Lyrik-Flashmob #1

Wie versprochen geht es heute los mit der Offenlegung meiner und hoffentlich auch eurer weichen, austerigen Herzen von damals und heute – in lyrischer Form. (Wie sonst?)

Es war ganz schön schwer, mich zwischen all den Gedichten aus meinem Ordner zu entscheiden, die sich in den letzten sechs Jahren angehäuft haben. Sechs Jahre, weil ich damals wieder mit Lyrik anfing, und zwar ziemlich ahnungslos.

Darum ist eins der Gedichte, die ich heute veröffentlichen will, auch eins der ersten, die ich schrieb. Es handelt ganz konkret davon, warum ich mich überhaupt an die Lyrik gewendet habe, nämlich aus einer Schreibkrise heraus. Ich tat mich schwer, an meinem Roman zu arbeiten. Es fühlte sich an, als gehörte das Romaneschreiben nicht mehr mir, als sei es das Mittel von Zwecken geworden, die andere Leute verfolgten. So hab ich mich in Gedichte zurückgezogen.

Das zweite Gedicht ist ein aktuelleres. Ich habe es ausgewählt, weil es thematisch ähnlich ist und von Nostalgie handelt, von einer Verklärung der Jugend. Lest selbst.

Ich bin sehr gespannt auf eure Reaktionen und noch mehr auf die Gedichte, die ihr in den Kommentaren postet. Immerhin arbeiten wir hier an einem Lyrik-Flashmob!

 

2009:

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Drei Tage Klagen

Tag1
Nur einen Satz hab ich heute verfüttert
An den stumpfsinnigen Goldesel Roman.
Da hockt er und glotzt verbittert. Ein Satz.
Aus dem Rückgrat gedrückter Lebertran.
Aus Trotz lutsch ich Gedichte wie Honigwaben
Und träum, meinen Schlüssel zu verschlucken
Und mich an den Straßenrand zu legen,
Wange auf weich getretene Pflastersteine,
mir eine Krone aus Disteln und Plastik flechtend,
Um jedem Passanten, der kommt
Meine Weltall weite Liebe in die Hand zu geben,
Gekratzt auf einen Zettel mit Reimen.
So ein Leben hätte ich gewollt.
Dann wär ich reich. Ein sinnlicher Esel
In einer Welt aus Gold.

Tag2
Manchmal wär ich lieber ein sterbender Wal.
Zu Hass verdaute Langeweile schleift die porösen Knochen der Zeit.
Ich trinke und trinke den Brei aus Kreide: mein Jetzt ist für immer.
Heute Abend ist mir selbst das Atmen zuwider.
Lieber als schreiben würd ich durch Finsternis treiben
Gewässer so steif und vor Kälte unfassbar
Dass das Leben verstummt und sich selbst nicht begreift
Und die Seele, die noch Worte spuckend ertrinkt
In den fremden vier Wänden und der Kneipe ums Eck
in begehrlichen Händen und jedem freundlichen Blick
nicht mehr vorwurfsvoll aufzählt, woran sie verreckt.

Tag3
Große Flüsse durchströmen mein Herz
Graben Risse ins Fleisch
Beißen Küsse hinein
Im Rausch spür ich das alles nicht
Will zerrissen sein von lautlosen Pfeilen
So muss es auch sein, sagen Frauen und Männer
Sie wissen wohl besser, was wichtig ist
Ich werf meine Fische in die Gewässer
Wie silberne Schüsse gehen sie unter
Schneiden Gedanken von ihrem Gewicht
Die einen ins Licht, das andere tiefer
Kehren mit wenig, kehren niemals wieder.

 

 

2013:

20130609_210150

 

Stereogramme sammle ich, von hinten beleuchtet wie Honigtunke:
Feuchtes Auge erfreut sich an der Bildsequenz von Matrosennächten.
Da flackern die Gecken mit Winkehänden, ihre Wimpel entblättern sich selbst
und die glockenvibrierende Trockenpflaume, schluck-schluck, in mir
will ersaufen an so viel Überschussglück. Damals wuchs bei Bier und Mettwurst
was aus den Kinderschuhen, schön wie Fliegen, wie Prügel mögen, nur fester
überspannen den Bogen, ein Traum wischt den nächsten, Riesenrad – gähn!
viel zu fade, Karussell dreht sich schneller, platzt Angst in Gelächter
und der Zungenzipfel saugt mit Moschus sich auf. Blaue Kerls und die Liebchen
rülpsen Schwärmereien wie hochprozentig gesprenkelte Schmetterlingsschwärme –
hastig, hastig, nach oben! Um sich gleich zu verknuspern an den Küssen unerreichbar
gedachter Birnen. So viel Asche in den Lungen, und es macht nichts, oder doch Popcornmäulchen

leckt ja: tatsächlich, die Jugend quetscht aus. Plötzlich war ich

ein Brocken in faltigen Decken. Ich hab mich gemietet und fast vergessen.
Fernsehen brabbelt seitwärts. Taktloser Haarwuchs. Kehlkopfkrebst Fühler ins Sichtfeld.
Hinter Häuserfronten, stur und Pappmaché, in gebuttert dicken Fensterscheiben
Noch ein Glimmen feuchtes Rosa am Schmelzen. Da ist es gewesen. Aber Reden
ist Spiegeln in falschem Silber, noch leben heißt treiben, als wär’s für immer
das Löffellutschen, Schluchzen wie Schmatzen, an den schrecklichen Tagen
die man glücklich war.

69 Comments

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69 Responses to Lyrik-Flashmob #1

  1. Kevin

    Zeichenbrett

    Strich für Strich
    Ergibt es Sinn.
    Strich für Strich:
    Ich seh‘ es ein.
    Strich für Strich:
    Ein Farbenspiel.
    Strich für Strich:
    Ein klares Bild?

    Ein Bild, das zeigt
    Des Endes Ziel;
    Das zeigt,
    Wohin es geht;
    Das weist
    Den Weg zu dir.

    Eine Linie beginnt
    Und es ergibt Sinn.
    Eine Linie führt fort,
    Was nie beginnt.
    Das Ende wird zeigen,
    Was der Strich wollt‘ sagen.

    Strich für Strich:
    Ergibt das Sinn?
    Strich für Strich:
    Wo ist das Ziel?
    Strich für Strich:
    Wo führt es hin?
    Strich für Strich:
    Bin das nun ich?

    Ich?
    Ein Strich?
    Eine Linie?
    Ein Ende?
    Das Ziel.

  2. Kevin

    Hallo „Alle“,

    Der Lyrik-Flashmob treibt mich selbst wirklich sehr stark an und darum möchte ich nun ein Gedicht präsentieren – euch Löwen quasi zum Fraß vorwerfen, um zu sehen, ob es euch munden mag – welches ich gerade eben erst geschrieben habe.
    Die Vorgeschichte: Ich habe mir heute das Album „Wanted on Voyage“ von George Ezra gekauft und selbiges auf der Heimfahrt im Auto gehört. Darunter war ein Song mit dem Titel „Drawing Board“, welcher mich zu Folgendem inspirierte:

    Zeichenbrett

    Strich für Strich
    Ergibt es Sinn.
    Strich für Strich:
    Ich seh‘ es ein.
    Strich für Strich:
    Ein Farbenspiel.
    Strich für Strich:
    Ein klares Bild?

    Ein Bild, das zeigt
    Des Endes Ziel;
    Das zeigt,
    Wohin es geht;
    Das weist
    Den Weg zu dir.

    Eine Linie beginnt
    Und es ergibt Sinn.
    Eine Linie führt fort,
    Was nie beginnt.
    Das Ende wird zeigen,
    Was der Strich wollt‘ sagen.

