Entfallene Szenen: einmal Canon, einmal Tallis

Kuscheligen Sonntag wünsch ich euch.

Heute gibt es wieder was zu lesen! Und zwar aus einem Paralleluniversum von NoN, genauer gesagt: aus dem berüchtigten Ordner der ENTFALLENEN SZENEN.

Es gab nämlich mal einen Prolog zur Geschichte, den ich im Nachhinein schrieb und zu einem etwas späteren Nachhinein wieder herausnahm. Warum? Ich hatte erst das Gefühl, Canons und Nickis Freundschaft gleich zu Beginn in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Kaum getan, bekam ich das noch stärkere Gefühl, der Prolog verzögere unnötig wie eine Extraschleife das Auspacken des Geschenks, ohne dabei soo hübsch zu sein, dass das Gesamtpaket aufgewertet wird. Aber seht selbst. Hier ist ENTFALLENE SZENE NUMMER EINS:

 

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Prolog

Ein Junge und ein Mädchen fuhren mit der Ringbahn durch Berlin, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Auf ihrem Schoß lagen zwei schwarze Bücher.

„Hast du dich schon mal gefragt“, sagte der Junge, „woraus Gedanken gemacht sind?“

Das Mädchen folgte seinem Blick nach draußen, wo die Stadt im Licht der aufgehenden Sonne wie ein See aus silbrigen und rosa Flämmchen flackerte. „Ich glaube … alles ist aus demselben Stoff gemacht. Aus Magie.“

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er sie anstarrte. Das konnte nur bedeuten, dass sie in seinen Ohren etwas sehr Kluges oder sehr Dummes gesagt hatte. Sie lauschte ihren eigenen Worten nach und fand, dass sie vernünftig klangen. In der Schule lernten sie, wie man die kinetische Energie von viereckigen Klötzen berechnete, wie der Stoffwechsel der Bäume Sonnenlicht in Holz verwandelte und welche Eigenschaften die Atome und Moleküle hatten, aus denen alles bestand – das Buch auf ihrem Schoß, die Bahn, in der sich das Buch befand, die Erde, über die die Bahn für ein paar Jahrzehnte zuckeln würde wie eine Kette Blutkörperchen durch Adern. Die Menschen waren vom Scheitel bis zur Sohle aus denselben winzigen Bündeln positiver und negativer Teilchen zusammengesetzt wie das Meer und die Wolken und die Sonne.

„Alles ist aus Positivem und Negativem, aus Gegensätzen gemacht“, erklärte sie. „Aber es weiß ja keiner, warum. Wer oder was hat festgelegt, dass sich manches anzieht und anderes abstößt, dass manches logisch ist und anderes nicht? Wir können es bestenfalls beobachten und beschreiben. Deshalb muss die letzte Wahrheit hinter allem unerklärlich sein … also Magie. Die ganze Welt ist nur der bewegte Schatten davon.“

Er begann zu lächeln, als hätten sie sich nach langer Zeit am gleichen Ort wiedergetroffen. Lichtreflexe flirrten durch seine Augen. „Deine Gedanken sind bestimmt aus Magie gemacht.“

 

 

Ich stelle mir vor, dass dieser Moment tatsächlich stattgefunden hat, aber eben dort, wo Nicki und Canon miteinander alleine sind, abseits der neugierigen Leser. Wobei, jetzt sind wir ja doch dabei gewesen.

Weil diese entfallene Szene mit Canon war und Tallis sicher nicht einverstanden wäre, so unterrepräsentiert zu sein, kommt hier noch ein Ausschnitt mit ihm aus einer früheren Version von NoN, in der Nicki und Tallis nach dem Tortenessen auf dem Spielplatz zu drei magischen Orakel-Tanten aufbrechen (die in der endgültigen Fassung gar nicht mehr auftauchen). Nur für Tallis-Fans hier also ENTFALLENE SZENE NUMMER ZWEI:

 

Dafür, dass er einen recht zierlichen Körper besaß, konnte er ganz schön futtern. Nicki fühlte sich pappsatt nach etwas weniger als einem Viertel – Tallis vertilgte den gesamten Rest, und zwar in derselben Zeit.

Während er den Müll entsorgte, brachte Nicki die Bücher nach oben. Als sie zurückkam, war er gerade dabei, sich mit den beiden Jungen auf dem Spielplatz anzufreunden.

