ich aber auch schon zu viel hinein. ^^ Wie auch immer, ich schweife total ab. Sache ist die, dass das letzte Kapitel am Abend endete und dieses mit einem neuen Tag begann, allerdings eine Sache des vorigen Abends als Einleitung nimmt, die eigentlich schon geklärt gewesen war. Oh man, ich hoffe, ich konnte meine wirren Gedanken einigermaßen geordnet wiedergeben.

    Manchmal habe ich große Lust einige deiner besonders schönen Formulierungen zu umarmen. Ehe mit außermenschlichen Dingen geht ja nicht – außer vielleicht in Japan – , das Thema hatten wir vor zwei Wochen schon gehabt. :D
    Ich finde es schön, dass du dich der schreibenden Kunst widmest; was für ein Verlust wäre es, wäre dem nicht so!

    Noch einen schönen Restmontag!

    • Jenny-Mai Nuyen

      Och, Anh Thu, was für ein Lob. Bin ja ganz rot geworden. Aber ich freu mich natürlich riesig, dass dir der Titel gefallen hat, denn ich hab meistens viel Tüftelarbeit in die Benennung der Kapitel gesteckt. (Hat ja auch besonders Spaß gemacht.)
      Deine Kritik, dass der Anfang gekürzt wirkt, hat bei mir eine gewisse Besorgnis bestätigt. Der Grund ist aus meiner Sicht, dass ich noch nie in der JVA Moabit war und aus Sorge, Detailfehler zu machen, wohl ziemlich zügig voran geschrieben habe. Offenbar merkt man das. Ich werde nochmal schauen, wo ich den Text um ein, zwei Sätze verlängern kann.
      Nicki hat Tallis die Graphic Novel geliehen, nicht den Roman für die Buchbesprechung. Noch kann Tallis nicht wissen, dass Nicki ihn angemogelt hat. Ich wollte auch nicht zu lange bei den beiden am Abend bleiben, sonst ist in so einem Dialog irgendwann die Luft raus.

      Ich hoffe, die Deutschklausur lief gut! Aber wahrscheinlich brauchst du keine gedrückten Daumen in dem Fach. Oder du warst in Wahrheit sowieso im Gefängnis. ^^

      Liebste Grüße,
      Jenny

      • Anh Thu

        Ach so, dann hab ich das wohl falsch verstanden oder irgendwie überlesen. Tut mir leid!
        Wenn sie ihm nur die Graphic Novel geliehen hat, dann ist mein ganzer Gedankengang, von wegen er wüsste Bescheid, weil sie zugestimmt hat, ihm ihr Buch zu übergeben, obwohl sie es für die angebliche Buchpräsentation brauchen würde, falsch.
        Mein Fehler! :/

        Ich genieße jeden Dialog zwischen Tallis und Nicki, habe auch immer Lust auf mehr. Aber wie war das? Hedonismus – Eudaimonie – Epikur – in jedem Fall muss die Lust gezügelt werden. Der Genuss von Nicki-Tallis-Dialogen muss in Maßen, nicht in Massen ausgekostet werden.
        Und das war meine Art auszudrücken, dass ich vollkommen verstehe, weshalb du davor scheust ebendiese Dialoge im Überfluss anzubieten. :D Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.

        Ob die Klausur gut lief, kann ich gar nicht sagen. Irgendwann während der fünf Schulstunden muss ich mein Bewusstsein verloren haben, sodass mein Unterbewusstsein die Kontrolle übernommen und weitergeschrieben hat (Hoffentlich werden die Triebe in meiner Erörterung nicht deutlich. >_>).
        Gedrückte Daumen schaden also nie. :D

        Hast du schon mal etwas vom Ausdruck „Kaugummi knatschen“ gehört? Finde ich sehr lustig. Fiel mir nur grad so ein, während ich nach einer guten Abschiedsgruß suche. Grüße fand ich zu banal und eine schöne Nacht klingt irgendwie doppeldeutig. Ich bin halt extraordinär.

        • Jenny-Mai Nuyen

          Also, du knatscht Kaugummi als Abschiedsgruß? Das ist ja mal ein frecher Abgang. (Ich stell mir vor, wie du noch so einen kleinen Gangster-Wink dranhängst und den Kopf rollst, bevor du den Computer aus machst…). Das nennt man wohl ne krosse Attitüde, Lady :D

          Das mit dem verlorenen Bewusstsein bei Schulprüfungen kenne ich noch. Man ist dann in so einem Rausch drin – was besser klingt als es sich tatsächlich anfühlt. Eine Freundin von mir hat gerade ihr zweites Staatsexamen geschrieben, wo sie über 30 Seiten am Stück schreiben musste, und das an mehreren Tagen hintereinander. Sie meinte, sämtliche Abi-Prüfungen seien dagegen ein Witz gewesen. Und ich dachte immer, nach der Schule käme nie wieder ein dermaßen unnötiger Stress auf einen zu. Na ja, wie auch immer man sich seinen Hedonismus auf ein gesundes Maß trimmen möchte. Jedenfalls, ich drücke dir die Daumen für deine Deutschklausur!