    Strich für Strich:
    Ergibt das Sinn?
    Strich für Strich:
    Wo ist das Ziel?
    Strich für Strich:
    Wo führt es hin?
    Strich für Strich:
    Bin das nun ich?

    Ich?
    Ein Strich?
    Eine Linie?
    Ein Ende?
    Das Ziel.

    • Jenny-Mai Nuyen

      Kevin,
      bitte entschuldige, dass dein Kommentar erst jetzt aufgetaucht ist. Dieses Anti-Spam-Programm ist seltsam, ich habe keine Ahnung, warum es ausgerechnet auf deinen Kommentar allergisch reagiert hat. Nun aber zu deinem Gedicht.
      Natürlich hab ich mir zuerst „Drawing Board“ von George Ezra angehört. Ich kannte den Musiker noch gar nicht, aber das Lied gefällt mir, es ist auf eine Art fröhlich, die ich für echt halten kann, weil immer noch eine gewisse Melancholie darin steckt. Ich werde mir auch den Rest des Albums anhören!
      Mit der Identitätsthematik hat mich dein Gedicht an einer empfindlichen Stelle getroffen. Ich sehe darin die Seltsamkeit von Persönlichkeit überhaupt reflektiert. Du bringst es auf den Punkt: Eigentlich machen wir doch immer nur kleine Striche, und obwohl wir immer nur vage Vorstellungen vom Gesamtbild haben können, müssen wir doch irgendwie von einem Gesamtbild ausgehen, das uns bekannt ist, um überhaupt Striche ziehen zu können. Verrückt. Dein Gedicht hat mir diese Paradoxie deutlich aufgezeigt, ohne dabei explizit zu sein. Finde ich klasse! Mir gefiel auch der „Weg zu dir“, denn Persönlichkeit entsteht ja nur durch Beziehungen, ist gleichzeitig aber auch Voraussetzung für Beziehungen. Wieder diese Paradoxie. Darüber werde ich jetzt den ganzen Vormittag grübeln. Aber fröhlich grübeln. Wie „Drawing Board“ von George Ezra :)
      Ich freu mich, dass du dieses Gedicht geschrieben und hier preisgegeben hast.

    • Sehr schön, Kevin!
      Vor allem die Zeilen ‚Eine Linie führt fort, was nie beginnt‘ und diese fragende Wiederholung finde ich klasse und im letzten Teil habe ich wirklich das Gefühl, als würdest du diese Fragen laut stellen und als würden sie dadurch in meinem Kopf wiederhallen und zu meinen Fragen werden.

      • Kevin

        Es begeistert mich wirklich, wie genau und richtig ihr beide mein Gedicht versteht und es dementsprechend eine Wirkung auf euch hat! Und es freut mich, dass ich euch erreichen konnte.
        Ich danke euch, dass ihr mir aufgezeigt habt, dass ich scheinbar doch etwas kann :)

    • Julia

      Das Album ist sooo gut, ich höre es seit ein paar Wochen andauernd!
      Das Gedicht ist wirklich klasse, es trifft mich irgendwie total, ich kann mich sehr damit identifizieren.
      Es klingt wie das Hinterfragen eine Liebe, die letztendlich dazu führt, dass man sich selbst hinterfragt… Es ist dir wirklich wunderbar gelungen das alles so (wortwörtlich) bildlich zu machen.
      Kompliment, Julia

  3. Rica

    Erst einmal : Dank, Jenny, für diese Idee – es ist fantastisch, all diese Kunstwerke zu lesen :)

    Mein Gedicht ist eine Weiterführung eines Filmzitates aus ‚Dein Weg‘
    Wir schauten diesen Film im Unterricht und irgendwie schaffte er es, mich trotz des unbequemen Holzstuhles, auf dem ich saß, den unruhigen Klassenkameraden und der unbeheitzten Winterluft mit Glück und Wärme zu erfüllen und dieses Zitat fasste meinen Eindruck perfekt zusammen.

    ‚Man entscheidet sich nicht für ein Leben – man lebt eins‘

    Man entscheidet sich nciht für Leben,
    man lässt sich leiten,
    lässt sich fallen und führen
    von unbekannten Mächten
    -dem Schicksal und dem Zufall,
    vielleicht auch von Gott
    oder den Geistern fremder Seelen

    Man entscheidet sich nicht für ein Leben,
    man lässt es passieren,
    lässt den Dingen ihren Lauf
    -vom Neuen und vom Unbekannten,
    von allem Unmöglichen lässt
    man sich überraschen

    Man entscheidet sich nicht für ein Leben,
    man probiert es aus,
    geht Risiken ein und beschreitet neue Wege
    -lässt das Vertraute zurück
    in der Hoffnung auf größere Abenteuer,
    stärkere Gefühle, bessere Chancen

    Man entscheidet sich nicht für ein Leben,
    nicht für den Beruf als
    Hausfrau, Lehrer, Anwalt, Koch
    nicht für die
    Kinder, Gatten, Freunde, Frauen
    nicht für den Chef,
    nicht für den Nachbern,
    nicht für den kleinen Jungen von gegenüber

    Man entscheidet sich nicht für ein Leben
    -man lebt eins

    Obwohl dies eines meiner schlichteren Werke ist und ich die normalerweise übermächtige Bildlichkeit außen vor gelassen habe, ist mir doch sehr wichtig, weil ich finde, dass es gerade aufgrund seiner schlichten Worte der Wahrheit mehr Raum lässt

    • Julia

      Ich finde, dass es einen wirklich wunderbaren Lesefluss erzeugt, wie ich ihn selten zu Gesicht bekomme. Man kommt überhaupt nicht ins stocken und auch bim vorlesen (ich konne gerade nicht anders, ich habe es meiner mum vorgetragen [die findets auch toll]) gleiten einem die Worte förmlich aus dem Mund. Ich glaube, dass durch diese Schlichtheit der Sprache (natürlich im positiven sinne) ein ganz anderer Zugang zum Leser geschaffen wird … Kompliment! :)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Rica,
      ich möchte auch noch etwas zu deinem Gedicht sagen. Ich finde es gar nicht verwerflich, in Lyrik auch mal explizit zu sagen, worum es geht. Es muss nicht immer kryptisch sein, auch wenn das heute eine Regel zu sein scheint. Und dein Gedicht hat wirklich einen schönen Lesefluss, durch die Repetition hat man das Gefühl, eine Treppe hinunterzuhüpfen, und je tiefer man gelangt, umso weniger Entscheidungsangst hat man. Für alle diejenigen, denen es aus zu viel Grübelei schwerfällt, Beschlüsse zu fassen, ist dieses Gedicht eine wahre Besänftigung. Danke, dass du es mit uns teilst!
      Übrigens könnte ich mir wirklich gut vorstellen, dass du es vorträgst. Wenn es länger wäre, könntest du damit auf einem Poetry-Slam auftreten.