„Kommst du?“, rief Nicki.

Er verabschiedete sich ohne Eile mit ein paar komplizierten Handschlägen und lief zu ihr.

„Lass die Finger von den Kindern“, raunte sie, als sie auf die Straße bogen.

„Was denkst du denn von mir?“ Er schnaubte vor Empörung. „Der eine sah aus wie ein haarloser Hamster, und aus dem anderen wird auch keine Schönheit, das kannst du mir glauben.“

Sie verpasste ihm einen Knuff.

„He, ich hab meine Torte mit dir geteilt, sei brav!“

„Halte dich von den Kindern fern. Ich werde nicht zulassen, dass du deine … finsteren Machenschaften in meiner Anwesenheit ausführst.“

Finstere Machenschaften? Darf ich dich daran erinnern, dass du ebendiese in Anspruch nimmst?“

„Das ist meine Sache“, sagte sie gepresst.

„Pfff! Das nennt man Doppelmoral, Nicki.“

„Sag lieber, wo wir eigentlich langmüssen, weil …“ Sie hielt inne. „Ich muss wieder den Weg finden. Stimmt’s?“

Er nickte. „Stell dir die drei Wittelwechen vor. Dann kommen wir früher oder später an.“

„Ich hab aber keine Vorstellung von ihnen. Kannst du mir ein bisschen mehr über sie erzählen?“

„Erinnerst du dich daran, wie ich dir gesagt habe, dass es dich Kreativität kosten wird, einen Weg zur Kanzlei zu finden? So ist das mit allen Wegen, die aus der Realität in die Unterwelt führen. Du musst die Vorstellungskraft aufbringen. Ich kann dir über die Wittelwechen nichts sagen. Ihr Name muss dir reichen.“

Hilflos sah Nicki sich um. Ein paar Autos fuhren die Straße entlang. An der nächsten Kreuzung warteten Passanten auf die Trambahn. Alle Menschen waren ganz selbstverständlich auf dem Weg irgendwohin. Erst wenn man nicht mehr wusste, wohin mit sich, fiel einem auf, wie wichtig eine Richtung sein konnte.

Wittelwechen, wiederholte Nicki in Gedanken. Woran erinnerte sie das? Wittel, wie Wichtel. Oder Kittel. Wichtel in Kitteln. Wechen, Wehwehchen. Zechen. Rächen. Wachen. Wichtel in Kitteln, die die Zeche bewachten. Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie so weitermachte, kam doch nur Quatsch heraus.

Ungeduldig stapfte sie auf die Tramhaltestelle zu. Eine Minute später tauchte eine Straßenbahn auf. Nicki war noch nie in die Richtung gefahren, die weiter aus der Stadt hinausführte.

Nur wenige Fahrgäste befanden sich in der Tram. Nicki und Tallis setzten sich nach ganz hinten. Obwohl ein langer Arbeitstag den meisten Gesichtern jegliche Mimik entzogen hatte, folgten ihnen neugierige Blicke. Nicki war so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt, aber für Tallis und alle herausragend schönen Menschen war das wohl Alltag.

Fünf Stationen verstrichen, während Nicki sich auf die Wittelwechen konzentrierte und lauter albernen Assoziationen nachhing. Immerhin wusste sie, dass es Pfandleiher waren. Das half.

Als die Tram ihre Endstation erreichte, stiegen sie mit den verbliebenen Fahrgästen aus, die sich in alle Himmelsrichtungen verstreuten. Es war eine Gegend von bescheidenen Einfamilienhäusern. Die Straßen hatten Schlaglöcher. Eine alte Frau in einem Negligé riss Unkraut aus ihrem Vorgarten, und es störte sie nicht im Mindesten, dass jeder, der vorbeikam, ihre Unterhose sah.

„Riechst du auch den Fisch?“, raunte Tallis.

Nicki wollte ihn mit einem Blick rügen, begriff aber dann, dass er etwas ganz anderes meinte.

„Folge dem Fischgeruch.“ Er wedelte durch die Luft.

Sie roch nichts Auffälliges. Der Abend war mit Blüten- und Laubdüften und einem Atemhauch Feuchtigkeit durchweht. Irgendwo musste es jedoch Teiche geben, denn sie hörten das Quaken von Fröschen.