          In einen Apfel beißend, die Hüften schüttelnd und mit dem Finger wedelnd:
          eine mehr extra als ordinäre Jenny

          • Anh Thu

            Deine Vorstellung stellt mich viel cooler und lässiger dar, als ich es tatsächlich bin. Der Gangster-Wink wäre mit ausgestrecktem Arm und nur aus dem Handgelenk kommend, beim Kopf rollen würde ich mir glatt das Genick brechen und wenn ich den Computer ausschaltete, würde ich glatt den Knopf am Monitor verfehlen.

            Genau, das mit dem Rausch pflege ich ständig zu erzählen, wenn meine Freunde wieder fragen, wie die Arbeit lief und ich keine Antwort darauf hab!
            Umso größer ist allerdings die Befriedigung, hat man ein schwieriges Problem mit einhergehendem Stress gemeistert.

            Danke für das Daumen drücken! :D

            Mit dem Kinn nickend, die Augen halb geschlossen und ein Schoko-Mikadostäbchen im Mundwinkel balancierend, während innerlich verzweifelt nach einem ebenso gutem Wortspiel grabend:

            Anh Thu

  4. Laurence

    Hallo Jenny

    Mir gefällt das Kapitel auch sehr gut. Im ersten Moment hatte ich zwar das Gefühl, es sei etwas Bruchstückhaft, doch dieser Gedanke ist nur „aufgeblitzt“. Im Nachhinein finde ich es perfekt gewählt. Besonders den Übergang zur Rückblende fand ich klasse.
    Apropos Besserwisser: bei einem Satz ist mir etwas aufgefallen.
    „Doch die Frau mit dem Dackel war ausgestiegen, ohne dass sie es bemerkt hätte.“ Muss es nicht „hatte“ heißen? Denn die Frau ist ja schon ausgestiegen… Ist mir nur so aufgefallen.
    Ich bin mächtig gespannt auf das nächste Kapitel.

    In diesem Sinne ein wunderbaren dritten Advent.

    Viele liebe Grüße
    Laurence

    • Jenny-Mai Nuyen

      Laurence, du weißt doch, dass ich Besserwisser voll mag. Und du hast Recht, es müsste „hatte“ heißen und nicht „hätte“. Das wird gleich in die Fahnen eingetragen. Danke dir!

      „Bruchstückhaft“ kam es mir komischer Weise auch ein bisschen vor, als ich den Text nochmal las, um die Kommentare zu schreiben. Ich glaube, es liegt aber auch daran, dass die Kapitel inzwischen sehr aufeinander aufbauen und seit dem letzten zwei Wochen vergangen sind. Das ist ja keine normale Lesepause mehr… Aber ich möchte ja auch die ganzen „Extras“ einbauen ^^

      • Laurence

        Stimmt, ich musste erst mal wieder rein kommen in die Geschichte. Wenn man das Buch in eins durchliest, fällt es sicher nicht mehr auf.
        Ich bin schon soooo gespannt.
        :-)

  5. Marius

    Gutes Kapitel. Gefallen hat mir vor allem wie du es schaffst in einem eigentlich so kurzen Abschnitt so viele abwechselnde Ausrichtungen von Emotionen reinzukriegen. Das melancholische Gefühl am Anfang auf dem Weg zum Vater, dann das Treffen mit ihrem Vater wo irgendwie alles bei war (Kälte aber auch ein bisschen Wärme, Anstrengung, Gleichgültigkeit, Mitleid,…), danach das Gefühl der Ohnmacht, die Rückblende mit Canon, die mit einem guten Gefühl beginnt und am Ende doch wieder in ein schlechtes umschlägt. :)

    PS: Kann es sein, dass du von deinem Video-Beitrag von letzter Woche noch nicht alle Beiträge freigeschaltet hast? Ich hab da auch was drunter geschrieben aber der Beitrag ist nie erschienen – ist mein Kommentar im Spam untergegangen? :|

    • Jenny-Mai Nuyen

      Marius, du weißt es wirklich besser. Deine Kommentare und noch ein paar andere sind von meinem neuen Spam-Filter aufgehalten worden. Jetzt sind sie aber da. Ich hab auch drauf geantwortet!

      Freut mich, dass dir das Kapitel gefällt – dass es so ein Wechselbad der Gefühle ist, hab ich selbst gar nicht gemerkt. Aber es stimmt, Nicki flattert innerlich immer Richtung gute Erinnerungen und wird dort von den schlechten Erinnerungen eingeholt. (Macht voll Spaß, die Geschichte nochmal so durch andere Augen zu sehen. Ich sollte zu jedem Buch eine Testlese-Aktion haben.)

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