      • Vielen Dank Jenny :)
        Du hast Recht, ich habe auch oft das Gefühl, die Gedanken irgendwie ummalen zu müssen, anstatt direkt auf den Punkt zu kommen – und meistens mach ich das auch, weil ich ein wenig Interpretationsfreiheit ganz schön finde, vor allem wenn es um persönliches geht.
        Was allerdings das Vortragen angeht, muss ich dich enttäuschen : Ich habe einmal an einem Poetry-Slam teilgenommen und es lief auch ganz gut, aber da ich beinahe den sprichwörtlichen Bühnentod gestorben wäre, ist das wohl nicht so sehr was für mich. Ich lese meine Gedichte lieber im vertrauten Kreis von Freunden und Familie vor – oder stelle sie schön digital ins Netz ;)

  4. Kevin

    Hallo Alle,

    Ich habe mich jetzt nur in einige Gedichte hineingelesen – bei dieser Fülle ist es aber auch schwer da den Überblick zu behalten. Eins kann ich aber schon sagen, nämlich dass ich wahnsinnig begeistert von quasi allen bin, weil alle etwas sehr Eigenes haben und auf ihre je eigene Art zum Lesen animieren! Da ich mich recht gut auf Lyrik-Theorie verstehe, habe ich grade schon Lust bekommen, einzelne dezidiert zu analysieren (wenn nur die liebe, leidige Zeit nicht wäre).

    Ich traue mich nun schon fast gar nicht mehr, ein selbstgeschriebenes Gedicht vorzubringen, aber werde es dennoch dann mal in die Runde werfen (es ist vergleichsweise kurz!):

    Werdende Welt

    Oh, du Zeit der Schicksale, des ewigen Bangens,
    Der du bringst ein scheinendes Ende durch quälendes Fallen;
    Der du schaffst den Raum für ein neues Erwachen,
    Der du besitzt die Kraft des farbigen Machen‘;
    Der du hast einen Namen mit einfachem Wort:
    Der du bist für das beginnende Ende der Ort.

    In gespannter Haltung:
    Kevin

    • Lissa

      Ich finde das Gedicht sehr schön, ist wirklich mal was Anderes.
      Für mich hört es sich vom Stil her irgendwie nach Gebet an, was (zumindest bei mir) immmer sone mystische/mittelalterliche Stimmung – du weißt, was ich meine – auslöst, oder wie ein Zauberspruch, sowas halt.
      Ich kann mich malwieder nicht artikulieren aber ich mag’s irgendwie total :))

      • Anh Thu

        Ein Gebet – oder eine Beschwörung! Ich mag’s auch gerne. Allerdings ist das Gedicht ein ziemlicher Brocken im Hals. Es ‚flutscht‘ nicht. Das ist aber nichts Schlechtes! Dadurch, dass es resistenter ist, bleibt es an einem haften; man schluckt und schluckt bis es endlich in den Magen rutscht und man auf den Sinn kommt. Beziehungsweise man findet eine eigene Interpretation. Die vernünftig klingt.

        >> Oh, du Zeit der Schicksale, des ewigen Bangens <o> Der du bringst ein scheinendes Ende durch quälendes Fallen <> Der du schaffst den Raum für ein neues Erwachen <> Der du besitzt die Kraft des farbigen Machen‘ <> Der du bist für das beginnende Ende der Ort. <<

        Das beginnende Ende vielleicht als der Tod? Mit jeder Sekunde nähert man sich ihm schließlich großen Schrittes. Ich hatte dazu grad noch einen Gedanken, ist mir aber wieder weggeflogen. :{ Nichts mit dem Tod…irgendwas anderes… Ich melde mich, wenn es mir nochmal einfällt. :)

        So, ich hoffe, meine Interpretationen sind nicht allzu weit hergegriffen und äh ergeben Sinn. Und wirken nicht wie von einem Kleinkind oder so.
        Hoffentlich haben sie dein sehr gut gelungendes Gedicht nicht beeinträchtigt. :/

        Eine Beschwörung der Zukunft, ein Gebet für die Zukunft. Huuuu.

      • Kevin

        Hallo ihr beiden,
        :)
        Ich finde eure Interpretationsansätze wirklich sehr passend. Mir ist allerdings noch nie aufgefallen, dass mein Gedicht einer Beschwörungsformel ähnelt. Vielleicht liegt das an meiner Vorliebe für Fantasyserien a la „Charmed“ u. Ä. – von daher sehr passend!
        Ich muss auch zusätzlich gestehen, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, was ich mit diesem Gedicht eigentlich mal sagen wollte; aber eure Ideen erwecken in mir eine dunkle Ahnung – von daher? ;-)

        • Anh Thu

          Huh, ich sehe grad, dass die meisten Interpretationen in meinem Kommentar verschwunden sind. Ich hatte eigentlich mehr stehen als die Sache mit dem Tod. Das nervt mich jetzt aber, denn eigentlich hatte ich jeden Vers einzeln analysiert. >:/

          • Kevin

            Das ist wirklich schade, weil ich glaube, dass das sicherlich sehr viel Arbeit gewesen sein muss! Aber deine Mühe freut mich dennoch sehr. :)

      • Anh Thu

        Also, der Titel und der erste Vers wecken die Mutmaßung, dass die Zukunft in diesem Gedicht die tragende Rolle spielt, denn Schicksal und Zukunft werden desöfteren synonym verwendet. Somit wird das vorangehende Nomen ‚Zeit‘ zu einer Beifügung, die nicht zwingend notwendig ist; die Zukunft ist Schicksal und damit ist Schicksal eine Zeit – du bedienst dich hier also eines rhetorischen Mittels, dem Pleonasmus.
        Das ‚ewige Bangen‘: Eine Mischung aus Angst und gespannte Erwartung, gar Vorfreude. Diese gemischten Gefühle kennen wir doch alle, wenn wir uns unsere Zukunft vorstellen. Einerseits haben wir Angst vor dem Neuen, das kommt. Es ist unentdeckt und deshalb furchterregend, andererseits freuen wir uns auf einen Tapetenwechsel. Die derzeitige Situation könnte verbessert werden, man weiß es ja nicht. ‚Ewig‘ kann hier zweifach gedeutet werden. Einmal ewig für das ungeduldige Warten, wegen der Vorfreude auf das Kommende, und einmal ewig, weil das Bangen tatsächlich ewig ist. Sobald die Zukunft des jetzigen Augenblicks eintrifft, wird sie zur Gegenwart und schafft so Platz für eine neue Zukunft. (War das jetzt verständlich? Ich kann mich nie ausdrücken. :/ )
        Zweiter Vers: Das ’scheinende Ende‘ als das Licht am Ende des Tunnels, entweder der Tod oder die Zukunft, auf jeden Fall Erleichterung bringend (bei Eintritt). ‚Quälendes Fallen‘ – Der freie Fall ist rasend schnell, man fällt also durch die Gegenwart, die Momente und es ist unmöglich anzuhalten und zu verweilen. Die Augenblicke als vorbeirauschende Bilder an den Wänden, die man nicht einfrieren kann. Es ist nicht möglich sich an sie zu klammern und das macht die Gegenwart quälend.
        ‚Der Raum für ein neues Erwachen‘ – klarer Fall, hier wird definitiv von der Zukunft gesprochen. Der Raum ist eine Dimension wie die Zeit eine ist. Hier wird die Raumdimension die der Zeit gleichgesetzt. Man erwacht aus Träumen der Momente und findet sich im Bett, ein Ort des Wohlbehagens. Das Bett würde dann den letzten Rest der Gegenwart darstellen, denn die Gegenwart besteht aus Bekanntem und alles was bekannt ist, bedeutet wohlig flauschig. Sobald man aufsteht, befindet man sich mit beiden Beinen in der neuen Zukunft.
        ‚Die Kraft des farbigen Machens‘: farbig ist bunt, bunt heißt viele Möglichkeiten. Und das bietet die Zukunft.
        Der letzte Vers ist gleichzeitig der letzte Hammerschlag auf dem Nagel. In der Zukunft liegt der Tod, dem wir mit jeder Sekunde großen Schrittes entgegenlaufen. ‚Das beginnende Ende‘ (ein Oxymoron) passt wie die Faust auf’s Auge, denn der Tod ist auch der Beginn des Unbekannten, dementsprechend also des Neuen. Genauso wie die Zukunft. Der Tod als Synonym für die Zukunft?