Nicki bog immer in die schmalste und dunkelste Straße ab. Sie kamen an Sackgassen vorbei, die direkt vor dem Wald endeten. Streichholzdürre Tannen steckten die Köpfe vor dem erlöschenden Himmel zusammen.

Dann erreichten sie einen holprig gepflasterten Weg, bei dem Nicki stehen blieb. Es dauerte mehrere Sekunden, bis ihr aufging, warum der Weg in die restliche Umgebung eingesetzt wirkte wie ein lebloses Glasgebilde: Keine Vögel sangen. Es herrschte eine so dichte Stille, als wären sämtliche Luftmoleküle erstarrt.

„Hier ist es“, sagte Nicki mehr zu sich selbst. Als sie den Weg betraten, hüpfte eine fette Kröte vor ihnen über das Pflaster. Die Häuser wirkten unbewohnt, die Gärten verwildert. Nur eine Hütte hatte ein erleuchtetes Fenster: Rund und dick wie ein Ölauge guckte es auf die Straße. Das Dach hing durch, als hätte ein Riese es als Sitzschemel benutzt. Eine Rosenhecke umwucherte das Gatter. Als Nicki sah, dass in der Laterne, die darüber hing, statt einer Glühbirne ein Gartenzwerg steckte, wusste sie, dass sie hier richtig waren.

Es gab weder ein Klingelschild, noch einen Briefkasten mit einem Namen. Da Tallis ihr aufmunternd zunickte, schob Nicki das Gatter einfach auf und betrat den Garten.

Es war merklich kühler und feuchter auf dieser Seite der Rosenhecke. Ein Pfad aus Steinplatten führte in verschlungenen Kurven an Blaufichten und riesigen Sonnenblumen vorbei zum Haus. Nicki entdeckte im Gras ein Rehkitz, das sie erst für echt hielt – bei genauerem Hinsehen erkannte sie, dass es aus lackiertem Keramik bestand.

„Besuch!“, schrie plötzlich ein winziges Stimmchen.

Nicki fuhr zusammen. Sie konnte niemanden entdecken. Doch, da im Gras – da bewegte sich etwas.

Und es raschelte Richtung Haus. Nicki und Tallis folgten über die Steinplatten.

Schließlich erschien ein kleines Wesen, nicht größer als eine Hand, auf der Treppe, die zur Haustür führte. Furchtsam blickte es zu ihnen zurück. Es hatte ein spitznasiges Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und eine stachelige Frisur. Nicki blinzelte. Es war ein Igel, und er trug eine blaue Latzhose.

 

 

Wenn ihr wollt, zeige ich euch demnächst, wie es mit den „Wittelwechen“ weitergeht. Ich hab sie damals wieder aus dem Roman ausgebaut, weil sie zu viel Phantastik in die reale Welt gebracht haben. In der endgültigen Version beschränkt sich das Magische nun fast ausschließlich auf die Unterwelt, was ich irgendwie besser, da konsequenter finde.

Ansonsten gibt es nächste Woche wieder ein Video :)

 

25 Comments

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25 Responses to Entfallene Szenen: einmal Canon, einmal Tallis

  1. Lissa

    …. danke liebes Handy, das du meine Nachricht mitten im Satz abschickst -.-
    Also: Sie hat so etwas kuscheliges, ganz alltägliches und trotzdem zauberhaftes. Ich liebe die Art, wie ernsthaft Nicki und Canon sich unterhalten und einander zuhören, das kommt ja auch eher selten vor.
    Die Wittelwechen sind, um ehrlich zu sein, nicht so mein Fall. An sich schon, ich meine, drei irhendwie schicksalshafte/prophezeiende Wesen – das gibt es ja in jeder anständigen Sage :D …. Naja, fast. Aber für deine Geschichte finde ich sie, wie du schon selbst gesagt hast, zu skuril, zu materiell, irgenwie zu… gewöhnlich einerseits und zu ungewöhich andererseits. Sie wollen sich eichfach nicht so ganz mit dieser träumerisch-bunten halbrealen welt von NoN vereinigen.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich freue mich sehr, dass ich die Möglichkeit hatte, beide szenen zu lesen (einfach, weil es cool ist, zu wissen, was „zwischen den zeilen“ einer Geschichte passiert) aber ich finde, dass die gesamtgeschichte (*hust* okay, die erste Hälfte) ohne dieses Szenen irgendwie… harmonischer ist. Was weiß ich. Käsekuchen. Over and out.