        • Kevin

          Ich bin beeindruckt wie treffend und tiefgehend du mein Gedicht analysiert. Ich denke wirklich, dass du es gänzlich verstanden hast. Vielleicht sogar mehr als ich:
          Ich weiß nicht, ob du/ ihr das kennst/ kennt: Man schreibt ein Gedicht, hat aber nicht zu allem Geschriebenen einen konkreten Gedanken, der diesem Vers unterliegt. So fühle ich mich gerade. Aber du hast mich verstanden.
          Dafür: Danke! :)

          Eins noch: Ich bin u. a. angehender Deutschlehrer. Für diese Analyse hättest du wahrscheinlich von mir die volle Punktzahl erhalten – und das will schon was heißen :)

          • Anh Thu

            Dank nicht dafür! :)

            Ich kenn das auch von mir; oft denke ich ‚Oh, die Grenzen der Interpretation sind hier aber sehr weit. So weit, dass ich grad irgendwie nicht mehr weiß, was ich damit aussagen wollte… aber es hört sich so gut an. Lass ich einfach stehen.‘

            (Wahrscheinlich) volle Punktzahl?Juhu, wie cool! n_n

  5. Lea

    Hallo Jenny und hallo alle anderen!
    Der Lyrik-Flashmob ist große Klasse! Ich freue mich riesig über alle Gedichte, die sind alle so schön. Und ich hoffe es kommen noch ein paar dazu…
    Ich vergrößere die Sammlung mal noch mit einem Gedicht von mir (verlegen grins):

    Nähmaschinenherz

    Traum ist zwischen uns
    strickt aus unseren Blicken
    einen Schal
    webt aus dem Nichts
    einen lebendigen Teppich
    von Gefühl und Gefunkel
    häkelt diffuse Möglichkeiten
    die in der Ferne leuchten
    näht aus dem Augenblick
    eine leise Ewigkeit
    bis die Zeit
    die Naht auftrennt
    und kaum greifbare
    Fäden verfilzen
    doch mein ratterndes
    Nähmaschinenherz läuft
    Traum ist kostbarer Stoff
    der nicht einfach verschwindet

    • Lara

      Wunderbar warm-atmosphärisch! Hat mich zum Lächeln gebracht :) Das „Gefühl und Gefunkel“ standen mir dabei bildlich vor Augen (vor allem in Rottönen :D).

      • Anh Thu

        Das ist ein wirklich tolles Gedicht! Mir als Träumerin spricht es natürlich vollständig an, dass du den Traum als Basis oder auch Grundessenz siehst. Sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft werden davon bestimmt.
        Große Klasse! :)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Lea, ich schließe mich den anderen Kommentatoren an. Ein schönes Bild!

    • Sophia

      Hallo Lea. Ich finde dein Gedicht wirklich atemberaubend schön. Selten passiert es, dass etwas von Anfang bis Ende stimmt. Du malst ein melodisches Bild, dass sowohl mit der Vorstellung, als auch mit den Gefühlen des Lesers spielt. Das ist eins dieser Gedichte, die mir im Kopf bleiben wir ein Ohrwurm. Wirklich wirklich schön.

      • Lea

        Uiii! Das Gedicht ist wie ein Ohrwurm? Das heißt, du singst es den ganzen Tag vor dich her? Da werd ich ja ganz rot! Vielen Dank für das schöne Kompliment.

  6. Lissa

    Deine Gedichte sind so bildlich, das die Bilder dagegen schon sprachlich wirken! … ähm ja. Ich denke du weißt, was ich meine, auch wenn ich mich gerad nicht ausdrücken kann. Dings.
    So, ich gebe jetzt auch mal meinen Senf dazu. Und ich finde die Idee mit dem Lyrik-Flashmob natürlich auch megageil. Gerne häufiger!
    Achso, noch eine Warnung: Ich kann nicht dichten! Und ich tue es ausschließlich zum vergnügen, und wenn ich gerade sonst nichts auf die Reihe kriege ^^

    Etwas älter (wenn auch nicht viel, denn ich habe gerade erst mit der Dichterei angefangen):

    Ich habe keine Seele
    Und hätt ich eine
    Dann wär’s nicht meine

    Falsch
    Mit Seele wär ich nicht
    Ich
    Ich?
    Was bin ich?
    Wer?

    (Wenn ich dafür in der Hölle schwele…
    Klüger ist man immer
    hinterher)

    Ich habe keinen Schimmer

    Bin ich schwach?
    Fürchte ich mich?
    Ist es daher?
    Warum versteh ich dich nicht?

    Ich seh dein Gesicht
    Doch Blicke ich nie
    Hinter die Lüge
    Deiner Augen

    Denn wissen will ich nicht
    ob sie-
    deine Züge-
    Etwas taugen.

    Und noch eins:

    Scherben zu Asche

    Was bedeutet es
    wenn die Scherben zu Asche zerfallen?
    Verliert alles an Bedeutung
    Am Strand

    Das Wellenrauschen
    Wie kannst du so friedlich
    Liegen und Lauschen?
    Wenn du weißt, daß der Sand
    In dem sich deine Zehen vergraben-
    nichts weiter ist als die Asche
    Der Dinge die waren?

    Das Kind, das Mutter ist
    Und die Sorge, die mich zerfrisst-

    Sag,
    Warum fühlst du nicht die Furcht
    Und fürchtest die Gefühle?
    (So wie ich)

    Klarheit.
    Warum kommst du nur zu mir
    Damit ich noch mehr bedauer?
    Ich sehne mich nach Schmerz
    Schon nach Trauer
    Damit du Hand in Hand
    mit mir gehst.

    Und die Wellentürme
    Formen neue Steine
    Steine zerbersten
    Splitter verbrennen
    Und die Asche als Sand am Strand

    In dem ich mein Gesicht vergrabe
    Daß ich dich nicht mehr hören kann-

    Das Rad der Zeit dreht sich
    Immerfort.

    … und noch eins, ich kann es nicht lassen (was kleines, versprochen)

    Kleinkritik

    Es heißt mich, nicht mir
    Wen kümmert das, außer dir?
    Kümmert es mich?
    Warum dicht
    (n)ich?

    Verbieg mich doch.

    • Julia

      Dieses Gedicht ist ein einziges Wortspiel, richtig schön zu lesen :)

        • Anh Thu

          Dings. :D Wenn ich anfange zu erklären, dann geht das nie ohne Dings und große Gesten. ^^
          Zu deinem Gedicht: Das ist wirklich ziemlich gut. Am besten gefällt mir der Anfang, der Philosophie verpackt in Poesie ist. Allerdings verstehe ich die Einleitung der zweiten Strophe nicht. Warum ‚falsch‘ wenn im folgenden die Hauptaussage in der ersten Strophe doch eigentlich nochmal kurz zusammengefasst wurde? Wenn das lyrische Ich eine Seele hätte, dann wäre es nicht die seine, mit anderen Worten: Es wäre jemand anderes. Also genau das, was danach nochmal aufgegriffen wird, verstehst du? Kann auch sein, dass ich etwas falsch verstanden hab, hab in diesem Fall tut es mir sehr Leid.

          Das Kind, das Mutter ist
          Und die Sorge, die mich zerfrisst-

          Sag,
          Warum fühlst du nicht die Furcht
          Und fürchtest nicht die Gefühle?
          (So wie ich)

          Hrr. (Das ist übrigens eine Onomatopoesie fürs Schnurren :D) Me encanta. (Und das ist spanisch für ‚gefällt mir‘. Wollte mich nicht mit dem deutschen ‚gefällt mir‘ immer wieder wiederholen.)