  2. Lissa

    Soooo, da bin ich wieder ;) Habe die szenen natürlich längst gelesen, hatte aber keine Zeit zum Kommentieren. Deshalb hole ich das jetzt mal nach: Die Szene mit Nicki und Canon gefällt mir sehr, sie hat so e

  3. Marlene

    Hallo Jenny,

    es ist total spannend, zu lesen, was du ursprünglich für den Roman geplant hattest und dann zu sehen, was daraus geworden ist.
    Den Prolog finde ich toll. Die Gedanken über Gedanken sind wunderschön. Und ganz besonders gefällt mir der Schlusssatz, den Canon zu Nicki sagt. Damit bringt er die ganze Beziehung zwischen den beiden so schön auf den Punkt. Dass du ihn letztendlich weggelassen hast, finde ich aber eigentlich ganz gut. Denn dadurch taucht Canon im ganzen ersten Teil des Buches nie persönlich auf – obwohl er immer präsent ist. Das ergibt eine tolle Spannung.
    Die Wittelwehchen finde ich goldig. :-) Es ist aber meiner Ansicht nach gut, dass du sie weggelassen hast. Irgendwie scheinen sie nicht so recht in diese Art von Fantasy-Welt zu passen … ich weiß auch nicht, warum ich das denke. Vielleicht kannst du sie ja in einem anderen Roman nochmal gebrauchen? Ich finde die Idee an sich nämlich echt gut und wie gesagt sind sie auch super süß. :-)

    Grüßle
    Marlene

  4. Sophie

    Mir gefallen beide Szenen sehr gut. Vor allem aber irgendwie die zweite. Ich bin ein großer Phantastik-Fan, vielleicht deswegen, aber ich mag die Art und Weise, wie du diene Figuren in dieses Außergewöhnliche führst. Fast schade, dass es in dem richtigen Roman nicht mehr vorkommt, aber die Entscheidung kann ich natürlich auch verstehen, wenn es zum Rest der Geschichte nicht so recht passen will. Deswegen freue ich mich sehr, dass du die Passage hier mit uns geteilt hast. Gerne würde ich die nachfolgenden Szenen davon kennenlernen.

    „Alle Menschen waren ganz selbstverständlich auf dem Weg irgendwohin. Erst wenn man nicht mehr wusste, wohin mit sich, fiel einem auf, wie wichtig eine Richtung sein konnte.“ Das ist so wahr, und du hast es so gut ausgedrückt. Vielen Dank dafür.

    • Jenny-Mai Nuyen

      Sophie,
      ich liebe Phantastik auch, deshalb versuche ich sie ja in fast jeder Geschichte einzubauen. In meinem letzten Roman und in dem, den ich gegenwärtig schreibe, ist dafür wenig Platz. Aber ich fantasiere – im wahrsten Sinne des Wortes – schon von den Geschichten, die ich danach erzählen will. Lauter mystische und zauberische Schleier, die durch die Wirklichkeit wehen sollen. Ganz los komme ich davon wohl nie.

  5. Johanna

    Hallo Jenny,
    Ich weiß dieser Kommentar kommt ziemlich spät :-(. Ich wollte dir trotzdem gerne noch sagen, wie schön ich deinen Prolog finde :-)! Ich weiß nicht, aber irgendwie hat diese Szene für much etwas zeitloses, losgelöstes vom Rest der Realität. Danke, dass wir ihn lesen durften!
    über die zweite Szene habe ich mich auch sehr gefreut, da ich Tallis doch sehr gerne mag :-D. Mir gefällt diese Vertrautheit und Leichtigkeit zwischen ihm und Nicki schön, die sich ja besonders zeigt, als sie ihn auf die Kinder anspricht :-).
    Von den Wittelwechen würde ich auch gerne noch mehr lesen :-D.
    Sehr schön :-)!
    Liebe Grüße
    P.S. Tut mir nochmal leid, dass ich so spät schreibe, ich hoffe du liest es noch.

    • Jenny-Mai Nuyen

      Johanna,
      klar lese ich deinen Kommentar noch, er kommt gar nicht spät. Freut mich, dass dir der Prolog gefällt. Mir kam er auch ein bisschen losgelöst von der Zeit vor, als wäre er bereits eine Erinnerung von Nicki. Das ist wohl auch der Grund, warum er am Anfang des Romans nicht passte, denn da passiert ja sofort alles ganz zügig. Ich bin aber ganz zufrieden, dass ich den Prolog trotzdem hier mit euch teilen konnte.

      • Johanna

        Danke Jenny, dass du meinen Kommentar gelesen hast :-)!
        Ich freue mich auch schon auf die weiteren Figuren, die du uns hier vorstellen wirst, die noch nicht vorgekommen sind bis da, wo wir gelesen haben. Gretchen hat mir auf jeden Fall schonmal sehr gut gefallen :-). Sie scheint ein sehr tiefgründiger Charakter zu sein, bei der man mit jeder umgeschlagenen Buchseite mehr über ihre Seele und ihre Geschcichte erfährt (freue mich schon darauf sie im Zusammenhang des Buches kennen zu lernen ;-)).
        Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr auf diesen Sonntag :-D.
        Liebe Grüße

  6. Hallo Jenny,
    ich freue mich schon riesig auf dein neues Buch. Hab gerade ein bisschen reingelesen und finde es jetzt schon wunderbar und voll Magie :-)
    Herzliche Grüße Elke Bassler

  7. Anh Thu

    Oh Jenny, was für ein wunderschöner Prolog. Ich bin froh, dass du ihn mit uns geteilt hast, andererseits fühle ich mich nun ein wenig wie ein Eindringling – oder Dieb. Denn ich stahl die Intimität dieser Begebenheit, indem ich von ihr Kenntnis erlangte. Diese Szene zwischen Nicki und Canon kommt mir vor wie ein Geheimnis. Und ich – bzw. wir – haben uns klammheimlich dazu geschlichen und gelauscht. Oder wobei, Jenny, du hast gelauscht und an uns weitergetratscht! Dann müssen wir gar keine Schuldgefühle haben. Hehe.
    Es ist schon gut, dass du dich gegen den Prolog entschieden hast, allerdings ist es ebenso schade, wenn wir nie davon erfahren hätten. Umso besser, dass du eine Möglichkeit gefunden hast, uns an diesem speziellen Moment der beiden teilhaben zu lassen. Ich liebe Geheimnisse, vor allem die, die ich nicht wissen dürfte. :D
    Der Gedanke, dass Magie die ganze Wahrheit ist, das Unerklärliche und/oder das Nichtwissen der Menschen, spricht mich sehr an. Jetzt weiß ich, wie ich meine Freunde schachmatt setzen kann, wenn sie sich wieder mit mir über Wirklichkeit und die Existenz von Magie und Zauberei streiten. Diese Realitäts-Fanatiker. (> Er begann zu lächeln, als hätten sie sich nach langer Zeit am gleichen Ort wiedergetroffen. 

    Vermute ich hier zu Recht einen Anflug des Glaubens an die Wiedergeburt? :)

    Was die Tallis-Nicki Szene betrifft, muss ich ehrlich gestehen, dass du gut dran getan hast, sie zu ändern. Tallis hat irgendwie an Charm und Schlagfertigkeit und Keckheit (? :D) eingebüßt. Außerdem erscheint die Stelle mir wie eine Aufzählung von Handlungen, deine übliche bildreiche Darstellung des Geschehens und mit wunderschönen Metaphern geschmückten Übergänge halten sich im Hintergrund. Die Endversion, in der Nicki Tallis am Ende als Lustmolch bezeichnet gefällt mir um Längen besser!
    Die Wittelwechen finde ich prima, nur… sie passen irgendwie nicht in den Stil von NoN. Dabei kann ich gar nicht beschreiben wieso. Stell dir vor, du gehst spazieren. Vor dir erstreckt sich ein Pfad, von Menschenhand errichtet, der sich bis zum Horizont schlängelt, wo er auf die untergehende Sonne trifft. Weiße Berge heben sich dunkel vom goldgetauchten und rot-orange gesprenkelten Licht ab. Blumen sprießen am Wegrand und begleiten dich auf deine Reise. Rosa und blau, gelb und lila, kleine Farbtupfer auf dem dunkelgrünen Rasen. und dann steht da plötzlich eine efeubewachsene Holzbrücke. Sie führt nirgendwohin und wirkt mit ihren Efeuranken viel zu speziell? Übernatürlich? Magisch? Ja, das passt wohl am besten – Sie wirkt durch ihre zu starke magische Ausstrahlung fehl am Platz. Aus Neugier wirst du dich vermutlich auf die Brücke begeben, im Glauben sie würde dich sofort an das Ende deines Weges teleportieren oder etwas in der Art. Du denkst, sie würde etwas Besonderes zu deiner Reise beitragen, weil sie so speziell ist, auffällig an dem Ort, an dem sie steht, weit und breit kein Fluss. Letztlich verwischt sie aber nur das Gemälde.
    Verstehst du, wie ich das mit den Wittelwechen meine? Sie sind für sich toll, genau wie die Efeu-Holzbrücke, aber mit dem Gesamtbild können sie nicht harmonieren.
    Ich bin so furchtbar im Erklären, tut mir Leid. >_<