          Der Mittelteil weicht thematisch vom Beginn ab, habe ich das Gefühl. Was nicht weiter schlimm ist, ein Gedicht kann ja mehrere Themen behandeln. :)

          • Lissa

            Huh, danke erstmal. Jaja, stimmt, das ‚falsch‘ ist ein bisschen verwirrend… Es deutet wohl darauf hin, dass das lyrische ich nicht weiß, wie es seinen zustand beschreiben soll. Aber tatsächlich, du hast recht, das Gedicht würde ohne ‚falsch‘ genauso funktionieren! :o … Dings :D
            Und zum zweiten: Jaja, das passiert, wenn man zwei ideen zu einer verwurstet ^^
            Onomatoposie ist ein wunderbares Wort :))

    • Jenny-Mai Nuyen

      Lissa, mir gefällt die Thematik des Gedichtes natürlich sehr. Der Gedankengang „wenn ich eine Seele hätte / wär es nicht meine“ hat mich erst stutzen lassen, aber es macht natürlich Sinn: Das lyrische Ich begreift sich selbst als jemanden, der an Unsterblichkeit nicht glaubt. Dieser Glaube definiert das Ich mehr als alle Tatsachen, die unerforscht bleiben müssen – sobald eine Seele am lyrischen Ich entdeckt würde, wäre das Ich nicht mehr es selbst, ein neuer Mensch wäre an seine Stelle getreten. Das ist kniffelig, aber sehr hintergründig. Toll.
      Ich fand auch schön, wie ratlos das lyrische Ich angesichts der Ruhe des Du ist, das sich von der Vergänglichkeit der Dinge nicht aus der Ruhe bringen lässt (vielleicht, weil das Du an unsterbliche Seelen glaubt?) Die Verzweiflung und Angst angesichts der Zeitlichkeit ist sehr eindrucksvoll gelungen.
      Bei deinem zweiten Gedicht „Kleinkritik“ verstehe ich nicht die Zeile „Warum dicht“. Soll das t da sein? :)

    • Lara

      Also dass du nicht Dichten kannst, ist eine Behauptung, die man so nicht stehen lassen kann ;) Du hast ein tolles Gespür für lyrische Melodie/Rhythmus (oder wie auch immer man das nennt :D)!

      „Ich habe keine Seele/Und hätt ich eine/Dann wär’s nicht meine“ Du hast da sehr treffend einen Zustand maximaler Entfremdung von sich selbst beschrieben, finde ich, das lyrische Ich wirkt sehr entrückt. „(Wenn ich dafür in der Hölle schwele…/Klüger ist man immer/hinterher)“ Das Hinterfragen der eigenen Identität als eine Sünde, die ins Verderben führt.. Mir gefällt, dass die zweite Zeile zwei Lesarten hat: ob sich das Hinterher-klüger-Sein auf das erfolgreiche Hinterfragen der Identität bezieht, oder auf die Hölle, in die Ersteres führen könnte (hm, vielleicht ist es auch beides dasselbe?). „Denn wissen will ich nicht/ob sie-/deine Züge-/Etwas taugen.“ Gefällt mir gut!

      „Was bedeutet es/wenn die Scherben zu Asche zerfallen?“ Eine Art Traumdeutung? Ich finde das Bild der zu Asche zerfallenden Scherben toll, und interessant, dass alles nur am Strand an Bedeutung zu verlieren scheint und nicht etwa die ganze Welt des lyrischen Ichs – als sei dieser Strand ein Ort und Träger von Erinnerungen (und als solcher vielleicht ebenjene ganze Welt.) „Wenn du weißt, daß der Sand/In dem sich deine Zehen vergraben-/nichts weiter ist als die Asche/Der Dinge die waren?“ Das ist wunderschön! Meine Lieblingsstelle. Ich mag, wie das lyrische Ich seine subjektive Sicht auf das Gegenüber projiziert, im Sinne von „wie kann er/sie das bloß nicht sehen?“, und ihm das dann vorwirft.
      „Steine zerbersten/Splitter verbrennen/Und die Asche als Sand am Strand“ Das ist so eines der Beispiele, wo sich dein sprachliches Gespür besonders deutlich zeigt. Toll, wie die letzte Zeile als unvollendeter Gedanke fassungslos in der Luft schwebt. Die verbrennenden Splitter sind ein weiteres schönes Bild.
      Vorher schien die Asche noch eine Metapher zu sein, und jetzt am Ende (ein bisschen wie in einem Horrorfilm, wenn man die Wahrheit so sieht, wie sie ist), sehe ich plötzlich einen realen äschernen Strand vor mir, und es scheint, als hätte sich letztlich doch das Gegenüber und nicht das lyrische Ich getäuscht. „Warum fühlst du nicht die Furcht/Und fürchtest die Gefühle?“ Auch toll!

      • Lissa

        *im eigenen Narzissmus versink*
        … ähm, hi.
        Dieser Moment wenn kluge Menschen in deinen Gedichten mehr Sinn finden als du selbst. Beeindruckend ist, das du das, was ich meine, in vernünftige Worte übersetzen kannst, während ich stammelnd und Füllwörter nutzend im Versuch zu Grunde gehe, den Mitmenschen meine knotigen Gedankengänge begreiflich zu machen. Kann ich dich behalten? :DD
        Und ja, ich liebe Strände einfach. Die sind so schön und traurig. Du weißt schon, der Rand der Welt, an dem die Überreste vergangener Zeiten auf ihr Versinken warten… ähm ja.
        Ich bin gerade einfach unglaublich glücklich das Tatsache echte Menschen diese Gedichte lesen und sich darüber Gedanken machen. Und ich bedanke mich natürlich allerknuddeligst für dein ganzes Lob *freu*

        • Lara

          Hi :D Na, dann hab ich doch nicht mehr Sinn darin gefunden, als du nicht vorher hineingelegt hättest! ;) Ach, Füllwörter sind doch was Schönes :3 Ich hab deine knotigen Gedankengänge im Gedicht jedenfalls nachvollziehen können :) Hihi, klar ^^ *einen Klon von mir rüberschieb* :D
          Ja, man ist sich manchmal wirklich nicht bewusst, dass echte Menschen das lesen, wenn man im Internet was postet.. :o Ein allerknuddeligstes Gern geschehen! :)

    • Rica

      wow, deine worte sind klar und symbolisch zurgleich, das ist ein wahres kunststück !
      ich mag es sehr, wie es nicht zusammenzupassen scheint und doch nciht ohneeinander kann :)

  7. Vera

    Liebe Jenny!
    Ich bin überwältigt von der sprachlichen Vielfalt Deiner Gedichte! Sie tragen eine enorme Kraft. In Deinen Büchern ist diese Kraft natürlich auch gegenwärtig, aber hier ist sie auf ein paar Zeilen konzentriert worden und traf mich mit voller Wucht! Danke ;)
    Liebe Grüsse, Vera

    #0
    Manchmal, da möchte ich ausbrechen, aus mir brechen,
    Risse nicht schliessen, sondern ihre Ränder packen und daran ziehen, ziehen,
    ziehen, bis das Licht vergangener Träume hindurch scheinen kann
    und
    die zuvor grauen Fetzen golden leuchten.
    Dann möchte ich mich hindurchzwängen,
    in eine neue Welt drücken, mich
    fallen lassen, bis der Boden unter den Füssen nicht mehr näher kommt,
    hindurch durch alle Hindernisse,
    selbst kein Hindernis mehr sein,
    nur noch Licht.
    Bis nichts, nichts, nichts
    mich mehr halten kann,
    weil ich nicht mehr gehalten werden will,
    weil ich ich bin und
    ich mir
    genug
    bin.