    • Anh Thu

      *Diese Realitäts-Fanatiker. (<3)

      "Er begann zu lächeln, als hätten sie sich nach langer Zeit am gleichen Ort wiedergetroffen."

      So sollte die Stelle eigentlich aussehen. Technik und ich, wir haben immer so eine On-Off Beziehung.

    • Jenny-Mai Nuyen

      Anh Thu,
      ich fand es gerade sehr angenehm, mich in dein Bild zu versenken. Genau so ist es mit den Wittelwechen: Ich hatte auch das Gefühl, dass sie einfach nicht in die Welt von NoN passten. Letztlich habe ich sie durch drei andere Figuren ersetzt, die Menschen sind, genauer gesagt Canons Freunde, von denen Nicki bisher nichts wusste. Ich wollte Nickis und Canons Beziehung in ein soziales Gefüge stellen, in ein Gewölk aus Gefühlen und Interessen kurz vor dem Gewitter.
      Deine Idee zur Wiedergeburt: Stimmt, so könnte man den Satz verstehen! Ich stellte mir vor, Canon würde allein in einer Erkenntnis stehen und plötzlich tritt Nicki zu ihm, von einem ganz eigenen Weg gekommen. Aber nur Canon weiß, was ihm dabei durch den Kopf ging. Ganz werden wir die Geheimnisse der beiden nicht ergründen können :)
      Aber Wiedergeburten, bzw. ein „Kennen aus anderen Leben“ spielt in NoN später noch eine Rolle. Natürlich wird es nicht als Tatsache gesetzt, eher gedanklich gestreift, als Möglichkeit wahrgenommen.

  8. Luc

    Wenn du dir bei etwas sicher bist, dann zieh es durch. Es ist schließlich dein Werk… und wie oft hat man schon die Chance im Leben, sich bei einer Entscheidung sicher zu sein;-)

    Es stimmt auch, dass es für uns als Leser zu diesem Zeitpunkt ganz schwierig zu beurteilen gewesen wäre. Du hättest zwar ein Feedback bekommen können, wie es auf den unbelasteten Leser als Bucheröffnung wirkt, aber wie die Szene im Gesamtkontext wirkt, hätten wir aber auch noch nicht beurteilen können. Und ja: Gerade so ganz am Anfang wären wir wohl noch ganz besonders nett gewesen.

    Im Nachhinein betrachtet denke ich auch, dass es interessanter ist, die Beziehung zwischen Nickie und Canon über Rückblenden erst später nach und nach zu beleuchten. Und mit den Roman gleich in die Suche nach dem für den Leser noch Unbekannten einzusteigen. Nichtsdestotrotz eine schöne Szene mit tollen Gedankenspielen.

    Was die Wittelwechen betrifft (wirklich seltsames Wort. Wechen übersetzte ich übrigens mit Wesen…), so hätte es mich hier nicht gestört, wenn die im Buch drin geblieben wären. Da man sie ja ähnlich wie auch die Kanzlei über die Gedanken findet, wären die für mich auch eh nicht 100% in der Realität angesiedelt gewesen, sondern auch in einer Art Zwischenebene mit der Unterwelt verbunden gewesen. Oder hätten vielleicht auch nur in Nickies und Talkis Gedanken „stattgefunden“. Insofern hätten sie in den Roman, den man in großen Teilen wahlweise metaphorisch oder als „echte Phantastik“ deuten darf immer noch reingepasst.

    Aber egal, du hast es jetzt ja mit uns geteilt. Den Rest bitte auch!