    • Anh Thu

      Ein Gedicht, das wohl eines der wichtigsten Themen im Leben behandelt: Die Selbtakzeptanz und Akzeptanz durch andere. Erwartungen der Leute an einen und man kann sie nicht alle erfüllen, denn dann wäre man nicht mehr man selbst.
      Oder auch: Man gibt sich anders als man ist, aus Angst aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Sehr vielfältig interpretierbar zu dem oben aufgeführten weiten Thema. Umso besser, dass du dich geschickt ausgedrückt hast, um keine Grenzen zu sitzen. Sehr schön. :)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Harter Tobak! Die Befreiungen, das Zerren und Ränderpacken und die Fetzen und das Licht und das In-eine-neue-Welt-drücken hat was von gewaltsamen, nicht enden wollenden Geburten. Der Mutterleib ist feindlich. Alles Gegenüber ist feindlich – alles Hindernis, sogar das lyrische Ich, weil es ja Teil der Gegenüberstellung ist.
      Allerdings frage ich mich, was das Ich am Ende dann noch ist. „weil ich ich bin und/ ich mir/ genug/ bin.“ Vier Zeilen darüber hat sich dieses Ich bereits in Licht verwandelt. Ist schon kein Hindernis mehr, also eigentlich überhaupt kein Ding mehr, das Raum einnimmt. Ich denke, hier liegt eine Spannung, die noch ausgearbeitet werden könnte: Das Ich empfindet den Drang, sich zu befreien, und das ist sehr plastisch und expressiv dargestellt. Das Ich empfindet aber auch sich selbst als Teil des Problems. Wie sähe die Freiheit des Ichs überhaupt aus? Ein Ich kann es ohne Andere ja nicht geben. Die Befreiung von den anderen wäre zugleich das Ende vom Ich. Das ist ein Dilemma. Ich wäre neugierig, wie das lyrische Ich deines Gedichtes damit umgeht! (Vielleicht in einer Fortsetzung?) :)

  8. Lara

    Hallo Jenny! :) Ich musste erst einmal eine Weile deine Bilder bewundern, bevor ich die Gedichte lesen konnte *-* Das erste erinnert mich an Caspar David Friedrich, gemischt mit einer Art intuitivem Surrealismus.. Ich erkenne darin drei Gestalten, die sich aus den Fluten erheben und sich die Hände reichen <3 Du hast wirklich ein Talent dafür, Gefühle in wolkigen Ölformationen einzufangen, sie so in Malerei zu übersetzen, dass sie sich dem Betrachter ganz unmittelbar transportieren. Das Meer sieht so wolkig weich aus, wie ein Meer aus Öl statt einer rauen, wassersprenkelnden See ^^ „Muttermund“ fand ich damals auch so toll! Bin ein Fan deiner Bilder (und deiner Bücher ;) NOIR <3 <3) und kenne auch keinen, der so ähnlich malt wie du :)

    So, jetzt aber noch ein paar Wörtchen zu den Gedichten :) „Wange auf weich getretene Pflastersteine“ – ein tolles Bild, „weich getreten“ wie ein Kissen zu begreifen! „Ein sinnlicher Esel/In einer Welt aus Gold.“ Sehr poetisch! Ich mag, dass Anfang und Ende sich entsprechen. „nicht mehr vorwurfsvoll aufzählt, woran sie verreckt.“ Das berührt mich irgendwie, klingt so bitter… „Schneiden Gedanken von ihrem Gewicht“ Gefällt mir!

    „Damals wuchs bei Bier und Mettwurst/was aus den Kinderschuhen, schön wie Fliegen, wie Prügel mögen“ Oh, ist das ein Selbstbild? Hoffentlich nicht! Du bist jedenfalls schöner als Fliegen oder Prügel mögen :D „Ich hab mich gemietet und fast vergessen.“ Nahw :( „Taktloser Haarwuchs.“ Gute Beschreibung dafür, wenn jemand einem beim Fernsehen das Bild versperrt :D „Kehlkopfkrebst Fühler ins Sichtfeld.“ Zigarette! :D „Aber Reden/ist Spiegeln in falschem Silber“ Die Unzulänglichkeit der Sprache, den Zauber der Jugend einzufangen? „noch leben heißt treiben, als wär’s für immer“ – wie wahr! – „an den schrecklichen Tagen/ die man glücklich war.“ Ja, die Jugendzeit, in der Rückschau erscheint sie einem schrecklich in ihrer Vergänglichkeit… :/

    Hm, ich glaube, bei der Aktion mische ich auch mal ein bisschen mit :) Hier sind zwei meiner Gedichte von vor eineinhalb Jahren, beziehungsweise die einzigen beiden, die ich jemals geschrieben hab x) Ich bin zu sehr der Prosa verhaftet (was man beim zweiten auch merkt), auch wenn diese seit meinen lyrischen Versuchen poetischer geworden ist ^^ (Ein bisschen „emo“ sind sie wohl beide … die Jugend! :´D)

    Stars

    There are times in life

    when you can´t tell
    the choices from the consequences anymore.
    When you look up to the sky, waiting for a shooting star
    before you realize that
    when you
    cry you
    just have to move your eyes quickly from one side to the other

    to see one

    The Disillusionist

    „You can´t kill an idea.“
    She takes a sip from the cup of tea before her. „Who told you that? Of course you can. It´s called disappointment.
    Disillusionment.“
    There are more ideas killed every day than people.

    Blown with your lips, whispered words dwell behind the shell of glass. Finger prints cover the bulb that is your illusion, memories of every time you were touched. Every winding in the thread feels familar in your head, and the light it´s projecting on the surroundings has just the right warmth. It´s just –
    you´ve been carrying it for so long

    She loads the gun
    with murmured truth and honesty
    and points it, straight forward, at your illusion.
    „It´s for the best.“
    Your hand pressed to your heart, your face averted
    she blows your light off.

    It´s been projected, protected
    too much

    Calm descends upon you.
    You feel at peace
    when actually you know
    you´ll be at war with yourself
    for a little while

    So you get up from the dirty floor, your knees still covered in dust.
    You look her in the eyes.
    And agree.

    You just wish it had been you to pull the trigger. But your blow would only ever trigger a loose contact
    Due to a shortness of breath
    all it ever lasted for was myriads of soap bubbles.
    A loose contact, not losing contact.
    It´s just –
    You felt connected to –
    what proved to be a much more loose connection
    Behind your back, she´s blowing soap bubbles.

    There it lies now and tells the truth for the first time,
    broken, scattered on the floor, your carefully crafted idea
    that was equally too careless.
    Light-hearted when actually it should have been
    light-minded

    As you look down upon what´s left now (and what is right), a saying flutters through your head – shards bring you luck, or as it goes
    (something
    along
    those
    lines)
    Wounds will heal.
    With this in mind (and flinders in your soles)
    you go with it
    putting one foot before the other

    You´re dancing on the glass shards cutting in the skin of your bare feet, thirstily absorbing the luck through your flesh as the fragments pierce deeper. Through your sole, to your soul. And dyeing (on) the floor
    Until your blood is crystalline

    In the distance (right at the end of the path stretching nowhere)
    You see her standing
    About to fade and leave (you)
    Through the back door

    As you watch her unwrap
    Something wrapped up in tin foil
    Under her tiny tin foil top hat, a bubble
    Made of shiny shards.
    Blinding you
    mind-lightedly
    More fragile than soap bubbles, as far more long-lasting.

    In the silence stretching
    in between, which
    for a change
    is something that is yours to break,
    as with(manyotherquestions)in your throat
    there is a question left, but feels just right to ask.
    You wonder – (not asking for a wonder) –
    It´s just –

    „What was the path you chose? Disillusionment – or enlightenment?“
    She turns around, her coral lips look strange and yet familiar as she smiles.
    „It´s one and the same thing.“





    (Once broken up,
    you wrap it up
    for (a) change
    in tin foil)

    • Lara

      Ähm, da hat´s den Space zwischen „Stars“ und „The Disillusionist“ gefressen – das ist der Titel des zweiten ^^

      • Julia

        Ich bin gerade total fassungslos. Ich finde die beiden texte (besonders den letzten) soo gut! Ich habe bisher nur ein einziges Gedicht auf englisch geschrieben, aber es ist wirklich schlecht, glaube ich. ^^
        Darf ich fragen, wie alt du bist?

    • Jenny-Mai Nuyen

      O Mann, Lara. Ich bin ganz baff. Das sind richtig tolle Gedichte. Gerade ärgere ich mich, dass wir keinen Lyrik-Flashmob in einem echten Raum haben, denn ich würde gerne hören, wie du deine Texte vorträgst, und dann Zeile um Zeile mit dir darüber sprechen.
      Man merkt deinen Gedichten an, dass du von der Prosa kommst oder auf dem Weg zu ihr hin bist. Du äußerst explizite Gedanken („can’t tell the choices from consequences anymore“) und findest dann sehr poetische, durchdachte Bilder dazu (toll, die „selbstegmachten“ Sternschnuppen durch Tränen!). Lyrik verlangt ja oft das Vage, das Uneindeutige, die Impressionen ohne das Gedankengerüst. Bei deinen Gedichten bin ich vor allem neugierig auf deine Prosa geworden. Denn wenn du so schreibst wie hier, muss sie sehr beeindruckend sein.
      „The Disillusionist“ habe ich gerade noch einmal gelesen. Es ist ohne Makel. Dass das lyrische Ich gerne selbst den Abzug gezogen hätte, um die Illusion zu zerstören. Dass es weiß, es wird eine Weile Krieg mit sich führen müssen, und durch das Wissen wie aus seinen eigenen Gefühlen enthoben ist, dem Lauf des Schicksals fast nur noch als Zuschauer beiwohnen kann.
      Was für ein Schocker: Das Fleisch saugt das Glück der Scherben auf. Erkenntnisgewinn durch Schmerzen. Du denkst die Bilder furchtlos zu Ende. Das liest man selten so.
      Die Pointe am Schluss („disillusionment & enlightenment are the same“) ist durch die Metapher der Idee als Glühbirne, das Spiel mit dem Licht, schön betont worden. Enttäuschung – die Befreiung von Täuschung – ist in der Tat die Methode, um zu mehr Weisheit oder gar Erleuchtung zu kommen. Wenn den meisten Leuten das nur wichtiger wäre als die Gemütlichkeit ihrer Illusionen…! Ich möchte ihnen dein Gedicht in die Hand drücken.

      Vielen Dank, dass du deine Gedichte hier mit uns geteilt hast. Ich werde sie bestimmt noch einige Male lesen!

      • Lara

        O Mann, ich bin auch ganz baff, das kannst du mir glauben! :) Vielen, vielen Dank für das tolle und ausführliche Feedback! Interessant, dass du vom Vortragen sprichst, ich hab mir schon öfter vorgestellt, wie das wäre, manche meiner Texte gewissermaßen als dramatische Texte zu sprechen. Das Gedicht könnte sich dafür tatsächlich gut eignen :) Ja, ich glaube es ist doch eher „Prosetry“, aber als komplett Lyrikferne war die Versform mir damals schon lyrisch genug, haha ^^ (Einen Makel hab ich doch noch gefunden, es sind „deutsche“ Anführungszeichen statt englische, da hab ich die falsche Version gepostet, hrmpf :D Aber es darf ja formlos sein ^^)
        Dass du neugierig auf meine Prosa bist, das freut mich ungemein! :) Falls es mal einen Prosa-Flashmob geben sollte… ;D (Oder wenn du möchtest und man hier Links posten darf, könnte ich dir auch die zu zwei Kurzgeschichten von mir auf Facebook schicken :) Eine davon geht sogar sehr stark in die Richtung der Gedichte. Auch der Stil, in dem ich heute schreibe, ist noch deutlich von diesem Experimentieren beeinflusst, würde ich sagen.)

      • Anh Thu

        Ein Lyrik-Flashmob im echten Raum wäre grandios, weil jeder dann sein/e Gedicht/e vortragen könnte. Die Betonung, der Rhythmus, dadurch würden die Werke viel präsenter erscheinen und hätten eine stärkere Wirkung. Aber dass so eine Lyrik-Party schwer zu organisieren ist, liegt auf der Hand.

        Meine Meinung zu deinen Gedichten, Lara, möchte ich dir nicht vorenthalten. :D
        Das erste ist kurz und bündig, büßt aufgrund dieser Eigenschaften aber keinesfalls an Tiefgründigkeit ein. Im Gegenteil.

        Bei ‚The Disillusionist‘ hatte ich von Anfang an das Gefühl, ich würde gerade einen Roman lesen. Ich mochte es sehr gern. :) Tut mir Leid, ich finde keine Worte mehr. Im Grunde hat Jenny schon alles, was mir ebenfalls aufgefallen war, genannt.

        • Lara

          Ja, das wäre schon richtig cool :D Wer weiß, wer weiß, vielleicht findet das ja doch irgendwann mal statt ^^ Dankeschön! :) :3
          Hmm, gewissermaßen ist es tatsächlich ein gedanklicher Ableger eines (werdenden) Romans… ;) Die Symbolik ist der Geschichte entlehnt, an der ich damals gearbeitet habe (und an der ich auch immer noch herumwerkele) und die ominöse „she“ hab ich mir vorgestellt wie eine Variation der Protagonistin ^^

  9. Melanie

    Ufff, also ich war total begeistert von dieser Idee mit dem Lyrik-Flashmob. Jedoch haben mich deine unheimlich schönen Gedichte erstmal sprachlos gelassen. Nun bin ich voller Zweifel was meine emotionellen, von der typisch jugendlichen Dramatisierung geleiteten Texte, die man kaum Gedichte nennen kann, angeht. Aber naja :D Hier sind also zwei von meinen Gedichten. Das erste schrieb ich, nachdem ein Mitschüler sich wiederholt über mich lustiggemacht hat und auch Gefallen daran fand, mich vor allen blosszustellen (das war letztes Jahr in der achten Klasse, glaube ich). Ich versuchte, Englisch und Deutsch zu mischen. Das zweite verfasste ich dieses Jahr, als ich mich in ebendiesen Jungen verliebte (zu meiner Verteidigung möchte ich sagen, dass er sich verändert hat).