    • Jenny-Mai Nuyen

      Ja, es war eine schwere Entscheidung, die Wittelwechen (Wickelwesen? Büttelwessen?) herauszunehmen. Letztlich lag es dann auch daran, dass drei neue, eigentlich uralte Figuren doch noch Einzug in den Roman hielten und die Wittelwechen verdrängten. Die neuen Figuren schienen mir mehr zur Geschichte beizutragen, denn sie sind in sich eigenständige Geschichten, während die Wittelwechen eher Erscheinungen der Unterwelt blieben. Schade, dass du die drei neuen Figuren noch nicht kennst, sonst könntest du mir sagen, ob du das auch so siehst.

  9. Luana

    Îch finde die unterhaltung von Nicki und Canon wirklich schön erzählt, und doch finde ich es irgendwie passend das du diese stelle aus dem Roman genommen hast und stattdessen hier veröffentlichst. Die Szene hat den eindruck als sollte sie für sich selbst existieren, ich hatte beim lesen das gefühl als hätte diese unterhaltung nichts im Buch verloren, als sollte sie praktisch „privat“ bleiben. Sie hat mir wirklich sehr gut gefallen, so wie Nicki über die Welt denkt :)
    Bei dem teil mit den positiven und negativen teilchen musste ich so grinsen, denn ich hab mich daran erinnert als ich in der sechsten Klasse war, und wir in Physik das Thema Magneten durchgenommen haben. Jemand hat nähmlich geschrieben „Ungleiche teilchen ziehen sich an und gleiche teilchen ziehen sich aus“ :D.
    Jedenfalls finde ich die szene sehr interressant, aber dennoch gut das du sie nicht im Roman gelassen hast :)

    Was die zweite Szene angeht bin ich derselben meinung: Gut, aber besser wenn sie nicht im Roman ist
    An sich finde ich die szene toll, und die Wittelwechen sehr interressant, und ich bin gespannt was es mit ihnen auf sich hat, aber du hast recht: Das ist etwas zu viel Fantasy.
    Es ist besser für den Roman wenn die Unterwelt den Hauptteil der Fantasy einnimmt, das passt irgendwie besser.
    Ich bin aber froh das die entfallenen Szenen nicht einfach in irgendeine Schublade gesteckt und vergessen werden, sondern das du sie hier mit uns teilst :)
    Einen schönen Sonntag noch
    Lg Luana

    • Jenny-Mai Nuyen

      Ich bin froh, dass du es so siehst, Luana. Ich hatte noch überlegt, den Prolog in die Testlese-Aktion einzubauen, damit ihr abstimmen könnt, ob er bleibt oder verworfen wird, aber wenn ihr aus lauter Nettigkeit für ihn gestimmt hättet, wäre ich doch ein bisschen unglücklich geworden. Ich schätze, wenn ich mir bei etwas sicher bin, sollte ich das auch mal durchziehen ^^

      • Nienor

        Ich hätte am Anfang der Testlese-Aktion wahrscheinlich auch für das Bleiben des Prologs gestimmt, schon allein weil ich ihn so großartig geschrieben finde. Man erfährt nicht gleich direkt, um wen es sich bei dem Mädchen und dem Jungen hadelt und hätte im Laufe des Lesens Verknüpfungen und Wahrheiten entdecken können, die im Prolog schon angelegt sind. Aber im Nachhinein finde ich den Prolog auch zu „privat“, aber ich freue mich, dass du ihn mit uns geteilt hast.
        Die Szene mit den Wittelwechen finde ich auch zu phantastisch für das Buch, auch wennsie mir sehr gut gefallen hat. Hat mich irgendwie an Grimm-Märchen erinnert. Ich bin gespannt, wie es da weiter geht.

        • Jenny-Mai Nuyen

          Ja, die Wittelwechen schlagen noch einen deutlich märchenhaft-magischen Weg ein, den ich letztlich doch nicht gehen wollte. Mit dem Prolog dachte ich mir schon, dass man sich schlecht gegen ihn entscheiden kann, wenn man nicht den Gesamtkontext bereits kennt. Aber mir reicht auch völlig, ihn hier mit euch geteilt zu haben. Wie ein winziger Ausblick in das Eigenleben, das die Figuren abseits der Romanseiten führen.

  10. Maggie

    Da freue ich mich ^_^ sowohl auf das Video, als auch auf die Wittelwechen – der Name ist zu süß ;) Aber du hast schon recht damit gehabt, in der realen Welt hätten sie wohl zu viel Phantastik hineingebracht.

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