    #1 Diese unheimliche Dunkelheit
    Endlos ist die Traurigkeit
    Please, call me those names again
    Maybe you’ll finally break me
    My unability to talk to men
    “It’s your nerdiness”, says he
    Und niemand wagt es, was zu sagen
    „Hörst du auf?“, werden sie nicht fragen
    Dasselbe Schicksal wollen sie nicht
    Und vor dem Abgrund steh ich dicht
    The only thing that holds me back
    Before me lies a real long track
    In Zukunft werd ich mich entfernen
    Von Erfahrung viel, viel lernen

    But for now, my heart is broken
    The old scars are all open
    It hurts, it hurts, it hurts a lot
    I can’t breathe, it won’t stop
    The scenarios I think of
    The confidence I fake
    Every time I try to say it
    I hold myself for just a bit
    I realize, it’s way too late
    Cause you drained me of all my fate
    I´m sure of it, I know
    I’m way too weak to express it: low

    #2 Diese Wärme im Herzen
    Verglichen mit Schmerzen
    Gewinnt die Wärme
    Ich gucke dich an
    Fast sehe ich Sterne
    Ich komme fast ran
    So nah in der Ferne

    Ein Blick
    Ich werde geheilt
    Es macht klick
    Und Liebe verweilt

    Sobald du nicht schaust
    So gucke ich hin
    Und blickst du zurück
    So schweift mein Blick weiter
    Lächelst du etwa?
    Sofort werd ich heiter

    Manchmal wirst du ganz, ganz froh
    Dann fühle ich mich genau so
    Und immer wenn ich sehe, wie deine Augen sich aufhellen
    Spüre ich die Fröhlichkeit durch meine Adern rennen

    Doch ich weiss
    Der Blick gilt nicht mir
    So weit weg
    Und doch genau hier

    Liebe, oh Liebe
    Bist so launisch
    Und doch noch vieler Menschen Triebe
    Machst mich traurig, und dann froh
    Wechselhaft, genau richtig so

    Konstruktive Kritik wird herzlich willkommen ;D *nägelkauend*

    • Julia

      Ich mag deinen letzten Absatz. Er könnte auch gut für sich allein stehen…. :)

    • Jenny-Mai Nuyen

      Melanie,

      erstens: Whaaaat?! Du bist dieses Jahr in denselben Jungen verknallt, der dich letztes Jahr gehänselt hat? Ich hoffe, er hat ganz außergewöhnlich tolle Eigenschaften, die seine schlechten ausgleichen … Mann, Mann. Vielleicht hat er dich mit verblüffender sprachlicher Genialität gehänselt, indem er immer rappte oder so. Andererseits gibt es ja auch diesen Film, „Der Nachtportier“ mit Charlotte Rampling von einer italienischen Regisseurin, wo eine ehemalige KZ-Insassin sich in ihren Nazi-Aufseher verliebt, nachdem der Krieg vorbei ist und sie sich wiederbegegnen. Ich schätze, das ist alles menschlich ;)
      Aber jetzt zu deinen Gedichten:
      Beim ersten gefällt mir die Verschränkung von Englisch und Deutsch sehr gut. Als würde die Erzählerin die Wahrheiten, die sie sich auf Deutsch nicht eingesteht, nun in einer Fremdsprache aussprechen können. „My inability to talk to men/“it’s your nerdiness“, says he“ finde ich grandios! Ein anderer beendet den Gedanken und macht damit nicht nur eine fiese Beurteilung, sondern zeigt auch, dass er die Erzählerin tatsächlich durchschaut oder kennt. Meine Lieblingsstelle.
      Das zweite Gedicht fängt sehr gut die Gefühle ein, um die es dir geht. Am Ende finde ich die Wendung hin zu einer allgemeineren Betrachtung der Liebe interessant – was ist das eigentlich, Liebe? Laune, ein Trieb. Sind Triebe immer gut? Oder schön? Kann sich etwas schön anfühlen und falsch sein? Davon könntest du noch mehr schreiben. Deine Erfahrung ist immerhin eine radikale: Jemanden lieben, der einen vorher verletzt hat. Ich fände es spannend, wenn du die Verletzung und die Liebe auch in weiteren Gedichten ohne Scheu hinterfragst.

    • Sophia

      Hallo :)
      Ich finde besonders #1 wirklich gut geschrieben. Der Wechsel zwischen deutsch und englisch gefällt mir sehr, zumal du das wirklich fließend, fast spielerisch machst. Für mich klingt das englische wie ein gesungener Teil zwischen der deutschen, gesprochenen Lyrik.
      Die letzten zwei Zeilen von #2 haben es mir auch wirklich angetan. „Machst mich traurig, und dann froh/Wechselhaft, genau richtig so“, es ist wie eine Wahrheit die einem offensichtlich-erhellend ins Gesicht fällt.

  10. Julia

    Hallo Jenny!
    Ich freue mich sehr über diesen Flashmob, denn Lyrik ist meine geheime Leidenschaft. Ich bin so gespannt auf all deine Gedichte und die der anderen.
    Ich liebe die Vergleiche in deinem ersten Gedicht und im zweiten dieses bildliche und verrätselte.
    Ich selbst schreibe noch nicht lang und zeige selten anderen Augen als den meinen die Zeilen, die ich hervorbringe. Trotzdem werde ich mal meinen Senf dazugeben und bin gespannt,
    LG Julia

    Heile Weltn (Oktober 2013)

    Neongeblinke im Dämmerlicht
    Vor Strafe
    Schützt auch Dummheit nicht.
    Doch vielleicht Einfluss, vielleicht Macht;
    Könige, Prinzen, Grafen
    ziehen durch die Nacht.
    Tun und lassen, was sie wollen
    können zahlen, könn’ verzollen.
    Moral ist hier nur fehl am Platz.
    Es zahlt, wer hat.
    Es hat, wer hat.

    Bleiche Leuchtstoffröhren
    reiche Vorstadtgören
    Ehrlichkeit ist aufgebraucht
    aufgeraucht – ausgetreten.
    Sie intressiert doch nur
    das eigne Leben.

    Nur Kinder sagen die Wahrheit
    oder Betrunkene – schaffen Klarheit
    oder Dumme sagen grade raus
    was alle denken;
    zu sagen – zu fragen
    sich aber keiner traut.
    Dumme oder Mutige?

    Buntes Retinageflimmer.
    Kopfschüttelnd und
    bitter lächelnd denkt sich der Spinner
    „Heile Welt“
    und stirbt.
    Spinner oder Held?

    • Lissa

      Das ist genial! :o

    • Lissa

      Also deine Art zu reimen meinte ich jetzt. Aber der rest natürlich auch :’D

    • Melanie

      Wow. Das Message in deinem Gedicht habe ich geliebt, und wie du es rübergebracht hast noch mehr *_*
      Wenn ich nur annähernd so schreiben könnte wie du…

    • Anh Thu

      Ehrlichkeit ist aufgebraucht
      aufgeraucht – ausgetreten.

      Ich mag diese Stelle sooo gern!
      Aber nicht nur – das gesamte Gedicht ist dir gut gelungen.
      Geld, dass die Moral ersetzt; Geld das selbst die Wahrheit platttreten kann; Geld und der damit einhergehende Egoismus, vielleicht sogar Narzissmus.
      Die Kinder als erkennende Wesen, zu jung, um dem Bösen der Welt beizutreten, zu unerfahren, um nie dem Bösen der Welt beizutreten, zu schwach, um zu wiederstehen. Die Betrunkenen, die nur in ihrem Rausch fähig sind das auszusprechen, was nicht ausgesprochen werden darf. Dann wenn die Kontrolle verloren ist, wenn die Angst genommen, wenn die Folgenkalkulation eingefroren und der Druck der Gesellschaft verschwunden ist. Oder die Dummen, die der Wahrheit beistehen, weil sie sich nicht um die falschen Leute kümmern. Deshalb sind sie dumm. Aber eigentlich nicht.

      Das einzige, was vielleicht einer Änderung bedarf, wäre der Gedankenstrich hinter den Betrunkenen.
      Sonst ist das schon wirklich umwerfend. :)

      • Julia

        Du hast recht. Ich glaube mit dem Gedankenstrich wollte ich eine kunstpause setzen, aber irgendwie ist er inhaltlich unpassend. Danke :)

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